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Räume her für die Freien!

Das Theater St.Gallen muss saniert werden. Und die freie Tanz- und Theaterszene? Fragen an ihre Protagonisten und zwei Forderungen: mehr Platz in der Lokremise, bitte, und endlich ein Haus für die «vierte» Sparte.
Von  Peter Surber

Die Internationale Bodenseekonferenz veranstaltet im April ein Forum zur Lage der «Freien». Und hat dafür eine Liste der Namen, Ensembles und Veranstaltungsorte aus der freien Theater- und Tanzszene zusammengestellt. Allein in der Stadt St.Gallen sind es etwa ein Dutzend Nennungen, fast ebenso viele im Thurgau, der traditionellerweise eine starke freie Szene hat, dafür kein «grosses» Theater – dafür müssen die Thurgauer Theaterfreunde bekanntlich nach St.Gallen, Konstanz oder Bregenz ausweichen.

Die freie Szene blüht. Und sie darbt zugleich. Gisa Frank, Tanzschaffende in Rehetobel, Choreografin, Mitinitiantin der IG Tanz Ost und frühere Leiterin des Festivals Tanzplan Ost, sagt es schlicht, und sie sagt es seit vielen Jahren: «Die performativen Künste, Tanz, Theater und Performance, brauchen eine Bühne. Und sie brauchen Raum zum Proben und Produzieren.»

Wer alles da ist… und wo überall gespielt wird

Ann Katrin Cooper und Tobias Spori vom Panorama Dance Theater.

Zum Beispiel Ann Katrin Cooper und Tobias Spori. Sie leiten gemeinsam das Panorama Dance Theater, eine Kompagnie mit wechselnden Besetzungen an wechselnden Spielorten. Fälensee, Volksbad, Kletterhalle hiessen die Locations, «Episodes culturels» nennt sich eine ihrer Projektreihen mit Projekten an theaterfremden Örtlichkeiten. 2017 haben Cooper und Spori zudem die Lattichhalle im Güterbahnhofareal kuratiert. Ihre Kurzfassung der Situation: «Es bräuchte ein echtes Ja zu einem Raum für die Freien.»

Theater Jetzt: Oliver Kühn.

Zum Beispiel Oliver Kühn: Unter dem Namen Theater Jetzt spielt er seit 20 Jahren ortsspezifisch entwickelte Stücke von Beizen bis zu Theatersälen. Kühn sagt: «Theater Jetzt ist ein Nischenbetrieb, der sich genau diese ‹Not› zur Tugend gemacht hat und dort spielt, wo sonst kein Theater stattfindet.»

Gisa Frank. (Bild: Christian Glaus)

Zum Beispiel Gisa Frank: Ihre Projekte entstehen oft draussen, auf den Appenzeller Hügeln, am See, auf Feldern und an Strassen. Ein Aufführungsort in der Stadt, ein Werkhaus auf dem Land – damit wäre sehr viel gewonnen für die Freien.

Le Petit Cabaret Grotesque: die Theater Compagnie Buffapier.

Zum Beispiel die Cie Buffpapier: Sie produziert ihr Cabaret Grotesque an unterschiedlichen Orten, letzten Sommer stand ihr Zelt auf der Kreuzbleiche. Stéphane Fratini, einer der drei «Buffpapiers», sagt: «In St.Gallen ist eine ganze Reihe von seriösen Kompagnien am Arbeiten. Die Lokremise ist für uns zu – es braucht einen anderen Ort.»

Zum Beispiel Michael Finger: Der in Trogen wohnende Filmemacher, Theatermann und Musiker hat für seine Truppe, den Cirque de Loin, ein eigenes Zelt erworben und 2017 darin ein mehrwöchiges «Estival» auf die Beine gestellt.

Cecilia Wretemark (House of Pain).

Oder schliesslich die Tanzensembles Rotes Velo und House of Pain, gegründet von ehemaligen Mitgliedern der Tanzkompagnie von Marco Santi am Theater: Sie spielen zumeist in der Grabenhalle St.Gallen. Diese beherbergt auch regelmässig Gastspiele auswärtiger Ensembles und wird geschätzt – aber sie ist bekanntlich nicht nur Theatersaal, sondern auch Konzertlokal und «Halle für alle». Und steht damit selten zur Verfügung für das, was Tanz und Theater brauchen: eine mehrtägige Probe-Intensivphase vor der Premiere.

Diese unvollständige Aufzählung zeigt: Die Szene lebt, sie funktioniert nomadisch, einfallsreich, nischentauglich – sicher aus Lust, aber auch aus der Not, kein Haus zu haben. Für eine Stadt von der Grösse St.Gallens, die sich als Metropole versteht, müsste ein Haus für die Freien, ein zweites richtiges und ausreichend subventioniertes Theater neben dem Theater, eine Selbstverständlichkeit sein, sagt Oliver Kühn im Saiten-Interview im Februarheft.

Und die Lokremise?

«Die Lokremise ist zu für die Freien»: So heisst die häufig gehörte Kritik. Die aktuellsten Beispiele: Buffpapier hat früh eine Anfrage für seine nächste Produktion lanciert, Frühling 2019 sollte es sein – aber da gab es kein Zeitfenster für «mindestens vier Tage», wie Stéphane Fratini sagt: die Minimalspanne, um ein Stück vor Ort aufführungsreif zu machen. Das Panorama Dance Theater konnte sich für sein nächstes Stück mit der Lokremise nicht auf einen Termin einigen – die Premiere findet im Mai in der Grabenhalle statt.

Die Lokremise war für viele Freie ein Hoffnungsträger. Damals, 2008 vor der Abstimmung zur Renovation, habe es eine Solidarisierung unter freien Theaterleuten gegeben, sich für ein Ja einzusetzen, erinnert sich Stéphane Fratini. Die offiziellen Versprechen, das künftige Kulturzentrum zum «offenen Haus» zumachen, blieben allerdings schon damals vage.

Im Bericht zur Abstimmung hatte die Regierung festgehalten: Partnerinstitutionen der Lokremise-Stiftung seien Konzert und Theater St.Gallen, das Kinok, das Kunstmuseum und der Gastrobetrieb. Darüber hinaus könnten die Räume «für die unterschiedlichsten Anlässe aus den Bereichen Kultur, Bildung, Politik und Wirtschaft genutzt werden.»

In den ersten Planungen waren neben dem Kunstmuseum auch visarte.ost und ihr Ausstellungsraum nextex, die Kunsthalle und das Sitterwerk mitgedacht. Schliesslich übernahm das Kunstmuseum die alleinige Führung der «Kunstzone» – die Diskussion um deren Nutzung ist bis heute nicht verstummt.

Im Februarheft 2017 von Saiten, das der neuen Sammlungspräsentation des Kunstmuseums gewidmet war, forderten mehrere Künstlerinnen einmal mehr eine Öffnung des Programms, am vehementesten Anita Zimmermann: «Ich bin die Leila Bock, und ich will die Lok.» Der Appell wurde gehört, aber nicht erhört.

Ähnliche Debatten finden seit der Eröffnung der Lokremise am ominösen 11. September 2010 auch um die beiden Theatersäle statt. Auf der Hollywood-Tafel hin zu den Gleisen stand an jenem Tag in grossen Lettern: ERÖFFNUNG FÜR ALLE. Und auf dem Einladungsflyer titelte Regierungsrätin Kathrin Hilber keck: «Offen für alles – jederzeit – fast immer». Das stimmte dann allerdings von Beginn weg nur teilweise.

Fürs erste Betriebsjahr dokumentierte die damalige Leiterin Kati Michalk zwar eine beträchtliche Zahl von Drittnutzungen – doch von den 133 Aufführungen im Bereich Schauspiel, Tanz und Oper entfielen gerade einmal 17 auf externe Gruppen (fast alle auf die Open-Opera-Produktion Rüdisüli in der Oper). Das übrige Programm bestritt das Theater St.Gallen, hinzu kamen Konzerte, Kongresse, Feste etc.

Auf intensive Drittvermietung beruft sich auch jetzt, im inzwischen achten Lokremise-Jahr, Theaterdirektor Werner Signer im Saiten-Interview. Und Mirjam Hadorn, die neue Geschäftsführerin, belegt mit Zahlen: 2017 gab es in den beiden Theatersälen in der Lokremise knapp 40 Gastspiele mit insgesamt knapp 8000 Besucherinnen und Besuchern.

Darunter waren (mehrfach) Olli Hauenstein mit seinem Clown Syndrom, das Panorama DanceTheater mit The Wisdom of the Crowd, Micha Stuhlmanns Performance Beine baumeln himmelwärts oder aus Zürich das Theater 58 und das Experi-Theater. Konzerte und freie Tanzabende von Lindy-Hop mit den Sitterbugs bis «Christmas Feeling» kamen hinzu.

Das Theater St.Gallen bot seinerseits (in der Spielzeit 2016/17) insgesamt 84 Vorstellungen mit rund 7000 Besucherinnen und Besuchern. Allerdings beansprucht es die Lok auch für die Proben dieser Produktionen – mangels Proberaum im eigenen Theater.

Mirjam Hadorn liegt daran, «Transparenz zu schaffen». Tatsächlich sei die Hallenvermietung von der Disposition des Theaters St.Gallen abhängig, das der Hauptmieter der beiden Säle ist – «und das braucht manchmal Geduld». Auf der anderen Seite sei es «nicht immer einfach mit den Freien», was deren Verlässlichkeit betrifft.

Und die Stiftung sei darauf angewiesen, die Säle möglichst oft zu vermieten, denn: Subventionen (vom Kantonsrat 2013 erst noch halbierte) gibt es einzig für das Kunstmuseum und dessen Programm in der Kunstzone. Im übrigen ist die Stiftung Lokremise nicht subventioniert, ihre Tätigkeit und die Löhne (350 Stellenprozente in Verwaltung und Technik) müssen aus den Einnahmen finanziert werden.

Für junge Spunde:
Jungspund findet vom 21. Februar bis 3. März erstmals in St.Gallen statt, als nationales Festival für Theater für ein junges Publikum. Zwölf Inszenierungen sind zu sehen, die freie Szene geht Hand in Hand mit grossen Häusern. Das Festivalzentrum in der Lokremise mit Café und Bar ist täglich geöffnet. Mehr hier.
jungspund.ch

Zum «Problem» der Lok gehört nicht zuletzt ihre Attraktivität: Bis Ende Oktober 2018 gebe es nur noch einzelne freie Termine nach den Sommerferien, und ab Frühling 2019 sind die Planungen gebremst wegen des geplanten Theaterumbaus. Längere «Zeitfenster» haben in jüngerer Zeit der Tanzplan Ost (mit zweimal drei Wochen) oder jetzt im Februar das Kinder- und Jugendtheater-Festival Jungspund (für zehn Tage) zugesprochen erhalten. Beide sind «Hybride» zwischen freier Szene und Theater St.Gallen. Kooperationen wie jetzt für das Jungspund-Festival sieht Hadorn als Idealfall an.

Ein Fenster für die Freien?

Warum aber kein regelmässiges «Fenster für die Freien» – zum Beispiel je drei Wochen im März und im Oktober, in denen nicht das Theater Priorität hat, sondern alle anderen? Mirjam Hadorn hält das Modell für möglich, eine solche Sperrzeit wäre zumindest ein klares Angebot an die Freien – «vielleicht schaffen wir das vor dem Zehn-Jahr-Jubiläum».

Das Stiftungsreglement legt allerdings die Nutzerhierarchie unzweideutig fest: Vortritt haben die Partnerinstitutionen, dann folgen Veranstaltungen von mit ihnen verbundenen Organisationen (zum Beispiel Sponsoren), erst danach kulturelle Drittveranstaltungen, schliesslich Anlässe der Wirtschaft etc.

IBK-Kulturforum «Freie Szene»: 27. April, 13 bis 19 Uhr, Spielboden Dornbirn

Mirjam Hadorns Fazit: «Die Frage von Räumen für die freie Tanz-, Theater- und Musikszene muss geklärt werden – aber nicht auf dem Buckel der Lokremise.» Ähnlich äussert sich auch Kathrin Lettner, seit Anfang Jahr Präsidentin der Stiftung Lokremise. Im Vergleich zu dieser sei ein neuer Spielort wie die Lattichhalle offener und flexibler, kostengünstiger und planerisch weniger komplex zu betreiben als die Lok – «ich hoffe, dass sich dort etwas entwickelt, was für die Szene attraktiv ist».

Diese Hoffnung sehen, bei aller Zuneigung zur Lattichhalle, nicht alle gleich rosig. Ann Katrin Cooper erinnert mit den Erfahrungen aus dem Lattichbetrieb 2017 daran, dass die Halle «nicht isoliert, nicht ausgestattet und nicht langfristig planbar ist». Und Oliver Kühn sagt: «Bei den Freien hat man sich in St.Gallen offenbar auf den Usus geeignet, dass sie sich bis ans Ende ihrer Tage mit Provisorien und Zwischennutzungen zufrieden zu geben haben.»

Dieser Text erschien im Februarheft von Saiten.

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