St.Gallen jetzt und damals
Unmerklich hat sich nach und nach das Bewusstsein eingestellt, hier in der Schweiz zu leben. In der «Sprache der Psychologie» würde man dies wohl als Aneignung einer Erfahrung bezeichnen. Ein Mensch im Stress spürt oft gar nicht oder kann kaum glauben, was mit ihm geschieht. Erst wenn Ruhe einkehrt, wenn jener Zustand kommt, über den die ganze Yoga-Welt schreibt, stellt sich auch das Gefühl bewusster Anwesenheit im eigenen Leben ein.
Es ist, als würde man aus einem langen Schlaf erwachen. Ich habe bemerkt, dass ich früher darüber berichtete, wie es in der Ukraine war und wie hier. Jetzt vergleiche ich, wie es hier in den ersten Tagen nach meiner Ankunft war und wie es jetzt ist. Ich spüre diese Veränderung körperlich.
Mein Leben in der Schweiz, so heisst es jetzt für mich. Und es zeigt sich, dass auch das eine lange Reise war. St.Gallen im Jahr 2022 und St.Gallen heute sind für mich zwei verschiedene Städte. Die Verbindung zur Stadt wird immer tiefer. Vom Gefühl her liegen dazwischen nicht vier, sondern 400 Jahre.
Bei diesem Wetter erinnerte ich mich an jenes St.Gallen von 2022. An das Café Øya. Ich sass damals fast weinend da, weil ich niemanden kannte, mit dem ich mich einfach auf einen Kaffee treffen konnte. Es klingt so schlicht, und man trifft sich ja nicht jeden Tag, aber es geht darum, diese Möglichkeit zu haben. Man weiss nie, wonach man sich einmal sehnen wird. Manchmal sind es die trivialen Dinge, die einem fehlen, wenn im Leben grosse Verluste und Veränderungen geschehen. Mir fehlte damals gerade das banale Menschliche, nämlich mit jemandem Kaffee trinken und reden zu können.
Und dann kam wie ein Geschenk vom Himmel die Einladung der Tochter einer Ärztin, mit ihr frühstücken zu gehen. Vielleicht blieb mir das so stark im Gedächtnis, weil es mein erster «Ausgang» war. Aber am meisten beeindruckten mich ihre Worte: Es braucht mindestens zwei Jahre, bis du diese neue Stadt als deine eigene spürst. Sie erzählte, dass sie selbst, nachdem sie nach dem Studium von Bern hierhergezogen war, erst nach zwei Jahren St.Gallen als «die Stadt, in der sie lebt» empfunden hatte. Sie, Muttersprachlerin, Schweizerin, die Familie in der Nähe hat. Wie muss es sich dann für andere anfühlen?
Ich weiss noch, wie ich diese zwei Jahre mitzählte. Ich war neugierig, wie es bei mir sein würde. Später lachten wir noch darüber, wie schön es ist, wenn man beim Einkaufen jemandem begegnet und sich grüsst. Aber gerade solche kleinen Dinge machen das Leben aus. Mit jemandem kurz sprechen, jemandem Hallo sagen … Übrigens habe ich bei jenem Frühstückskaffee vom Turmzimmer in der Bibliothek erfahren, einem geheimen kleinen Ort. Auch das gehört zu den besonderen Entdeckungen, die eine Stadt lebenswert machen. Ich bin bis heute dankbar dafür.
Nun ist alles anders. Inzwischen kenne ich viele Menschen, mit denen ich ausgehen und reden kann, kenne unzählige Orte und mache sogar selbst Stadtführungen.
Oft fehlt mir eher die Zeit für all das bei den vielen laufenden Dingen. Ausserdem grüsse ich auf der Strasse immer öfter jemanden.
Die Stadt der tausend Treppen ist jetzt auch in meinem Herzen. Ich trinke meinen Kaffee im Øya aus und mache mich wieder auf den Weg.
Das goldene Laub liegt auf den Strassen, das Appenzeller-Bähnli fährt wie damals … und da ist dieses Gefühl des Lebens.
Kolumne: Stimmrecht im Oktober
In meiner letzten Kolumne schrieb ich von Träumen, die in Erfüllung gehen. Diese Geschichte handelt von noch so einem.
Eines Winterabends sass ich in der Küche meiner Freundin, einer Geigerin aus der Tonhalle. Ihr kennt bestimmt die behagliche Atmosphäre – Pasta Bolognese, Gespräche von…
Kolumne: Stimmrecht im September
In St.Gallen hat sich etwas verändert. Plötzlich ist es so deutlich spürbar geworden. Selbst in einfachen, scheinbar alltäglichen Dingen.
So stand ich einmal am SBB-Schalter im Hauptbahnhof und sagte beiläufig zu einer Frau, dass sie einen sehr schönen Nachnamen habe.…
Kolumne: Stimmrecht im Sommer
Mit dem Start in den Sommer kam auch eine grossartige Sache ins Rollen. (Ja genau, es passieren nicht nur schlimme Dinge.) Die Idee war lange in mir gereift, und jetzt kam endlich ihre Stunde: Ich habe in St.Gallen einen Lesekreis gegründet! (An dieser Stelle möchte ich vor Freude…
Stimmrecht im Juni
Als man mir sagte, ich müsse etwa lang regelmässig zur Behandlung, um die Beweglichkeit meiner Schulter wiederherzustellen, kam ich nach Hause und machte mich an die Internetrecherche. Ich las alles Mögliche. Die Empfehlungen reichten von den einfachsten bis zu den kompliziertesten.
Und…
Stimmrecht im Mai
Der Mai ist für mich eine ganz besondere Zeit. Im Mai vor drei Jahren kam ich nach St.Gallen. Ich denke darüber nach, während ich zu den Mauern des alten Schlosses Lenzburg laufe – auf dem Weg zu einer Konferenz für Schriftstellerinnen.
Plötzlich spüre ich alles…
Stimmrecht im April
Zum dritten Jahrestag des Kriegsbeginns fand im Februar in St.Gallen eine tolle Kundgebung zur Unterstützung der Ukraine statt. «Drei Jahre Stand- haftigkeit». Alle ukrainischen Frauen aus meinem Deutschkurs hatten sich schon im Voraus darauf vorbereitet. Und sie waren alle dort. An diesem Tag…
Stimmrecht Februar
Ich habe vier Anläufe gebraucht für diesen Text, weil ich niemandem die Stimmung verderben wollte. Dann las ich ein Dutzend Medienberichte und habe nun doch etwas zu sagen.
Also, es ist Februar. Drei Jahre sind seit Kriegsbeginn in der Ukraine vergangen. Ich versetze mich in die Wochen…
Stimmrecht im Januar
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus