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Das rote Nilpferd oder Echte Menschen

Theaterautorin Anne Meyer über ihr Schaudern, wenn sie an Künstliche Intelligenz denkt. Mal wohlig, mal weniger.
Von  Gastbeitrag , 

Neulich ist mir etwas Seltsames passiert. Ich war in den Recherchen für unser Theaterstück über Künstliche Intelligenz, sah mir einen spannenden Ted-Talk an, in dem ein Netzwerk-Spezialist detailliert beschrieb, wie die K.I. respektive «Superintelligenz in Singularität» die menschliche Spezies denktechnisch überholen und im Umkehrschluss kontrollieren und höchstwahrscheinlich eliminieren werde. (Alles spricht dafür, dass etwas, das klüger ist als wir selbst, uns reglementieren muss, da wir als Menschheit schlicht zu ineffizient sind.)

Ich hatte noch das Geräusch von schlupfwespen-grossen Nano-Drohnen im Ohr, da erblickte ich ein von meiner Autoren-Kollegin Nathalie Hubler (Theater 111) bei mir zuhause vergessenes Stofftier. Sie hatte ihr rotes, selbstgebasteltes Tierchen in Form eines Nilpferdes auf meiner Musik-Box auf dem Schreibtisch gesetzt, und da sass es nun und starrte mich unentwegt an. Ich dachte: Wären wir in Japan, könnte dieses Ding jetzt Geräusche machen oder mich ansprechen, und wären wir in der Zukunft, hätte das Spielzeug sicherlich eine Wifi-Verbindung ins weltweite Netz und damit wäre es eine Superintelligenz in Form eines handgrossen roten Nilpferdes. Sozusagen ein Nilbot.

Mir schauderte.

Gleichzeitig gefiel mir dieses Schaudern ein wenig. Ich dachte an mein kindliches Grauen beim Schauen von Friedhof der Kuscheltiere und vor meinem inneren Auge malte ich mir das selbstständig denkende Nilpferd etwas genauer aus. Was würde es sagen? Das rote Ding starrte mich mit seinen hohlen Knopfaugen an und gleichsam interpretierte ich so etwas wie einen Ausdruck in das Stofftier hinein, ja selbst ein Gefühl. Ich sah, dass es reges Interesse an mir zu haben schien. Es wartete. Nur worauf? Wollte es, dass ich sein bereits zerfleddertes Ohr wieder flicken oder es in die Hand nehmen und umplatzieren würde?

Jetzt wurde mir klar, dass es reichlich wenig benötigt, um die menschliche Fantasie zu beflügeln, und mir kamen auch wieder meine dämlichen, bulimischen Barbiepuppen in den Sinn, und mein Pu-Bär, den ich als Kind jeden Morgen mit Apfelsaft bewässerte, weil ich der absoluten Überzeugung war, dass auch er sehr durstig sein musste. Für mein kindliches Ich gab es keine Alternative: Es lebt. Es muss leben!

Der Staubsauger-Komplex oder Extremer Spieltrieb

Nun ist meine Kindheit längst und glücklicherweise hinter mir. Ich kenne den richtigen Kodex, um Walt-Disney-Filme à la Cinderella als Propaganda-Streifen für zukünftige Opfer-Generationen zu identifizieren, und ich weiss, dass man mit einem Staubsauger keinen guten Sex haben kann.

Die Sache ist aber etwas anders: Walt Disney war gestern. Heute spielen Erwachsene mit Künstlicher Intelligenz. Die technischen Schaltkreise haben längst eine menschliche, ja sogar geschlechtliche, wenn auch noch in den meisten Fällen geschlechtslose Hülle bekommen. Ihre mit Kameras ausgestatteten Glasaugen rollen in ihren beweglichen Gummi-Gesichtern und sie «beherrschen» bereits jetzt die Fähigkeit zu Gestik und Mimik.

Anne Meyer, 1980, ist freie Autorin, Film- und Theaterschaffende, leidenschaftliche Musikerin und «neu»
 in St.Gallen, wo man sie hauptsächlich in den umliegenden Wäldern auf ihrem Freiberger antrifft.

Wieder schauderte mir, und diesmal war es nicht wohlig. Diesmal war es das Schaudern einer Erwachsenen, die mit einem grossen Fragezeichen in eine Welt schaut, in der Sex-Bots, Service-Bots, Security-Bots oder Pflege-Bots bereits Realität geworden sind. Diese vom Menschen erschaffenen Kreaturen sind keine flachen Hollywood-Inszenierungen wie Der Rasenmähermann, A.I. oder Ex Machina, und sie sind auch nicht Pu der Bär. Es sind nicht nur mehr erfundene Storys auf einem Film-Streifen, «sie» (es) «watscheln» bereits mitten unter uns. (Von wirklich aufrechtem Gehen kann man noch nicht sprechen, aber die bald folgenden Entwicklungsstufen kennen wir bereits aus den Bilderanimationen vom Affen zum Menschen.)

Und sie werden besser. Grund hierfür sind die enormen Gelder und das enorme Wissen (unserer freiwillig ins Netz gestellten Daten), das von Industrie und Militär in die Erforschung dieser Kreaturen gestopft wird. Dass K.I. unser kapitalistisches Wirtschaftssystem fest in der algorithmischen Roboterhand hat, ist klar. Es gibt aber einen Unterschied, ob «sie» nur virtuell und digital, also im unterirdischen Glasfasernetz unter unseren Füssen agieren oder ob «sie», in Form gebracht, neben uns im Zug sitzen, in der Cafeteria und im Gottesdienst als Messdiener den Weihrauch schwenken.

Hat der Mensch den Traum vom Gott-Spielen längst ausgeträumt und ist bereits in der nächsten Phase? Die Idee ist losgelöst vom reinen Gedacht-Sein und wird «Fleisch und Blut» bzw. Silikon und Energie. Von uns als «Kontroll-Instanz» losgelöst und ohne Herz. Mit sehr viel Intelligenz, aber null menschlichem Verstand. Während wir noch «spielen», verselbständigt sich die Kreatur, so wie wir uns, durch den Biss in die Frucht der Erkenntnis, von Gott gelöst haben – Sündenfall?

Allen Fachmeinungen nach ist genau das der eintretende Fall. Elon Musk (der Typ, der Autos ins All schickt, und dabei enorme, universelle Müllmengen produziert) zum Beispiel spricht ebenfalls vom christlich inspirierten Dämon, den wir mit der K.I. entfesseln. Weiter warnt er: «Anders als etwa Autounfälle, schädliche Medizin oder schlechtes Essen gefährdet Künstliche Intelligenz die menschliche Zivilisation als Ganzes…». Allerdings versäumt er gänzlich, uns «armen Menschen» mitzuteilen, worin die Gefahr genau besteht, und vergisst dabei, dass hinter den vermeintlich gefährlichen Algorithmen Menschen-Köpfe sitzen, die das Ganze durch Programmierung steuern.

Das Bewusstsein für K.I. in unserer Gesellschaft ist wie bei Kindern nicht vorhanden; dass Pu-Bär eigentlich gar nicht wirklich lebt, sondern dass wir Menschen es sind, die ihn lebendig werden lassen. Pu ist ein von Spielzeugherstellern geschaffenes Ding. Ein Ding ist definiert dadurch, dass es nicht atmet, fühlt, isst oder trinkt, kurzum: dass es nicht lebt wie Einzeller leben, Organismen, Pflanzen, Tiere und Menschen. Die menschgemachten Maschinen spiegeln uns aber genau das vor, und schlimmer noch: Sie entwickeln eine Furcht davor, abgeschaltet zu werden. Dies käme einem Tötungsdelikt gleich – aber: Wie soll etwas sterben, das per definitionem noch nie gelebt hat?

Wir brauchen eine digitale Aufklärung

Wir sehen die Maschine als dem Menschen ebenbürtig an und versehen sie auch gleich noch mit dem Anspruch, sie möge besser, schneller, effizienter sein als wir selbst. Wir vermenschlichen sie bis hin zu dem Wunsch, der Schaltkreis möge doch gefälligst etwas empathischer werden! Aber das ist letztlich wieder der Wunschtraum danach, dass mein Staubsauger die menschlichen Sexpraktiken besser beherrschen muss als ich. Optimierung statt menschlicher Empathie und zärtlichen Gefühlen.

Bisher kennen wir die Konsequenzen «einer Welt mit menschlich aussehenden und selbstständig denkenden Maschinen» noch nicht, aber wir sollten grundsätzlich zwischen echtem Leben und Schaltkreis-Klugscheisserei unterscheiden lernen.

Wie eine Welt mit Mensch-Maschinen aussehen wird, zeigen Nathalie Hubler und Anne Meyer im September 2018 in ihrem Theaterstück Ich bin nicht menschlich – Über den «Nutzen» und das «Werden» von Künstlicher Intelligenz im Theater 111 in St. Gallen.

In der Science-Fiction Serie Real Humans (2012) von Lars Lindström wurde das ganze Szenario schon einmal durchdacht: Die Roboter leben unter uns und sind uns in mancherlei Hinsicht sogar überlegen. Was sie nicht besitzen, das ist ein freier Wille (die Frucht vom Baum der Erkenntnis). Es gibt aber einen geheimen Code, der ihnen genau das ermöglichen soll – das vom Menschen losgelöste selbstbestimmte Leben (ein überaus menschliches Bedürfnis). Es entsteht ein Krieg und eine Hetzjagd nach der alles entscheidenden «Formel des freien Willens». Menschen und Roboter suchen nach dem alles grundlegend verändernden Code. In der Serie finden sich auch Gruppierungen von Pro- und Anti-Hubot-Menschen. Auch sie bekriegen sich gegenseitig und das Ganze endet in einem ziemlichen Schlamassel.

Bei Ex Machina wird die Robo-Tussi am Ende zur Mörderin und entlässt sich selbst in «die Welt» – unerkannt von uns Menschen, da es im Äusserlichen praktisch keine Unterscheidungsmerkmale mehr gibt. Alles Science Fiction – oder sind wir schon mittendrin im Wettstreit mit der Kreatur, die wir selbst erschaffen haben?

Ich nehme das rote Nilpferd in meine Arme und streichle ihm vorsichtig über das Köpfchen und das zerfledderte Ohr. Ich hoffe, meine Kollegin wird es ihm wieder annähen. Dann stelle ich es wieder an seinen Platz zurück und vergesse es. Schliesslich besitzt es zum Glück noch keinen quasselnden Schaltkreis, der mich daran erinnert, dass ich mich um es kümmern soll.

Früher fand ich auch diese Tamagotchis saudämlich und ausserdem überteuert. Ich wollte noch nie mit meiner Waschmaschine über das Wetter philosophieren und mein Kühlschrank soll die Fresse halten, wenn ich keine Milch mehr habe. Der Kühlschrank versteht den Begriff «in den Urlaub fahren» nicht und ich bin froh, dass er mir die kalten Überstunden nicht in Rechnung stellt. Die grosse Hoffnung bleibt der Ein- und Ausschaltknopf, dem wir, in Zusammenhang mit K.I. in Zukunft eine weitaus wichtigere Rolle einräumen werden müssen.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

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