Streets of London
Ich bin sicher, ihr habt Streets of London gehört, dieses wunderschöne Lied von Blackmore’s Night, und falls nicht, dann hört es euch an. Es ist wie früher Frühling, wie Johnny Cash, wie ein Zustand, in dem alles gerade erst erwacht.
Doch als Migrant:in begreift man seinen Text ganz besonders.
Heute ging ich durch die Stadt und sah zufällig ein Plakat von Freund:innen: Elena Neff-Zhunke präsentiert ihr Konzert «Midnight in Paris». Ich musste breit lächeln. Genau solche Augenblicke lassen eine Stadt zu «meiner Stadt» werden.
Solche persönlichen Wegweiser, wenn ich irgendwo ein Plakat mit vertrauten Gesichtern entdecke...
Später hörte ich die Vögel zwitschern. Auch das war etwas Besonderes, wie der erste Klang des Frühlings, der in die Stadt einzieht. Dabei war es nur ein ganz normaler Gang in den Laden, um Milch zu kaufen.
In derselben Stunde, am Nachmittag, am helllichten Tag, fielen auf meine Heimatstadt Lviv zwei Kinschal-Raketen. Die Einschläge waren so laut, dass eine Freundin, meine ehemalige Arbeitskollegin von der Universität, schrieb, ihr sei übel geworden. «Vor Angst gaben die Beine nach», schrieb sie.
In St.Gallen regnete es. Ich ging über den Roten Platz. Was hätte ich ihr schreiben sollen? Wie oft noch kann man das schreiben?
Davor wurde Lviv am 8. Februar bombardiert. Davor am 5. Januar, ich zähle diese Tage. Und noch davor wurde Lviv von einer Oreschnik-Rakete getroffen. Darüber berichtete die internationale Presse. In diesem Jahr geschieht fast wöchentlich etwas, und das, obwohl es gerade erst begonnen hat.
Gleichzeitig behaupten manche Politiker:innen, es sei eine sichere Region. Ich würde gern sehen, wer sich sicher fühlt, wenn nebenan eine Kinschal-Rakete einschlägt. Ganz zu schweigen davon, wie absurd dieser Krieg ist … wie absurd Krieg überhaupt ist.
Übrigens ist mir inzwischen auch die Helvetia-Versicherung aufgefallen, die derzeit der Ukraine hilft. Darüber berichtete auch die Journalistin Luzia Tschirky, die sich zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Kolumne in Kyiv befand. Seitdem gehe ich am Firmenschild von Helvetia im Stadtzentrum gern vorbei.
In diesem Jahr habe ich begriffen, dass dieser Krieg bleibt. Frieden wird nicht einkehren, solange am helllichten Tag Raketen auf Städte und kulturelle Zentren abgeschossen werden. Solange Schriftsteller im Krieg sterben, während sie internationale Literaturpreise gewinnen. Solange ältere Menschen ohne Heizung leben, weil Russland auf dem Schlachtfeld scheitert und deshalb umso zynischer vorgeht.
Auch die Ukrainer:innen sind kriegsmüde. Vor allem jene an der Front. Und jene, die sich täglich um die Menschen sorgen und die verstörenden Nachrichten von Freund:innen lesen. Und jene, deren Freund:innen im Krieg gefallen sind und sich nie wieder melden werden.
Und dennoch lernen Ukrainer:innen neue Sprachen, neue Lebenswelten kennen und fangen bei null an. Sie integrieren sich und grüssen Bekannte in der Stadt. Denn das Leben geht weiter. Auf den Tod folgt wieder Leben, wie der Frühling. Vor dem Krieg kann man sich nicht verstecken. Aber man kann weiterleben. Wir haben nur dieses eine Leben. Und wer weiss, was Krieg bedeutet, weiss auch, dass jeder Tag unendlich wertvoll ist. Das heisst, sich für das Leben zu entscheiden.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St.Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Kolumne: Stimmrecht im Februar
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn konnten Ukrainer:innen in der Schweiz etwas Unglaubliches erleben, nämlich ins Kino gehen und einen Film auf Ukrainisch sehen, auf der grossen Leinwand. Bislang gab es nur kurze Arthouse-Filme, Animationen, Dokumentarfilme oder unglaublich schwere Filme wie 2000…
Kolumne: Stimmrecht im Januar
Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und…
Kolumne: Stimmrecht im Dezember
Kürzlich habe ich auf Einladung einer internationalen Organisation, die sich für die Förderung der ukrainischen Bibliothek einsetzt, die Frankfurter Buchmesse besucht. Es war wie ein grosser Atemzug frischer Luft und zugleich wie ein Stück Zuhause. In Lwiw gibt es seit 1994 eine solche…
Kolumne: Stimmrecht im November
Unmerklich hat sich nach und nach das Bewusstsein eingestellt, hier in der Schweiz zu leben. In der «Sprache der Psychologie» würde man dies wohl als Aneignung einer Erfahrung bezeichnen. Ein Mensch im Stress spürt oft gar nicht oder kann kaum glauben, was mit ihm geschieht. Erst wenn Ruhe…
Kolumne: Stimmrecht im Oktober
In meiner letzten Kolumne schrieb ich von Träumen, die in Erfüllung gehen. Diese Geschichte handelt von noch so einem.
Eines Winterabends sass ich in der Küche meiner Freundin, einer Geigerin aus der Tonhalle. Ihr kennt bestimmt die behagliche Atmosphäre – Pasta Bolognese, Gespräche von…
Kolumne: Stimmrecht im September
In St.Gallen hat sich etwas verändert. Plötzlich ist es so deutlich spürbar geworden. Selbst in einfachen, scheinbar alltäglichen Dingen.
So stand ich einmal am SBB-Schalter im Hauptbahnhof und sagte beiläufig zu einer Frau, dass sie einen sehr schönen Nachnamen habe.…
Kolumne: Stimmrecht im Sommer
Mit dem Start in den Sommer kam auch eine grossartige Sache ins Rollen. (Ja genau, es passieren nicht nur schlimme Dinge.) Die Idee war lange in mir gereift, und jetzt kam endlich ihre Stunde: Ich habe in St.Gallen einen Lesekreis gegründet! (An dieser Stelle möchte ich vor Freude…
Stimmrecht im Juni
Als man mir sagte, ich müsse etwa lang regelmässig zur Behandlung, um die Beweglichkeit meiner Schulter wiederherzustellen, kam ich nach Hause und machte mich an die Internetrecherche. Ich las alles Mögliche. Die Empfehlungen reichten von den einfachsten bis zu den kompliziertesten.
Und…
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus