Wenn meine Mutter mit vollen Einkaufstaschen vom Supermarkt heimkehrte, rannten wir ihr entgegen. Neun Geschwister, Grosseinkäufe. Ich war ein Migros-Kind, inzwischen bevorzuge ich die Konkurrenz. Die Jahre an der Kasse haben mich geprägt. Ich bin 49 Jahre alt, teile meinen Haushalt mit meinen zwei erwachsenen Söhnen. Meinen Namen möchte ich hier nicht nennen, sollte meine Geschichte erkannt werden, ist mir das egal. Ich bin ein einfacher Mensch, offen, lache gerne und laut. Als Coiffeuse liebäugelte ich nach der Lehre mit einer Karriere als Maskenbildnerin, doch entschied mich gegen
die unregelmässigen Arbeitszeiten. Ich gründete eine Familie, arbeitete 30 Jahre als Coiffeuse – in Salons und in meinem Wohnzimmer. Über einen Zufall bin ich 1999 zum Discounter EPA gekommen, arbeitete erstmals im Detailhandel. Später kaufte Coop EPA auf, ich bewarb mich auf eine Stelle im Gallusmarkt im Osten von St.Gallen. Coop stellte mich ein. Die Teilzeitstelle – 50 Prozent für 1800 Franken netto – ermöglichte mir, mich zuhause um die zwei Kinder zu kümmern und nebenbei Haare zu schneiden.
Im Gallusmarkt fühlte ich mich schnell wohl. Ein riesiger Laden, der sich klein anfühlt. Auch die Stimmung im Team war familiär, die Pausen wurden so gelegt, dass wir sie gemeinsam verbringen konnten. So sind Freundschaften entstanden – nicht viele, aber gute. Anfangs forderte mich die Arbeit an der Kasse, dann wurde sie zur Routine. Während ich Artikel scannte, dachte ich nach – über die Welt, über das bevorstehende Abendessen. Die Aushilfe in der Brotabteilung, bei den Blumen und am Kiosk brachte Abwechslung in meinen Alltag im Gallusmarkt. Gleichzeitig wurden die Abläufe immer getakteter, gemeinsame Pausen waren nicht mehr möglich, Gespräche unter Angestellten wurden untersagt. Das Resultat: Du kommst, du gehst, wie ein Roboter. Sich dagegen wehren? Keine Chance.
Für einige Mitarbeitende ist Coop alles, sie sind verheiratet mit dem Unternehmen. Für mich war es eine Arbeit, nicht mehr und nicht weniger. Meinen Job wollte ich gut machen – ein freundliches «Grüezi», Augenkontakt, sorgfältiger Umgang mit Lebensmitteln und nach Feierabend den richtigen Betrag in der Kasse. Zu persönlichen Gesprächen mit Kunden kam es ausser dem obligaten «Hend sie d’Supercard?» kaum. In Teamsitzungen hörte ich erstmals von Self-Scanning, wir nannten es intern «SCO» für Self-Checkout. Auf kritische Fragen reagierten die Vorgesetzten abgeklärt – Self-Scanning werde ergänzend eingesetzt, nicht ersetzend. Ah ja? Blöd simmer nöd.
Im November 2014 wurde Self-Scanning im Gallusmarkt eingeführt. Spezifisch geschult wurde einzig die Abteilungsleiterin, sie führte das Team später laufend ein. Es blieb genügend Zeit für die Einarbeitung, denn die Kunden reagierten auf die Neuerung zögernd. Coop stockte die Werbemassnahmen auf – Tafeln vor der Kasse, Poster an der Rolltreppe, fünffache Superpunkte. Wir sollten nun wartende Kunden an den Kassen auf Self-Scanning aufmerksam machen. «Dörfis Ihne zeige? Denn mönd Sie nöd warte. Und nainai, Sie mönd nöd wie ide Migros mitem Chärtli zahle.»
Die Kunden blieben skeptisch. Äusserte ein Kunde Bedenken, durfte ich darauf nicht eingehen. So die Vorschrift. Gute Miene zum bösen Spiel machen, das musst du lernen. Eine Self-Scanning-Schicht dauerte meist zwei Stunden, dann wurde ich abgelöst. Entweder du rennst, oder du hast nichts zu tun. Beides ist anstrengend. Tote Zeit wurde später für das Bekleben von Apfelwähen oder reduzierten Artikeln genutzt. Hauptsache Beschäftigung, Hauptsache Produktivität.
Die Skepsis gegenüber Self-Scanning verflog rasch – bei kritischen Kunden, auch beim Personal. Wer Pause machte, scannte seinen Znüni selbst: Zeit sparen. Gearbeitet habe ich gerne beim Self-Checkout. Du stehst dem Kunden auf Augenhöhe gegenüber, so entwickeln sich Gespräche. Während du an der Kasse einschätzen konntest, wann ein Ausweis zur Alkoholkontrolle verlangt werden musste, entschied die Maschine beim Self-Scanning konsequent auf Kontrolle. Das brachte Rentner zum Lachen, andere reagierten sauer.
Im Sommer 2017 habe ich meine Stelle bei Coop gekündigt. Der Verkauf, der Laden, das Licht – arbeitest du lange im Detailhandel, wirst du lustlos und müde. Das wollte ich nie werden. Und grosse Fahrzeuge haben mich immer interessiert. Heute arbeite ich für die Verkehrsbetriebe St.Gallen als Chauffeurin. Ob irgendwann auch die Stadtbusse selbstfahrend betrieben werden? Ich hoffe es nicht. Aber realistischerweise wird es so rauskommen. Bildlich kann ich es mir noch nicht vorstellen. So wenig wie Self-Scanning vor zehn Jahren.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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