Mehr als die Seebühne: Entdeckungen an den Bregenzer Festspielen
Demnächst starten die Bregenzer Festspiele. Nebst der bereits ausverkauften Seebühnenproduktion La traviata gibt es ein vielfältiges Programm zu entdecken. Etwa YUM!, ein gesellschaftskritisches Musiktheater-Erlebnis, oder die burleske Oper Die Ausflüge des Herrn Brouček von Leoš Janáček.
Szene aus Die Ausflüge des Herrn Brouček in Bregenz (Bild: pd/Anja Koehler)
Die Bregenzer Festspiele feiern in diesem Sommer ihr 80-jähriges Bestehen – und präsentieren vom 22. Juli bis 23. August ein reichhaltiges Programm. Während die Seebühnenproduktion La traviata bereits seit Monaten restlos ausverkauft ist, lohnt sich der Blick auf die zahlreichen weiteren Produktionen des Jubiläumsjahres. Besonders neugierig macht dabei YUM!: Die junge, preisgekrönte Komponistin Wen Liu und ihr Kollektiv M.A.R.S. haben für die Werkstattbühne eine gesellschaftskritische Opern-Satire mit Figuren am Abgrund, Hashtag-Melodien und Bling-Bling-Optik konzipiert.
In Hollywood haben dekadente Dinner-Gesellschaften Konjunktur. Filme wie The Menu oder Triangle of Sadness und Serien wie The White Lotus sezieren mit schwarzem Humor die Welt der Superreichen, deren Luxus zunehmend im Kontrast zu einer krisengeprägten Realität steht. Genau dort setzt auch YUM! an. Das Stück entführt das Publikum in eine Zukunft, in welcher der Klimakollaps längst eingetreten ist. Austern, Kaviar oder Trüffel gibt es nicht mehr – dennoch versucht die Upper Class, den verlorenen Luxus wiederherzustellen. Das Ergebnis ist ein absurdes Fine-Dining-Erlebnis, bei dem künstliche Delikatessen, digitale Illusionen und soziale Inszenierung wichtiger werden als die Realität selbst.
«Es geht nicht mehr ums Essen, sondern darum, gesehen zu werden», sagt Komponistin und Librettistin Wen Liu. YUM! erzählt von Identität, Klassenunterschieden und der Sehnsucht nach Exklusivität – aber ohne moralischen Zeigefinger. Stattdessen setzt das Stück auf schwarzen Humor und überzeichnete Figuren. Schauplatz ist ein luxuriöses Restaurant, geführt von der machthungrigen Gastgeberin Madame D. Ihre exzentrischen Gäste – darunter ein narzisstischer Influencer, eine selbstverliebte Popsängerin und ein Tech-Milliardär mit Elon-Musk-Attitüde – verkörpern die unterschiedlichen Facetten einer überzuckerten Fake-Welt, in der Status und Aufmerksamkeit zur wichtigsten Währung geworden sind.
«Für mich war es wichtig, auch den Menschen im Publikum eine Stimme zu geben und sie zur Partizipation zu animieren», sagt Wen Liu. Ein Teil der Besucher:innen nimmt direkt auf der Bühne an einer opulenten Festtafel Platz und wird selbst Teil der grotesken Handlung. Andere erleben die Aufführung aus dem Saal, während einige Zuschauer:innen mithilfe von Virtual-Reality-Brillen zusätzliche Erzählebenen entdecken. Dabei dient dieses Opern-Experiment als Spiegel der digitalen Gesellschaft. Während soziale Medien häufig perfekte Oberflächen erzeugen, zeigt die virtuelle Realität in YUM! die verborgenen Seiten der Figuren.
«Normalerweise ist die digitale Welt schöner als die Wirklichkeit. Wir drehen das um und zeigen dort die Wahrheit», erklärt Liu. Auch optisch verspricht die Produktion Aussergewöhnliches: Bühnen- und Kostümbildnerin Lisa Horvath entwirft eine retro-futuristische Welt zwischen Barock, Glamour und Popkultur. Haptische Stoffe wie Seide, Fell und Leder treffen auf Emoji-Masken, Projektionen und digitale Interfaces. Mit YUM! setzen die Bregenzer Festspiele ihre Tradition fort, auf der Werkstattbühne neue Formen des Musiktheaters auszuprobieren. Neben der spektakulären Seebühne entstehen hier Produktionen, die aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen und künstlerisch neue Wege beschreiten.
Im Festspielhaus ist Leoš Janáčeks selten gespielte Oper Die Ausflüge des Herrn Brouček zu erleben, als surreale Reise zwischen Mond, Mittelalter und Moderne. Matěj Brouček ist Hauptfigur und Antiheld der bekannten tschechischen satirischen Buchreihe von Svatopluk Čech und der gleichnamigen Oper von Leoš Janáček. Die erste Erzählung erschien 1888. Der bequeme Prager Spiessbürger flieht vor dem Alltag in den Alkohol, was ihn in seinen Tagträumen auf den Mond und in das Prag des 15. Jahrhunderts katapultiert.
«Die Oper ist voller originellem Humor und doch ist die Musik hochkomplex und voller Raffinesse», erklärt der musikalische Leiter Robert Jindra. Janáčeks Kompositionen seien wie jene von Mozart: scheinbar leicht, in Wahrheit tiefgründig und anspruchsvoll. Man könne sich einfach mitreissen lassen: vom Staunen, vom Spiel, von der Musik. Die Oper werde selten gespielt, das liege auch an den schwierigen Gesangspartien, so Jindra. Anfang Juli – drei Wochen vor der Premiere – kam es aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig zu einer Umbesetzung. Die Titelrolle übernimmt nun der britische Tenor Peter Hoare, der die Partie des Matěj Brouček schon an mehreren Opernhäusern gesungen hat und der sich bereits an sein fliegendes Wohnzimmer gewöhnen konnte.
Das Bühnenbild ist besonders spektakulär. Die Inszenierung nimmt das Publikum mit auf einen wilden Ritt, bei dem der Antiheld mit seinem flugfähigen Haus ins All geschleudert wird. Bei den Spezialeffekten orientierten sich der US-amerikanische Regisseur Yuval Sharon und der britische Bühnen- und Kostümbildner Jon Bauser an den Science-Fiction-Klassikern Le Voyage dans la lune (Die Reise zum Mond) von Georges Méliès und 2001: A Space Odyssey von Stanley Kubrick. Unter der surreal-burlesken Oberfläche verbirgt sich die unbequeme Frage, wohin wir eigentlich wollen. Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček ist eine Oper von beissender Ironie und tiefgründiger Komik – eine Satire auf bürgerliche Selbstzufriedenheit, moralische Bequemlichkeit und die ewig menschliche Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen.
Zum 80-jährigen Bestehen laden die Festspiele am 1. August zum grossen Singalong am See, bei dem über 6000 Menschen gemeinsam Opernmelodien aus acht Jahrzehnten Seebühne singen werden. Eine Freiluftausstellung entlang der Bregenzer Seepromenade blickt mit historischen Fotografien auf die Festspielgeschichte zurück.
Wer in diesem Sommer keine Karten mehr für die Seebühne ergattert hat, findet im Jubiläumsprogramm dennoch zahlreiche Entdeckungen. Gerade Produktionen wie YUM! zeigen, dass die Zukunft der Oper nicht nur auf monumentalen Bühnenbildern entsteht, sondern ebenso in experimentellen Formaten, die Musik, digitale Technologien und gesellschaftliche Fragen miteinander verbinden.
Die Ausstellung an der Seepromenade (Bild: pd/Tatjana Schnalzger)
Bregenzer Festspiele: bis Sonntag, 23. August, Bregenz.
bregenzerfestspiele.com
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Theater in St.Gallen
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.