Wie KI Kunst verändern kann

Chance oder Bedrohung: Was bedeutet KI für Kunst und Kultur? Eine Einordnung anlässlich der Kulturkonferenz am 28. März im Kreuzlinger Kult-X.

Beispiel für Kunst mit KI: Refik Anadols Glacier Dreams im Kunsthaus Zürich. (Bild: Michael Lünstroth)

Viel­leicht wird man ir­gend­wann mal sa­gen, da­mals, im De­zem­ber 2023, konn­ten al­le se­hen, wie die Kunst­ge­schich­te ei­nen neu­en Weg ein­schlug. Sel­ten zu­vor wur­de die Kluft zwi­schen al­ter Kunst und KI-Kunst so öf­fent­lich sicht­bar wie in je­nen Ta­gen. Was war pas­siert?

Jer­ry Saltz, der God­fa­ther al­ler Kunst­kri­ti­ker:in­nen, schrieb über Re­fik Ana­dols Block­bus­ter-In­stal­la­ti­on «Un­su­per­vi­sed» im Foy­er des New Yor­ker Mu­se­um of Mo­dern Art Sät­ze, die ei­ner öf­fent­li­chen Hin­rich­tung gleich­ka­men: «Kurz­wei­li­ge Gim­mick-Kunst. Nimmt man die Mu­sik weg, ist sie nur ein ba­na­ler Bild­schirm­scho­ner», no­tier­te Saltz auf X.

Der Künst­ler Ana­dol liess das nicht auf sich sit­zen und er­wi­der­te: «ChatGPT schreibt bes­ser als du!» Der Kon­flikt zwi­schen Kri­ti­ker und Künst­ler hielt das kunst­af­fi­ne Pu­bli­kum amü­siert in Atem, der NFT-Künst­ler Bee­p­le ani­mier­te so­gar ei­ne Art «Ce­le­bri­ty De­ath Match» zwi­schen den bei­den Kon­tra­hen­ten. Nicht im­mer ist der Clash zwi­schen KI und Kunst so un­ter­halt­sam. Aber die­ser live vor Mil­lio­nen­pu­bli­kum aus­ge­tra­ge­ne, nun ja, Dia­log zeigt die gan­ze Spann­brei­te der De­bat­te.

5. Thurgauer Kulturkonferenz: Künstliche Intelligenz

Die 5. Thur­gau­er Kul­tur­kon­fe­renz wid­met sich am Sams­tag, 28. März, zwi­schen 10 und 14 Uhr, in Vor­trä­gen und Work­shops dem The­ma Künst­li­che In­tel­li­genz. Die Kon­fe­renz fin­det im Kreuz­lin­ger Kul­tur­zen­trum Kult-X statt. Künst­li­che In­tel­li­genz wird zu­neh­mend Teil un­se­res All­tags. Sie ver­ein­facht Pro­zes­se, gleich­zei­tig ist oft un­klar, wie die Re­sul­ta­te zu­stan­de kom­men. Meist wer­den Da­ten aus kul­tu­rel­ler Pro­duk­ti­on für das Trai­ning der selbst­ler­nen­den Sys­te­me ver­wen­det, oh­ne dass die Ur­he­ber­schaft da­für ent­schä­digt wird. Für Kul­tur­schaf­fen­de bie­tet Künst­li­che In­tel­li­genz aber auch un­ge­ahn­te Mög­lich­kei­ten, neue Wer­ke zu ent­wi­ckeln.

In die­sem Span­nungs­feld stellt die 5. Thur­gau­er Kul­tur­kon­fe­renz Fra­gen zu Künst­li­cher In­tel­li­genz im kul­tu­rel­len Kon­text. Ver­schie­de­ne re­nom­mier­te Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten be­leuch­ten das The­ma in ei­nem Im­puls­re­fe­rat und in Work­shops. Wer da­bei sein will - An­mel­dun­gen sind bis 25. März mög­lich di­rekt bei der Kul­tur­stif­tung.

In ei­nem In­ter­view mit dem Ma­ga­zin «Mo­no­pol» hat­te Ana­dol sei­ne Hal­tung of­fen­ge­legt: «Ich fra­ge mich, wie man die­se neue Tech­no­lo­gie nut­zen kann, um die Mensch­heit vor­an­zu­brin­gen, an­statt im­mer in so ei­ne doomsday Men­ta­li­tät zu ver­fal­len und die Zu­kunft schwarz­zu­ma­len. Ich fra­ge mich, wie wir die Zu­kunft hel­ler ma­chen kön­nen.»

KI ist für Re­fik Ana­dol da­bei eher ein Teil der Lö­sung und nicht Teil des Pro­blems. Das kann man auch in sei­ner im Kunst­haus Zü­rich zu se­hen­den In­stal­la­ti­on «Gla­cier Dreams» se­hen: Mil­lio­nen von Glet­scher­fo­tos ver­wan­delt Ana­dol mit Hil­fe von KI-Tools in sphä­ri­sche, schil­lern­de, amor­phe Bild­wir­bel, die ei­nen ein­sau­gen kön­nen wie be­lie­bi­ges Da­ten­ma­te­ri­al, wenn man nicht auf­passt.

Der Kon­flikt zwi­schen Kri­ti­ker Saltz und Künst­ler Ana­dol mar­kiert die weit von­ein­an­der ent­fern­ten Po­le der De­bat­te über die Be­zie­hung zwi­schen Künst­li­cher In­tel­li­genz und Kunst. Be­zie­hungs­sta­tus? Eher kom­pli­ziert. Denn: KI ist längst zu tief in un­se­ren All­tag ein­ge­drun­gen, als dass man sich ein­fach auf der ei­nen oder an­de­ren Sei­te ein­ord­nen könn­te.

Wo KI Kul­tur­schaf­fen­den nut­zen kann

Tat­säch­lich kann die Tech­no­lo­gie auch für Kul­tur­schaf­fen­de nütz­lich sein. Mu­si­ke­rin­nen kön­nen oh­ne Stu­dio­tech­nik pro­fes­sio­nel­le De­mos er­stel­len. Schrift­stel­le­rin­nen kön­nen Plot­pro­ble­me durch­spie­len, Re­cher­che be­schleu­ni­gen, Über­set­zun­gen vor­be­rei­ten. Fil­me­ma­cher oh­ne Bud­get kön­nen Sto­ry­boards und Con­cept Art ent­wi­ckeln. Mu­se­en kön­nen Be­stän­de au­to­ma­tisch ver­schlag­wor­ten und durch­such­bar ma­chen.

Klei­ne Thea­ter kön­nen För­der­mit­tel­an­trä­ge leich­ter for­mu­lie­ren. Und: KI kann hel­fen, den bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand in den Griff zu be­kom­men. Sie hilft bei Pres­se­tex­ten, So­cial-Me­dia-Kom­mu­ni­ka­ti­on, Ver­trags­ana­ly­se, Buch­hal­tungs­vor­be­rei­tung – al­so ge­nau den Tä­tig­kei­ten, für die Krea­ti­ve sich oft am we­nigs­ten aus­ge­bil­det füh­len und die Zeit von der ei­gent­li­chen Ar­beit steh­len.

Die Fra­ge ist, zu wel­chem Preis all das ge­schieht. Wer KI nutzt, nimmt eben auch die ne­ga­ti­ven Fol­gen der Tech­nik in Kauf. Zum Bei­spiel, dass der Mit­tel­stand der Krea­tiv­be­ru­fe rui­niert wird. Il­lus­tra­tor:in­nen, Syn­chron­spre­cher:in­nen, Fo­to­graf:in­nen er­le­ben be­reits ei­nen mas­si­ven Auf­trags­ein­bruch, weil Un­ter­neh­men KI-ge­ne­rier­te In­hal­te als aus­rei­chend ak­zep­ta­bel be­trach­ten – zu ei­nem Bruch­teil des Prei­ses.

Die ne­ga­ti­ven Fol­gen von Künst­li­cher In­tel­li­genz

Vie­le ge­ne­ra­ti­ve KI-Sys­te­me wur­den aus­ser­dem mit ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ten Wer­ken trai­niert, oh­ne dass die Ur­he­ber:in­nen ge­fragt oder ver­gü­tet wur­den. Das führt auch da­zu, dass KI den Stil le­ben­der Künst­ler:in­nen imi­tie­ren und de­ren Wie­der­erken­nungs­wert – ihr wich­tigs­tes Ka­pi­tal – ent­wer­ten kann. Be­son­ders bei Il­lus­tra­tor:in­nen und Mu­si­ker:in­nen ist das ei­ne rea­le Be­dro­hung. Recht­lich ist das bis­lang kaum greif­bar, weil Stil nicht schütz­bar ist.

Was KI an­rich­ten kann, geht aber über die per­sön­li­che Ebe­ne hin­aus: Deepf­akes von po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen kön­nen Ge­sell­schaf­ten de­sta­bi­li­sie­ren und Kon­flik­te an­hei­zen.

Und dann ist da noch die Fra­ge, was über­haupt noch Ein­gang in den Dis­kurs fin­det, wenn KI do­mi­niert. Denn: KI-Sys­te­me ten­die­ren da­zu, das Wahr­schein­li­che zu pro­du­zie­ren – al­so das, was in den Trai­nings­da­ten am häu­figs­ten vor­kam. Das be­güns­tigt struk­tu­rell do­mi­nan­te Äs­the­ti­ken, west­li­che Main­stream-Kul­tur, eng­lisch­spra­chi­ge In­hal­te. Ni­schen­äs­the­ti­ken, Avant­gar­de, re­gio­na­le Kul­tur­for­men wer­den ten­den­zi­ell mar­gi­na­li­siert – nicht durch bö­sen Wil­len, son­dern durch die Lo­gik der Sys­te­me.

Die Ma­the­ma­ti­sie­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­on

Das ist dann der Punkt, an dem man noch­mal kurz grund­sätz­lich wer­den soll­te. Und nie­mand hilft da­bei mehr als Ro­ber­to Si­ma­now­ski. Von dem Kul­tur­wis­sen­schaft­ler stammt das Buch «Sprach­ma­schi­nen – . Ei­ne Phi­lo­so­phie der Künst­li­chen In­tel­li­genz», ein Buch, das ei­gent­lich je­der le­sen soll­te. Dar­in nimmt er KI mit phi­lo­so­phi­schen Mit­teln un­ter die Lu­pe, das Er­geb­nis ist ein Au­gen­öff­ner, wie es ihn sel­ten gibt.

Für das Ver­ständ­nis von KI ist vor al­lem hilf­reich, dass Si­ma­now­ski ih­re Funk­ti­ons­wei­se sehr klar of­fen­legt. Sei­ne Dia­gno­se: KI schafft ei­ne Ma­the­ma­ti­sie­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­on.: «Sie er­setzt Ka­te­go­rien wie ‹ wahr› und ‹falsch › oder ‹gut › und ‹bö­se › durch ‹oft › und ‹sel­ten ›. Sie be­trach­tet im­mer das als an­ge­mes­sen, was sich sta­tis­tisch am wahr­schein­lichs­ten als an­schluss­fä­hig er­weist.»

Die Mehr­heit ge­winnt im­mer

Bei der Ent­schei­dungs­fin­dung durch­kämmt die KI ge­nau je­ne Trai­nings­da­ten, die ja auch schon mit ge­wis­sen Vor­ein­stel­lun­gen und Prä­gun­gen aus­ge­wählt wur­den. In dem Sin­ne greift die KI nie­mals auf das ge­sam­te Welt­wis­sen zu, son­dern im­mer nur auf den Teil, den die Trai­nings­da­ten ab­de­cken. Wör­ter, die oft dar­in vor­kom­men und zu­sätz­lich in be­stimm­ten Wort­fel­dern mit­ein­an­der auf­tau­chen, wer­den häu­fi­ger ge­nutzt. Am En­de ge­winnt im­mer die Mehr­heit. Die Kon­se­quenz dar­aus: «Wahr ist, was die Men­schen mehr­heit­lich über die Welt den­ken – und in den Trai­nings­da­ten über die­se äus­sern. (…) Es gilt das als Kon­sens, was die meis­ten den­ken», so Si­ma­now­ski.

Kon­se­quen­zen hat das auch für Spra­che als äs­the­ti­sches Mit­tel: «Die KI ori­en­tiert die Spra­che am Ge­wöhn­li­chen, sta­tis­tisch Nor­ma­len und schwächt da­mit per­spek­ti­visch die To­le­ranz ge­gen­über al­lem, was sprach­lich und ge­dank­lich von der Norm ab­weicht. Sie ist ei­ne Tech­no­lo­gie des Durch­schnitts.» Und da­mit wä­re sie ei­gent­lich ziem­lich ge­nau das Ge­gen­teil von Kunst. Kunst und Kul­tur wol­len nie Durch­schnitt, sie wol­len das Aus­ser­ge­wöhn­li­che, Ab­sur­de, Ver­rück­te, Ge­wag­te.

Der Zau­ber des un­vor­her­seh­ba­ren Er­geb­nis­ses

Hans Ul­rich Obrist, Ku­ra­tor und viel­leicht welt­ge­wand­tes­ter Thur­gau­er auf Er­den, hat das am Bei­spiel der Vi­deo­künst­le­rin Ra­chel Ro­se so er­klärt: «Der krea­ti­ve künst­le­ri­sche Pro­zess ist ei­ne Ab­fol­ge, bei der je­der Schritt auf dem nächs­ten auf­baut und am En­de zu ei­nem un­vor­her­seh­ba­ren Er­geb­nis führt. Die Ab­fol­ge ist aber we­der lo­gisch noch ra­tio­nal, son­dern er­gibt sich aus den Ge­füh­len des Künst­lers in Re­ak­ti­on auf das je­weils un­mit­tel­bar vor­her­ge­hen­de Er­geb­nis.» Ste­hen sich Kunst und KI am En­de al­so doch ant­ago­nis­tisch ge­gen­über?

Die Ant­wort dar­auf fällt un­ter­schied­lich aus – je nach­dem, wen man fragt. Der Schrift­stel­ler Jo­nas Lüscher hat­te sei­ne Hal­tung zu KI un­längst bei den Wein­fel­der Buch­ta­gen deut­lich for­mu­liert. «Klar, könn­te ich KI-Tools nut­zen, um schnel­ler fer­tig zu wer­den. Aber ich schrei­be kei­ne Bü­cher, um fer­tig zu wer­den. Wich­tig ist für mich der Pro­zess des Schrei­bens, weil er ei­ne be­son­de­re Form des Nach­den­kens ist, oh­ne die mei­ne Bü­cher nicht vor­stell­bar sind.»

Führt die KI die Kunst zu ei­ner neu­en Avant­gar­de?

Adri­an Chris­to­pher Notz hin­ge­gen ist da op­ti­mis­ti­scher. Er ist ein un­ab­hän­gi­ger Ku­ra­tor und Do­zent in Zü­rich und ist über­zeugt da­von, dass KI-Tools da­bei hel­fen kön­nen, Kunst und Kul­tur fort­zu­ent­wi­ckeln. «Ge­ne­ra­ti­ve KI-Tech­no­lo­gien wie­der­be­le­ben nicht nur ver­schie­de­ne Strö­mun­gen der Kunst­ge­schich­te, son­dern füh­ren uns mög­li­cher­wei­se an die Schwel­le zu ei­ner neu­en Ära der Kunst», hat er in ei­nem Es­say auf der Web­site der ETH Zü­rich ge­schrie­ben. KI kön­ne als Part­ne­rin im krea­ti­ven Pro­zess fun­gie­ren «und zu Ge­burts­hel­fern für bis­her un­vor­stell­ba­re For­men der Krea­ti­vi­tät wer­den», so Notz.

Ist das wirk­lich so? Wer dem auf den Grund ge­hen will, der fin­det im Mu­se­um für an­ge­wand­te Kunst in Frank­furt ein paar Ant­wor­ten. Die Aus­stel­lung «AI-Worl­ding. Künst­le­ri­sche For­schung zu KI-ge­ne­rier­ten Welt­mo­del­len» ver­sam­melt ver­schie­de­ne Po­si­tio­nen zur La­ge. Im Mit­tel­punkt steht da­bei die Fra­ge, wie KI-Sys­te­me un­se­re Vor­stel­lun­gen von Welt, Rea­li­tät, Au­tor­schaft und Be­deu­tung ver­än­dern. Be­son­ders span­nend da­bei ist ei­ne Ar­beit von Mar­lon Hes­se. In «When the Ma­chi­ne De­ci­des» plant ein KI-Sys­tem ein Aus­stel­lungs­pro­jekt voll­stän­dig selbst. Der Mensch über­nimmt nur noch die Rol­le ei­ner aus­füh­ren­den In­stanz – ähn­lich ei­ner Ate­lier­as­sis­tenz.

Hes­se un­ter­sucht hier kon­kret die Fra­gen: Kann man Krea­ti­vi­tät an Ma­schi­nen de­le­gie­ren? Und: Ist Krea­ti­vi­tät an In­ten­tio­na­li­tät ge­bun­den – oder nur an Ent­schei­dungs­pro­zes­se? Be­trach­tet man al­le in Frank­furt vor­ge­stell­ten Po­si­tio­nen, las­sen sich min­des­tens drei ge­mein­sa­me Hal­tun­gen dar­aus de­stil­lie­ren: 1. KI ist kein neu­tra­les Werk­zeug. Sie struk­tu­riert Wahr­neh­mung, Au­tor­schaft, Er­in­ne­rung und Kör­per­bil­der. 2. Welt ist kein ge­ge­be­nes Ob­jekt. Sie ent­steht per­for­ma­tiv – durch Da­ten, Feed­back und In­ter­ak­ti­on. 3. Feh­ler, Stö­rung und Miss­ver­ständ­nis sind pro­duk­tiv. Ge­ra­de an die­sen Rän­dern der Wahr­neh­mung lässt sich so et­was wie Rea­li­tät oder Welt spü­ren.

Wem ge­hört ei­gent­lich der Pro­duk­ti­vi­täts­ge­winn durch KI?

Jen­seits der künst­le­ri­schen Be­schäf­ti­gung mit KI und ih­ren Fol­gen hat die UNESCO ein ei­ge­nes Pa­pier zum Um­gang mit Künst­li­cher In­tel­li­genz er­stellt. Es geht um Hand­lungs­an­sät­ze für ei­ne ethi­sche Ent­wick­lung und Nut­zung von KI in Kul­tur und Krea­tiv­wirt­schaft. Das Ur­he­ber­recht wird dar­in als dring­lichs­tes Pro­blem be­nannt.

Laut Kom­mis­si­on wer­den Ur­he­ber­rech­te «tag­täg­lich durch KI-Sys­te­me ver­letzt» – et­wa beim mas­sen­haf­ten Ab­sau­gen von In­hal­ten aus dem In­ter­net als Trai­nings­da­ten für gros­se Sprach­mo­del­le oder bei der Re­pro­duk­ti­on von Sti­len und Stim­men. Als Lö­sung schlägt sie Me­cha­nis­men ähn­lich der GEMA vor: ein Da­ten­re­gis­trie­rungs­sys­tem ver­bun­den mit ei­nem Ver­gü­tungs­mo­dell.

In­ter­es­sant ist auch ein an­de­rer Vor­schlag der UNESCO-Kom­mis­si­on. KI-Kom­pe­ten­zen sol­len dem­nach nicht nur Gross­kon­zer­nen nut­zen, son­dern ge­ra­de klei­ne­ren Ak­teu­ren. Die Kom­mis­si­on for­dert, dass die «Ver­mitt­lung von KI-Kom­pe­ten­zen Teil der Cur­ri­cu­la al­ler be­rufs­qua­li­fi­zie­ren­den Aus­bil­dun­gen und Stu­di­en­gän­ge im Kunst- und Krea­tiv­be­reich» sein sol­le – als Mit­tel, um «Kon­zen­tra­ti­ons­trends auf dem Kunst- und Kul­tur­markt ent­ge­gen­zu­wir­ken». Als Fi­nan­zie­rungs­vor­bild nennt das Pa­pier Frank­reich, wo Steu­er­ein­nah­men von Tech­no­lo­gie­kon­zer­nen in ei­nen Krea­tiv­fonds flies­sen.

Wie KI lo­ka­le Kul­tu­ren be­droht

Das Kom­mis­si­ons­pa­pier zeigt zu­dem auf, was KI für lo­ka­le Kul­tur­sze­nen be­deu­ten kann. Es hält fest: Be­reits be­kann­te Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus «kul­tu­rell stark do­mi­nan­ten Welt­re­gio­nen wer­den zu Las­ten lo­ka­ler kul­tu­rel­ler In­hal­te be­vor­zugt, vor­ge­schla­gen und an­ge­zeigt.» Dies ver­stär­ke ei­ne di­gi­ta­le «Mo­no­kul­tur». Das po­si­ti­ve Po­ten­zi­al von KI – et­wa der Er­halt be­droh­ter Spra­chen und Aus­drucks­for­men – ent­fal­te sich «nicht au­to­ma­tisch», son­dern müs­se po­li­tisch ak­tiv ge­stal­tet wer­den, so die UNESCO.

Das führt hin zu dem ei­gent­li­chen ak­tu­ell drän­gends­ten Grund­pro­blem im Feld Künst­li­cher In­tel­li­genz: Scha­den und Nut­zen sind im Mo­ment nicht gleich­mäs­sig ver­teilt. Wer be­reits Res­sour­cen, Platt­for­men und Pu­bli­kum hat, kann KI als He­bel nut­zen. Wer ge­ra­de da­bei ist, sich ei­nen Markt auf­zu­bau­en, kon­kur­riert plötz­lich mit Sys­te­men, die auf der Ar­beit an­de­rer trai­niert wur­den und na­he­zu kos­ten­los ska­lie­ren. Die Tech­no­lo­gie ist nicht neu­tral – sie ver­stärkt be­stehen­de Un­gleich­ge­wich­te, wenn sie nicht ak­tiv re­gu­liert wird.

Wie wir uns durch KI selbst ent­mün­di­gen

Jetzt kann man sa­gen, die Po­li­tik muss das re­geln. Das ist ei­ner­seits rich­tig. Reicht aber doch nicht ganz aus. Am En­de ist es eben auch ei­ne sehr per­sön­li­che Ent­schei­dung, die je­de:r in­di­vi­du­ell für sich tref­fen muss. Wie weit will ich KI in mein Le­ben las­sen? Und wie vie­le Fra­gen mei­nes ei­ge­nen Le­bens will ich zur Be­ant­wor­tung tat­säch­lich an die KI aus­la­gern? Denn: Auch das weiss man ja seit Mar­shall McLuhans «The me­di­um is the mes­sa­ge» aus den 1970er- Jah­ren – mit je­der neu­en Tech­no­lo­gie ver­liert der Mensch ei­ne Fä­hig­keit.

Das ist manch­mal be­quem, weil man un­lieb­sa­me Tä­tig­kei­ten ab­ge­ben kann. Aber was, wenn es das ei­ge­ne Den­ken be­trifft? Wenn wir ko­gni­ti­ve Fä­hig­kei­ten zu­neh­mend an Ma­schi­nen de­le­gie­ren, dann führt das eher nicht da­zu, dass wir schlau­er wer­den. Wahr­schein­li­cher ist ei­ne zu­neh­men­de Ent­mün­di­gung.

Je mehr wir ei­ne be­stimm­te Auf­ga­be an die KI aus­la­gern, um­so sel­te­ner füh­ren wir sie aus, des­to un­si­che­rer wer­den wir in der Pro­blem­lö­sung, bis wir ir­gend­wann die einst er­lern­te Fä­hig­keit kom­plett ver­lo­ren ha­ben. Die mensch­li­che Nei­gung zu Be­quem­lich­keit, ge­paart mit den an So­cial Me­dia ge­schul­ten Ver­füh­rungs­küns­ten der KI, be­schleu­nigt die­sen Pro­zess. Die gros­se Fra­ge ist: Wol­len wir das wirk­lich?

Miss­ver­hält­nis zwi­schen Scha­den und Nut­zen über­all

Auf der per­sön­li­chen Ebe­ne gilt letzt­lich ge­nau das, was auch auf ge­sell­schaft­li­cher Ebe­ne stimmt: Scha­den und Nut­zen von KI für un­se­re ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten sind im Mo­ment nicht gleich­mäs­sig ver­teilt. Im­mer nur al­les noch schnel­ler und ef­fi­zi­en­ter er­le­di­gen zu kön­nen, wird uns auf Dau­er nicht zu­frie­de­ner ma­chen. Des­halb liegt es auch an je­dem selbst, die­ses Scha­den-Nut­zen-Ver­hält­nis ins Gleich­ge­wicht zu set­zen.

An der Stel­le keh­ren wir noch ein­mal zu­rück auf die Me­ta­ebe­ne und das Ver­hält­nis zwi­schen Kul­tur und KI. Viel­leicht wirkt KI ja doch be­le­bend auf die Kunst? Weil plötz­lich wie­der of­fen­sicht­lich wird, was Kul­tur leis­ten kann. Oder wie hat­te das der klu­ge Hans Ul­rich Obrist noch for­mu­liert? «Vie­le Schlüs­sel­fra­gen der KI sind phi­lo­so­phi­scher Na­tur und kön­nen nur aus ei­ner ganz­heit­li­chen Sicht be­ant­wor­tet wer­den, und es wird sich loh­nen zu be­ob­ach­ten, wie aben­teu­er­lus­ti­ge Künst­ler:in­nen sie be­leuch­ten», schrieb der Ku­ra­tor be­reits 2018.

Was Kunst aus­ser­ge­wöhn­lich macht. Und was nicht.

Mit die­sem Satz im Ohr geht man dann noch­mal ins Kunst­haus Zü­rich. Steht erst in Re­fik Ana­dols «Gla­cier Dreams» und spä­ter mit­ten in Pi­pi­lot­ti Rists «Pi­xel­wald». Wer hier nicht in­tui­tiv den Un­ter­schied spürt zwi­schen Ober­flä­chen-Spek­ta­kel ei­ner­seits und un­ter die Haut ge­hen­der Kunst an­de­rer­seits, soll­te prü­fen, ob an Stel­le ei­nes po­chen­den Her­zens ein kal­ter Stein in sei­ner Brust liegt.

Der KI-Er­klä­rer Ro­ber­to Si­ma­now­ski hat es auf sei­ne Art auf den Punkt ge­bracht: «Ich wer­de im­mer das Mensch­li­che in der Kunst su­chen, und zwar nicht als ma­the­ma­ti­schen Quer­schnitt, son­dern als in­di­vi­du­el­le Er­fah­rung.»

Sai­ten hat die­sen Bei­trag von thur­gau­kul­tur.ch über­nom­men.

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