Wollen wir ins Kino?
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn konnten Ukrainer:innen in der Schweiz etwas Unglaubliches erleben, nämlich ins Kino gehen und einen Film auf Ukrainisch sehen, auf der grossen Leinwand. Bislang gab es nur kurze Arthouse-Filme, Animationen, Dokumentarfilme oder unglaublich schwere Filme wie 2000 Meters to Andriivka, der die Ukraine bei den Oscars vertreten hat. Diesmal war es ein echter Spielfilm für ein breites Publikum.
Schock und Beifall. Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet. Besonders im Winter. Einfach ins Kino gehen, leckeres Popcorn holen und eine Geschichte miterleben. Ich liebe Kino, wie ihr aus meinen Kolumnen wahrscheinlich wisst.
Endlich ist dieser Tag gekommen. Die Wächter von Weihnachten (Originaltitel: Вартові Різдва) in Zürich. Genau das Richtige. Selbst die Tatsache, einfach ins Kino zu gehen und einen schönen Augenblick zu erleben, hat unglaublich gutgetan, unabhängig von Handlung oder Schauspieler:innen. Aber wie so oft wartete noch eine Überraschung auf uns.
Der Film lief am Wochenende, also konnte man viele Freunde mitnehmen. So kommen wir an und sehen «unser» Plakat direkt neben Avatar. In einem echten Kino. Wie zu Hause. Schon da wurde ich wahnsinnig sentimental. Und dann sahen wir die Schlange ... Der Saal war voll! Das hatte etwas Feierliches.
Wir setzten uns, machten es uns bequem. Der Film war untertitelt, sodass alle Zuschauer:innen verstehen konnten, worum es ging. Sie konnten sogar die Strassen von Kyjiw sehen, sich vorstellen, wie der Weihnachtsmarkt, die Museen und Bibliotheken dort aussehen. Unglaublich feiner ukrainischer Humor; der Saal bebte vor Gelächter, und meine Freund:innen hätten vor lauter Lachen beinahe geweint … (Wir Ukrainer:innen sind halt so.) Doch später fing ich an, wirklich zu weinen. Denn die Hauptfigur war ein Soldat und damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Mitten im Herzen von Zürich, in einem Kino, sieht man einen ukrainischen Soldaten in seiner Pixel-Tarnuniform, der seine Tochter an Weihnachten nicht besuchen kann und dem dann ein Zauber zu Hilfe kommt. Ein Riesendank an alle, die diese Veranstaltung organisiert haben. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, als wäre das Eis zwischen Schweizer:innen und Ukrainer:innen gebrochen. Die Schweizer:innen wissen noch so wenig über die Ukraine, aber ich hatte diesen starken Eindruck, dass sie beginnen zu verstehen. Und das nicht nur aus Solidarität, sondern ganz menschlich. Mit dem Herzen.
Das heisst, alles, was wir hier tun und sagen, ist nicht vergeblich. Stellt euch nur vor: Der Film wurde unter Kriegsbedingungen gedreht, unter Beschuss, während Blackouts. Selbst in diesen Jahren, in Zeiten des Terrors, reagiert die Kunst auf das Weltgeschehen. Diese gewaltige ukrainische Lebenskraft war in jedem Bild spürbar. Wenn Schwieriges mit Humor erzählt wird. Hinter diesem scheinbar unbeschwerten Anblick steckt so viel Sinn, dass man das Kino sehr nachdenklich verlässt … Es schien, als hätte der Film alle meine Freund:innen von hier und da zutiefst beeindruckt; sie fragten danach direkt, wann wir wieder gehen. Ich dachte derweil: Das ist es – das kleine Fenster zwischen unseren beiden Ländern, über das ich die ganze Zeit nachgedacht habe, in einem Kinosaal, an Weihnachten.Der Film wurde an zwei Tagen von 680 Zuschauer:innen gesehen. Das ist einfach ein fantastisches Weihnachtsgeschenk.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St.Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Kolumne: Stimmrecht im Januar
Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und…
Kolumne: Stimmrecht im Dezember
Kürzlich habe ich auf Einladung einer internationalen Organisation, die sich für die Förderung der ukrainischen Bibliothek einsetzt, die Frankfurter Buchmesse besucht. Es war wie ein grosser Atemzug frischer Luft und zugleich wie ein Stück Zuhause. In Lwiw gibt es seit 1994 eine solche…
Kolumne: Stimmrecht im November
Unmerklich hat sich nach und nach das Bewusstsein eingestellt, hier in der Schweiz zu leben. In der «Sprache der Psychologie» würde man dies wohl als Aneignung einer Erfahrung bezeichnen. Ein Mensch im Stress spürt oft gar nicht oder kann kaum glauben, was mit ihm geschieht. Erst wenn Ruhe…
Kolumne: Stimmrecht im Oktober
In meiner letzten Kolumne schrieb ich von Träumen, die in Erfüllung gehen. Diese Geschichte handelt von noch so einem.
Eines Winterabends sass ich in der Küche meiner Freundin, einer Geigerin aus der Tonhalle. Ihr kennt bestimmt die behagliche Atmosphäre – Pasta Bolognese, Gespräche von…
Kolumne: Stimmrecht im September
In St.Gallen hat sich etwas verändert. Plötzlich ist es so deutlich spürbar geworden. Selbst in einfachen, scheinbar alltäglichen Dingen.
So stand ich einmal am SBB-Schalter im Hauptbahnhof und sagte beiläufig zu einer Frau, dass sie einen sehr schönen Nachnamen habe.…
Kolumne: Stimmrecht im Sommer
Mit dem Start in den Sommer kam auch eine grossartige Sache ins Rollen. (Ja genau, es passieren nicht nur schlimme Dinge.) Die Idee war lange in mir gereift, und jetzt kam endlich ihre Stunde: Ich habe in St.Gallen einen Lesekreis gegründet! (An dieser Stelle möchte ich vor Freude…
Stimmrecht im Juni
Als man mir sagte, ich müsse etwa lang regelmässig zur Behandlung, um die Beweglichkeit meiner Schulter wiederherzustellen, kam ich nach Hause und machte mich an die Internetrecherche. Ich las alles Mögliche. Die Empfehlungen reichten von den einfachsten bis zu den kompliziertesten.
Und…
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
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Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.