Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und spannende Anekdoten. Besonders faszinierend war herauszufinden, welche Speisen an einem Bankett im Jahr 1764 beliebt waren.
Die Führung war recht lang, und die ganze Zeit fragte ich mich, was sich eigentlich verändert hat. Und irgendwann, nach der Reihe von Porträts in ganz unterschiedlichen Malstilen (eine grossartige Idee), begriff ich endlich, welches Gefühl alles so anders macht.
Das ist das Zugehörigkeitsgefühl! Dass all diese Porträts, die ich bereits letztes Jahr gesehen habe, und die Kristalllampen an der Decke und die wunderbaren Holztische nun ebenfalls Teil meines Lebens sind.
Und die Sprache ebenfalls. Wenn man Deutsch auf dem Niveau B1 oder B2 spricht, ist alles völlig anders. Mir wurde klar, dass es fast schon eine übermenschliche Leistung ist, eine Sprache so schnell zu lernen. Gerade das verschafft auch eine Verbindung zu allem, was um einen herum geschieht. Noch nie zuvor hatte ich das so deutlich gespürt, obwohl es so offensichtlich ist. Vielleicht gerade deshalb, weil ich dieselbe Führung ein zweites Mal besucht habe, bemerkte ich jetzt, ein Jahr später, diese enorme Veränderung. Ich verstand wirklich, wovon die Rede war, ich fand es richtig spannend. So sehr, dass ich Fragen stellte und mich in die Feinheiten der Politik vertiefte.
Und das erinnerte mich an ein anderes Gefühl, und zwar eines des Schreckens, wenn scheinbar alle Sinne verstummen. Die Fotografie bedeutet mir sehr viel. Fotografieren ist mein Hobby, seit ich 18 bin. Ich habe mit einer alten Vintage-Kamera gelernt, später mit einer Spiegelreflex, und an der Uni sogar eine Prüfung in Fotografie abgelegt. «Den Moment sehen …» Was mich damals am stärksten erschütterte, war Folgendes: Du siehst Schönheit, etwa die unglaubliche Natur der Schweiz, und nimmst sie nur als eine Tatsache wahr. Für eine Fotografin ist das ein Albtraum. Du willst kein Bild machen, alle Sinne scheinen ausgeschaltet zu sein. So schützt dich der Körper vor dem Krieg. Und all die Systeme wieder zum Laufen zu bringen, ist eine lange Geschichte ...
So ging ich durch die Gänge des Regierungsgebäudes und spürte auf einmal, wie ich die Kamera nehmen und all diese Momente festhalten wollte: die herrliche bemalte Decke, die lächelnden Menschen, den Sessel des Regierungspräsidenten ... Es ist etwas Besonderes, dass Menschen hierherkommen und hautnah erleben können, wie all das funktioniert. Das gefällt mir grundsätzlich sehr in der Schweiz, dass Kinder ebenfalls Führungen besuchen können, dass Erwachsene sich alles anschauen dürfen. All diese Märkte, Netzwerke, Zukunftstage.
Natürlich hatte ich keine Kamera dabei, aber ich lächelte. Angeblich war das wie der Moment, in dem man nach der Covid-Erkrankung die Gerüche wieder wahrnimmt. Und genauso fühlt es sich an, wenn man sich wieder lebendig fühlt.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.