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Altern muss kein Defizit sein

Szene aus dem Stück (Bild: pd/Ralph Buron)

Szene aus dem Stück (Bild: pd/Ralph Buron)

Das Kollektiv Dance Me to the End setzt sich für die Sichtbarkeit von Altern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai präsentiert es zwei verschiedene Tanzstücke in der St.Galler Lokremise. Saiten hat mit drei Kollektivmitgliedern gesprochen.

Al­ter braucht Re­prä­sen­ta­ti­on. Auch im Tanz. Des­halb ha­ben die bei­den Tän­ze­rin­nen An­ge­li­ka Äch­ter und Ti­na Man­tel­vor drei Jah­ren das Kol­lek­tiv Dance Me to the End ge­grün­det. Un­ter­des­sen be­steht es aus acht Pro­fi­tän­zer:in­nen zwi­schen 61 und 71 Jah­ren mit un­ter­schied­li­chen Hin­ter­grün­den aus den Re­gio­nen Zü­rich, der Ost­schweiz und dem Kan­ton Bern.

Ziel des Kol­lek­tivs ist es, Sicht­bar­keit für äl­te­re Tän­zer:in­nen zu schaf­fen. Und das tut es dann auch am kom­men­den Wo­chen­en­de in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se: Das Kol­lek­tiv zeigt sein Tanz­stück ma­king a sul­len roar (as the wind does) und das mit nicht pro­fes­sio­nell tan­zen­den Men­schen ent­wi­ckel­te Werk­statt­stück mit­krei­sen. 

Sai­ten hat mit den Tän­ze­rin­nen und Kol­lek­tiv­mit­glie­dern An­ge­li­ka Äch­ter, Jea­nette Eng­ler und Gi­sa Frank ge­spro­chen – über das Pro­gramm und dar­über, ab wann man ei­gent­lich «alt» ist.

Sai­ten: Sie nen­nen sich Dan­ce Me to the End. Wie kam es zum Kol­lek­tiv­na­men?

An­ge­li­ka Äch­ter: Der Na­me ist in­spi­riert von Leo­nard Co­hens Lied Dance Me to the End of Love. Ob­wohl es na­he­liegt, ver­weist «the End» bei uns nicht un­be­dingt auf den Tod, son­dern eher auf Pha­sen, in de­nen sich das Tan­zen auf­grund des al­tern­den Kör­pers än­dert. 

Jea­nette Eng­ler: Im Kol­lek­tiv gab es da­zu in­ten­si­ve Dis­kus­sio­nen. Der Na­me bie­tet un­ter­schied­li­che In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten und das fan­den wir stim­mig.

Was be­deu­tet denn das Al­tern für Tän­zer:in­nen?

AÄ: Im klas­si­schen Tanz ge­hört man ab 40 Jah­ren eher zum «al­ten Ei­sen». Im zeit­ge­nös­si­schen Tanz ist es in der Re­gel an­ders, ins­be­son­de­re, weil die Trai­nings­me­tho­den kör­per­freund­li­cher sind und man da­durch län­ger tan­zen kann.

JE: Ge­ra­de für äl­te­re Men­schen, Tän­zer:in­nen und Pu­bli­kum, gibt es we­nig Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Und ge­nau in die­ser Lü­cke agiert auch das Kol­lek­tiv

Gi­sa Frank: Die ver­mit­tel­ten Kör­per­bil­der fol­gen im­mer wie­der ste­reo­ty­pen Schön­heits­nor­men: jung und schlank. Die­se Äs­the­tik möch­ten wir auf­bre­chen, in­dem wir al­tern­de, tan­zen­de Kör­per zei­gen.

Wor­an ma­chen sie die­ses «alt» fest? 

JE: Die­ses «alt» ist tat­säch­lich sehr in­di­vi­du­ell und schwer zu de­fi­nie­ren. Mit Blick auf un­se­re Ge­sell­schaft den­ke ich, dass Men­schen ab et­wa 65 Jah­ren als alt gel­ten. Die Be­rufs­tä­tig­keit fin­det ein En­de, man geht in Pen­si­on. Die­ser Aus­tritt aus dem Ar­beits­markt ist nicht im­mer frei­wil­lig. Zu­dem ar­bei­ten ge­ra­de Künst­ler:in­nen meist über das Pen­si­ons­al­ter hin­aus.

Hat sich das Tan­zen mit fort­schrei­ten­dem Al­ter ver­än­dert?

AÄ: Häu­fig spricht man von dem, was nicht mehr geht. Aber das hal­te ich nicht für pro­duk­tiv. Der Fo­kus soll­te viel mehr da­hin ge­hen, dass sich mit fort­schrei­ten­dem Al­ter der Kör­per und da­mit der Tanz ver­än­dern – aber bei­des muss kein De­fi­zit sein.

JE: Es ist die Er­fah­rung, die wir mit­brin­gen, die ei­nen enor­men Wert hat. Ge­ra­de äl­te­re Tanz­schaf­fen­de ver­fü­gen über gros­ses Tanz- und Kör­per­wis­sen. Mit un­se­rem Schaf­fen zei­gen wir, wel­che Krea­ti­vi­tät und Kraft noch im­mer in uns steckt. Da­durch neh­men wir auch ei­ne Vor­bild­funk­ti­on für an­de­re ein und zei­gen auf, dass Tan­zen auch im Al­ter Qua­li­tät hat.

Was er­war­tet das Pu­bli­kum am Wo­chen­en­de in St.Gal­len?

GF: Wir zei­gen das mit dem Gast­cho­reo­gra­fen Fa­bri­ce Maz­liah er­ar­bei­te­te Tanz­stück ma­king a sul­len roar (as the wind does), das im Ok­to­ber 2025 im Tanz­haus Zü­rich Pre­mie­re hat­te. Zu­dem ge­ben wir ei­nen Ein­blick in un­se­re Ver­mitt­lungs­ar­beit mit der Werk­statt­auf­füh­rung mit­krei­sen.

Wor­um geht es da?

GF: Mit­krei­sen ba­siert auf Im­pro­vi­sa­tio­nen, die wir mit nicht pro­fes­sio­nell tan­zen­den Men­schen zu dritt ent­wi­ckelt ha­ben. Ent­stan­den ist ein er­geb­nis­of­fe­ner For­schungs­pro­zess, in dem krei­sen­de, ri­tu­el­le Be­we­gun­gen spie­le­risch ge­nutzt wer­den. Da­her auch der Stück­ti­tel mit­krei­sen.

Und um was geht es beim Tanz­stück ma­king a sul­len roar (as the wind does)?

AÄ: Im Fo­kus un­se­res zeit­ge­nös­si­schen Tanz­stü­ckes er­for­schen wir kör­per­li­che An­sät­ze von un­ter­schied­li­chen Emo­tio­nen. Da­bei wan­deln sich Be­we­gun­gen und Stim­men wie Wet­ter­la­gen und las­sen un­ter­schied­li­che At­mo­sphä­ren ent­ste­hen.

JE: Je­de:r von uns hat ein Re­per­toire von 10 bis 12 Emo­tio­nen er­ar­bei­tet. Teil­wei­se sind das die glei­chen Emo­tio­nen, teil­wei­se un­ter­schied­li­che. Wie wir die­se Emo­tio­nen aus­drü­cken, ist in­di­vi­du­ell und kann sich auch im­mer et­was ver­än­dern. 

AÄ: Um dem Pu­bli­kum den Zu­gang zu er­leich­tern, er­folgt zu Be­ginn ei­ne Ein­füh­rung. 

GF: Vi­su­ell lebt das Stück von ei­nem fein­stoff­li­chen und at­mo­sphä­ri­schen Aus­druck. Nebst die­ser Ebe­ne gibt es auch ei­ne au­di­tive. Die­se for­men wir mit un­se­ren Stim­men, die eben­falls Teil der Per­for­mance sind. 

Sie sin­gen al­so?

AÄ: Nein, wir sin­gen nicht. Was wir er­zeu­gen, sind keh­li­ge, ar­chai­sche Tö­ne. Für je­de Emo­ti­on er­schaf­fen wir ei­ne Ent­spre­chung im Klang – ei­ne ganz ei­ge­ne Sound­qua­li­tät: Wut klingt an­ders als Lie­be. 

Des­halb das «roar» im Stück­ti­tel?

GF: Zum ei­nen des­halb und zum an­de­ren, weil auch un­se­re Be­we­gun­gen et­was Kraft­vol­les ha­ben kön­nen. Als Ge­gen­stück da­zu ver­weist der in Klam­mer ge­setz­te Ein­schub auf die fi­li­gra­nen und flies­sen­den Be­we­gun­gen, die un­ser tän­ze­ri­sches Re­per­toire eben­falls ver­mit­telt.

AÄ: Ge­setzt hat den Ti­tel un­ser Cho­reo­graf. 

Was wa­ren oder sind die Her­aus­for­de­rung?

JE: Das Stück er­for­dert je­des Mal von Neu­em ei­ne voll­stän­di­ge Hin­ga­be. Wir müs­sen mit dem Kern des Be­we­gungs­an­sat­zes im­mer wie­der neu krea­tiv um­ge­hen. Denn die­ser kommt aus der Quel­le ei­ner spe­zi­fi­schen Emo­ti­on.Das ist sehr in­tim und lässt sich manch­mal nur schwer auf Knopf­druck her­vor­ru­fen. 

Mehr zu den Gesprächspartnerinnen

An­ge­li­ka Äch­ter (*1962) aus Bay­ern ist pro­fes­sio­nel­le Tän­ze­rin und Cho­reo­gra­fin in der Frei­en Sze­ne. Lan­ge Zeit war sie zu­dem als Do­zen­tin für Tanz­theo­rie tä­tig.

Jea­nette Eng­ler (*1957) ist Tän­ze­rin und hat un­ter an­de­rem in New York ge­ar­bei­tet. Nebst ih­rer künst­le­ri­schen Tä­tig­keit ar­bei­tet sie als The­ra­peu­tin.

Gi­sa Frank (*1960) lebt im Ap­pen­zel­ler­land. Sie ist freie Tanz­schaf­fen­de, Per­for­me­rin, Cho­reo­gra­fin und Tanz­ver­mitt­le­rin. Dar­über hin­aus en­ga­giert sie sich kul­tur­po­li­tisch. 

Ausstellung

Nur Vor­wärts

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Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

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Es kratzt, knallt und schep­pert

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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

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Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

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Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

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