25 Jahre Rock am Weier
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Konzerte vor der Kulisse der Wiler Altstadt: das Festival Rock am Weier. (Bilder: Elisa Faes)
Freitagabend in der Äbtestadt. Ich überhole Horden an Teenies, die am Weierufer vor dem Eingang ihre Flaschen leeren, und fühle mich dabei etwas uncool, weil ich eine gstabige Kameratasche trage. Von wegen, die Jungen gingen nicht mehr aus. Mit dem grünen Bändel betrete ich die Welt meiner eigenen Jugend: die Caipi-Mojito-Bar, das heuer abgesperrte «Kifferhüsli» beim Spielplatz und die grosse Weierbühne, wo ich meine ersten Konzerte erlebt hatte.
Das Openair Rock am Weier gibt es seit 25 Jahren, also etwa gleich lang wie mich. Es könnte sein, dass es hauptsächlich für mein Interesse an Livemusik verantwortlich ist. Wobei eine kurze Recherche zeigt: in den Nullerjahren bestand das Line-up fast ausschliesslich aus reinen Männer-Rockbands mit Namen wie Toilet Flush und Evil Feet. Heute zeigt sich sowohl genre- als auch gendermässig ein vielfältigeres Bild. Das sei gewollt, erklärt Jan Räbsamen, dessen Handschrift das Programm des Festivals trägt. Ohnehin gebe es heute mehr genreübergreifende Musik an Festivals, aber auch schon in den Anfangsjahren des Rock am Weier habe es gewisse Ausbrüche in Richtung Reggae und Ska gegeben.
Für viele junge Bands ist die Startrampe am Wiler Weiher die erste Festivalshow. Dieses Jahr zum Beispiel für die St.Galler Post-Rock-Band Anna, die seit gut drei Jahren besteht und im März ihre erste EP Loslassen veröffentlicht hat. Auch das Synthpop-Duo Ara spielt zum ersten Mal vor einem Openair-Publikum, es ist eines ihrer ersten Konzerte überhaupt. Am Freitagabend läuten sie damit mein diesjähriges Rock am Weier ein und überzeugen mit der Kombination aus selbst produzierten Visuals und Musik.
Die grosse Weierbühne ist Namen wie Veronica Fusaro, der diesjährigen ESC-Teilnehmerin, oder Swiss-Music-Awards-Gewinnerin Nina Valotti vorbehalten. Einige bekannte Namen sind hier schon aufgetreten: Baschi, Anna Rossinelli, Stiller Has und Faber waren alle schon da. Mehr als die grossen Shows interessiert mich dieses Jahr, wie ein zweitägiges Gratisfestival dieser Grösse bestehen kann und gleichzeitig fast jährlich Besucher:innenrekorde bricht. Immerhin ist von Ausgangssterben die Rede – währenddessen schaffe ich es während DJ Dorotechas Rausschmiss-Set in der RAW-Bar vor lauter pubertärem Gemenge kaum an die Theke.
Das erste Rock am Weier fand 2001 statt und war eine Art Get-Together von vier lokalen Rockbands – mit einer Transporter-Ladefläche, die zur Bühne umfunktioniert wurde. Fürs leibliche Wohl gab es Dosenbier und ein paar Sandwiches. Als Mann der ersten Stunde organisierte Pädi Mathis mit seiner damaligen Band Close-Down einen Gig am Weier, weil sie nach der Rekrutenschule wieder mal irgendwo spielen wollten. Er hätte damals nicht gedacht, dass der Konzertabend nochmals stattfinden würde – 25 Jahre später sitzt er als OK-Mitglied im Backstage des vielleicht wichtigsten jährlichen Anlasses in Wil. Pädi Mathis war mein Primarlehrer. Ich erinnere mich noch gut ans Fetzeln mit der Klasse am Montag nach dem Festival.
Wie das Rock am Weier seit Jahren als Gratisanlass funktioniere, erklärt der Medienverantwortliche Andy Zellweger. Wichtig sei die Kombination aus Sponsoring, Gönner:innen, Einnahmen aus der Gastronomie und massiver ehrenamtlicher Arbeit. Rund 420 freiwillige Helfer:innen stemmen die diesjährige Ausgabe. Ohne sie ginge es nicht. Das OK zähle zwar neun Personen, das Kernteam sei aber viel grösser. «Viele davon helfen schon länger mit als die OK-Mitglieder. Das sind ungefähr 100 Leute, die Rock am Weier im Blut haben und jedes Jahr nur darauf warten, dass es wieder losgeht.»
Herausforderungen gebe es einige: die Wetterabhängigkeit oder die Planungsunsicherheit wegen fehlendem Vorverkauf. Ich erinnere mich an ein Gewitter im Jahr 2019, welches das OK zum Abbruch des Abends zwang. Auch wird – wie bei vielen anderen Anlässen – seit der Coronapandemie weniger Alkohol getrunken. Den Einnahmeneinbruch fängt der Verein mit Kostenoptimierungen auf. Insgesamt seien sie finanziell stabil und arbeiteten seit Jahren an möglichst effizienten Abläufen, sagt Zellweger.
Der Mann der ersten Stunde: Pädi Mathis.
Er betont: «Uns geht es darum, denjenigen Kultur näherzubringen, die nicht dafür bezahlen können – das ist das Grundprinzip. Gleichzeitig wollen wir auch der regionalen Kultur eine Bühne geben.» Zugänglichkeit und Niederschwelligkeit seien ihnen die grössten Anliegen. Der Lohn für die viele Arbeit sind die vielen positiven Feedbacks: «Wenn du da draussen auf der Wiese glänzende Kinderaugen siehst, dann ist das einfach schön.»
Samstagnachmittag, es ist «Rock-am-Weier-Wetter» im Wiler Jargon: also warm und sonnig. Traditionellerweise beginnt der zweite Tag mit «Kids on Stage». Die 12-jährige Maila singt ein derart herzzerreissendes Jar of Hearts von Christina Perri, dass ich trotz gleissender Hitze in der Sonne ausharre. Bei mir hat es damals leider nicht gereicht: Als Wackelkandidatin bin ich beim Vorsing-Termin rausgeflogen. Ich erkläre es jedoch gerne mit der Songauswahl: Ein Stern (… der deinen Namen trägt) von DJ Ötzi.
Später strömen nach und nach die Besucher:innen auf das Gelände. Der Anpfiff des WM-Spiels der Schweiz um 18 Uhr wäre ohne Moreno Graf fast unbemerkt geblieben. Der Radiomoderator und Stadionspeaker weist in der Folge in seinen Anmoderationen stets inbrünstig auf den aktuellen Spielstand hin. Auch die Acts kündigt Moreno mit einem unglaublichen Enthusiasmus an, manchmal mit einem «Wil, i freu mi!» zur Krönung.
Die Startrampe hat dieses Jahr viel zu bieten. Zur Golden Hour spielt die Band No Phase ihren Shoegaze mit einnehmender Lässigkeit. Auch die Zürcher Rockband Mama Jefferson mit der Insta-Bio «Your favorite crazy cunts» gibt alles; Frontfrau Mara steigt in die Menge, die Wiler:innen lassen sich von der Euphorie der Band anstecken. Und auch Dibby, Shootingstar der queeren Rap-Szene aus Genf, bringt den Weier zum Kochen – zum Publikum meint er nur: «Wil, I love dat shit.»
Mama Jefferson steckten die Besucher:innen mit ihrer Energie an, ...
... für Phenomden war das Wiler Publikum «nicht das einfachste».
Meine Sternstunde am Samstagabend: Phenomden mit den Scrucialists. Er bespielt die Weierbühne mit einem Drive, dem man sich schlicht nicht entziehen kann, obwohl er in seinem neusten Album Casino True Love eine Trennung verarbeitet. Nach dem Konzert verrät er, das Wiler Publikum sei «nicht das einfachste» gewesen. Vielleicht lags an der Hitze. Vielleicht auch daran, dass er zum ersten Mal in Wil war.
Insgesamt blickt Rock am Weier auf ein erfolgreiches Wochenende zurückblicken. Es vereinte dieses Jahr 21'500 Menschen und diverse Subkulturen unterhalb der Kulisse der Wiler Altstadt – Fussballfans, Senior:innen, Punks, Teenie-Grüppli und Kulturszenis. Das ist die Stärke des Festivals. «Wil wäre nicht Wil ohne Rock am Weier», sagt Andy Zellweger. Nach 25 Jahren spricht einiges dafür, dass er recht hat.
Nach jahrelanger Arbeit hat Sonart im Mai die Honorarrichtlinien für professionelle Musiker:innen veröffentlicht. Was diesen die Existenzgrundlage sichern soll, verschärft für Veranstalter:innen und Konzertlokale die finanziellen Probleme – mit entsprechenden Rückkopplungen auf das Booking.
Heute veröffentlichen Projekt ET ihr drittes Album Eskapade & Tumult. Trotz des lauten Titels setzt die Band diesmal auch auf ruhigere Zwischentöne.
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