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Der Widerstand der Amazonasfrauen

Der indigene Frauenchor As Karuana gastiert derzeit in Konstanz. (Bild: pd) 

Der indigene Frauenchor As Karuana gastiert derzeit in Konstanz. (Bild: pd) 

In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.

Im Kon­stan­zer Ca­fé Mon­di­al sit­zen Frau­en des Bora­ri-Vol­kes auf dem Bo­den. Ih­re Klei­der sind be­stickt mit den geo­me­tri­schen Mus­tern ih­res Dor­fes, sie ha­ben eben­die­se auf ih­re Ar­me ge­zeich­net, ihr Haar- und Ohr­schmuck be­steht aus bun­ten Ara­federn. Wenn sie er­zäh­len, wech­seln ih­re Stim­men zwi­schen Por­tu­gie­sisch und Nhe­en­ga­tu, ih­rer in­di­ge­nen Spra­che aus der Ama­zo­nas­re­gi­on bei Sant­arem im bra­si­lia­ni­schen Bun­des­staat Pará. Ein ein­jäh­ri­ges Mäd­chen be­glei­tet die Grup­pe und läuft fröh­lich plau­dernd zwi­schen den Frau­en und ei­nem jun­gen Mann hin und her. Mal sitzt sie auf dem Schoß der ei­nen Frau, mal wird sie von ei­ner an­de­ren her­um­ge­tra­gen. 

Die­se Grup­pe ist weit ge­reist, aus dem bra­si­lia­ni­schen Dschun­gel nach Frank­furt ge­flo­gen, von dort ging es wei­ter nach Kon­stanz – die Stadt, die ei­ne of­fi­zi­el­le Kli­ma­part­ner­schaft mit dem Volk der Bora­ri un­ter­hält. In Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ver­ein Pro Ama­zo­nia Kon­stanz (www.pro­ama­zo­nia.de) gibt es bis kom­men­den Mitt­woch ver­schie­de­ne Ver­an­stal­tun­gen und Pro­jek­te für ei­nen in­ter­kul­tu­rel­len Aus­tausch.

Er­halt des Re­gen­wal­des und der in­di­ge­nen Kul­tur

Der Frau­en­chor be­steht aus Künst­le­rin­nen, Leh­re­rin­nen, Ju­ris­tin­nen, Stu­den­tin­nen und ist so­mit mehr als nur ein Kunst­pro­jekt. Mit ge­walt­frei­em Wi­der­stand kämp­fen die Ak­ti­vis­tin­nen für den Er­halt ih­rer Le­bens­welt und ih­rer Kul­tur. Sie rei­sen durch die Welt und er­zäh­len den Men­schen, die ih­nen be­geg­nen, von ver­gif­te­ten Flüs­sen, von bren­nen­den Wäl­dern, von Un­ter­drü­ckung und Ko­lo­nia­li­sie­rung. 

War­um die Frau­en auf die Rei­se ge­hen und die­sen Kampf auf sich neh­men? Weil ih­nen das Kämp­fen im Blut liegt, ant­wor­ten sie. Sie kom­men aus ei­ner ma­tri­ar­chal struk­tu­rier­ten Kul­tur, in der die Frau­en die gro­ßen Ent­schei­dun­gen tref­fen. Die Män­ner ver­rich­ten die har­ten kör­per­li­chen Ar­bei­ten, sie ja­gen und leis­ten ih­ren Ver­sor­gungs­bei­trag für die Ge­mein­schaft. In den Fa­mi­li­en aber le­ben Groß­müt­ter, Müt­ter und Töch­ter zu­sam­men. Es sind al­so die Frau­en, die an­füh­ren und lei­ten. Im Zu­ge der Ko­lo­nia­li­sie­rung wur­de die­se Struk­tur be­kämpft, eben­so wie die in­di­ge­ne Spra­che und die spi­ri­tu­el­len Ri­tua­le und Bräu­che. Frau­en wur­den vor den Au­gen ih­rer Män­ner ver­ge­wal­tigt, er­nied­rigt und ge­de­mü­tigt, um die­se Kraft zu bre­chen. Die­se Wut sitzt ih­nen noch tief im Kör­per, sie ist der An­trieb für ih­ren Ak­ti­vis­mus.

Mit ih­rer Mu­sik und ih­rer Kunst set­zen sie sich ge­gen Ge­walt, Ras­sis­mus und die Zer­stö­rung ih­rer Le­bens­räu­me ein. Ihr künst­le­ri­scher Aus­druck ist ein Werk­zeug, Er­in­ne­rung und Pro­test zu­gleich. Cu­rim­bó-Trom­meln schla­gen den Rhyth­mus, Ma­ra­cas ras­seln, die Frau­en stim­men le­bens­fro­he und hoff­nungs­vol­le Lie­der an. Sie kämp­fen nicht mit Waf­fen, son­dern mit ih­rem Ge­sang. Ih­re Tex­te han­deln von den Flüs­sen des Ta­pa­jós, von den «En­can­ta­dos» – den spi­ri­tu­el­len We­sen des Wal­des –, von weib­li­cher Selbst­be­stim­mung und vom Recht, auf dem Land ih­rer Vor­fah­ren le­ben zu dür­fen. 

Ma­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren als Zu­kunfts­weg­wei­ser

Die Kul­tur der Bora­ri liegt in den Hän­den der Frau­en und ist da­mit ein dia­me­tra­ler Ge­gen­ent­wurf zu un­se­rer pa­tri­ar­chal ge­präg­ten Ge­sell­schaft. Zum kur­zen Ver­ständ­nis: Ein Ma­tri­ar­chat ist zwar das Ge­gen­teil des Pa­tri­ar­chats, das be­deu­tet aber nicht, dass man al­le Män­ner in Macht­po­si­tio­nen durch Frau­en er­setzt, son­dern es be­inhal­tet ei­ne kom­plet­te De­kon­struk­ti­on der Welt, wie wir sie ken­nen. 

Das Pa­tri­ar­chat dür­fen wir uns als Drei­eck vor­stel­len, mit ei­nem Macht­ha­ber an der Spit­ze, der al­le un­ter ihm lenkt und lei­tet. In ei­ner ma­tri­ar­cha­len Kul­tur hin­ge­gen ist das Zu­sam­men­le­ben kreis­för­mig or­ga­ni­siert. Al­le küm­mern sich um­ein­an­der. Es gibt kei­ne Macht­ha­ber, kein Pro­fit­den­ken, kei­ne Kon­kur­renz­kämp­fe. Hier ste­hen So­li­da­ri­tät und Ge­mein­schaft im Zen­trum. Und ge­nau des­halb ist das Ca­fé Mon­di­al so ein per­fek­ter Ort für die­ses Zu­sam­men­tref­fen, denn hier fin­den ganz vie­le Ver­an­stal­tun­gen statt, die die­ser ma­tri­ar­cha­len Struk­tur ent­spre­chen. Wenn wir ge­mein­sam die Welt ver­än­dern und das Pa­tri­ar­chat de­kon­stru­ie­ren wol­len, so gilt es, Or­te wie die­sen zu be­su­chen und zu stär­ken.

Die Lie­der sind Ma­ni­fest und Ri­tu­al zu­gleich

Dass die­se Bot­schaf­ten heu­te so dring­lich sind, liegt an den Ver­än­de­run­gen rund um Al­ter do Chão. Das klei­ne Dorf am Rio Ta­pa­jós wird seit Jah­ren als «Ka­ri­bik Ama­zo­ni­ens» ver­mark­tet. Mit dem Tou­ris­mus ka­men In­ves­to­ren. Grund­stücks­prei­se stie­gen ra­sant, Fe­ri­en­häu­ser ent­stan­den, tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en wur­den zu­neh­mend ver­drängt. Die Bora­ri-Ge­mein­schaft, de­ren Ter­ri­to­ri­um bis heu­te nur teil­wei­se an­er­kannt ist, sieht sich ei­ner Ent­wick­lung ge­gen­über, die in vie­len Re­gio­nen Ama­zo­ni­ens zu be­ob­ach­ten ist: Ihr Land wird zur Wa­re. Und da­ge­gen kämp­fen die Frau­en aus dem Ama­zo­nas un­er­bitt­lich an.

Die Ver­bin­dung von Kunst und Ak­ti­vis­mus be­zeich­nen die Mu­si­ke­rin­nen selbst als «Ar­ti­vis­mus». Ih­re Lie­der sind Ma­ni­fest und Ri­tu­al zu­gleich. Der Wald er­scheint dar­in nicht als Na­tur­ku­lis­se, son­dern als le­ben­di­ger Ver­wand­ter. Flüs­se be­sit­zen Rech­te. Spra­che be­wahrt Ge­schich­te. Je­der Trom­mel­schlag er­in­nert dar­an, dass kul­tu­rel­le Iden­ti­tät oh­ne Ter­ri­to­ri­um nicht über­le­ben kann.

In Eu­ro­pa wer­den in­di­ge­ne Kunst­for­men häu­fig un­ter dem Be­griff «World Mu­sic» ein­ge­ord­net. Doch die Kon­zer­te von As Ka­ru­a­na sind po­li­ti­sche Räu­me. Wenn sie auf Büh­nen auf­tre­ten, rei­sen sie als Ver­tre­te­rin­nen ei­ner Be­we­gung an, die Kul­tur als Mit­tel ge­sell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung ver­steht. Be­glei­tet wer­den ih­re künst­le­ri­schen Auf­trit­te mit Dis­kus­si­ons­run­den, Work­shops und Ken­nen­lern­ge­sprä­chen. Wenn man die­sen Frau­en zu­hört, er­lebt man des­halb mehr als ein Kon­zert. Man hört den Klang ei­nes Wal­des, die Ge­schich­ten von Flüs­sen, vom Wi­der­stand sei­ner Völ­ker, von Selbst­er­mäch­ti­gung und vom gro­ßen Wunsch nach Frie­den.


Ver­an­stal­tun­gen:

Mu­si­ka­li­sche Ama­zo­nas­rei­se für Fa­mi­li­en: Sonn­tag, 28. Ju­ni, 15 Uhr, Pal­men­haus Pa­ra­dies.

Kon­zert des po­li­ti­schen Frau­en­chors As Ka­ru­a­na: Sonn­tag, 28. Ju­ni, 19 Uhr, Kul­tur­zen­trum K9.

Mu­sik- und Tanz­work­shop zur Cu­rim­bó-Tra­di­ti­on: Diens­tag, 30. Ju­ni, 19 bis 21 Uhr, Tanz­raum For­ró­welt.

Work­shop zum ge­walt­frei­en Wi­der­stand: Mitt­woch, 1. Ju­li, 18 bis 20:30 Uhr, Ka­nu-Club Kon­stanz. 

Die Teil­nah­me an den Work­shops ist kos­ten­frei (An­mel­dung un­ter kon­stanz@pro­ama­zo­nia.de), die Ak­ti­vis­tin­nen freu­en sich über Spen­den.

pro­ama­zo­nia.de 

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