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Der Apfel, der böse Wolf und Willhelm Tell 

Der Blick in die Schau in Arbon (Bild: vez)

Der Blick in die Schau in Arbon (Bild: vez)

Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.

«Was ist ein My­thos?», fragt die Aus­stel­lung «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» im Werk 2 in Ar­bon be­reits am Ein­gang. Beim Hoch­stei­gen der Trep­pe trifft man auf ver­schie­de­ne Ant­wor­ten von Phi­lo­soph:in­nen, His­to­ri­ker:in­nen oder Schrift­stel­ler:in­nen. Und es scheint, als ar­bei­te­ten all die­se klu­gen Köp­fe mit ih­rer ei­ge­nen De­fi­ni­ti­on. 

Oben an­ge­kom­men, fin­det man sich in ei­ne my­thi­sche Au­ra ge­hüllt. Ge­dämpf­tes, blau­ro­tes Licht. Zwei gros­se In­dus­trie­fens­ter sind mit be­druck­ter Fo­lie be­klebt. Das Gan­ze er­in­nert an Glas­ma­le­rei­en in ei­ner Kir­che. Je­des Fens­ter stellt ei­ne Ge­schich­te dar: das ei­ne Adam und Eva, das an­de­re Wil­helm Tell. 

Ein zen­tra­les Sym­bol in bei­den Dar­stel­lun­gen ist der Ap­fel, pas­send zum Kan­ton Thur­gau. Die ku­ge­li­ge Frucht fin­det sich dann auch gold­glän­zend auf ei­nem rie­si­gen Tuch. Es spannt sich, über­zo­gen mit grü­nen Blät­ter­ran­ken, vom Bo­den bis zur De­cke. Trennt wie ein dunk­ler Wald das Foy­er vom Aus­stel­lungs­raum. Da­bei ist man ge­nau ge­nom­men schon längst mit­ten in der Schau. Mit­ten im My­thos.

«My­then sind bis heu­te wirk­mäch­tig und prä­gen un­ser Den­ken und Han­deln», er­klärt Noe­mi Be­arth, Pro­jekt­lei­te­rin und Di­rek­to­rin des His­to­ri­schen Mu­se­ums Thur­gau. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit ih­nen sei be­son­ders im Zeit­al­ter von Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und Fake News wich­tig. Die Zu­ger His­to­ri­ke­rin Ste­pha­nie Mül­ler hat die Aus­stel­lung ku­ra­tiert und er­gänzt, dass man auf­zei­gen wol­le, wo­her My­then kom­men und wie sie wir­ken. 

Es geht durch den Wald

Aber was ge­nau sind denn jetzt ei­gent­lich My­then? Oder was ver­steht man hier in Ar­bon dar­un­ter? Zwar gä­be es kei­ne «all­ge­mei­ne und ein­deu­ti­ge De­fi­ni­ti­on», liest man auf ei­ner Ta­fel vor dem sinn­bild­li­chen Wald, aber: «My­then sind Ge­schich­ten, die für ei­ne Grup­pe von Men­schen von Be­deu­tung sind. Als über­lie­fer­te Er­zäh­lun­gen tra­gen sie Bot­schaf­ten in sich und ge­stal­ten so un­se­re Welt. Da­bei ent­hal­ten und ver­mi­schen sie oft so­wohl Fak­ten als auch Fik­ti­on.» Ei­ne sehr of­fe­ne Be­griffs­er­läu­te­rung, un­ter der sich wohl vie­les ein­ord­nen lässt. 

Das Fenster mit Adam und Eva (Bild: vez)

Das Fenster mit Adam und Eva (Bild: vez)

Das Fenster mit Wilhelm Tell (Bild: vez)

Das Fenster mit Wilhelm Tell (Bild: vez)

Dann gehts vom Foy­er durch die Wald­ku­lis­se. Ein la­by­rinth­ar­ti­ger Weg. Gift­grün leuch­ten­de Fra­gen säu­men ihn. «Wo be­geg­nen dir My­then im All­tag? Wie be­ein­flus­sen My­then dein Le­ben? Wie gehst du mit My­then um?» Nach we­ni­gen Wen­dun­gen öff­net sich der Raum und der Blick fällt auf ei­nen aus Rest­holz ge­zim­mer­ten Baum. Er ver­wei­se so­wohl auf den la­tei­ni­schen Na­men Ar­bons (Ar­bor Fe­lix, glück­li­cher Baum) als auch auf die Ent­ste­hung von My­then, er­fährt man. Die Früch­te des Bau­mes, es sind na­tür­lich Äp­fel, sym­bo­li­sie­ren die ver­schie­de­nen My­then, die in die Aus­stel­lung ein­ge­gan­gen sind. 

Die kul­tur­his­to­ri­sche Schau ist eben­so lie­be­voll wie äs­the­tisch ge­stal­tet. Ge­glie­dert in drei Ka­pi­tel in­for­mie­ren mul­ti­me­dia­le Sta­tio­nen über die ins­ge­samt drei­zehn (welch Un­glücks­zahl!) My­then. Ein kur­zer Text er­läu­tert je­weils de­ren Ur­sprung und Wan­del, und wie sie heu­te wir­ken. 

Über 100 Ob­jek­te aus ver­schie­de­nen Mu­se­en aus dem Thur­gau und der rest­li­chen Schweiz il­lus­trie­ren die the­ma­ti­sier­ten My­then. Al­les lädt zum Er­kun­den und Ent­de­cken ein. Om­ni­prä­sent ist in der ge­sam­ten Schau der Ap­fel oder der Ver­weis auf ihn: So be­steht das Aus­stel­lungs­mo­bi­li­ar zum Gross­teil aus grü­nen Ap­fel­kis­ten. 

My­then, My­then, My­then

Ob­wohl die Schau auch na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le My­then auf­greift, fin­det sich vie­ler­orts ein re­gio­na­ler Be­zug. Im Ka­pi­tel «Na­tur und Wild­nis» trifft man auf ein schnee­weis­ses Wolfs­ske­lett. Ein Wolf, der zu Leb­zei­ten wohl im Thur­gau wan­del­te, bis man ihn 2021 krank­heits­be­dingt er­schoss. Über ihn ver­han­delt «Sehn­sucht My­thos» die Fi­gur des «Bö­sen Wolfs». De­ren schlech­ter Ruf rei­che bis ins Mit­tel­al­ter, heisst es. Und ob­wohl das Nar­ra­tiv «kein bio­lo­gi­sches Fak­tum, son­dern ein kul­tu­rel­les Kon­strukt» sei, hal­te es sich bis heu­te. Das zei­ge sich mit­un­ter in der hit­zi­gen und hoch­emo­tio­na­len De­bat­te um die Wöl­fe in der Schweiz (Sai­ten be­rich­te­te).

Von der Na­tur schlen­dert man neu­gie­rig zum Ka­pi­tel «Glau­be und Spi­ri­tua­li­tät». Hier geht es un­ter an­de­rem um He­xen, den Sa­mi­ch­laus so­wie um Adam und Eva. Mit der Fi­gur des Wil­helm Tells, Schwei­zer Na­tio­nal­held, be­fasst sich das Ka­pi­tel «Na­ti­on und Iden­ti­tät». Aus­ser­dem wid­met man sich hier auch den Pfahl­bau­ern. De­ren Be­zeich­nung ist, so er­fährt man, ir­re­füh­rend. Die Pfahl­bau­er hät­ten näm­lich nicht nur Be­hau­sun­gen auf Pfäh­len ge­baut, son­dern auch an­de­re Bau­tech­ni­ken ver­wen­det. «Trotz­dem bleibt der Na­me Pfahl­bau wirk­mäch­tig, auch weil Mu­se­en, Me­di­en und Koch­bü­cher ihn wei­ter nut­zen.» 

Der Baum in der Ausstellung (Bild: vez)

Der Baum in der Ausstellung (Bild: vez)

Wie man so durch die Schau streift, stellt man fest, dass sie sehr viel­fäl­ti­ge Er­zäh­lun­gen un­ter dem Be­griff des My­thos ver­eint. Die­se sind sich ähn­lich und un­ähn­lich zu­gleich. Ähn­lich, weil sie al­le ir­gend­wie ei­ne his­to­ri­sche Ver­an­ke­rung ha­ben und noch heu­te auf ih­re Art Pro­jek­ti­ons­flä­chen sind. Un­ähn­lich, weil sie sich in ih­rem Ur­sprung, ih­rer Form, ih­rer Funk­ti­on und ih­rer Wir­kung un­ter­schei­den.

So ist der Pfahl­bau­er-My­thos in mehr­fa­cher Hin­sicht un­gleich dem der He­xen. So geht es bei ers­te­rem, ver­kürzt ge­sagt, um ei­ne ver­klä­ren­de Be­griffs­ge­schich­te; beim zwei­ten um ei­ne in­iti­al ideo­lo­gisch mo­ti­vier­te Er­zäh­lung, die zu ei­ner sys­te­ma­ti­schen Un­ter­drü­ckung und Er­mor­dung von Men­schen führ­te. 

Ver­mut­lich ent­springt die­se the­ma­ti­sche Viel­falt dem sehr of­fe­nen My­thos­be­griff, mit dem die Schau zu ar­bei­ten scheint. Da kann man letzt­lich fast al­les un­ter­brin­gen. Ob die­ser brei­te Zu­griff nun pro­duk­tiv, leicht ir­ri­tie­rend oder bei­des gleich­zei­tig ist, weiss man am En­de nicht so recht. Ge­wünscht hät­te man sich aber, die an­ge­leg­te Of­fen­heit wä­re kon­se­quen­ter um­ge­setzt wor­den. So feh­len et­wa mo­der­ne All­tags­my­then, Ur­ban Le­gends oder Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen gänz­lich in der Schau. 

Mehr zum Werk 2

«Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist die ers­te in­ter­dis­zi­pli­nä­re Aus­stel­lung der sechs kan­to­na­len Thur­gau­er Mu­se­en im Werk 2 in Ar­bon. Die Mu­se­en be­spie­len die al­te Web­ma­schi­nen­hal­le ge­mein­sam in ei­ner Zwi­schen­nut­zung. Die ak­tu­el­le Schau mit ih­rer kul­tur­his­to­ri­schen Aus­rich­tung und der Ver­an­ke­rung in der Ge­gen­wart soll ein Grund­stein für die künf­ti­ge Rich­tung des Hau­ses sein. In den kom­men­den Jah­ren wer­den wei­te­re in­ter­dis­zi­pli­nä­re Aus­stel­lun­gen fol­gen. Bis das ge­plan­te The­men­haus «Mu­se­um Werk 2» rea­li­siert wird, dau­ert es vor­aus­sicht­lich bis 2037.

«Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten»: bis Sonn­tag, 22. No­vem­ber, Werk 2, Ar­bon.

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