Es ist Lesezeit!
Mit dem Start in den Sommer kam auch eine grossartige Sache ins Rollen. (Ja genau, es passieren nicht nur schlimme Dinge.) Die Idee war lange in mir gereift, und jetzt kam endlich ihre Stunde: Ich habe in St.Gallen einen Lesekreis gegründet! (An dieser Stelle möchte ich vor Freude herumhüpfen.)
Nun zur Vorgeschichte: Als wir gerade angekommen waren, lebten wir in einem kleinen Stadtteil, wo nur 18 Ukrainer:innen wohnten. Damals hatten wir auch tatsächlich wenig Kontakt zueinander: Es war einfach nicht drin. Man gratulierte sich zwar zu Feiertagen, aber ansonsten war jede:r mit eigenen Sorgen beschäftigt, die einen monatelang in Anspruch nahmen. Nichtsdestotrotz hatten wir einige Gespräche über Bücher. Das gedruckte ukrainische Wort fehlte hier sehr, und das fiel sofort auf.
Jetzt spule ich, wie es Autor:innen oft tun, viele Jahre zurück. Damals hatte ich beim Magazin, für das ich arbeitete, ein eigenes Projekt. Es ging viel um Kultur, aber meine eigene Rubrik drehte sich um Bücher. Interviews mit Autor:innen, Rezensionen von Neuerscheinungen … Man traf sich oft in einem Café in der Stadt, das ganz passend «Cabinet» hiess, was im Ukrainischen ein Ausdruck für «Büro» oder «Arbeitsraum» ist. Dort fanden oft literarische Abende statt. Das waren tolle Zeiten, in denen man alle Neuerscheinungen schon kannte, noch bevor sie die Buchhandlungen erreichten.
Jahre später kam die Coronapandemie. Viele Frauen aus meiner Community trafen sich online, um gemeinsam über gelesene Bücher zu sprechen. Das war eine neue Form des Austauschs – dem Zeitgeist entsprechend und zugleich eine Möglichkeit, das soziale Leben wenigstens ein Stück weit aufrechtzuerhalten.
Buchclubs gibts eigentlich überall auf der Welt. Also kam dann der Gedanke: Warum denn nicht auch in St.Gallen?
Seit ich hier lebe, habe ich so viele Ukrainerinnen kennengelernt. Ab und zu begegnen wir uns bei verschiedenen Projekten, mal hier, mal dort. Einmal organisierten wir sogar ein wunderschönes Treffen mit einer Psychologin. Wir begannen mit einem bestimmten Thema, doch daraus entwickelte sich ein so herzerwärmendes Gespräch bei selbstgebackenem Kuchen, dass wir uns danach unbedingt öfter treffen wollten.
So kam ich dazu, die Mädels einfach mal zu fragen, ob sie Lust hätten, sich zu treffen und über Bücher zu sprechen. Die Idee kam so gut an, dass wir beschlossen: Wir gründen unseren eigenen Literaturclub!
Ich wünsche mir, dass Ukrainer:innen hier zusammenkommen, die Möglichkeit haben, sich miteinander zu unterhalten, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsam Neues zu entdecken, auch Bücher und Eindrücke zu teilen. Wir werden ukrainische und internationale Literatur, Neuerscheinungen und Klassiker besprechen. Vielleicht organisieren wir später auch Gedichtabende. Diese Idee hat mich so sehr inspiriert, dass inzwischen schon eine ganze Liste von Orten entstand, an denen wir uns treffen werden – in der Stadtbibliothek, im Begegnungshaus im Riethüsli und in verschiedenen Cafés der Stadt. Und solange Sommer ist, werden wir sogar picknicken. Wer möchte, kann gerne etwas Leckeres mitbringen. Da kommt eine warmherzige und coole Clique zusammen.
Solltet ihr eines Tages in der Stadt auf Frauen stossen, die über ukrainische Literatur sprechen oder leckeres Gebäck teilen, stehen die Chancen gut, dass wir das sind.
Übrigens kann man sich uns gerne anschliessen.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Kolumne: Stimmrecht
Als man mir sagte, ich müsse etwa lang regelmässig zur Behandlung, um die Beweglichkeit meiner Schulter wiederherzustellen, kam ich nach Hause und machte mich an die Internetrecherche. Ich las alles Mögliche. Die Empfehlungen reichten von den einfachsten bis zu den kompliziertesten.
Und…
Der Mai ist für mich eine ganz besondere Zeit. Im Mai vor drei Jahren kam ich nach St.Gallen. Ich denke darüber nach, während ich zu den Mauern des alten Schlosses Lenzburg laufe – auf dem Weg zu einer Konferenz für Schriftstellerinnen.
Plötzlich spüre ich alles…
Zum dritten Jahrestag des Kriegsbeginns fand im Februar in St.Gallen eine tolle Kundgebung zur Unterstützung der Ukraine statt. «Drei Jahre Stand- haftigkeit». Alle ukrainischen Frauen aus meinem Deutschkurs hatten sich schon im Voraus darauf vorbereitet. Und sie waren alle dort. An diesem Tag…
Stimmrecht Februar
Ich habe vier Anläufe gebraucht für diesen Text, weil ich niemandem die Stimmung verderben wollte. Dann las ich ein Dutzend Medienberichte und habe nun doch etwas zu sagen.
Also, es ist Februar. Drei Jahre sind seit Kriegsbeginn in der Ukraine vergangen. Ich versetze mich in die Wochen…
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.