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Im Puls der Zwischenräume

Aus dem Stück Vanishing Point (Bild: pd/Gregory Batardon)

Aus dem Stück Vanishing Point (Bild: pd/Gregory Batardon)

Der Saisonstart könnte nicht erfrischender beginnen als mit der Premiere und gleichzeitig den Uraufführungen zweier Schweizer Tanzstücke: Die beiden aufstrebenden Künstler:innen Rachelle Anaïs Scott und Kiyan Khoshoie erzeugen Spannungsfelder, die nachwirken. Somit gelingt dem Doppelabend am Freitag in der Lokremise der Spagat zwischen sphärischer Tiefe und pulsierender Energie, was der abstrakte Titel Swiss Mix bei Weitem nicht erahnen lässt.

Ge­ra­de im Kon­trast ent­fal­tet der Dop­pel­abend sei­ne Kraft. Zwei Stü­cke, die un­ter­schied­li­cher kaum sein könn­ten und doch den­sel­ben Kern be­rüh­ren: die Su­che nach dem, was uns im In­ners­ten be­wegt. Das schrei­en­de Ver­lan­gen nach Kon­trol­le, das ver­zwei­fel­te Seh­nen nach Frei­heit. Aber was pas­siert bei ei­ner Kol­li­si­on der Wahr­neh­mun­gen? Es bleibt am En­de ein Kampf zwi­schen Sein und Schein. Ei­ne ver­zwei­fel­te La­ge, so zwi­schen Stuhl und Bank zu fal­len – oder wie im ers­ten Stück Va­nis­hing Point - an ei­nem Tisch sich hin- und her­ge­ris­sen zu füh­len. Wäh­rend in Ra­chel­le Anaïs Scotts Cho­reo­gra­fie Wahr­neh­mungs­räu­me in poe­ti­scher Ver­hül­lung im­mer wie­der neu for­miert wer­den, ver­su­chen die Tän­zer:in­nen in Time of my life mit un­ge­bän­dig­ter En­er­gie die Un­mit­tel­bar­keit des Mo­ments zu fei­ern und sich von Kon­ven­tio­nen und so­zia­len Zwän­gen frei zu tan­zen – und das mit ge­ball­ten Fäus­ten.

Mi­xed Cri­sis

In bei­den Stü­cken wird in ei­nem Span­nungs­feld ge­kämpft, bis ent­we­der al­les ver­glüht oder sich al­le – auch wenn schon längst am Bo­den – sich dem hin­ge­ben, was uns al­le am En­de bleibt: dem Puls. Das Stück Va­nis­hing Point ist ei­ne Neu­krea­ti­on im Rah­men des Lauf­bahn­för­der­pro­gramms NEXT STEPS des Mi­gros-Kul­tur­fes­ti­vals Steps und wird im kom­men­den Früh­jahr auf Schwei­zer Tour­nee ge­hen.

Was bei­de Stü­cke ver­bin­det, ist das Kre­ieren viel­schich­ti­ger, vi­brie­ren­der Bil­der und At­mo­sphä­ren durch mi­ni­ma­lis­ti­sche Stil­mit­tel. Da­durch sind die Tän­zer:in­nen in Räu­men vol­ler Am­bi­va­len­zen auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen. Die Kom­pa­nie prä­sen­tier­te sich auf ei­nem Ni­veau von sol­cher Prä­zi­si­on und künst­le­ri­schen Qua­li­tät, dass das Pu­bli­kum rest­los ge­fes­selt blieb – bis zur to­ben­den Stan­ding Ova­ti­on am Schluss. Bei­de Stü­cke ent­las­sen die Zu­schau­en­den aber nicht mit kla­ren Ant­wor­ten, son­dern ent­füh­ren sie in das Of­fe­ne. Um­so über­ra­schen­der und un­er­war­tet ist der ver­ein­nahm­te Ef­fekt des Abends, der un­ter dem Ti­tel Swiss Mix fast schon ver­harm­lost wird – oder ver­schlei­ert?

Dem Wahn­sinn na­he

Was teils auf­grund der Nä­he zur Büh­ne selbst, aber auch der ein­dring­li­chen Prä­senz der Tän­zer:in­nen zu­zu­schrei­ben ist, ist, dass we­der die ers­te noch die zwei­te Cho­reo­gra­fie ei­ne di­stan­zier­te Be­trach­tung zu­lässt. Bei­de Cho­reo­gra­fien neh­men das Pu­bli­kum auf ei­nen Trip: Das Pu­bli­kum lacht, er­kennt sich selbst wie­der, spürt den Rausch und die In­ti­mi­tät. Va­nis­hing Point for­dert die schwer fass­ba­ren Gren­zen zwi­schen Traum und Rea­li­tät von An­fang an her­aus, nicht zu­letzt durch die kon­tem­pla­tiv-äthe­ri­sche Mu­sik (Da­vid­son Ja­co­nel­lo) als auch durch das fla­ckernd-hyp­no­ti­sche Far­ben­spiel (Lu­kas Ma­ri­an), die ei­ne Art Schwe­be­zu­stand kre­ieren. 

Ver­stärkt wird dies durch die Be­we­gun­gen der (mas­kier­ten) Tän­zer:in­nen, die zwi­schen tran­ce­haf­ter Ver­sen­kung und erup­ti­vem Kämp­fen, zwi­schen flüs­tern­der Zart­heit und re­pe­ti­ti­vem Rin­gen, chan­gie­ren. Es ist ei­ne Spra­che der Kör­per, die zer­ris­sen und zu­gleich flie­ßend wirkt, die sich über­la­gert, wie­der­holt, wie Wel­len der Er­in­ne­rung und des Ver­ges­sens. Und auch wenn der os­zil­lie­ren­de Kampf den Kör­per im­mer wie­der auf die Knie zwingt, so sind die Um­ar­mun­gen wie flüch­ti­ge Mo­men­te der Har­mo­nie.

“That’s the way we li­ke it!”

Wäh­rend in der ers­ten Hälf­te des Dop­pel­abends ei­ne träu­me­ri­sche Zwi­schen­welt do­mi­niert, wird das Pu­bli­kum nach der Pau­se be­reits von den Tän­zer:in­nen auf der Büh­ne er­war­tet und scho­nungs­los mit der Rea­li­tät kon­fron­tiert: im of­fe­nen Büh­nen­raum, bunt-pop­pig ge­klei­det (Mi­kae­la Kel­ly) ste­hen die Tän­zer:in­nen wie an­ge­wur­zelt zu­sam­men, bis ein Me­tro­nom den Takt setzt, der sich in ein stram­mes Schritt­ge­räusch und dann zu ei­nem kräf­ti­gen Tech­no-Beat ver­schärft (Ba­si­le Ros­se­let). 

An­fangs noch ma­rio­net­ten­haft uni­form, be­gin­nen die ein­zel­nen In­di­vi­du­en lang­sam aus­zu­bre­chen. Und die Hem­mun­gen fal­len schnell und mit den Klei­dern zu Bo­den. Ki­yan Khoshoie ent­wirft ein rhyth­misch-er­fri­schen­des Ta­bleau mensch­li­cher Al­lü­ren zwi­schen Au­then­ti­zi­tät und wil­den Mo­ves, zwi­schen Hin­ga­be und Un­si­cher­heit. Ei­ne rausch­haf­te Ent­äu­ße­rung, die zwi­schen Par­ty und Be­frei­ungs­ri­tu­al pul­siert und die durch das Sin­gen oder Schrei­en be­rühm­ter Songzei­len der Tän­zer:in­nen ei­ne wei­te­re, im­ma­nen­te und zu­gleich iro­ni­sche Di­men­si­on auf­macht.

Bei­de Stü­cke sind in sich selbst an­spruchs­voll. Doch oh­ne das Herz­blut und den spür­ba­ren Zu­sam­men­halt der Tän­zer:in­nen der Kom­pa­gnie wä­re es kaum mög­lich, das Pu­bli­kum so in die Span­nungs­fel­der zu in­vol­vie­ren. Ein Dop­pel­abend, der ein­drucks­voll zeigt, wie Tanz Räu­me öff­nen und Gren­zen ver­schie­ben kann.

Swiss Mix: 26. Sep­tem­ber, 20 Uhr, LOK St.Gal­len. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen bis 6. No­vem­ber.

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