Maschinenintelligenz trifft den Ton, aber nicht die Musik
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Moderator Jean-Daniel Strub, Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz und Cellist Martin Zeller (von links nach rechts) an den Appenzeller Bachtagen. (Bild: pd)
Zunächst klingt alles vertraut und harmonisch. Eine barocke Tonfolge auf dem Violoncello, die eigentlich ganz schön nach Johann Sebastian Bach klingt. Doch stammt sie tatsächlich vom grossen Meister der Barockzeit – oder wurde sie von einer künstlichen Intelligenz komponiert?
Im Zeughaus Teufen kombiniert der Cellist Martin Zeller, Mitglied des Kammerorchesters Basel und der J.S. Bach-Stiftung, Originalpassagen aus Bachs zweiter Cellosuite mit Teilen, die eine künstliche Intelligenz erzeugt hatte. Das Publikum soll erraten, wann die Maschine ins Spiel kommt. Für mich als Laien bezüglich Bach ist der Unterschied kaum zu erkennen.
Martin Zeller hatte die KI angewiesen, ein Präludium für Violoncello solo im Dreivierteltakt zu komponieren, ähnlich dem Präludium aus Bachs zweiter Cellosuite. «Ein Stück von Bach könnte tatsächlich so beginnen», sagt der Cellist. Doch bei Bach geschehe danach etwas: Ein Motiv würde aufgenommen, verändert und weitergeführt. Die Musik erzähle eine Geschichte.
Genau das vermisst Zeller in der maschinell erzeugten Komposition. Bei Bach habe man häufig das Gefühl, die Musik folge einer zwingenden Gesetzmässigkeit: «Das muss so sein.» Und wenn sie unerwartet weitergehe, erscheine auch diese Wendung richtig. In der Musik der KI klinge das Unerwartete dagegen ziemlich unmotiviert.
Im Rahmen der Appenzeller Bachtage diskutierte die deutsche Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz am Freitag unter dem Titel «Kann KI auch Kreativität?» mit Moderator Jean-Daniel Strub über Kunst, Maschinen und die Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Kreativität sprechen. Bunz ist Professorin für Digitale Kultur und Gesellschaft am King’s College London und Mitbegründerin des Creative AI Lab, das gemeinsam mit der Londoner Serpentine Gallery gegründet wurde.
Das musikalische Experiment führte mitten hinein in die Frage, ob sich Kreativität allein aus Regeln und Mustern ableiten lässt. Bach gilt als Meister musikalischer Ordnung. Besonders seine Fugen folgen strengen kompositorischen Prinzipien. Müsste eine Maschine, die Regeln erkennen und unzählige Werke analysieren kann, nicht gerade deshalb überzeugende Musik im Stil Bachs schreiben können?
So einfach sei es nicht, erklärt Bunz. Man müsse zwischen der alten algorithmischen Welt und dem neueren maschinellen Lernen unterscheiden. «Beim maschinellen Lernen haben wir es nicht mehr mit regelgeleitetem Rechnen zu tun, sondern mit einem hochdimensionalen Raum, den wir uns nicht vorstellen können.» Ein Prompt schicke die KI in eine bestimmte Richtung. Die KI rechne dann alles in Zahlen um – erst am Ende werde das Ergebnis für uns wieder in lesbare Sprache, Töne oder eben in schlechte Bach-Musik zurückübersetzt.
Das erklärt, weshalb ein kurzer Ausschnitt verblüffend überzeugend klingen kann, während ein längeres Stück seinen Zusammenhang verliert. Je länger die Maschine komponiere, desto deutlicher zeige sich, dass sie zwar den Stil eines Komponisten oder einer Komponistin nachahmen könne, ihr aber häufig die übergeordnete Idee fehle, so Bunz.
Generative KI kann inzwischen in kurzer Zeit tausende Choräle erzeugen, die an Bach erinnern. Für Menschen ohne vertiefte musikalische Kenntnisse dürften viele davon durchaus echt klingen. Die Maschine beherrsche eine solide Mittelmässigkeit – und genau darin liege ihre wirtschaftliche Sprengkraft, sagt Bunz.
Junge Musiker:innen, Komponist:innen, Jurist:innen oder Journalist:innen beginnen in den seltensten Fällen mit Meisterwerken wie das Wunderkind Mozart. Normalerweise üben und schreiben junge Menschen Gebrauchstexte, komponieren Musik für kleinere Produktionen und werden durch stetige Übung im Laufe der Jahre immer besser. Die Krux: «Genau dort, wo junge Menschen ihr Handwerk lernen, übernimmt nun zunehmend die KI. Damit verschwindet auch die ökonomische Grundlage, auf der sie sich weiterentwickeln können», stellt Bunz fest.
«Genau dort, wo junge Menschen ihr Handwerk lernen, übernimmt nun zunehmend die KI. Damit verschwindet auch die ökonomische Grundlage, auf der sie sich weiterentwickeln können.»
Für eine Fernsehserie genügt möglicherweise Musik, die ein wenig nach Bach klingt. Für eine kurze Medienmitteilung reicht ein sprachlich korrekter Text ohne überraschenden Gedanken. «Wie kommen wir vom Laien zur hochspezialisierten Person, wenn diese Arbeiten wegfallen?», fragt Bunz. Eine abschliessende Antwort hat auch sie nicht.
Für sie ist dies eine der bedeutendsten Fragen der gegenwärtigen KI-Entwicklung. Denn: Die Technologie bedroht nicht unbedingt zuerst die herausragenden Musiker:innen oder die erfahrensten Fachleute. Sie greift vielmehr in jene Bereiche ein, in denen Menschen lernen, Erfahrungen sammeln und langsam besser werden sollen.
Gleichzeitig warnt Bunz davor, jede technologische Veränderung als beispiellosen Bruch zu betrachten. Auch frühere Medien hätten kulturelle Berufe grundlegend verändert. Die Erfindung der Schallplatte sei für die Musik wahrscheinlich eine grössere Wucht gewesen als es die KI je sein werde, weil sie die Rolle des Orchesters auch ökonomisch komplett verändert habe, beteuert sie. «Wahrscheinlich gehen die Menschen gerade deshalb wieder lieber an Konzerte. Wenn alles synthetisch ist, wächst vielleicht das Bedürfnis nach dem Analogen, nach dem jahrhundertealten Instrument und seinem Klang.»
Doch da Maschinen heute Musik komponieren können – wenn auch eher durchschnittliche – und uns das Übungsfeld streitig machen, stellt sich umso dringlicher die Frage, was menschliche Kreativität eigentlich ausmacht. Was unterscheidet uns von einer Maschine? «Für mich ist Kreativität dieser Moment, in dem man nicht mehr weiter weiss oder die Lösung nicht findet. Man wartet, verzweifelt ein bisschen und weiss dann plötzlich doch, in welche Richtung man weiterarbeiten muss. Dieses tastende Versuchen und das Nichtfinden setzen voraus, dass man schon sehr viel ausprobiert hat.» Kreativität habe deshalb sehr viel mit Wissen zu tun. Sie zeige sich darin, vorhandene Elemente anders zu verbinden, eine Frage neu zu stellen oder ein Werkzeug entgegen seiner vorgesehenen Funktion zu verwenden, es also zu hacken oder zu remixen.
Natürlich kombiniere auch eine KI Dinge, die auf diese Weise möglicherweise noch nie miteinander verbunden worden seien, sagt Bunz. Rein rechnerisch könne also durchaus Neues erzeugt werden. Die entscheidende Frage lautet für Bunz nicht, ob eine Maschine grundsätzlich kreativ sein kann. Interessanter sei, wie Menschen und Maschinen zusammenarbeiten – und wer dabei die Richtung vorgibt.
Das Creative AI Lab bringt Forschende und Kunstschaffende zusammen, um die kreativen Möglichkeiten, gesellschaftlichen Folgen und Grenzen künstlicher Intelligenz zu untersuchen. Im Creative AI Lab beschäftigen sich Kunstschaffende deshalb nicht nur mit den perfekten Ergebnissen der Technologie, sondern gerade auch mit ihren Fehlern, erklärt Bunz. «Bei der Glitch Art interessiert man sich nicht dafür, wie ein Instrument richtig funktioniert, sondern für den Moment, in dem es nicht funktioniert. Tatsächlich lernen wir auch in der Forschung am meisten über KI, wenn wir uns anschauen, wo sie nicht richtig funktioniert und warum.»
Die freiwillige Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine, in der der Mensch die Richtung vorgibt, ist der Idealfall. Doch die unfreiwillige Zusammenarbeit sei leider ebenfalls bereits Realität, sagt Bunz. Wenn Menschen einem Chatbot Informationen mehrfach mitteilen, Fotos so aufnehmen müssen, dass eine Maschine sie erkennen kann, oder die Antworten eines Systems korrigieren, arbeiteten sie bereits für die KI.
Gleichzeitig werde in den Medien oder an Schulen der Umgang mit solchen Systemen kaum erklärt. «Künstlich intelligente Systeme sind plötzlich überall, und es wird einfach davon ausgegangen: Das können jetzt alle, alle wissen, was die KI will. Dabei sind wir ein Stück weit die Testobjekte.»
Bei der Aufklärung darüber, was KI sei und wie sie funktioniere, könne Kunst helfen, die Technologie zu öffnen und verständlich zu machen, sagt Bunz. Kunst müsse KI nicht bloss als neues Produktionsmittel verwenden. Interessanter sei vor allem aufzuzeigen, welche Daten in den Systemen steckten, welche Perspektiven fehlten und welche Interessen ihre Entwicklung bestimmten.
Bunz spricht in diesem Zusammenhang von fünf Eigenschaften einer kreativen KI-Praxis: Sie solle kreativ, kritisch, konstruktiv, kollaborativ und «computational», also rechnerisch an der technischen Funktionsweise interessiert sein. Ein automatisch erzeugtes Bild allein reiche nicht aus. Entscheidend sei die bewusste Auseinandersetzung mit dem Instrument – ähnlich wie in der Musik. Wer ein Instrument überzeugend spielen wolle, müsse wissen, wie es reagiert, wo seine Möglichkeiten liegen und wo es aufhört, gut zu klingen.
Hinter der Kreativitätsfrage verbirgt sich aber auch eine politische Frage: Wer besitzt die Daten und Systeme, aus denen die künftige Kultur entsteht? «Uns fehlt ein nicht-kommerzieller Zugriff auf digitale Technologien. Seit Beginn der Digitalisierung wurde sie sehr stark in eine ökonomische Richtung geschoben. Bücher zu digitalisieren – dafür hat der Staat kein Geld bereitgestellt, also hat man es Google überlassen.» Google habe sich damit das Recht erkauft, diese Daten über Jahre allein nutzen zu dürfen. Das sei hochproblematisch, erklärt die Kulturwissenschaftlerin.
Denn diese Daten seien nicht nur Rohstoff für Werbung und kommerzielle Dienste. Sie seien Teil des kulturellen Gedächtnisses. Wenn Sprachmodelle künftig immer stärker bestimmen, welches Wissen zugänglich ist, müssen auch kleinere Kulturen und Sprachen in ihren Datensätzen vorkommen.
Mercedes Bunz (Bild: pbu)
Die Schweiz als vielsprachiges Land ist von dieser Entwicklung besonders betroffen. Schweizerdeutsch, Rätoromanisch und regionale kulturelle Eigenheiten sind gegenüber der Masse hochdeutscher und insbesondere englischsprachiger Inhalte strukturell benachteiligt. Werden KI-Modelle immer häufiger zum Schreiben, Übersetzen, Suchen und Kommunizieren eingesetzt, bevorzugen sie automatisch die sprachlichen Muster, die sie am besten kennen, also Hochdeutsch und Englisch. Weniger verbreitete Ausdrucksweisen, Dialekte und kulturelle Eigenheiten könnten dadurch seltener verwendet und langfristig verdrängt werden.
Wissenschaftler:innen wie Bunz plädieren deshalb für eine «Public AI»: Systeme also, die nicht einzelnen Unternehmen gehören, sondern im Dienst der Öffentlichkeit stehen – vergleichbar mit öffentlich-rechtlichen Medien. Die Schweiz sieht sie dabei in einer guten Ausgangslage.
Einen Vorstoss in diese Richtung macht derzeit beispielsweise die SRG. Sie plant in Zusammenarbeit mit der ETH, ihr umfangreiches Radio- und Fernseharchiv von SRF für das Training des offenen Schweizer KI-Modells Apertus zur Verfügung zu stellen.
Doch so wichtig solche gemeinwohlorientierten Projekte sind, so wenig müsse jede kulturelle Institution der KI hinterherlaufen, betont Bunz. Auf Strubs Frage, wie sich Konzerthäuser, Museen, Musikschulen oder die Bach-Stiftung auf die Technologie vorbereiten sollten, antwortet sie zurückhaltend: KI könne neue Formen der Vermittlung ermöglichen, doch im Zentrum stehe weiterhin etwas, das keine Maschine ersetzen könne: «Menschen kommen zusammen, um gemeinsam Musik zu hören.»
Die Maschine sollte als Instrument der Zusammenarbeit verstanden werden, nicht als neues Supergenie, aber auch nicht als das gefürchtete Böse, das die menschliche Kreativität ausradiert. Sie ist ein mächtiges, von Daten und wirtschaftlichen Interessen geprägtes Instrument. Entscheidend bleibt, wer es kontrolliert, wofür es eingesetzt wird und welche Fähigkeiten wir ihm nicht überlassen wollen.
Vielleicht beginnt ein nüchternerer Umgang mit der Maschine bereits bei der Bezeichnung. «Der Begriff künstliche Intelligenz ist falsch, weil es eigentlich keine menschliche Intelligenz ist», sagt Bunz. «Es ist eine Maschinenintelligenz.» Und diese funktioniere grundlegend anders als das menschliche Denken.
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