Riesenschritte für den Tanznachwuchs
Streetdance trifft Theater: Mit Giant Steps wagt die junge Kompanie Remi Demi grosse Schritte – künstlerisch wie persönlich. Die erste von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau geförderte Koproduktion mit dem Phönix Theater feiert jetzt Premiere in Steckborn.
Nicht aufgeben, auch wenn der Weg nicht immer einfach ist – das ist eine Botschaft des neuen Tanzstücks Giant Steps der Kompanie Remi Demi. (Bild: Marie Rheinländer)
Der rote Gummiboden, der die Bühne bildet, erinnert an einen Sportplatz. Das gehöre zur Bildsprache des Stücks Giant Steps, wie Jana Dünner vor Probenbeginn erklärt. Sie ist Co-Choreografin und Mitbegründerin der seit 2023 bestehenden Tanzkompanie Remi Demi, mit der sie diese Koproduktion mit dem Phönix Theater umsetzt. «Auf dem Sportplatz hat man früher vielleicht einmal Fussball gespielt», sagt sie. Diese sportliche Thematik ziehe sich durch die Ästhetik des Tanzstücks.
Ariana Qizmolli, ebenfalls Co-Choreografin, beschreibt die Bedeutung des Fussballs, der bei Giant Steps als Requisite eine eigene Rolle spielt: «Vielleicht hat ein kleiner Bub einmal davon geträumt, später Profi-Fussballer zu werden.» Das Bühnenbild ziehe eine Verbindung zur Kindheit – eine Zeit, in der wir noch nicht so viel nachdenken mussten und Träume noch mehr Platz hatten, so die aus Münchwilen stammende Tänzerin.
Ariana Qizmolli (links) und Jana Dünner sind für die Choreografie von Giant Steps verantwortlich. (Bild: Judith Schuck)
Träume wahr werden zu lassen – darum geht es in Giant Steps. «Wir stellen Fragen wie: Wann habe ich mich das letzte Mal getraut, einen grossen Schritt zu machen? Was bedeutet für mich ein grosser Schritt? Wem begegnest du dabei, und wie fühlt es sich an, ein grosses Ziel zu erreichen?», erläutert Qizmolli.
Die Mitglieder von Remi Demi haben diesen Schritt gewagt – und sich ihren Traum erfüllt, Tänzer:innen zu werden. Die beiden Co-Choreografinnen arbeiten im Prozess eng mit den neun Tänzer:innen zwischen 23 und 30 Jahren zusammen. «Ariana und ich haben viel Material im Studio entwickelt», sagt Jana Dünner, «aber das Stück gibt auch ausreichend Raum für die Ideen der Tänzer:innen und für Improvisation.» Wichtig sei ihnen, mit einem klaren Bild zu kommen.
«Uns ist es ein Anliegen, Streetdance authentisch auf der Theaterbühne zu repräsentieren», sagt Dünner, die ursprünglich aus Bürglen stammt und in Zürich an der Höheren Fachschule (HF) zeitgenössischen Tanz und Streetdance studierte. Zwar seien einige aus der Kompanie aktiv in der Szene – bei Battles, im Breaking oder Hip-Hop –, andere hätten eine Tanzausbildung absolviert, wodurch auch zeitgenössische Einflüsse vorkämen. «Aber Streetdance ist immer noch unterrepräsentiert», betont Dünner. «Viele verstehen die Daseinsberechtigung dieser Kunstform auf einer Bühne noch nicht.» Darum hätten sie grossen Respekt vor der Chance, diese Disziplin als geförderte Koproduktion im Phönix Theater zeigen zu dürfen.
Die Koproduktion ist ein neues Förderformat für Thurgauer Tanzschaffende, das von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau und dem Phönix Theater ausgeschrieben wird. «Dafür hatten wir ein dreijähriges Try-out», sagt Theaterleiterin Julia Sattler, die sich sehr über diese Möglichkeit freut. Die Bewerbungsfrist für die dritte Ausschreibung ist gerade abgelaufen. Die Idee der Koproduktion sei im Gespräch mit Stefan Wagner entstanden. Er ist Geschäftsführer der Kulturstiftung des Kantons Thurgau und möchte neue Wege der Kulturförderung ausprobieren. Durch die Koproduktion könne man einer Gruppe viel mehr geben als nur einen Auftritt, ist Sattler überzeugt. «Früher haben wir kurzfristig bei Sachleistungen, Gagen, Proben und Infrastruktur unterstützt. Jetzt können wir uns längerfristig mit unserem Wissen in die Proben einbringen und auch finanziell unterstützen.» Koproduktion bedeute eine kontinuierliche finanzielle, inhaltliche, räumliche und bei Bedarf auch personelle Förderung.
Giant Steps wird die erste Aufführung dieses Förderformats; die zweite Koproduktion folgt bereits im Herbst 2026. Zu dieser zeitlichen Verschiebung kam es durch den Rücktritt von Carina Neumer aus der Co-Leitung. Seit Sommer 2024 führt Julia Sattler das Phönix Theater alleine. Nun geht es dafür zügig voran.
Die dreiköpfige Jury bilden Julia Sattler, Lea Moro, Choreografin und Stiftungsrätin der Kulturstiftung Thurgau, sowie Serge Honegger. Er war unter anderem von 2020 bis 2024 Dramaturg beim Bayerischen Staatsballett und ist als Kulturmanager tätig. Das gesamte Dossier, das die junge Tanzkompanie Remi Demi einreichte, sei in sich stimmig gewesen, sowohl qualitativ als auch inhaltlich, begründet Sattler den Juryentscheid.
Die Co-Choreografinnen Ariana Qizmolli und Jana Dünner stammen aus dem Thurgau, ebenso Giulia Esposito, die für Kostüm und Design mitverantwortlich ist. Nachwuchsförderung und Thurgau-Bezug seien damit gegeben.
Anderthalb Jahre vor der Premiere erhält die jeweilige Kompanie die Zusage. «Wenn die Finanzierung nicht ausreicht, müssen wir uns noch einmal zusammensetzen», sagt Julia Sattler. Gerade im Tanz seien mehrere Kunstschaffende involviert. «Uns ist wichtig, dass die Bewerber:innen zusätzliche Geldgeber an ihrer Seite haben.»
Remi Demi konnte durch ein Fundraising weitere Sponsoren gewinnen. «So eine Koproduktion kostet grosse Summen», sagt Jana Dünner. Die Förderung der Kulturstiftung Thurgau trage rund ein Viertel der Gesamtkosten und belaufe sich auf 40’000 Franken. «Sie bildet aber den Boden und macht es leichter, Gelder von weiteren Stiftungen zu erhalten.» Diese Summe wird der Kompanie direkt zugesprochen. Hinzu kommen die räumliche, technische, beratende und dramaturgische Unterstützung durch das Phönix Theater.
Julia Sattler ist mit der Tanzkompanie Remi Demi, die sich erst 2023 aus Tänzer:innen aus der Umgebung von Zürich und Bern gegründet hat und sich bereits 2024 um das Stipendium bewarb, äusserst zufrieden: «Sie sind sehr organisiert und strukturiert in ihrer Zusammenarbeit.» Am 25. Januar begann die intensive Probewoche. Dann werde es jeweils am emotionalsten und aufwühlendsten, weiss Sattler. «Remi Demi haben sich sehr viel vorgenommen. Aber das Stück hat uns überzeugt und passt.» Ihr gefällt die Botschaft von Giant Steps: Verfolge deine Ziele! «Es ist das erste Mal, dass eine Nachwuchskompanie im Thurgau eine solche Chance bekommt.»
Kurz vor 10 Uhr trudeln die Remi-Demi-Tänzer:innen nun jeden Morgen zur Probe im Phönix Theater ein. Ihr Arbeitstag dauert bis 17 Uhr. Ariana Qizmolli und Jana Dünner schwärmen von ihrer Kompanie: «Sie nehmen neue Bewegungen auf wie Schwämme. Es ist ein sehr physisches und anstrengendes Stück. Aber sie sind dem mehr als gewachsen.»
Das Interesse am Ergebnis ihrer harten Arbeit ist gross: Die Uraufführung am 7. Februar ist bereits ausverkauft.
Giant Steps: Samstag, 7. Februar, 19.30 Uhr (Premiere, ausverkauft), und Sonntag, 8. Februar, 17 Uhr, Phönix Theater, Steckborn; Freitag, 6. März, 19 Uhr, und Samstag, 7. März, 20 Uhr, Jungspund Theaterfestival, Lokremise, St.Gallen. remidemi.ch
Dieser Beitrag ist zuerst auf thurgaukultur.ch erschienen.
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