Vielleicht wird man irgendwann mal sagen, damals, im Dezember 2023, konnten alle sehen, wie die Kunstgeschichte einen neuen Weg einschlug. Selten zuvor wurde die Kluft zwischen alter Kunst und KI-Kunst so öffentlich sichtbar wie in jenen Tagen. Was war passiert?
Jerry Saltz, der Godfather aller Kunstkritiker:innen, schrieb über Refik Anadols Blockbuster-Installation «Unsupervised» im Foyer des New Yorker Museum of Modern Art Sätze, die einer öffentlichen Hinrichtung gleichkamen: «Kurzweilige Gimmick-Kunst. Nimmt man die Musik weg, ist sie nur ein banaler Bildschirmschoner», notierte Saltz auf X.
Der Künstler Anadol liess das nicht auf sich sitzen und erwiderte: «ChatGPT schreibt besser als du!» Der Konflikt zwischen Kritiker und Künstler hielt das kunstaffine Publikum amüsiert in Atem, der NFT-Künstler Beeple animierte sogar eine Art «Celebrity Death Match» zwischen den beiden Kontrahenten. Nicht immer ist der Clash zwischen KI und Kunst so unterhaltsam. Aber dieser live vor Millionenpublikum ausgetragene, nun ja, Dialog zeigt die ganze Spannbreite der Debatte.
In einem Interview mit dem Magazin «Monopol» hatte Anadol seine Haltung offengelegt: «Ich frage mich, wie man diese neue Technologie nutzen kann, um die Menschheit voranzubringen, anstatt immer in so eine doomsday Mentalität zu verfallen und die Zukunft schwarzzumalen. Ich frage mich, wie wir die Zukunft heller machen können.»
KI ist für Refik Anadol dabei eher ein Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Das kann man auch in seiner im Kunsthaus Zürich zu sehenden Installation «Glacier Dreams» sehen: Millionen von Gletscherfotos verwandelt Anadol mit Hilfe von KI-Tools in sphärische, schillernde, amorphe Bildwirbel, die einen einsaugen können wie beliebiges Datenmaterial, wenn man nicht aufpasst.
Der Konflikt zwischen Kritiker Saltz und Künstler Anadol markiert die weit voneinander entfernten Pole der Debatte über die Beziehung zwischen Künstlicher Intelligenz und Kunst. Beziehungsstatus? Eher kompliziert. Denn: KI ist längst zu tief in unseren Alltag eingedrungen, als dass man sich einfach auf der einen oder anderen Seite einordnen könnte.
Wo KI Kulturschaffenden nutzen kann
Tatsächlich kann die Technologie auch für Kulturschaffende nützlich sein. Musikerinnen können ohne Studiotechnik professionelle Demos erstellen. Schriftstellerinnen können Plotprobleme durchspielen, Recherche beschleunigen, Übersetzungen vorbereiten. Filmemacher ohne Budget können Storyboards und Concept Art entwickeln. Museen können Bestände automatisch verschlagworten und durchsuchbar machen.
Kleine Theater können Fördermittelanträge leichter formulieren. Und: KI kann helfen, den bürokratischen Aufwand in den Griff zu bekommen. Sie hilft bei Pressetexten, Social-Media-Kommunikation, Vertragsanalyse, Buchhaltungsvorbereitung – also genau den Tätigkeiten, für die Kreative sich oft am wenigsten ausgebildet fühlen und die Zeit von der eigentlichen Arbeit stehlen.
Die Frage ist, zu welchem Preis all das geschieht. Wer KI nutzt, nimmt eben auch die negativen Folgen der Technik in Kauf. Zum Beispiel, dass der Mittelstand der Kreativberufe ruiniert wird. Illustrator:innen, Synchronsprecher:innen, Fotograf:innen erleben bereits einen massiven Auftragseinbruch, weil Unternehmen KI-generierte Inhalte als ausreichend akzeptabel betrachten – zu einem Bruchteil des Preises.
Die negativen Folgen von Künstlicher Intelligenz
Viele generative KI-Systeme wurden ausserdem mit urheberrechtlich geschützten Werken trainiert, ohne dass die Urheber:innen gefragt oder vergütet wurden. Das führt auch dazu, dass KI den Stil lebender Künstler:innen imitieren und deren Wiedererkennungswert – ihr wichtigstes Kapital – entwerten kann. Besonders bei Illustrator:innen und Musiker:innen ist das eine reale Bedrohung. Rechtlich ist das bislang kaum greifbar, weil Stil nicht schützbar ist.
Was KI anrichten kann, geht aber über die persönliche Ebene hinaus: Deepfakes von politischen Ereignissen können Gesellschaften destabilisieren und Konflikte anheizen.
Und dann ist da noch die Frage, was überhaupt noch Eingang in den Diskurs findet, wenn KI dominiert. Denn: KI-Systeme tendieren dazu, das Wahrscheinliche zu produzieren – also das, was in den Trainingsdaten am häufigsten vorkam. Das begünstigt strukturell dominante Ästhetiken, westliche Mainstream-Kultur, englischsprachige Inhalte. Nischenästhetiken, Avantgarde, regionale Kulturformen werden tendenziell marginalisiert – nicht durch bösen Willen, sondern durch die Logik der Systeme.
Die Mathematisierung von Kommunikation
Das ist dann der Punkt, an dem man nochmal kurz grundsätzlich werden sollte. Und niemand hilft dabei mehr als Roberto Simanowski. Von dem Kulturwissenschaftler stammt das Buch «Sprachmaschinen – . Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz», ein Buch, das eigentlich jeder lesen sollte. Darin nimmt er KI mit philosophischen Mitteln unter die Lupe, das Ergebnis ist ein Augenöffner, wie es ihn selten gibt.
Für das Verständnis von KI ist vor allem hilfreich, dass Simanowski ihre Funktionsweise sehr klar offenlegt. Seine Diagnose: KI schafft eine Mathematisierung von Kommunikation.: «Sie ersetzt Kategorien wie ‹ wahr› und ‹falsch › oder ‹gut › und ‹böse › durch ‹oft › und ‹selten ›. Sie betrachtet immer das als angemessen, was sich statistisch am wahrscheinlichsten als anschlussfähig erweist.»
Die Mehrheit gewinnt immer
Bei der Entscheidungsfindung durchkämmt die KI genau jene Trainingsdaten, die ja auch schon mit gewissen Voreinstellungen und Prägungen ausgewählt wurden. In dem Sinne greift die KI niemals auf das gesamte Weltwissen zu, sondern immer nur auf den Teil, den die Trainingsdaten abdecken. Wörter, die oft darin vorkommen und zusätzlich in bestimmten Wortfeldern miteinander auftauchen, werden häufiger genutzt. Am Ende gewinnt immer die Mehrheit. Die Konsequenz daraus: «Wahr ist, was die Menschen mehrheitlich über die Welt denken – und in den Trainingsdaten über diese äussern. (…) Es gilt das als Konsens, was die meisten denken», so Simanowski.
Konsequenzen hat das auch für Sprache als ästhetisches Mittel: «Die KI orientiert die Sprache am Gewöhnlichen, statistisch Normalen und schwächt damit perspektivisch die Toleranz gegenüber allem, was sprachlich und gedanklich von der Norm abweicht. Sie ist eine Technologie des Durchschnitts.» Und damit wäre sie eigentlich ziemlich genau das Gegenteil von Kunst. Kunst und Kultur wollen nie Durchschnitt, sie wollen das Aussergewöhnliche, Absurde, Verrückte, Gewagte.
Der Zauber des unvorhersehbaren Ergebnisses
Hans Ulrich Obrist, Kurator und vielleicht weltgewandtester Thurgauer auf Erden, hat das am Beispiel der Videokünstlerin Rachel Rose so erklärt: «Der kreative künstlerische Prozess ist eine Abfolge, bei der jeder Schritt auf dem nächsten aufbaut und am Ende zu einem unvorhersehbaren Ergebnis führt. Die Abfolge ist aber weder logisch noch rational, sondern ergibt sich aus den Gefühlen des Künstlers in Reaktion auf das jeweils unmittelbar vorhergehende Ergebnis.» Stehen sich Kunst und KI am Ende also doch antagonistisch gegenüber?
Die Antwort darauf fällt unterschiedlich aus – je nachdem, wen man fragt. Der Schriftsteller Jonas Lüscher hatte seine Haltung zu KI unlängst bei den Weinfelder Buchtagen deutlich formuliert. «Klar, könnte ich KI-Tools nutzen, um schneller fertig zu werden. Aber ich schreibe keine Bücher, um fertig zu werden. Wichtig ist für mich der Prozess des Schreibens, weil er eine besondere Form des Nachdenkens ist, ohne die meine Bücher nicht vorstellbar sind.»
Führt die KI die Kunst zu einer neuen Avantgarde?
Adrian Christopher Notz hingegen ist da optimistischer. Er ist ein unabhängiger Kurator und Dozent in Zürich und ist überzeugt davon, dass KI-Tools dabei helfen können, Kunst und Kultur fortzuentwickeln. «Generative KI-Technologien wiederbeleben nicht nur verschiedene Strömungen der Kunstgeschichte, sondern führen uns möglicherweise an die Schwelle zu einer neuen Ära der Kunst», hat er in einem Essay auf der Website der ETH Zürich geschrieben. KI könne als Partnerin im kreativen Prozess fungieren «und zu Geburtshelfern für bisher unvorstellbare Formen der Kreativität werden», so Notz.
Ist das wirklich so? Wer dem auf den Grund gehen will, der findet im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt ein paar Antworten. Die Ausstellung «AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen» versammelt verschiedene Positionen zur Lage. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie KI-Systeme unsere Vorstellungen von Welt, Realität, Autorschaft und Bedeutung verändern. Besonders spannend dabei ist eine Arbeit von Marlon Hesse. In «When the Machine Decides» plant ein KI-System ein Ausstellungsprojekt vollständig selbst. Der Mensch übernimmt nur noch die Rolle einer ausführenden Instanz – ähnlich einer Atelierassistenz.
Hesse untersucht hier konkret die Fragen: Kann man Kreativität an Maschinen delegieren? Und: Ist Kreativität an Intentionalität gebunden – oder nur an Entscheidungsprozesse? Betrachtet man alle in Frankfurt vorgestellten Positionen, lassen sich mindestens drei gemeinsame Haltungen daraus destillieren: 1. KI ist kein neutrales Werkzeug. Sie strukturiert Wahrnehmung, Autorschaft, Erinnerung und Körperbilder. 2. Welt ist kein gegebenes Objekt. Sie entsteht performativ – durch Daten, Feedback und Interaktion. 3. Fehler, Störung und Missverständnis sind produktiv. Gerade an diesen Rändern der Wahrnehmung lässt sich so etwas wie Realität oder Welt spüren.
Wem gehört eigentlich der Produktivitätsgewinn durch KI?
Jenseits der künstlerischen Beschäftigung mit KI und ihren Folgen hat die UNESCO ein eigenes Papier zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz erstellt. Es geht um Handlungsansätze für eine ethische Entwicklung und Nutzung von KI in Kultur und Kreativwirtschaft. Das Urheberrecht wird darin als dringlichstes Problem benannt.
Laut Kommission werden Urheberrechte «tagtäglich durch KI-Systeme verletzt» – etwa beim massenhaften Absaugen von Inhalten aus dem Internet als Trainingsdaten für grosse Sprachmodelle oder bei der Reproduktion von Stilen und Stimmen. Als Lösung schlägt sie Mechanismen ähnlich der GEMA vor: ein Datenregistrierungssystem verbunden mit einem Vergütungsmodell.
Interessant ist auch ein anderer Vorschlag der UNESCO-Kommission. KI-Kompetenzen sollen demnach nicht nur Grosskonzernen nutzen, sondern gerade kleineren Akteuren. Die Kommission fordert, dass die «Vermittlung von KI-Kompetenzen Teil der Curricula aller berufsqualifizierenden Ausbildungen und Studiengänge im Kunst- und Kreativbereich» sein solle – als Mittel, um «Konzentrationstrends auf dem Kunst- und Kulturmarkt entgegenzuwirken». Als Finanzierungsvorbild nennt das Papier Frankreich, wo Steuereinnahmen von Technologiekonzernen in einen Kreativfonds fliessen.
Wie KI lokale Kulturen bedroht
Das Kommissionspapier zeigt zudem auf, was KI für lokale Kulturszenen bedeuten kann. Es hält fest: Bereits bekannte Künstlerinnen und Künstler aus «kulturell stark dominanten Weltregionen werden zu Lasten lokaler kultureller Inhalte bevorzugt, vorgeschlagen und angezeigt.» Dies verstärke eine digitale «Monokultur». Das positive Potenzial von KI – etwa der Erhalt bedrohter Sprachen und Ausdrucksformen – entfalte sich «nicht automatisch», sondern müsse politisch aktiv gestaltet werden, so die UNESCO.
Das führt hin zu dem eigentlichen aktuell drängendsten Grundproblem im Feld Künstlicher Intelligenz: Schaden und Nutzen sind im Moment nicht gleichmässig verteilt. Wer bereits Ressourcen, Plattformen und Publikum hat, kann KI als Hebel nutzen. Wer gerade dabei ist, sich einen Markt aufzubauen, konkurriert plötzlich mit Systemen, die auf der Arbeit anderer trainiert wurden und nahezu kostenlos skalieren. Die Technologie ist nicht neutral – sie verstärkt bestehende Ungleichgewichte, wenn sie nicht aktiv reguliert wird.
Wie wir uns durch KI selbst entmündigen
Jetzt kann man sagen, die Politik muss das regeln. Das ist einerseits richtig. Reicht aber doch nicht ganz aus. Am Ende ist es eben auch eine sehr persönliche Entscheidung, die jede:r individuell für sich treffen muss. Wie weit will ich KI in mein Leben lassen? Und wie viele Fragen meines eigenen Lebens will ich zur Beantwortung tatsächlich an die KI auslagern? Denn: Auch das weiss man ja seit Marshall McLuhans «The medium is the message» aus den 1970er- Jahren – mit jeder neuen Technologie verliert der Mensch eine Fähigkeit.
Das ist manchmal bequem, weil man unliebsame Tätigkeiten abgeben kann. Aber was, wenn es das eigene Denken betrifft? Wenn wir kognitive Fähigkeiten zunehmend an Maschinen delegieren, dann führt das eher nicht dazu, dass wir schlauer werden. Wahrscheinlicher ist eine zunehmende Entmündigung.
Je mehr wir eine bestimmte Aufgabe an die KI auslagern, umso seltener führen wir sie aus, desto unsicherer werden wir in der Problemlösung, bis wir irgendwann die einst erlernte Fähigkeit komplett verloren haben. Die menschliche Neigung zu Bequemlichkeit, gepaart mit den an Social Media geschulten Verführungskünsten der KI, beschleunigt diesen Prozess. Die grosse Frage ist: Wollen wir das wirklich?
Missverhältnis zwischen Schaden und Nutzen überall
Auf der persönlichen Ebene gilt letztlich genau das, was auch auf gesellschaftlicher Ebene stimmt: Schaden und Nutzen von KI für unsere kognitiven Fähigkeiten sind im Moment nicht gleichmässig verteilt. Immer nur alles noch schneller und effizienter erledigen zu können, wird uns auf Dauer nicht zufriedener machen. Deshalb liegt es auch an jedem selbst, dieses Schaden-Nutzen-Verhältnis ins Gleichgewicht zu setzen.
An der Stelle kehren wir noch einmal zurück auf die Metaebene und das Verhältnis zwischen Kultur und KI. Vielleicht wirkt KI ja doch belebend auf die Kunst? Weil plötzlich wieder offensichtlich wird, was Kultur leisten kann. Oder wie hatte das der kluge Hans Ulrich Obrist noch formuliert? «Viele Schlüsselfragen der KI sind philosophischer Natur und können nur aus einer ganzheitlichen Sicht beantwortet werden, und es wird sich lohnen zu beobachten, wie abenteuerlustige Künstler:innen sie beleuchten», schrieb der Kurator bereits 2018.
Was Kunst aussergewöhnlich macht. Und was nicht.
Mit diesem Satz im Ohr geht man dann nochmal ins Kunsthaus Zürich. Steht erst in Refik Anadols «Glacier Dreams» und später mitten in Pipilotti Rists «Pixelwald». Wer hier nicht intuitiv den Unterschied spürt zwischen Oberflächen-Spektakel einerseits und unter die Haut gehender Kunst andererseits, sollte prüfen, ob an Stelle eines pochenden Herzens ein kalter Stein in seiner Brust liegt.
Der KI-Erklärer Roberto Simanowski hat es auf seine Art auf den Punkt gebracht: «Ich werde immer das Menschliche in der Kunst suchen, und zwar nicht als mathematischen Querschnitt, sondern als individuelle Erfahrung.»
Saiten hat diesen Beitrag von thurgaukultur.ch übernommen.