St.Gallen plant Konsumraum für Suchtkranke
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
In dieser Liegenschaft auf der Nordseite des Hauptbahnhofs, gleich gegenüber des Fachhochschulzentrums, soll der Konsumraum für Menschen mit einer Suchterkrankung entstehen. (Bild: pd/Stadt St.Gallen)
Etwa 50 Personen sind der Einladung gefolgt und haben sich im Lokal Gut & Güter im Güterbahnhof eingefunden. Hier informieren an diesem Mittwochabend die Stadt St.Gallen und die Stiftung Suchthilfe über den neuen begleiteten Konsumraum, der hinter dem Hauptbahnhof – zwischen Fachhochschule und Lokremise – entstehen soll.
Bereits bevor die Veranstaltung beginnt, diskutieren zwei ältere Herren in der zweiten Reihe über mögliche negative Auswirkungen des geplanten Konsumraums. Einer von ihnen äussert die Sorge, das Quartier könnte sich dadurch verändern. «Die Bahnhofsunterführung zur Fachhochschule ist schon heute nachts kein sicherer Ort», sagt er später öffentlich im Plenum.
Die Sorge ist auch bei anderen Menschen im Saal spürbar. «Ich bin ein glücklicher Anwohner – noch …», beginnt ein weiterer aus der Nachbarschaft seine Wortmeldung lakonisch. Eine Anwohnerin fragt: «Soll ich diese Leute grüssen oder nicht, wenn ich abends nach Hause komme?» Dahinter steht die Angst und Verunsicherung, durch den Konsumraum könnten Zustände zurückkehren wie in den 1990er-Jahren, als es nicht nur am Platzspitz oder beim Letten in Zürich, sondern auch in St.Gallen eine offene Drogenszene gab. «Ich hatte damals drei Tote vor meiner Tür. Das möchte ich nicht nochmals erleben», erinnert sich ein älterer St.Galler. Die Bilder dieses Elends und des Chaos der damaligen Zeit brennen sich ein, wenn man sie einmal echt gesehen hat.
Die Bedenken und die Verunsicherung darüber, was da auf sie zukommt, sind nachvollziehbar. Erst vor wenigen Tagen hat der St.Galler Stadtrat über den definitiven Standort des Konsumraums entschieden: An der Lagerstrasse 2/4 soll demnach eine zusätzliche Kontakt- und Anlaufstelle für Menschen mit Suchterkrankung eingerichtet werden. Das zentrale Element im älteren Gebäude, gleich gegenüber der Fachhochschule und in Schrittweite vom Hauptbahnhof, ist ein begleiteter Konsumraum. Ein Ort, in dem Menschen mit schwerer Suchterkrankung die Möglichkeit haben, ihre Drogen wie Crack, Kokain, Benzodiazepine (also Beruhigungsmittel) oder andere Substanzen legal und in einem geschützten, kontrollierten und hygienischen Rahmen zu konsumieren oder untereinander zu tauschen. Oder sich einfach eine Weile ausruhen.
Eine Suchterkrankung bedeutet nicht einfach, dass Menschen «Drogen nehmen», um damit ein bisschen Spass zu haben. Es bedeutet vielmehr, dass der Konsum ihr Leben bestimmt. Viele Betroffene verbringen einen grossen Teil ihres Tages damit, Substanzen zu beschaffen, einen Ort zum Konsumieren zu finden und die nächsten Stunden zu überstehen. Oft kommen weitere Probleme hinzu: psychische Erkrankungen, Armut, Einsamkeit, gesundheitliche Risiken, Überdosierungen, verunreinigte Substanzen oder der Verlust der Wohnung. Wer suchtkrank ist, lebt häufig nicht mehr in stabilen Verhältnissen, sondern in einem Alltag, der fast vollständig vom nächsten Konsum geprägt ist.
«Der neue Raum soll diesen Menschen Würde ermöglichen», erklärt Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe, den etwa 50 Anwesenden, die an diesen Informationsanlass für die Quartierbevölkerung gekommen sind. «Süchtige sind einsam, und es dreht sich alles nur noch um den Konsum.» Der einzige Gedanke dieser Menschen: Wann und wo bekomme ich wieder «Stoff», «Ware» oder «Zeug»? Gerade Suchtkranke, die keine stabile Wohnsituation oder gar keine eigene Wohnung haben, sind gezwungen, in den Gassen oder den Parks zu konsumieren – also in der Öffentlichkeit. Ein Zustand, der weder für die Suchtkranken selbst noch für die Bewohner:innen der Stadt angenehm ist.
Menschen ohne Wohnung verbringen ihren Alltag fast ausschliesslich im öffentlichen Raum. Sie sind deshalb gezwungen, auch ihre Drogen in der Öffentlichkeit zu konsumieren. Das hat auch Folgen für die Stadt. «Die Belastung des öffentlichen Raums und der Quartiere steigt und gleichzeitig auch die Verunsicherung in der Bevölkerung», sagt Stadträtin Sonja Lüthi. Folglich wird im öffentlichen Raum nicht nur konsumiert, sondern auch mit Drogen gehandelt.
Schwerstsüchtige und obdachlose Menschen halten sich derzeit vor allem im Kantipark am Burggraben auf. Der Park hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren als Treffpunkt unter den Suchtkranken etabliert. In St.Gallen ist den meisten Menschen bewusst, dass dort im Park die Drogenszene ist. «Die Stiftung Suchthilfe hat im Kantipark auch die Stühle für diese Menschen hingestellt», so Regine Rust.
Die Befürchtung vieler anwesender Anwohner:innen: Die suchtkranken Menschen könnten, sobald der neue Konsumraum bezugsbereit ist, den Kantipark verlassen und ihren Alltag künftig im Quartier verbringen. Also in «ihrem» Quartier, in ihren Hauseingängen und Gärten, womöglich zugemüllt mit leeren Flaschen und Bierdosen.
Die Verantwortlichen der Stadt und der Stiftung Suchthilfe können die Menschen an diesem Abend allerdings beruhigen. Genau das sei nicht das Ziel: «Die Szene soll nicht Richtung Hauptbahnhof gezogen werden», erklärt Regine Rust deutlich. Auf den Strassen rund ums Haus an der Lagerstrasse soll auch nichts sichtbar sein, so die Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe. Wer ankommt, soll möglichst direkt ins Haus gelangen; der Aussenraum soll so organisiert werden, dass sich vor dem Gebäude keine neue Szene bildet. «Handel und Konsum ausserhalb des Raums werden nicht toleriert», ergänzt Stadträtin Lüthi.
Gelegenheits- und Spasskonsument:innen, die jetzt hoffen, hin und wieder im Konsumraum spontan vorbeizuschauen, um legal ein bisschen Koks zu schnupfen, werden enttäuscht: Zugang haben nur Menschen mit einer schweren Suchterkrankung und in einer prekären Lebenssituation. Und selbst sie müssen klare Auflagen erfüllen: «Das Mindestalter ist 18, und die Menschen müssen sich namentlich registrieren», macht Rust deutlich. Es gibt auch eine strikte Hausordnung – wer gegen diese verstösst, wird sanktioniert oder der Zugang wird der betreffenden Person für eine gewisse Zeit verwehrt.
Im Haus anwesend sind dereinst ein Sicherheitsdienst sowie verschiedene Sozialarbeiter:innen und Pflegende. Gemäss Stadträtin Sonja Lüthi kosten der Unterhalt des Konsumraums und die dafür nötigen 7,5 Vollzeitstellen jährlich rund eine Million Franken. Dazu kommen noch einmalige Umbaukosten, um das alte Haus für die neue Nutzung herzurichten. Fürs Erste ist ein Betrieb von drei Jahren vorgesehen. Die Trägerschaft des Konsumraums übernimmt die Stiftung Suchthilfe.
Trotz dieser Konsummöglichkeit für suchtkranke Menschen bleibt die bisherige Medizinisch-soziale Hilfsstelle 1 an der Rosenbergstrasse direkt beim Palace bestehen. Dort werden schwer suchtkranke Menschen medizinisch und sozial begleitet. Zum Angebot gehört auch die kontrollierte Abgabe von Heroin an Personen, die dafür zugelassen sind. «Im Rosenberg kommen täglich etwa 50 Menschen, um Heroin zu konsumieren, viele davon dreimal am Tag», gibt Rust zu bedenken.
Der geplante Konsumraum an der Lagerstrasse ersetzt dieses Angebot nicht, sondern ergänzt es. An der Lagerstrasse werden im Gegensatz zur Rosenbergstrasse auch keine Drogen abgegeben, die Suchtkranken müssen sie selber mitbringen und konsumieren. Genutzt werden soll das Angebot von etwa 50 Personen am Tag. «Es kann auch sein, dass es dann 60 oder 70 sind», das werde sich im Laufe der Zeit zeigen, so Rust. Der Bedarf für einen Konsumraum sei leider vorhanden. Die Stadt brauche einen weiteren Ort, da nicht nur der Konsum, sondern auch die Anzahl schwerstsüchtiger Menschen zugenommen habe.
Vor allem der Konsum von Kokain hat massiv zugenommen. Kokain ist verhältnismässig billig und fast überall verfügbar. Zugenommen hat aber auch der Konsum von Crack. Crack ist eine rauchbare Form von Kokain. Es entsteht, wenn Kokain chemisch so verarbeitet wird, dass es erhitzt und geraucht werden kann. Der Name kommt vom knackenden Geräusch, das beim Erhitzen entsteht. Die Stadt St.Gallen und die Stadtpolizei sprechen von einer deutlichen Zunahme des Konsums illegaler psychoaktiver Substanzen in der Ostschweiz.
Die Stadt versteht den Konsumraum als konsequente Weiterentwicklung des «St.Galler Weges». Dieser setzt seit den 1990er-Jahren auf ein Zusammenspiel verschiedener Massnahmen und Akteure. Grundlage ist das Vier-Säulen-Prinzip der Schweizer Drogenpolitik: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Ziel ist es, den Drogenkonsum und seine negativen Folgen für die Konsumierenden und die Gesellschaft nachhaltig zu vermindern.
Die neue Kontakt- und Anlaufstelle ist deshalb bewusst als Teil eines Gesamtansatzes konzipiert. Sie baut auf bestehenden Strukturen der Stiftung Suchthilfe auf und soll eng mit weiteren Angeboten vernetzt sein. Dazu gehören niederschwellige Beratung und Betreuung, soziale Dienste, Sozialberatung, therapeutische Angebote und die enge Zusammenarbeit mit der Stadtpolizei.
Der Standortentscheid fiel nach Prüfung mehrerer Möglichkeiten. Die Stadt St.Gallen prüfte gemeinsam mit der Stiftung Suchthilfe unter anderem auch eine Erweiterung des «Blauen Engels» im Katharinenhof oder eine provisorische Container-Lösung beim Platztor. Doch diese und zahlreiche weitere mögliche Standorte mussten verworfen werden. Ausschlaggebend für die Lagerstrasse waren fachliche Kriterien, die Erreichbarkeit, Sicherheitsfragen und die Einbettung ins Umfeld. Ziel war ein Standort, der sich möglichst rasch realisieren lässt, gut erreichbar ist und sich verträglich in das bestehende Umfeld einfügt. «Wir haben enorm viel Zeit investiert für den Standortentscheid», so Sonja Lüthi.
In Chur ist ein ähnliches Angebot seit Frühling 2026 in Betrieb. Erste Erfahrungen zeigen, dass der Bedarf gross ist: Bereits kurz nach der Eröffnung nutzten täglich 30 bis 50 Personen den Konsumraum. Gleichzeitig verschwanden die Konsumierenden nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Stadtpark. Die Wirkung solcher Angebote entfaltet sich offenbar schrittweise – auch weil sich die Nutzer:innen zuerst registrieren müssen und die Massnahmen im öffentlichen Raum nach und nach angepasst werden. Das Prinzip eines Konsumraums habe sich bewährt, sagt Suchtexpertin Regine Rust Das habe sich auch anderen Orten wie Basel, Zürich, Berlin oder Frankfurt gezeigt. «Wir sind also keine Pioniere. Wir machen es so, weil es sich bewährt hat.»
Gerade weil der Standortentscheid des Stadtrates noch relativ frisch sei, suchten die Stiftung Suchthilfe und die Stadt St.Gallen aktiv das Gespräch mit den Menschen im Quartier, sagt Rust. Eine weitere Gesprächsrunde mit der Bevölkerung soll es Ende August geben. Die Stadt und die Stiftung Suchthilfe sind überzeugt, mit dem Konsumraum nicht nur auf die Notlage schwer suchtkranker Menschen zu reagieren, sondern auch mehr Ruhe ins umliegende Quartier und in die gesamte Stadt zu bringen. Der Konsum soll sich in den geschützten Raum verlagern und Handel und Konsum auf der Strasse sollen abnehmen.
Für die anwesenden Bewohner:innen des Quartiers zwischen Fachhochschule und Lokremise klingt vieles von dem, was sie an diesem Abend hören, hoffnungsvoll. Auch wenn bei manchen Zweifel bleiben. Ob die Sorgen berechtigt sind – etwa jene, dass suchtkranke Menschen auf den Strassen sichtbarer werden oder den Alltag im Quartier stören könnten –, wird sich wohl erst zeigen, wenn der Konsumraum in Betrieb ist.
Auf die Frage der Frau aus dem Publikum, ob man diese Menschen auf der Strasse grüssen soll oder nicht, gibt Regine Rust eine einfache Antwort: «Ich habe gute Erfahrungen gemacht, wenn man Menschen grüsst.»
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