Der Kulturkampf
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Josef Felix Müller hantiert für Tasten durch den feinen Nebel der Sinnlichkeit (1987) mit der Kettensäge. (Bild: Thomas Peretti)
Und plötzlich war die Stadt «mit Kultur vollgeschissen», wie es der Schriftsteller Andreas Niedermann gewohnt unzimperlich Mitte der 1980er-Jahre ausdrückte. Was war passiert in diesem St.Gallen, das erst gerade noch als Güllen, Holzboden, «Arschfalte» (Niedermann) oder «Leichentobel Death Valley» (Meienberg) galt? Innert weniger Jahre entstanden die Grabenhalle, das Kinok (damals K59), die Kunsthalle, die Wyborada, ein kurzlebiges AJZ, der Schwarze Engel, der Genossenschaftsladen, die Buchhandlung Comedia und andere. Und auch die Kulturförderung entdeckte die damals «alternativ» genannte Kunst und Kultur, zumindest ein bisschen. «Im Endergebnis», so das Fazit im Buch Der grosse Aufbruch, «war die Stadt nicht mehr dieselbe wie davor.»
Den Gründen und den Akteur:innen gehen Corinne Schatz und Ralph Hug in ihrem mehr als 500-seitigen Band akribisch nach. Und machen klar: Der grosse Aufbruch kam nicht aus heiterem Himmel. Er hatte seine Vorgeschichte, in der 68er-Bewegung mit ihren alternativen Wohn- und Arbeitsformen, kapitalismuskritischen und antiautoritären Haltungen – und deren Zusammenprall mit einem wirtschaftsgläubigen Fortschrittsdenken, verkörpert im AKW-Bau oder einer forcierten Immobilienspekulation und Abriss-Euphorie. Auch in St.Gallen fehlte es an günstigem Wohnraum, ebenso an Geld für progressive Kultur. Das schuf den Humus für Protest und Kreativität.
Das Buch blendet zurück zum Pic-o-Pello-Zirkus 1975 auf der Gasse zwischen Kellerbühne und Splügen. Dort mobilisieren Clown Pic und ein vielköpfiges Ensemble gegen die geplante Südumfahrung, die das in die Jahre gekommene Damm-Quartier zu zerstören droht – und haben Erfolg. «Kultur protestierte und Protest wurde künstlerisch», schreiben Hug und Schatz, es ist eine Art Leitmotiv des 80er-Jahre-Aufbruchs.
Kleinplakat Hirnumfahrung Nein von Pascal Froidevaux gegen die geplante Südumfahrung, 1981.
Das gilt auch für die Fanzines, «News aus dem Untergrund», die Wolfgang Steiger, Felix Kälin, Drucker Röbi Baumgardt und andere guerillamässig produzieren. Die «Steinschleuder» 1977 und ihre Folgeblätter, H.R. Frickers «Schreischleuder», «Das Wrack», die «Schleppscheisse» und später die Grabenzeitung «GraZ» verstehen sich als Stimmen «abseits vom offiziellen Kulturbrei». Wolfi Steiger charakterisiert im Buch den Zeitgeist: «Die 80er-Bewegung war ein Kollektiv mit viel Power im Kampf gegen das bürgerliche Kulturmonopol. Aber sie war keineswegs einheitlich, sondern vielfältig, ein Amalgam von politisch ziemlich radikalen und kreativen Leuten. Das unterscheidet sie von der 68er-Bewegung.»
Ein herausragendes Kunstereignis ist 1975 die Installation Bodensee und Säntis von Bernhard Tagwerker und Roman Signer, ein Alpsteinpanorama aus weissen Luftballons vor Arbon, das als frühes Land-Art-Projekt weitherum Aufsehen erregt. Signer wird in der Folge mit seinen damals fast durchwegs explosiven Aktionen eine der treibenden Kräfte des künstlerischen Wandels. Dass er dabei nie verhaftet wurde, wie er im Interview lachend erzählt, grenzt im Rückblick an ein Wunder – seine raketenknallenden Ereignisse 1985 in der eben frisch eröffneten Grabenhalle, zusammen mit den «Voice Cracks» Möslang/Guhl, wären heute undenkbar. Und angesichts der täglichen Bombennachrichten aus Kriegsgebieten vielleicht auch fragwürdig.
Signer-Aktionen krönen 1987 auch die Wiedereröffnung des Kunstmuseums im Stadtpark. Dem Thema widmet das Buch zu Recht viel Raum. Das wegen Baufälligkeit 17 Jahre lang geschlossene Museum war die Provokation par excellence, Symbol der «Inaktivität der Kulturverwaltung» und zugleich der «Nährboden, auf dem autonomes und anarchistisches Handeln gedeihen konnte», wie H.R. Fricker und Pascal Froidevaux 1982 in einem Statement schreiben: «Bekennen wir uns zur STADT OHNE MUSEUM»; stattdessen sollen Kunstschaffende mit einem «umfassenden Dienstleistungsprogramm» gefördert werden. Zwei Jahre vorher plakatiert Fricker seine Fiktive Kunsthalle St.Gallen.
Schon in den Jahren davor machen Fricker, Marcel Zünd, Froidevaux und andere den Stadtraum mit Lebensraumzeichen unsicher. Der «St.Galler Kleinplakatfrühling» blüht üppig, ruft aber auch die Polizei auf den Plan. Eine Serie satirischer Sujets zum Schwing- und Älplerfest 1980 in St.Gallen endet gar vor Gericht. Dieses taxiert die Bilder als «sittenwidrig» – aber das Plakatieren selber bleibt höchstrichterlich straffrei. Die standortmarketingtaugliche «saubere Stadt» sollte erst später erfunden werden.
Kleinplakat von Felix Kälin, Pascal Froideveaux und H. R. Fricker zum Eidgenösschen Schwing- und Älplerfest, 1980. (Bild: Privatarchiv Ralph Hug)
Brennendes AJZ (Fotomontage: Urs Eberle)
Vorerst rückt der Kampf um eine Kunsthalle ins Zentrum. Entscheidender «Schrittmacher», so der Titel im Buch, ist Josef Felix Müller. Er eröffnet 1980 an der Zürcherstrasse seine St.Galerie, den ersten Offspace, initiiert 1983 mit anderen die bahnbrechende «Szene»-Ausstellung in der ehemaligen «Volksstimme»-Druckerei und 1985 den Verein Kunsthalle, der vorerst nomadisch Ausstellungen organisiert. Erst 1988 findet die Kunsthalle einen fixen Ort in der früheren Schreinerei Schlatter an der Wassergasse und ab 1993 den heutigen Standort im Lagerhaus. Der Abbruch des Schlatterhauses 1990 provoziert erneut eine der vielen künstlerisch-politischen Protestaktionen, die die 80er-Jahre kennzeichnen. Ein Jahrzehnt vorher ist es die Schleifung der Posthalle an der Langgasse, die als Beiz und Kulturtreffpunkt den Boden bereitet für den Kampf um die Grabenhalle.
Die Grabenhalle ist die herausragende Errungenschaft jener Jahre. Ironischerweise verhilft ihr die Tonhalle zum Erfolg, wie Pius Frey im Interview nachzeichnet: Diese soll Anfang der 80er renoviert werden, zeitgleich protestiert die «IG Kohle» gegen die einseitige Verteilung der Kulturgelder und droht mit einem Referendum gegen die Tonhalle-Renovation. Das bringt die Stadt zum Einlenken, die alte Grabenturnhalle wird auf Probe zur Verfügung gestellt, das Volk sagt Ja zum Kredit, 1984 geht es fulminant los – während die Tonhalle noch bis 1990 auf ihre Renovation warten muss. Die Grabenhalle wie später das K59 verdanken ihre Schaffung einem bemerkenswerten «Zusammenspiel von Protestbewegung und institutioneller Politik», wie Paul Rechsteiner an der Buchvernissage vom 18. Mai hervorhob.
Und die Frauen? Dass der Kulturaufbruch von Männern dominiert wird und Frauen «zeitbedingt Einzelkämpferinnen» sind, ist im Buch unübersehbar. Und auch ein Thema in den Gesprächen, die Anna Beck-Wörner mit sechs Künstlerinnen führt, mit Susann Albrecht-Amsler, Katharina Henking, Anita Hohengasser, Muda Mathis, Lucie Schenker und Monika Sennhauser. Ihre Karrieren verliefen oft langsamer, gebremst durch die Familienarbeit. «Oft war ich in solchen Runden die einzige Frau», sagt Katharina Henking. Stark vertreten sind die Frauen in der Performancekunst, die in der museumsfreien Zeit der 80er ihrerseits aufblüht, mit Namen wie Nesa Gschwend, Erika Ackermann, Muda Mathis oder Videokünstlerin Pipilotti Rist. Das feministische Engagement mündet in Institutionen wie der Frauenbibliothek Wyborada, dem Frauenarchiv (heute Archiv für Frauen- und Sozialgeschichte Ostschweiz) oder der Politischen Frauengruppe (PFG/OFRA) – erkämpft «gegen erhebliche Widerstände», wie es im Buch heisst.
Pipilotti Rist und Muda Mathis posieren fürs Infoblatt zur Ausstellung «Die Tempodrosslerin saust», 1989. (Bild: Tomi Scheiderbauer)
Projektion des Films Sturm über Asien (1928) von Wsewolod Pudowkin auf einem Schneefeld in St.Georgen. Im Anschluss liess Roman Signer rund um die Projektion Farbdosen explodieren. (Bild: Peter Liechti)
Widerstand schlägt auch den Bemühungen um ein Programmkino entgegen. Gegen den St.Galler Kino-Mainstream rebelliert die Kinoki-Gruppe um Peter Liechti, Peter Kamm und andere mit Filmvorführungen, meist russischen Avantgardefilmen, draussen im Schnee, im Kraftwerk Kubel oder in der Kehrichtverbrennungsanlage. 1985 eröffnet im früheren Apollo-Kino in St.Fiden das K59, die Stadt ist inzwischen zu Subventionen bereit: der Start einer Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert mit dem Kinok in der Lokremise. 1988 flammen die Auseinandersetzungen noch einmal auf anlässlich der «Hecht»-Besetzung, mit der sich das K59 solidarisiert gegen den damaligen Kino-Monopolisten Franz Anton Brüni.
Ausführlich würdigt das Buch die Galerien, die in den 80ern ihre Blütezeit erleben dank den Buchmanns, Wilma Lock, Agathe Nisple, Susanna Kulli, Urs Herzog und Alfons J. Kellers Atelier-Galerie – auch wenn die Erker-Galerie schon früher St.Gallen international zu einer ersten Adresse gemacht hatte.
Nur kurz gestreift wird die Mediensituation, mit dem handgeklebten «St.Güller Tagblatt» vom 13. März 1981 als Aushängeschild. Das letzte Wort im Buch hat Ausstellungsmacherin Bice Curiger, die St.Gallen allerdings nur aus Distanz wahrnahm – die Musik spielte, trotz «grossem Aufbruch», in Zürich, Bern und anderswo.
Vieles ist schon anderswo aufgearbeitet worden – in den Editionen des Historischen Vereins zur Neuen Frauenbewegung (2005) und zur Geschichte der Sozialen Bewegungen (2016), oder jüngst im Buch Güllens grünes Gemüse von Simone Meyer (2022, ebenfalls bei der VGS erschienen), das die Geschichte bis zur Gegenwart weiterschreibt (saiten.ch/hippies-hecht-und-hermann-stollen). Ralph Hug und Corinne Schatz konzentrieren sich auf einen engeren Zeitraum und gehen dafür in die Tiefe. Entsprechend den Interessen des Duos, der Kunsthistorikerin Schatz und des Journalisten Hug, stehen Bildende Kunst und Stadtentwicklung im Zentrum. Rock und Punk (in einem kraftvollen Gastbeitrag von Marcel Elsener), Film und Frauenbewegung kommen ebenfalls zur Geltung.
Neben den Leitfiguren – Josef Felix Müller, Roman Signer, Norbert Möslang, H.R. Fricker, Peter Liechti, Pius Frey, Marina Widmer oder Paul Rechsteiner – erinnert das Buch auch an jene, die im Hintergrund wirkten, die Ostschweiz verliessen, die Kunst an den Nagel hängten, gestorben sind oder aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden drohen: Künstler:innen wie Felix Kälin, Stef Schwald, Flavia Jäggi, Pascal Froidevaux, Urs Eberle, die Grafiker:innen Franziska Bürkler, Jörg Eigenmann, Hugo Budaz Keller und viele andere.
Ob man den kulturellen Humus jener Zeit generell als «Subkultur» bezeichnen kann, wie dies die Autor:innen an vielen Stellen tun, wäre allerdings zu diskutieren. Eine Errungenschaft der 80er-Jahre war es gerade, Kategorien wie Hoch- und Subkultur, «etabliert» und «alternativ» in Frage zu stellen und auf lange Sicht aufzuweichen.
Josef Felix Müller bei einer Performance in der Salpeterhöhle bei Gossau, 1980. (Bild: Privatarchiv Josef Felix Müller)
Die Bebilderung des von Laura Prim gestalteten Buchs ist eine Fundgrube: über 1000 Bilder, künstlerische Werke, Fotos, Dokumente, vieles aus Privatarchiven, manches noch nie publiziert oder erst im Zug der Recherchen entdeckt, etwa ein Gemälde von Peter Kamm aus seiner Kinoki-Zeit oder frühe Malerei und Fotos von Peter Liechti. Grosszügige Bildstrecken zeigen Fotoarbeiten von Anita Hohengasser, Katharina Henkings Zeichnungen, Josef Felix Müllers Drucke, Ernst Schärs Dokumentarfotos und so weiter. Und nicht zuletzt die Blüten der Plakatkunst, für die PFG, die Anti-Apartheid-Bewegung, die GSoA-Initiative, die Grabenhalle-Abstimmung oder AfriKaribik – «Kunst, die sich einmischt», wie man sie heute weitherum vergeblich sucht.
Anderes bleibt unterbelichtet, insbesondere die Aufbrüche in Theater und Tanz. Da müssen kurze Blitzlichter genügen: der Skandal um Hürlimanns Grossvater und Halbbruder auf Drei Weieren, inszeniert von Marco Giacopuzzi, die Rigolo-Anfänge oder der Zusammenstoss im Ökozentrum Stein AR. Neben der freien Theaterszene dürfte das Stadttheater St.Gallen nicht fehlen: Regisseure wie Arnim Halter und Volkmar Kamm provozieren das Abopublikum, Halters Frauen Krieg Lustspiel führt 1990/91 zu einer beispiellosen Kampagne gegen das Stadttheater. Im Buch fehlt weitgehend auch die musikalische Avantgarde in Klassik und Neuer Volksmusik, die Produktionen von Open Opera oder die Gründung des Vereins Contrapunkt (1987).
Ebenso die Literatur: Niklaus Meienberg taucht via die Aufregung um die Kulturpreisverleihung 1990 auf, aber nicht mit seinen Texten. Prägende Figuren im Theater wie Christian Bleiker, Esther Hungerbühler, Dodó Deér, Musiker wie Paul Giger, Steff Signer, Peter Roth, Markus Bischof kommen nur am Rand oder gar nicht vor.
Auch fehlt ein Ausblick, insbesondere auf die Mobilisierung gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen im Frühling 1990 – oder auf Nachwehen: katastrophale wie das Drogenelend, das sich im Übergang zum neuen Jahrzehnt zuspitzt, oder erfreuliche wie das Kulturmagazin Saiten, gegründet 1994, aber den 80er-Jahren geistesverwandt. Schatz und Hug räumen freimütig ein, ihr Buch sei «unvollständig und selektiv» und geprägt durch ihre eigene Lebensgeschichte: «Wir kannten die Szene und gehörten teilweise dazu.» Die Geschichte etwa des Theaters dieser Zeit müsse erst noch geschrieben werden. Für das umfassende «Zeitpanorama» und Porträt der «Gründerzeit», welches ihr Buch bieten will und facettenreich bietet, sind diese Lücken ein kleiner Tolggen im Reinheft. Dem «Aufbruch» und der gewaltigen Leistung des Chronist:innen-Duos tut dies jedoch keinen Abbruch.
Was von den 80ern zu lernen wäre? Die Frage beantworteten Ralph Hug und Paul Rechsteiner an der Buchvernissage in der Grabenhalle. Heute sei das Kulturschaffen nicht mehr wie damals durch verständnislose oder «renitente» Verwaltungen bedroht, sondern durch den Kulturkampf von rechts. Gegen diese Kräfte wäre eine Solidarisierung wie damals dringend nötig, samt der Einsicht: «Nichts wurde geschenkt, jeder Fortschritt musste erkämpft werden.»
Ralph Hug, Corinne Schatz: Der grosse Aufbruch. Kunst, Kultur, Protest: Die 80er in St.Gallen. VGS Verlagsgenossenschaft St.Gallen, St.Gallen 2026.vgs-sg.ch
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