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Süchtigen eine Stimme geben

Bachelorarbeiten müssen nicht zwingend aus einem Papierberg bestehen, wie Angelo Zehrs Recherche über das Leben auf St.Gallens Gassen zeigt. Saiten hat ihn dazu befragt.
Von  Corinne Riedener

Angelo Zehr, Stadtparlamentarier und Absolvent des Studiengangs Multimedia Production an der Hochschule Chur (HTW), hat die letzten Monate mit Menschen «uf de Gass» verbracht. Die Gasse – ein Ausdruck, der bisher nicht unbedingt zu Zehrs Vokabular gehört hat und genau genommen von den Süchtigen selber stammt.

Aus der Recherche des 24-Jährigen ist eine umfangreiche Online-Dokumentation über das Leben mit der Sucht und den Alltag auf der Strasse entstanden. Ein «grossartiges Stück Lokaljournalismus», lobte die «Medienwoche» am Dienstag auf Facebook. Und SRF-Mann Konrad Weber – erklärter Online-Crack – sprach auf Twitter gar von einem «Multimedia-Feuerwerk im Regionalen», von einem «starken Stimmungsbericht der St.Galler Drogenszene».

Zehr wollte in erster Linie sensibilisieren mit seiner Arbeit, aufklären und Antworten liefern. Auf Fragen, die seit dem Verschwinden der offenen Szene Ende der 90er-Jahre immer weniger präsent sind in den (jüngeren) Köpfen unserer Gesellschaft – was ihm auch gelungen ist. Auf der inhaltlichen wie auf der visuellen Ebene. Saiten schliesst sich den Komplimenten von ganzem Herzen an, hatte aber dennoch einige Fragen zu seiner Bachelorarbeit:

 

Angelo, was hat Dich dazu bewogen, das «Gassenleben» in St.Gallen zu erforschen?

Ursprünglich mein Wohnort – ich lebe im Linsebühl, vis-à-vis der Gassenküche, über die ich letztes Jahr auch schon einen Kurzfilm gedreht habe. Damals wurde mir klar, dass dieses Thema von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. In meiner Arbeit wollte ich jenen eine Stimme geben, die sonst keine haben. Diese Leute sind schliesslich mitten unter uns, aber wir wissen so gut wie nichts über ihr Leben.

Wie hast Du es geschafft, ihr Vertrauen zu gewinnen, und mit welchen Schwierigkeiten warst Du dabei konfrontiert?

Einige waren von Anfang an sehr offen, aber sie waren die Ausnahme. Echtes Vertrauen konnte ich nur mit regelmässiger Anwesenheit aufbauen, indem ich beispielsweise meine Mittagspausen im Kathi-Treff oder im Kantipark verbrachte. Dass ich aus journalistischem Interesse an diesen Orten war, habe ich aber erst mit der Zeit verraten, weil es gewisse Aversionen gegenüber den Medien gibt in dieser Szene – zu viele Schlagzeilen über «Randständige», zu viele schlechte Erfahrungen. Ich glaube aber, vielen war bewusst, dass ich mit guten Absichten komme, ihnen mit Respekt begegne und niemanden «in die Pfanne haue». 

Eine Nacht in der Notschlafstelle wird in der Regel vom Sozialamt übernommen und kostet satte 70 Franken, heisst es in deiner Dokumentation. Das ist teurer als manche Hotels. Weisst Du, wie dieser Preis zustande kommt?

Das frage ich mich auch. Leider habe ich keine befriedigende Antwort erhalten vom städtischen Sozialamt. Ich vermute, dass es mit der Infrastruktur und den Löhnen der Sozialarbeiterinnen und -arbeiter zusammenhängt, aber auf meine Anfragen wurde jedes Mal äusserst abweisend reagiert. Es hiess, ich dürfe «unter keinen Umständen» in dieses Haus, auch tagsüber nicht, wenn keine Süchtigen da sind. Leider fehlte mir am Schluss die Zeit, um direkt bei Nino Cozzio, dem zuständigen Stadtrat, anzufragen.

Die Spritzen im anonymen Safe-Box-Automaten sind 15 Mal teurer als jene vom «Blauen Engel» der Stiftung Suchthilfe, wo man seine Utensilien persönlich abholen muss. Ein Vor- oder ein Nachteil, dass Konsumenten quasi einen realen Preis dafür zahlen, wenn sie sich und ihre Sucht nicht outen wollen?

Ich finde diese Praxis okay. Man könnte sich allenfalls überlegen, die Safe-Box für zwei statt für drei Franken zu verkaufen, aber weniger nicht.

Werden sie dadurch nicht in die Unhygiene gezwungen, wenn sie anonym bleiben wollen, so knapp wie das Geld ohnehin schon ist?

Der Stoff kostet in der Regel um die 20 Franken. Ich glaube nicht, dass dieser eine zusätzliche Franken pro Schuss einen grossen Unterschied macht. Süchtige zahlen aus meiner Erfahrung gerne etwas mehr für sauberes Besteck. Ausserdem verstehe ich die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter; so können sie in Kontakt und vor allem auch im Gespräch bleiben mit den Abhängigen.

Sowohl Süchtige als auch Fachpersonen fordern seit geraumer Zeit ein «Fixerstübli». Hast Du als Stadtparlamentarier einen entsprechenden Vorstoss geplant?

Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt während des Projekts. Mittlerweile habe ich aber beschlossen, noch abzuwarten damit – in der Hoffnung, dass sich auch ohne Vorstoss eine Debatte entwickelt aufgrund meiner Arbeit. Wenn nicht, ziehe ich den politischen Weg aber definitiv in Betracht.

Haben sich aus Deiner Arbeit noch weitere politische Forderungen ergeben?

In unserer Stadt fehlt ein niederschwelliges Übernachtungsangebot. Konkret meine ich damit einen Ort, wo man sich nicht unbedingt zu Erkennen geben muss, der vielleicht nur fünf oder zehn Franken pro Nacht kostet statt siebzig. Ich weiss von Personen, die Hausverbot haben in der Notschlafstelle und somit auch ihre letzte Anlaufstelle verloren. Derzeit sind es etwa zehn, heisst es, und bald kommt der Winter… Fachleute sagen, die Situation in St.Gallen sei schon lange nicht mehr so prekär gewesen wie in diesem Jahr.

Es gibt auch Abhängige, die jahrelang unbemerkt zu Hause konsumieren, einen Job und unter Umständen eine Familie haben. Wäre diese Debatte nicht ebenso wichtig?

Ich habe dieses Thema bewusst aussen vor gelassen und mich auf «die Gasse» beschränkt. Eine Debatte bräuchte es aber auf jeden Fall. Ich persönlich kann allerdings nur wenig dazu sagen – ausser vielleicht, dass die Suchtproblematik in unserer Gesellschaft grundsätzlich diskutiert werden müsste. Was heisst überhaupt Sucht? Und wann wird sie zum Problem?

Das ist wohl Ansichtssache – wie es auch eine Frage der Definition ist, ob Medikamente ebenfalls zu den sogenannten Drogen gehören oder nicht…

Ich persönlich bevorzuge sogar den Begriff Betäubungsmittel, weil die Grenzen zwischen Drogen und Medikamenten eher politischer und weniger medizinischer Natur sind. Wenn wir den Aspekt der Legalität  für einen Moment vergessen, stellt sich doch eigentlich vor allem die Frage, für wen der Drogen- oder Medikamentenkonsum schädlich ist. Schadet beispielsweise eine Ärztin auf Ritalin oder Kokain ihren Patienten? Ironischerweise nicht, weil sie so vermutlich leistungsfähiger ist – was natürlich nicht als Legitimation für leistungssteigernde Substanzen gemeint ist.

Worüber müsste unsere Gesellschaft sonst noch diskutieren in Sachen Betäubungsmittel?

Eine der wichtigsten Fragen wäre sicher die nach den Gründen, wieso wir Menschen uns berauschen. Entscheidend ist ja nicht unbedingt, was wir konsumieren, sondern warum wir es tun und wie wir damit umgehen. Die Leute auf der Gasse haben immerhin erkannt, dass sie ein Suchtproblem haben. Andere Mitglieder unserer Gesellschaft sind diesbezüglich noch nicht so weit.

 

Das Bild vom Kantipark in St.Gallen hat Angelo Zehr gemacht und ist Teil seiner Arbeit. Die ganze Multimedia-Dokumentation ist hier zu finden.  

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