Ein Piratenschiff am Bodenseeufer
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Die Piratencrew von Captain Vane (Giuseppe Spina, oben Mitte): (v. r.) Quartiermeister Rackham (Tommy Müller) mit Pavian Rose (Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger), die Piratinnen Bonny (Moira Albertalli) und Read (Julia Barth), ein weiteres Crewmitglied (Norina Makia) und das Schankmädchen (Lotta Forster). (Bild: pd/Ilja Mess)
Wahrscheinlich noch nie hat der Bodensee so direkt mitgespielt wie in Die Legende von Anne Bonny. Noch in keiner Inszenierung des See-Burgtheaters lieferte er so sinnig das Setting wie in der Piratinnengeschichte um die historische Anne Bonny. Wenn es sich ohne Weiteres von 2026 ins Jahr 1720 switchen lässt, kann der Bodensee auch zur Karibik werden. Ist schliesslich Sommertheaterzeit auf der Kreuzlinger Seebühne im Seeburgpark.
Die Girlies, die neben dem Bühnenaufbau mit dem auseinandergebrochenen Schiffsrumpf ihre Handys bearbeiten, sind entsprechend auch keine Kids, die sich weigern, das öffentliche Bodenseeufer fürs Theater freizugeben. Sie sind vielmehr diejenigen, denen das Leben der Piratin Anne Bonny buchstäblich eine Lehre sein soll. Nicht weil diese als Mann verkleidet räuberte und mordete, was im Skript von Simon Engeli und Rahel Wohlgensinger etwas zu nebenbei abgehandelt wird, sondern weil sie ihr Leben selbstbestimmt in die Hand genommen hat.
Es geht in diesem Prolog gleich los mit dem pfiffigen Witz in der Tradition des See-Burgtheaters. Der einstimmige spitze Aufschrei der Mädchen-Gang, als die Erzählerin ein Handy mit ihren Absätzen zertrümmert, ist von feinstem Humor. Irgendwie lassen sie sich aber doch bezirzen von der Alten, die den gesamten Abend moderieren wird. Sabina Deutsch macht das so raffiniert, dass sie nicht nur die Kids, sondern auch das Publikum an die Angel kriegt.
Die Geschichte, die Engeli und Wohlgensinger um die historische Figur der berühmten Piratin gesponnen haben, dürfte weitgehend fiktiv sein. Das wenige Bekannte wird in kurzen Szenen erzählt. Anne ist die Tochter eines unverheirateten Paares, das, um der gesellschaftlichen Ächtung in Irland zu entkommen, in die Neue Welt auswandert. In kleinen, wechselnden Szenen vor einer weissen Wand ist man schnell da, wo die Geschichte hinwill: als Anne, anstatt sich in graziöser Haltung und schwebendem Gang zu üben, Fechtunterricht nimmt und mit dem Halunken James Bonny durchbrennt. Georg Melich ist hier und in seinen weiteren Rollen sehr präsent.
Es ist von Anfang an viel los in der von Unterhaltungswillen geprägten Inszenierung von Simon Engeli, die sämtliche Register zieht, die ein Sommertheater aufzubieten hat. Da rumst und explodiert es am laufenden Band, Flammen lodern, man fetzt sich per Schwert und Degen, laustarke Saufgelage inklusive. Die wunderbare Moira Albertalli (und alle anderen) muss ein gewaltiges Stimmvolumen beweisen, zuerst, um ihren treulosen Ehemann zum Teufel zu jagen, und dann, um auf dem Piratenschiff «Dragon» als Mann glaubwürdig zu sein.
Könnte einem ein bisschen zu viel Action werden, wenn da nicht immer wieder diese Szenen wären, die mit Witz und Gefühl das ganze Getöse einfangen. Allem voran der Pavian Rose, eine annähernd lebensgrosse Handpuppe mit dem bekannten Pavianhinterteil und ansonsten allem, was zu einem Pavianmann gehört. Ein Meisterwerk des ironischen Realismus.
Rahel Wohlgensinger ist wieder der Mensch, der toter Materie auf verblüffende Weise ins Leben verhilft und ihr auch noch einen Dreh hin zur Realsatire mitgibt. Wertschätzende Wortwahl ist Roses Kennzeichen («Lass uns da mit ein bisschen mehr Leichtigkeit draufschauen, ja?»), ganz im Kontrast zu dem durchaus authentischen Paviankopf und seinen spitzen Zähnen. Vielleicht ist es sogar ein nur vordergründig lustiges Bild für eine Natur, die nur scheinbar fest im Griff der Zivilisation ist.
Um die Zivilisation ist es auf einem Piratenschiff nicht gut bestellt. Mit unglaublicher akrobatischer Körperlichkeit bespielt das Ensemble vom Deck bis zum Mast dieses auseinandergebrochene Bühnenschiff, in dem Bühnenbildner Damian Hitz eine Flanke für die Band von Eva Wey «freigeschossen» hat, die mit ihrem Irish Folk sämtlichen emotionalen Höhen und Tiefen des Abends den entscheidenden musikalischen Kick versetzt.
Ein wirkliches Pfund, weil durch die Episodenhaftigkeit vor der Pause der erzählerische Zusammenhalt verlorenzugehen droht. Der Ehrgeiz, möglichst viel reinzupacken, ermöglicht allerdings dann auch wieder so Unerwartetes wie das Gitarrensolo von Giuseppe Spina als Captain Vane mit Allongeperücke. Joachim Steiner und Maria Sala unterstreichen mit ihren Kostümen und Masken subtil die Tendenz der Inszenierung hin zur Commedia dell’arte.
Anne Bonny (Moira Albertalli) und Mary Read (Julia Barth) ganz hoch oben vor sagenhafter Himmelskulisse. (Bild: pd/Ilja Mess)
Nach der Pause zieht es erzählerisch an. Da ist der tragisch-lustige Quartiermeister Rackham von Tommy Müller, der nichtsahnend in den Piraten Bonny verliebt ist und, wieder umwerfend, von Pavian Rose für sein Outing gecoacht wird («Schliesse deine Augen, spüre in dich hinein.»). Dann vielleicht der Dialog des Abends, als hoch oben im «Krähennest» die Piraten Bonny und Read – Julia Barth ist als weiblicher Haudegen sehr überzeugend – sich gegenseitig als Frauen zu erkennen geben. Eine Insel der Besinnung inmitten der ganzen Turbulenzen.
Die dann aber wieder das letzte Wort haben und mit der grandiosen Slow Motion vom Fechtkampf am Seil auch wieder durch Originalität und grosses Können auffallen. Tamara Kaufmann hat die Schauspielenden trainiert und spielt auch mit. Dem melancholischen Abschiedslied, das Moira Albertalli wunderschön für ihre sterbende Bühnengefährtin singt, muss man sich einfach hingeben.
Anne Bonny und Mary Read, zwei Frauen, die sich in die Männerwelt eingeschlichen haben und dort ihre Frau stehen. Ob sie in den Girlies vom Anfang als Vorbilder weiterleben, wie es die Erzählerin behauptet, da könnte man in Zweifel geraten. Zunächst ist den Digital Natives aber sowieso wichtiger, dass sie ihre Handys wiederkriegen.
Das Premierenpublikum applaudierte begeistert, die Kritikerin ebenfalls insbesondere für die grandiose Ensemble-Leistung, wobei ihr in der Inszenierung die Emanzipationsgeschichte ein bisschen zu kurz gekommen ist.
(Dieser Text erschien am 13. Juli auf Thurgau Kultur.)
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