Als Zwilling springt einen die Ankündigung natürlich direkt an: Twin Thing heisst das Stück, ein Zweier-Tanzabend rund ums Zwillingsein. Entwickelt worden ist er von zwei jungen St.Galler Kunstschaffenden, die wissen, wovon sie reden: Die Tänzerin Juliette Uzor und der Figurenspieler Sebastian Ryser sind beide als Zwillinge aufgewachsen.
Vom Eins-Sein zu zweit
Im weiten Raum der Lokremise zwei Figuren in grossem Abstand: sie ganz hinten mit dem Rücken zum Publikum, er vorn mit Blick zu uns. Sie singt hinten, er bewegt vorne seine Lippen mit. Die Melodie verbindet auf Distanz, hörbar und sichtbar – ein erstes starkes Bild vom Eins-Sein zu zweit.
Weitere solche Bilder folgen, auf die Bühne gebracht mit unspektakulärer Präsenz. Juliette Uzor und Sebastian Ryser lassen sich Zeit, fügen Szene an Szene mit klugen Übergängen. Gleichheit und Verschiedenheit sind das Thema, durchgespielt in heiteren und ernsten Variationen. Bewegungsmuster werden kopiert, variiert, adaptiert, befreit zu etwas Eigenem, das wieder auf den anderen abfärbt. Füsse gehen im Gleichschritt, dann separat, leicht verschoben, wieder miteinander, auf Sohlen oder auf Zehen. Spiegel trennen und verdoppeln.
Probenbild aus Twin Thing.
In einer innigen Szene bemalt eine Hand einen Fuss mit blauer Farbe, eine zweite Hand kommt hinzu, ein zweiter Fuss, man weiss nicht, was zu wem gehört. Die Füsse verdoppeln sich, dann die Hände, am Ende stapeln sich Füsse und Hände zu einem blauen achtteiligen Turm auf. Die Szene ist voll Humor und Sinnlichkeit – und der blaue Fuss, hier der linke und dort der rechte, bleibt blau bis zum Schluss des Stücks.
Ein andermal tanzt Juliette Uzor ihrem Zwilling alle möglichen Tänze vor, ein bald virtuoses, bald ungeschicktes, mal stockendes und mal auftrumpfendes Werben. Ihr Lachen steckt ihn an, es steckt auch das Publikum an, und unversehens kippt das Lachen ins Heulen, bei ihr, dann bei ihm, abwechselnd – «Twin Things», Zwillingsangelegenheiten haben es an sich, dass nicht immer zusammenkommt, was man sich zusammenwünschen würde.
So endet das halbstündige Kurzstück denn auch. Die beiden gehen ihren Weg, mal für sich, mal miteinander. Den Takt gibt der legendäre Satz von Gertrude Stein her, den die beiden vor sich her sagen: «rose is a rose is a rose». Der Satz kann Zwillinge in Identitäts-Wirren stürzen, weil «gleich» bei ihnen gerade nicht «gleich» heisst. Hier, in dieser traumwandlerisch präzis gesetzten Weg-Choreografie, ist das Gleiche um Nuancen gleicher und der Andere zum Verwechseln anders.
Geboren aus der Asche
Micha Stuhlmann braucht niemanden neben sich. Die im Thurgau arbeitende Performerin trägt in ihrem neuen Stück eine ganze Welt allein auf ihren Schultern. Ich esse deinen Schatten spielt in einer archaisch anmutenden Urzeit, im Schöpfungsmythos spielen Asche und Nacht eine zentrale Rolle. Das Wesen, das sich ans Licht reckt, halb Mensch halb Tier, kommt auf die Beine, lockt und droht, spricht ein unsichtbares Gegenüber an in rätselhaften Traumsätzen.
Asche und Wasser, in zwei Kübeln deponiert, und zehn knochige Stäbe, mit denen sich die Finger grotesk verlängern lassen: Das sind die minimalen Requisiten. Die Kraft des Ausdrucks steckt in der Mimik, im zuckenden, schlängelnden, sich den Elementen Asche und Wasser hinwerfenden Spiel von Micha Stuhlmann.
Knochiges Urwesen: Szene aus Ich esse deinen Schatten.
Atmosphärisch mitbewegt wird das Urwesen von Gitarrist Beat Keller mit konzentrierten, mal sphärischen, mal rabiat gewitternden Klängen. Seine Musik ist Kommentar und Motor in einem – kein «Schatten», sondern ein sehr körperlicher Partner auf Augenhöhe.
Auf Tour bis 10. Dezember
Twin Thing und Ich esse deinen Schatten sind zwei von sechs Produktionen des diesjährigen Festivals Tanzplan Ost, das in Winterthur, St.Gallen, Herisau, Zürich, Triesen, Schaffhausen, Appenzell und Steckborn Station macht. Alle zwei Jahre bietet der Tanzplan einen Querschnitt durch die zeitgenössische Tanzszene, an den jeweiligen Aufführungsorten mit je wechselnden Programmen. Die weiteren Produktionen stammen vom Tanzkollektiv The Field, der Cie. Horizon Vertical, Cosima Grand und Reut Shemesh. Den Förderpreis des Festivals erhielt die St.Galler Choreografin Elenita Queiroz.
Termine: 20. November Lokremise St.Gallen, 21. November Tanzraum Herisau, 27.-29. November Tanzhaus Zürich, 2. Dezember Gasometer Triesen, 4. Dezember Kammgarn Schaffhausen, 5. Dezember Ziegelhütte Appenzell, 10. Dezember Phönix Steckborn.
tanzplan-ost.ch
Die diesjährige Ausgabe hat sich ein Überthema gesetzt: Peripherie und Zentrum. Das birgt Zündstoff bei einem Festival, das gemeinsam veranstaltet und finanziert wird von Kantonen mit einer Tanzmetropole wie Zürich und von Ostschweizer Regionen, die eher als tänzerisches «Entwicklungsgebiet» gelten.
Mit Uzor/Ryser und Stuhlmann/Keller zeigt sich aber exemplarisch, dass eigenständige Tanzkunst auch an den Rändern gedeihen kann. Und der das Festival begleitende Dancewalk von Foofwa d’Imobilité verband seinerseits Peripherie und Zentrum.
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