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Kinder im Koffer

Der sture Beamte (Marcus Schäfer) lässt sich von Lucia (Katharina Gieron) nur kurzzeitig von seinem «Fall» ablenken. (Bild: Urs Homberger)

Der sture Beamte (Marcus Schäfer) lässt sich von Lucia (Katharina Gieron) nur kurzzeitig von seinem «Fall» ablenken. (Bild: Urs Homberger)

Ein Land, in dem man ausländische Kinder wie Lucia verstecken muss: Das ist das «Finsterland» Schweiz im Stück Versteckt im Studio des Theaters St.Gallen. Es erzählt eine Geschichte, die lange verdrängt wurde – und die quälend aktuell bleibt.

Herr Herbs­ter, der Nach­bar und Frem­den­po­li­zist, bringt es ein­mal auf den Punkt: Die Ge­set­ze sind glas­klar – bloss die Men­schen sind es nicht. Für ihn, den Bü­ro­kra­ten, den gu­ten Schwei­zer, be­deu­tet das Stress. Für die be­trof­fe­nen Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­der aber geht es an und um die Exis­tenz.

Ei­nes die­ser Ge­set­ze, das Sai­son­nier­sta­tut, ver­bot den aus­län­di­schen Ar­bei­ter:in­nen, ih­re Fa­mi­li­en in die Schweiz zu ho­len. Drum muss Lu­cia bei der Non­na in Süd­ita­li­en blei­ben, als Ugo und Zo­ra als Sai­son­niers in die Schweiz kom­men. Ugo passt sich an, Zo­ra re­bel­liert. Sie will ih­re Toch­ter bei sich ha­ben, und als die Non­na stirbt, ho­len die El­tern sie ver­steckt im Kof­fer­raum über die Gren­ze. Und Lu­cia lernt die wich­tigs­te Re­gel: Still sein. So tun, als wärst du gar nicht hier.  

Spe­zia­lis­tin für Ge­räu­sche

Ka­tha­ri­na Gie­ron spielt Lu­cia herz­er­grei­fend. Mit der Ta­schen­lam­pe zün­det sie in der ver­dun­kel­ten Woh­nung, spricht lei­se mit Pup­pe und Ted­dy, ver­steckt sich im Kof­fer, wenn sie Schrit­te hört, kennt je­des Ge­räusch im Miets­haus und je­de Ma­se­rung im Holz­tä­fer, fan­ta­siert sich zur Kö­ni­gin des Fins­ter­lan­des hoch. Und wi­ckelt schliess­lich auch Herrn Herbs­ter um ih­ren Fin­ger, als die­ser ih­re Pup­pe ent­deckt, Ver­dacht schöpft und bei Lu­cia klopft.

Rund ei­ne hal­be Mil­li­on Kin­der wa­ren zwi­schen 1934 und 2002 – so­lan­ge war das Sai­son­nier­sta­tut gül­tig – vom Ver­bot des Fa­mi­li­en­nach­zugs be­trof­fen. Die meis­ten von ih­nen blie­ben ge­trennt von den El­tern im Hei­mat­land, ei­ni­ge zehn­tau­send leb­ten als «Schrank­kin­der» il­le­gal in der Schweiz. So wie Lu­cia: ver­steckt, ver­heim­licht, ver­bo­ten im «Fins­ter­land mit sei­nem kal­ten Herz, in dem nie­mand et­was ge­wusst ha­ben will». Ein le­sens­wer­tes Dos­sier zum The­ma pu­bli­zier­te die Zeit­schrift Work 2014.

Die Büh­ne (Da­mi­an Hitz) ist ei­ne Wand von Kof­fern. Sie ge­hen als Tü­ren und Fens­ter auf und zu wie in ei­nem ge­spens­ti­schen Ad­vents­ka­len­der. Max Mer­ker hat das Stück für die Erst­auf­füh­rung am Thea­ter Lu­zern in­sze­niert, in St.Gal­len ist ein neu­es En­sem­ble schwung­voll und en­ga­giert am Werk: ne­ben Ka­tha­ri­na Gie­ron spie­len Ma­nu­el Her­wig und Ju­lia Buch­mann die El­tern, Mar­cus Schä­fer ist Herr Herbs­ter. 

Poe­tisch und po­li­tisch

Der Text des Du­os Aria­ne von Graf­fen­ried und Mar­tin Bie­ri ist so po­li­tisch wie poe­tisch. Er ver­setzt sich ge­schickt in das as­so­zia­ti­ve Den­ken des Kin­des, wenn es sich in die Draus­sen­welt hin­aus­denkt, die ihm sel­ber ver­bo­ten ist. Und er zeigt die Kraft der Fan­ta­sie, wenn Lu­cia den wun­der­bar brö­ti­gen Herrn Herbs­ter zum Sin­gen und Tan­zen ver­führt.

Aber das Stück nennt zu­gleich, mit der Stim­me von Mut­ter Zo­ra, den Skan­dal beim Na­men, dass tau­sen­de Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­der als Ar­beits­kräf­te will­kom­men, als Men­schen je­doch un­er­wünscht wa­ren – und dies über Jahr­zehn­te.

So wa­ren sie töd­li­chen Ge­fah­ren aus­ge­setzt, wie beim Berg­sturz von Matt­mark, der 1965 88 Ar­bei­ter ver­schüt­te­te, de­ren Ba­ra­cken in der Ge­fah­ren­zo­ne ge­baut wa­ren – «wer aber bau­te die­se Mau­er», fragt der Text mit Brecht’schem Pa­thos. Und die Kin­der die­ser Frau­en und Män­ner durf­ten nicht Kind sein – sie durf­ten über­haupt nicht sein. Dar­um greift am En­de Herr Herbs­ter denn auch durch. Für ihn ist Lu­cia ein «Fall», den er ab­schlies­sen muss.

Dass sich Ge­schich­te aber nicht so ein­fach in den Kof­fer pa­cken und ab­schlies­sen lässt, macht im Ab­spann die er­wach­se­ne Lu­cia klar, jetzt als er­folg­rei­che Ar­chi­tek­tin. In ih­rem Bau­en soll das Licht sei­nen Platz ha­ben, das ihr als Kind ver­bo­ten war. Und in ih­rem Ap­pell an die nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen be­harrt sie dar­auf, die Ge­schich­te nicht zu ver­drän­gen, son­dern wei­ter zu er­zäh­len – als «eu­re» wie als «un­se­re» Ge­schich­te, als ein düs­te­res Ka­pi­tel Schwei­zer Ge­schich­te, das al­le an­geht.

Bloss Ge­schich­te? Die Ein­füh­rung der Per­so­nen­frei­zü­gig­keit mit der EU ab 2002 und de­ren flan­kie­ren­de Mass­nah­men be­en­de­ten zwar das Sai­son­nier­sta­tut. Aber ge­ra­de wird wie­der of­fen­siv über ei­ne Wie­der­ein­füh­rung von Kon­tin­gen­ten ge­spro­chen: Soll­te die In­itia­ti­ve ge­gen ei­ne 10-Mil­lio­nen-Schweiz am 14. Ju­ni an­ge­nom­men wer­den, wä­re die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit am En­de. Dann könn­te es wie­der Schick­sa­le wie die von Lu­cia, Zo­ra und Ugo ge­ben

Wei­te­re Auf­füh­run­gen:
28. und 29. März je 16 Uhr, 7. April 19.30 Uhr, 25. April 17 Uhr, Stu­dio Thea­ter St.Gal­len.
Am 29. März nach der Auf­füh­rung: Talk im Stu­dio mit Egi­dio Stig­lia­no.

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