Wer ist die ukrainische Diaspora?
Ich weiss noch, wie ich gerade nach meiner Ankunft in der Schweiz völlig erstaunt war über die Menschen, die in einer Kollektivunterkunft gelandet waren. Ich war nicht bloss erstaunt, ich war geschockt. Denn was ich dort sah, war meilenweit entfernt von den Menschen, die tatsächlich in der Ukraine leben und arbeiten.
Stellt euch nur vor: Ich habe viele Freund:innen – Schriftstellerinnen, Tangolehrer, öffentliche Intellektuelle, Ärztinnen –, die einfach zur Waffe griffen und als Freiwillige in den Krieg zogen, als der Nachbarstaat uns überfiel. Das sind Menschen, die im zivilen Leben sehr bekannt sind. Menschen, die ihre Bücher an der Frankfurter Buchmesse vorstellen. Und die Poster jener von Russland ermordeten Schriftsteller:innen mitbringen. Eines von Wika Amelina zum Beispiel. Sie steht bis heute auf meiner Facebook-Freundesliste. Genauso wie die getöteten Maksym Kryvtsiv, Wolodymyr Wakulenko … Und wer noch lebt – etwa Artur Dron oder Artem Tschapaj –, schreibt täglich über den Kriegsalltag. Mitten im Dienst. Das sind die Bekannten.
Meine «gewöhnlichen» Freunde sind Programmierer:innen, Ingenieur:innen, Journalist:innen, die ebenfalls gerade «den Beruf gewechselt» haben. Das sind Menschen, die von den ersten Tagen an zur Verteidigung ihrer Heimat antraten.
Doch hier, in der Schweiz, sah ich etwas ganz anderes. Etwas, das ich nicht einmal in der Ukraine je gesehen hatte.
Es ist nämlich so, dass die Ukraine nicht nur sehr reich und fruchtbar, sondern auch sehr gross ist. Von «Menschen aus den entlegenen Dörfern des Ostens» auf die ganze Ukraine zu schliessen ist so, als würde man die ganze Schweiz mit dem Dorf Trogen vergleichen. Etwa wenn jemand anfangen würde, Bomben auf Trogen abzuwerfen.
Kürzlich war ich mit einer guten Schweizer Bekannten in einem Park. Wir sassen im Gras und ich erzählte ihr, dass der ukrainische Verein in St.Gallen für ein Festival Wareniki zubereiten will. Alle hatten sich schon seit letztem Jahr darauf gefreut, seit wir zum ersten Mal unseren Stand am Fest der Kulturen präsentiert hatten. Aber da kam selbst ich ins Grübeln: Wir im Verein kannten einander vorher gar nicht. Und alle lebten in ganz verschiedenen Ecken. Genau das zeichnet die ukrainische Diaspora hier aus: Alle kommen zusammen. Mit einer riesengrossen Liebe dafür, etwas Eigenes zu zeigen.
In den letzten Jahren ist hier sehr viel passiert. Endlich gibt es ukrainische Filmvorführungen in Zürich, Genf, Freiburg, Basel … Endlich kommen ukrainische Musiker, sogar der weltberühmte Chor Homin. Es gab unzählige Verkostungen. Ukrainische Cafés und Buchhandlungen eröffnen. Menschen, die schon länger hier leben, helfen bei der Organisation von Veranstaltungen. Schweizer Bekannte schicken Fahrzeuge für medizinisches Personal in die Ukraine. Und das alles entstand in wenigen Jahren, «wie aus dem Nichts».
Als mir kürzlich bewusst wurde, wie viel wir geschaffen haben, musste ich sogar weinen.
Und das ist es eben, dieses grosse Gefühl von «Wir sind füreinander da». Zu Hause hatte ich es schon immer. Und hier wurde mir plötzlich bewusst, warum St.Gallen für mich so wunderbar geworden ist.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St.Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Kolumne: Stimmrecht
Eines Tages fuhr ich mit meinem geliebten roten Trogenerbähnli durch die Stadt und irgendwo bei der Haltestelle Spisertor ging mir ein Licht auf. Ich blickte auf die Schaufenster der Pizzeria gegenüber. Ich erinnerte mich ganz deutlich, wo ich solche Tische, solche Pizza und sogar solchen Kakao…
In der Netflix-Serie Outlander gibt es Szenen, in denen Menschen über magische Steinkreise durch die Zeit reisen können. Etwas Ähnliches, scheint mir, geschieht manchmal auch in St.Gallen.
Manchmal höre ich das Rauschen des Regens, und es trägt mich zurück in jenen April, als ich…
Ich möchte diese Geschichte mit einer jungen Frau beginnen, die 20 Jahre alt war und sich ein denkbar schwieriges Forschungsthema ausgesucht hatte: Die Publizistik von Victor Hugo. Eigentlich gehörten noch «Motivation und Problematik» zum Titel, aber der erschien allen zu lang. Damals…
Ich bin sicher, ihr habt Streets of London gehört, dieses wunderschöne Lied von Blackmore’s Night, und falls nicht, dann hört es euch an. Es ist wie früher Frühling, wie Johnny Cash, wie ein Zustand, in dem alles gerade erst erwacht.
Doch als Migrant:in begreift man seinen Text ganz…
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn konnten Ukrainer:innen in der Schweiz etwas Unglaubliches erleben, nämlich ins Kino gehen und einen Film auf Ukrainisch sehen, auf der grossen Leinwand. Bislang gab es nur kurze Arthouse-Filme, Animationen, Dokumentarfilme oder unglaublich schwere Filme wie 2000…
Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und…
Passable erste Halbzeit der Espen und Führung durch einen Elfmeter von Görtler - kann so weitergehen!
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.