Alter braucht Repräsentation. Auch im Tanz. Deshalb haben die beiden Tänzerinnen Angelika Ächter und Tina Mantelvor drei Jahren das Kollektiv dance me to the end gegründet. Unterdessen besteht es aus acht Profitänzer:innen zwischen 61 und 71 Jahren mit unterschiedlichen Hintergründen aus den Regionen Zürich, der Ostschweiz und dem Kanton Bern.
Ziel des Kollektivs ist es, Sichtbarkeit für ältere Tänzer:innen zu schaffen. Und das tut es dann auch am kommenden Wochenende in der St.Galler Lokremise: Das Kollektiv zeigt sein Tanzstück making a sullen roar (as the wind does) und das mit nicht professionell tanzenden Menschen entwickelte Werkstattstück mitkreisen.
Saiten hat mit den Tänzerinnen und Kollektivmitgliedern Angelika Ächter, Jeanette Engler und Gisa Frank gesprochen – über das Programm und darüber, ab wann man eigentlich «alt» ist.
Saiten: Sie nennen sich dance me to the end. Wie kam es zum Kollektivnamen?
Angelika Ächter: Der Name ist inspiriert von Leonard Cohens Lied Dance Me to the End of Love. Obwohl es naheliegt, verweist «the End» bei uns nicht unbedingt auf den Tod, sondern eher auf Phasen, in denen sich das Tanzen aufgrund des alternden Körpers ändert.
Jeanette Engler: Im Kollektiv gab es dazu intensive Diskussionen. Der Name bietet unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten und das fanden wir stimmig.
Was bedeutet denn das Altern für Tänzer:innen?
AÄ: Im klassischen Tanz gehört man ab 40 Jahren eher zum «alten Eisen». Im zeitgenössischen Tanz ist es in der Regel anders, insbesondere, weil die Trainingsmethoden körperfreundlicher sind und man dadurch länger tanzen kann.
Gerade für ältere Menschen, Tänzer:innen und Publikum, gibt es wenig Identifikationsmöglichkeiten. Und genau in dieser Lücke agiert auch das Kollektiv
Gisa Frank: Die vermittelten Körperbilder folgen immer wieder stereotypen Schönheitsnormen: jung und schlank. Diese Ästhetik möchten wir aufbrechen, indem wir alternde, tanzende Körper zeigen.
Woran machen sie dieses «alt» fest?
JE: Dieses «alt» ist tatsächlich sehr individuell und schwer zu definieren. Mit Blick auf unsere Gesellschaft denke ich, dass Menschen ab etwa 65 Jahren als alt gelten. Die Berufstätigkeit findet ein Ende, man geht in Pension. Dieser Austritt aus dem Arbeitsmarkt ist nicht immer freiwillig. Zudem arbeiten gerade Künstler:innen meist über das Pensionsalter hinaus.
Hat sich das Tanzen mit fortschreitendem Alter verändert?
AÄ: Häufig spricht man von dem, was nicht mehr geht. Aber das halte ich nicht für produktiv. Der Fokus sollte viel mehr dahin gehen, dass sich mit fortschreitendem Alter der Körper und damit der Tanz verändern – aber beides muss kein Defizit sein.
JE: Es ist die Erfahrung, die wir mitbringen, die einen enormen Wert hat. Gerade ältere Tanzschaffende verfügen über grosses Tanz- und Körperwissen. Mit unserem Schaffen zeigen wir, welche Kreativität und Kraft noch immer in uns steckt. Dadurch nehmen wir auch eine Vorbildfunktion für andere ein und zeigen auf, dass Tanzen auch im Alter Qualität hat.
Was erwartet das Publikum am Wochenende in St.Gallen?
GF: Wir zeigen das mit dem Gastchoreografen Fabrice Mazliah erarbeitete Tanzstück making a sullen roar (as the wind does), das im Oktober 2025 im Tanzhaus Zürich Premiere hatte. Zudem geben wir einen Einblick in unsere Vermittlungsarbeit mit der Werkstattaufführung mitkreisen.
Worum geht es da?
GF: Mitkreisen basiert auf Improvisationen, die wir mit nicht professionell tanzenden Menschen zu dritt entwickelt haben. Entstanden ist ein ergebnisoffener Forschungsprozess, in dem kreisende, rituelle Bewegungen spielerisch genutzt werden. Daher auch der Stücktitel mitkreisen.
Und um was geht es beim Tanzstück making a sullen roar (as the wind does)?
AÄ: Im Fokus unseres zeitgenössischen Tanzstückes erforschen wir körperliche Ansätze von unterschiedlichen Emotionen. Dabei wandeln sich Bewegungen und Stimmen wie Wetterlagen und lassen unterschiedliche Atmosphären entstehen.
JE: Jede:r von uns hat ein Repertoire von 10 bis 12 Emotionen erarbeitet. Teilweise sind das die gleichen Emotionen, teilweise unterschiedliche. Wie wir diese Emotionen ausdrücken, ist individuell und kann sich auch immer etwas verändern.
AÄ: Um dem Publikum den Zugang zu erleichtern, erfolgt zu Beginn eine Einführung.
GF: Visuell lebt das Stück von einem feinstofflichen und atmosphärischen Ausdruck. Nebst dieser Ebene gibt es auch eine auditive. Diese formen wir mit unseren Stimmen, die ebenfalls Teil der Performance sind.
Sie singen also?
AÄ: Nein, wir singen nicht. Was wir erzeugen, sind kehlige, archaische Töne. Für jede Emotion erschaffen wir eine Entsprechung im Klang – eine ganz eigene Soundqualität: Wut klingt anders als Liebe.
Deshalb das «roar» im Stücktitel?
GF: Zum einen deshalb und zum anderen, weil auch unsere Bewegungen etwas Kraftvolles haben können. Als Gegenstück dazu verweist der in Klammer gesetzte Einschub auf die filigranen und fliessenden Bewegungen, die unser tänzerisches Repertoire ebenfalls vermittelt.
AÄ: Gesetzt hat den Titel unser Choreograf.
Was waren oder sind die Herausforderung?
JE: Das Stück erfordert jedes Mal von Neuem eine vollständige Hingabe. Wir müssen mit dem Kern des Bewegungsansatzes immer wieder neu kreativ umgehen. Denn dieser kommt aus der Quelle einer spezifischen Emotion.Das ist sehr intim und lässt sich manchmal nur schwer auf Knopfdruck hervorrufen.