Herr Herbster, der Nachbar und Fremdenpolizist, bringt es einmal auf den Punkt: Die Gesetze sind glasklar – bloss die Menschen sind es nicht. Für ihn, den Bürokraten, den guten Schweizer, bedeutet das Stress. Für die betroffenen Ausländerinnen und Ausländer aber geht es an und um die Existenz.
Eines dieser Gesetze, das Saisonnierstatut, verbot den ausländischen Arbeiter:innen, ihre Familien in die Schweiz zu holen. Drum muss Lucia bei der Nonna in Süditalien bleiben, als Ugo und Zora als Saisonniers in die Schweiz kommen. Ugo passt sich an, Zora rebelliert. Sie will ihre Tochter bei sich haben, und als die Nonna stirbt, holen die Eltern sie versteckt im Kofferraum über die Grenze. Und Lucia lernt die wichtigste Regel: Still sein. So tun, als wärst du gar nicht hier.
Spezialistin für Geräusche
Katharina Gieron spielt Lucia herzergreifend. Mit der Taschenlampe zündet sie in der verdunkelten Wohnung, spricht leise mit Puppe und Teddy, versteckt sich im Koffer, wenn sie Schritte hört, kennt jedes Geräusch im Mietshaus und jede Maserung im Holztäfer, fantasiert sich zur Königin des Finsterlandes hoch. Und wickelt schliesslich auch Herrn Herbster um ihren Finger, als dieser ihre Puppe entdeckt, Verdacht schöpft und bei Lucia klopft.
Rund eine halbe Million Kinder waren zwischen 1934 und 2002 – solange war das Saisonnierstatut gültig – vom Verbot des Familiennachzugs betroffen. Die meisten von ihnen blieben getrennt von den Eltern im Heimatland, einige zehntausend lebten als «Schrankkinder» illegal in der Schweiz. So wie Lucia: versteckt, verheimlicht, verboten im «Finsterland mit seinem kalten Herz, in dem niemand etwas gewusst haben will». Ein lesenswertes Dossier zum Thema publizierte die Zeitschrift Work 2014.
Die Bühne (Damian Hitz) ist eine Wand von Koffern. Sie gehen als Türen und Fenster auf und zu wie in einem gespenstischen Adventskalender. Max Merker hat das Stück für die Erstaufführung am Theater Luzern inszeniert, in St.Gallen ist ein neues Ensemble schwungvoll und engagiert am Werk: neben Katharina Gieron spielen Manuel Herwig und Julia Buchmann die Eltern, Marcus Schäfer ist Herr Herbster.
Poetisch und politisch
Der Text des Duos Ariane von Graffenried und Martin Bieri ist so politisch wie poetisch. Er versetzt sich geschickt in das assoziative Denken des Kindes, wenn es sich in die Draussenwelt hinausdenkt, die ihm selber verboten ist. Und er zeigt die Kraft der Fantasie, wenn Lucia den wunderbar brötigen Herrn Herbster zum Singen und Tanzen verführt.
Aber das Stück nennt zugleich, mit der Stimme von Mutter Zora, den Skandal beim Namen, dass tausende Ausländerinnen und Ausländer als Arbeitskräfte willkommen, als Menschen jedoch unerwünscht waren – und dies über Jahrzehnte.
So waren sie tödlichen Gefahren ausgesetzt, wie beim Bergsturz von Mattmark, der 1965 88 Arbeiter verschüttete, deren Baracken in der Gefahrenzone gebaut waren – «wer aber baute diese Mauer», fragt der Text mit Brecht’schem Pathos. Und die Kinder dieser Frauen und Männer durften nicht Kind sein – sie durften überhaupt nicht sein. Darum greift am Ende Herr Herbster denn auch durch. Für ihn ist Lucia ein «Fall», den er abschliessen muss.
Dass sich Geschichte aber nicht so einfach in den Koffer packen und abschliessen lässt, macht im Abspann die erwachsene Lucia klar, jetzt als erfolgreiche Architektin. In ihrem Bauen soll das Licht seinen Platz haben, das ihr als Kind verboten war. Und in ihrem Appell an die nachfolgenden Generationen beharrt sie darauf, die Geschichte nicht zu verdrängen, sondern weiter zu erzählen – als «eure» wie als «unsere» Geschichte, als ein düsteres Kapitel Schweizer Geschichte, das alle angeht.
Bloss Geschichte? Die Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU ab 2002 und deren flankierende Massnahmen beendeten zwar das Saisonnierstatut. Aber gerade wird wieder offensiv über eine Wiedereinführung von Kontingenten gesprochen: Sollte die Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz am 14. Juni angenommen werden, wäre die Personenfreizügigkeit am Ende. Dann könnte es wieder Schicksale wie die von Lucia, Zora und Ugo geben.
Weitere Aufführungen:
28. und 29. März je 16 Uhr, 7. April 19.30 Uhr, 25. April 17 Uhr, Studio Theater St.Gallen.
Am 29. März nach der Aufführung: Talk im Studio mit Egidio Stigliano.