Triumphmarsch gegen den Krieg
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Amneris (Libby Sokolowski, Mitte) umtanzt von den Schatten des Kriegs, im Hintergrund die Gefangenen. (Bild: pd/Xiomara Bender)
1869 wird der Suezkanal eröffnet. Aida soll zur Einweihung uraufgeführt werden. Das klappt dann zeitlich nicht, erst zwei Jahre später erklingt Verdis Auftragswerk im ebenfalls neuen Opernhaus von Kairo. Suezkanal, Opernhaus und Verdi-Oper: Das sind, so der Ägyptologe Jan Assmann, Symbole der «Europamanie» auf Seiten der damaligen ägyptischen Elite – und der «Ägyptomanie» auf Seiten der Europäer:innen. Übers Mittelmeer hinweg reichen sich Erdteile und Kulturen die Hand.
2026 wird die Strasse von Hormus blockiert, statt Verdis Aida-Trompeten dröhnen Bomber, statt interkultureller Neugier herrscht nationalistischer und religiöser Hass, statt Ägyptomanie Islamophobie, um schlagwortartig zu verknappen, was in Wirklichkeit natürlich viel komplexer ist. Sicher ist: 150 Jahre nach der Entstehung der Oper ist ihr Schauplatz, der Nahe Osten, ein Ort der Zerstörung, globaler Kampfplatz um Öl und Macht, Katastrophengebiet, eins unter vielen.
«Guerra e morte allo stranier» – Krieg und Tod den Fremden, singen die Männer Ägyptens in Akt I. Aber es sind hier keine strahlenden Sieger, eher Veteranen, die man noch einmal ins Soldatenhemd steckt und in ein sinnloses Töten unter blutbefleckter Fahne schickt. Mitten unter sie hat sich in der St.Galler Inszenierung ein Kind verirrt, die junge Amneris (Daria Gerig), ihm schreien sie ihre fahlen Parolen ins Ohr. Statt Triumph sehen wir: Angst.
Aida (Amber R. Monroe) und Radames (Marcelo Puente) in der Grabkammer. (Bild: pd/ Xiomara Bender)
Die Festspiel-Inszenierung lässt von den ersten Tönen an keinen Zweifel an ihrer Haltung. Die Ouvertüre gehört der alten Amneris (Tänzerin Elenita Queiroz), die durch Verdis suchende Klänge irrt wie durch ein Labyrinth traumatischer Erinnerungen. Dann waschen Dienerinnen den müden Helden die Füsse, ein Bild berührender Fürsorglichkeit. Zum Triumphmarsch im Finale von Akt II schleppen sich die äthiopischen Kriegsgefangenen auf die Bühne. Der Priesterchor weiht den Heerführer Radames mit Totenköpfen und Skelett, die Tänzer:innen (Sara Peña Cagigas, Sara Pennella, Steven Forster, Choreografie Rachele Pedrocchi) sind gequälte Schatten der Amneris.
Drei Stunden Verdi, auf Nacht und Tod getrimmt: Das ist die eine Bildlichkeit, die das Leitungsteam, Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur, Uta Meenen (Kostüme), Anselm Fischer (Licht) und Dramaturgin Barbara Tacchini konsequent durchzieht und auch im Programmheft intelligent begründet. Eine Sicht, die künstlerisch wie politisch überzeugt.
Radames (Marcelo Puente) stösst Amneris (Libby Sokolowski) von sich. (Bild: pd/ Xiomara Bender)
Politisch deshalb, weil die Logik von Krieg und Nationalismus, der sich trotz Skepsis auch Verdi nicht entziehen konnte und die seine Aida später anfällig für faschistischen Missbrauch machte, spätestens 2026 jeden anderen als kritischen Zugriff verbietet. Und künstlerisch, weil der Blick dafür umso unausweichlicher auf die Individuen gelenkt wird: die Opfer des mörderischen Systems.
Dies ist die andere Schicht, welche die St.Galler Aida auf die Bühne bringt – zum Glück für die Qualitäten dieser Inszenierung nicht auf dem ausufernden Klosterplatz, sondern im verglichen damit geradezu intimen Grossen Haus. Und getragen von zwei begeisternden Sängerinnen, Amber R. Monroe als Aida und Libby Sokolowski als Amneris: menschlich Rivalinnen um den Mann Radames, den beide lieben, sängerisch aber Komplizinnen eines grossen Opernabends.
Überragend sind dabei die leisen Töne – Aidas Klagegesänge mit fast schmerzenden Piani und atemstockenden Pausen, Amneris’ verzweifeltes, facettenreiches Ringen mit sich selber, das Duett der beiden mit seinem musikalisch fein gezeichneten Machtgefälle und viele Szenen mehr. Radames (Marcelo Puente) bringt die robusteren Züge ein in diese Dreiecksbeziehung, die dreifach scheitert: an den verfeindeten Königreichen, an Eifersucht und Verrat und an einem Konzept von Liebe («tremendo amor», singt Aida), das in seiner Absolutheit radikal lebensfeindlich ist.
6473: Radames (Marcelo Puente) und der Priesterchor. (Bild: pd/ Xiomara Bender)
Dem St.Galler Sinfonieorchester entlockt der scheidende Chefdirigent Modestas Pitrenas aufregend subtile Töne. Alles Schrille oder Oberflächliche ist weggefeilt zugunsten von klarinettenweichen Klanggeweben, starken Affekten ohne jede Effekthascherei und verinnerlichten Momenten. Selbst die Fanfaren, die natürlich nicht fehlen, scheinen silbern statt golden zu schmettern.
Die weiteren Solorollen sind passend besetzt: Vincenzo Neri als Aidas Vater Amonasro, Jonas Jud (König), Sultonbek Abdurakhimov (Priester Ramfis), Olivia Smith (Hohepriesterin) und Riccardo Botta (Bote). Die Chorszenen gestalten Theaterchor und Opernchor klangvoll und lebendig.
Der Bühnenraum ist karg, Ornamente und Licht schaffen eine Ahnung von Ägypten, aber ohne den viel geschmähten «Ägyptenkitsch», zu dem Verdis Oper seit jeher Regisseur:innen verführt. Nichts lenkt ab von den inneren Bildern, die die Musik beim Zuhören hervorruft. Sie öffnen im Lauf des Abends mehr und mehr eine nochmals andere Ebene. Dann, wenn Aida ihre Heimat imaginiert, das Äthiopien (historisch korrekt: Nubien, der heutige Sudan), dem sie als Sklavin entrissen worden ist: die Berge und Täler, die balsamischen Düfte, den blauen Himmel, die grünen Wiesen. Traumland, traumwandlerisch in Klang und Gesang umgesetzt.
Ihre Visionen münden in die Hoffnung auf «eterni gaudii», die ewigen Freuden einer unsterblichen Liebe, die sie eingemauert mit Radames in der Grabkammer besingt. Da zaubert Verdi noch einmal die berückendsten Melodien hervor, als wäre alles Sterben nichts und könnte sogar Amneris’ finaler Friedenswunsch in Erfüllung gehen. Ein Fingerzeig zum Himmel, der das St.Galler Festspielpublikum auch indoor nicht kalt lässt – an der Premiere gab es stehende Ovationen.
Aida: Freitag, 26. Juni, 20 Uhr, Sonntag, 28. Juni, 18 Uhr, Dienstag, 30. Juni, 20 Uhr, Donnerstag, 2 Juli, 20 Uhr und Samstag, 4. Juli, 20 Uhr, Konzert und Theater St.Gallen.
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