Essen produzieren ist in. Wer seine Freundinnen und Freunde beeindrucken will, lernt imkern, zieht auf dem Balkon seltene Tomatensorten und kocht ausgeklügelte Gerichte nach Rezepten des Londoner Starkochs Yotam Ottolenghi. Oder – noch beeindruckender – geht im Sommer z’Alp und serviert danach eigenen Käse. Und überall stehen Gemüsekisten: vor Bars, an Strassenkreuzungen, auf hippen Zwischennutzungsbrachen, sogar in St.Gallen.
Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch nie eine Gesellschaft gab, die so wenig von Landwirtschaft verstand wie unsere. Noch nie war ein so kleiner Prozentsatz der Bevölkerung ernsthaft damit beschäftigt. Im Jahr 2000 arbeiteten in der Schweiz über 200’000 Menschen in der Branche, heute sind es noch gut 150’000 – ein Viertel weniger.
Vor einer Generation hatten die meisten hierzulande – ob zugezogen oder «einheimisch» – Verwandte, die bauerten. Viele waren schon einmal beim Melken dabei gewesen, hatten ein Kalb getränkt oder beim Heuen geholfen. Heute sind diese Tätigkeiten so exotisch, dass man sie als Ferienattraktion anbieten kann. Und die Landwirtschaft wird noch mehr zur Projektionsfläche, als sie es ohnehin schon lange ist.
In den Medien werden Bauern und Bäuerinnen gleichzeitig idealisiert und abgewertet. Die Einzelnen kommen oft gut weg – begeistert berichtet man über eine innovative Betriebsleiterin oder einen besonders urchigen Älpler. «Die Bauern» als Gruppe gelten dagegen als geldgierige Lobbyisten, ineffizient, nicht wettbewerbstauglich und erst noch weniger ökologisch als im Ausland. So widersprüchlich wie diese Vorwürfe ist auch die Schweizer Agrarpolitik. Gleichzeitig ökologisch vorbildlich und zu Weltmarktpreisen produzieren geht nicht gut.
Kooperativen sind die Alternative
Trotz Tomaten auf dem Balkon ist die gärtnernde Städterin weit weg von den Landwirtinnen und ihren Sorgen, dem tiefen Milchpreis, der Abhängigkeit vom Handel, den komplexen Vorschriften. Um wirklich zu verstehen, was Landwirtschaft ist, braucht es eine vertiefte Auseinandersetzung – zum Beispiel indem man mit relevanten Lebensmittelmengen zu tun hat. Die Genossenschaften und Vereine der solidarischen Landwirtschaft sind vermutlich der beste Zugang dazu.
Bettina Dyttrich, 1979, ist WOZ-Redaktorin. 2015 ist ihr Buch Gemeinsam auf dem Acker. Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz im Rotpunktverlag erschienen.
Die einen – wie der St.Galler Verein Regioterre – haben sich mit verschiedenen Höfen zusammengetan, die es bereits gibt. Aus den Produkten dieser Höfe stellen sie jede Woche eine Abotasche für ihre Mitglieder zusammen. Andere, wie die Gartenkooperative Liechtenstein-Werdenberg, haben selber Land gesucht, Gartenprofis angestellt und bauen ihr eigenes Gemüse an. Entscheidend ist bei beiden Formen: Die Konsumenten verpflichten sich für mindestens eine Saison, die Lebensmittel abzunehmen, und bezahlen im Voraus. So teilen sie das Risiko mit den Produzentinnen, und diese können besser planen. Das ist kein anonymer Markt mehr, wo man schnell zum Billigprodukt greift, weil die Schäden, die seine Herstellung anrichtet, unsichtbar sind. Im direkten Kontakt können Konsumentinnen genauso wie Produzenten viel lernen.
Düngedrohnen und Jätroboter
In wenigen Jahrzehnten sei ein grosser Teil der heutigen Erwerbsarbeit automatisiert und wegrationalisiert – an diese Prognose glauben fast alle. Auch in der Landwirtschaft ist Automatisierung ein Riesenthema: Melkroboter, selbstfahrende Traktoren, GPS-gesteuerte Drohnen, die gezielt düngen und spritzen.
Die Ökobranche setzt grosse Hoffnungen in Jätroboter: Sie könnten auch auf konventionellen Betrieben Herbizide ersetzen. Doch abgesehen von solchen Nischen ist die Industrialisierung der Landwirtschaft verhängnisvoll. Sie fördert nicht nur Gigantismus, Massentierhaltung und sinnlose Transporte, sie schneidet auch fast alle Menschen von der Erfahrung ab, dass sie einen Teil ihres Essens selber produzieren können – eine der besten Erfahrungen, die es gibt. Nur schon deshalb lohnt es sich, sich für die Erhaltung der relativ kleinräumigen Betriebsstrukturen einzusetzen, die die Schweiz noch hat: Sie ermöglichen solche Erfahrungen.
Gerade wenn uns Roboter viel Arbeit «wegnehmen», sollten sich möglichst alle Konsumentinnen mit mindestens einem Bauernhof vernetzen. Oder auf städtischen Brachen zu gärtnern anfangen – wie in Detroit, einer der US-amerikanischen Städte, die ihre Industrie und einen grossen Teil ihrer Einwohner verloren haben. Da geht es nicht mehr nur um ein paar Tomaten, sondern um Zugang zu gutem, gesundem Essen, das sich viele sonst nicht leisten könnten. Und es geht um einen Weg aus der Ohnmacht.
Die Landwirtschaft muss wieder eine Branche vieler Menschen werden. Damit verbunden ist ein politischer Kampf für eine soziale Agrarpolitik und gegen die Agrarindustrie. Ohne Kontakt zu Pflanzen und Tieren ist das Leben nicht nur einsam. Menschen, die für alles, was sie brauchen, auf den Handel angewiesen sind, sind auch ganz schön erpressbar.
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
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