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Der Kulturkampf

Josef Felix Müller hantiert für Tasten durch den feinen Nebel der Sinnlichkeit (1987) mit der Kettensäge. (Bild: Thomas Peretti)

Josef Felix Müller hantiert für Tasten durch den feinen Nebel der Sinnlichkeit (1987) mit der Kettensäge. (Bild: Thomas Peretti)

Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.

Und plötz­lich war die Stadt «mit Kul­tur voll­ge­schis­sen», wie es der Schrift­stel­ler An­dre­as Nie­der­mann ge­wohnt unz­im­per­lich Mit­te der 1980er-Jah­re aus­drück­te. Was war pas­siert in die­sem St.Gal­len, das erst ge­ra­de noch als Gül­len, Holz­bo­den, «Arsch­fal­te» (Nie­der­mann) oder «Lei­chent­o­bel De­ath Val­ley» (Mei­en­berg) galt? In­nert we­ni­ger Jah­re ent­stan­den die Gra­ben­hal­le, das Ki­nok (da­mals K59), die Kunst­hal­le, die Wy­bora­da, ein kurz­le­bi­ges AJZ, der Schwar­ze En­gel, der Ge­nos­sen­schafts­la­den, die Buch­hand­lung Co­me­dia und an­de­re. Und auch die Kul­tur­för­de­rung ent­deck­te die da­mals «al­ter­na­tiv» ge­nann­te Kunst und Kul­tur, zu­min­dest ein biss­chen. «Im End­ergeb­nis», so das Fa­zit im Buch Der gros­se Auf­bruch, «war die Stadt nicht mehr die­sel­be wie da­vor.»

Den Grün­den und den Ak­teur:in­nen ge­hen Co­rin­ne Schatz und Ralph Hug in ih­rem mehr als 500-sei­ti­gen Band akri­bisch nach. Und ma­chen klar: Der gros­se Auf­bruch kam nicht aus hei­te­rem Him­mel. Er hat­te sei­ne Vor­ge­schich­te, in der 68er-Be­we­gung mit ih­ren al­ter­na­ti­ven Wohn- und Ar­beits­for­men, ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­schen und an­ti­au­to­ri­tä­ren Hal­tun­gen – und de­ren Zu­sam­men­prall mit ei­nem wirt­schafts­gläu­bi­gen Fort­schritts­den­ken, ver­kör­pert im AKW-Bau oder ei­ner for­cier­ten Im­mo­bi­li­en­spe­ku­la­ti­on und Ab­riss-Eu­pho­rie. Auch in St.Gal­len fehl­te es an güns­ti­gem Wohn­raum, eben­so an Geld für pro­gres­si­ve Kul­tur. Das schuf den Hu­mus für Pro­test und Krea­ti­vi­tät.

Zir­kus, «Stein­schleu­der», Alp­stein­pan­ora­ma

Das Buch blen­det zu­rück zum Pic-o-Pel­lo-Zir­kus 1975 auf der Gas­se zwi­schen Kel­ler­büh­ne und Splü­gen. Dort mo­bi­li­sie­ren Clown Pic und ein viel­köp­fi­ges En­sem­ble ge­gen die ge­plan­te Süd­um­fah­rung, die das in die Jah­re ge­kom­me­ne Damm-Quar­tier zu zer­stö­ren droht – und ha­ben Er­folg. «Kul­tur pro­tes­tier­te und Pro­test wur­de künst­le­risch», schrei­ben Hug und Schatz, es ist ei­ne Art Leit­mo­tiv des 80er-Jah­re-Auf­bruchs. 

Kleinplakat Hirnumfahrung Nein von Pascal Froidevaux gegen die geplante Südumfahrung, 1981.

Kleinplakat Hirnumfahrung Nein von Pascal Froidevaux gegen die geplante Südumfahrung, 1981.

Das gilt auch für die Fan­zines, «News aus dem Un­ter­grund», die Wolf­gang Stei­ger, Fe­lix Kä­lin, Dru­cker Rö­bi Baum­gardt und an­de­re gue­ril­la­mäs­sig pro­du­zie­ren. Die «Stein­schleu­der» 1977 und ih­re Fol­ge­blät­ter, H.R. Fri­ckers «Schrei­schleu­der», «Das Wrack», die «Schlepp­scheis­se» und spä­ter die Gra­ben­zei­tung «GraZ» ver­ste­hen sich als Stim­men «ab­seits vom of­fi­zi­el­len Kul­tur­brei». Wol­fi Stei­ger cha­rak­te­ri­siert im Buch den Zeit­geist: «Die 80er-Be­we­gung war ein Kol­lek­tiv mit viel Power im Kampf ge­gen das bür­ger­li­che Kul­tur­mo­no­pol. Aber sie war kei­nes­wegs ein­heit­lich, son­dern viel­fäl­tig, ein Amal­gam von po­li­tisch ziem­lich ra­di­ka­len und krea­ti­ven Leu­ten. Das un­ter­schei­det sie von der 68er-Be­we­gung.»

Ein her­aus­ra­gen­des Kunst­er­eig­nis ist 1975 die In­stal­la­ti­on Bo­den­see und Sän­tis von Bern­hard Tag­wer­ker und Ro­man Si­gner, ein Alp­stein­pan­ora­ma aus weis­sen Luft­bal­lons vor Ar­bon, das als frü­hes Land-Art-Pro­jekt weit­her­um Auf­se­hen er­regt. Si­gner wird in der Fol­ge mit sei­nen da­mals fast durch­wegs ex­plo­si­ven Ak­tio­nen ei­ne der trei­ben­den Kräf­te des künst­le­ri­schen Wan­dels. Dass er da­bei nie ver­haf­tet wur­de, wie er im In­ter­view la­chend er­zählt, grenzt im Rück­blick an ein Wun­der – sei­ne ra­ke­ten­knal­len­den Er­eig­nis­se 1985 in der eben frisch er­öff­ne­ten Gra­ben­hal­le, zu­sam­men mit den «Voice Cracks» Mös­lang/Guhl, wä­ren heu­te un­denk­bar. Und an­ge­sichts der täg­li­chen Bom­ben­nach­rich­ten aus Kriegs­ge­bie­ten viel­leicht auch frag­wür­dig.

Es geht um Räu­me und um Koh­le

Si­gner-Ak­tio­nen krö­nen 1987 auch die Wie­der­eröff­nung des Kunst­mu­se­ums im Stadt­park. Dem The­ma wid­met das Buch zu Recht viel Raum. Das we­gen Bau­fäl­lig­keit 17 Jah­re lang ge­schlos­se­ne Mu­se­um war die Pro­vo­ka­ti­on par ex­cel­lence, Sym­bol der «In­ak­ti­vi­tät der Kul­tur­ver­wal­tung» und zu­gleich der «Nähr­bo­den, auf dem au­to­no­mes und an­ar­chis­ti­sches Han­deln ge­dei­hen konn­te», wie H.R. Fri­cker und Pas­cal Fro­idevaux 1982 in ei­nem State­ment schrei­ben: «Be­ken­nen wir uns zur STADT OH­NE MU­SE­UM»; statt­des­sen sol­len Kunst­schaf­fen­de mit ei­nem «um­fas­sen­den Dienst­leis­tungs­pro­gramm» ge­för­dert wer­den. Zwei Jah­re vor­her pla­ka­tiert Fri­cker sei­ne Fik­ti­ve Kunst­hal­le St.Gal­len. 

Schon in den Jah­ren da­vor ma­chen Fri­cker, Mar­cel Zünd, Fro­idevaux und an­de­re den Stadt­raum mit Le­bens­raum­zei­chen un­si­cher. Der «St.Gal­ler Klein­pla­kat­früh­ling» blüht üp­pig, ruft aber auch die Po­li­zei auf den Plan. Ei­ne Se­rie sa­ti­ri­scher Su­jets zum Schwing- und Älp­ler­fest 1980 in St.Gal­len en­det gar vor Ge­richt. Die­ses ta­xiert die Bil­der als «sit­ten­wid­rig» – aber das Pla­ka­tie­ren sel­ber bleibt höchst­rich­ter­lich straf­frei. Die stand­ort­mar­ke­ting­taug­li­che «sau­be­re Stadt» soll­te erst spä­ter er­fun­den wer­den.

Kleinplakat von Felix Kälin, Pascal Froideveaux und H. R. Fricker zum Eidgenösschen Schwing- und Älplerfest, 1980. (Bild: Privatarchiv Ralph Hug)

Kleinplakat von Felix Kälin, Pascal Froideveaux und H. R. Fricker zum Eidgenösschen Schwing- und Älplerfest, 1980. (Bild: Privatarchiv Ralph Hug)

Brennendes AJZ (Fotomontage: Urs Eberle) 

Brennendes AJZ (Fotomontage: Urs Eberle)

 

Vor­erst rückt der Kampf um ei­ne Kunst­hal­le ins Zen­trum. Ent­schei­den­der «Schritt­ma­cher», so der Ti­tel im Buch, ist Jo­sef Fe­lix Mül­ler. Er er­öff­net 1980 an der Zür­cher­stras­se sei­ne St.Ga­le­rie, den ers­ten Off­space, in­iti­iert 1983 mit an­de­ren die bahn­bre­chen­de «Sze­ne»-Aus­stel­lung in der ehe­ma­li­gen «Volks­stim­me»-Dru­cke­rei und 1985 den Ver­ein Kunst­hal­le, der vor­erst no­ma­disch Aus­stel­lun­gen or­ga­ni­siert. Erst 1988 fin­det die Kunst­hal­le ei­nen fi­xen Ort in der frü­he­ren Schrei­ne­rei Schlat­ter an der Was­ser­gas­se und ab 1993 den heu­ti­gen Stand­ort im La­ger­haus. Der Ab­bruch des Schlat­ter­hau­ses 1990 pro­vo­ziert er­neut ei­ne der vie­len künst­le­risch-po­li­ti­schen Pro­test­ak­tio­nen, die die 80er-Jah­re kenn­zeich­nen. Ein Jahr­zehnt vor­her ist es die Schlei­fung der Post­hal­le an der Lang­gas­se, die als Beiz und Kul­tur­treff­punkt den Bo­den be­rei­tet für den Kampf um die Gra­ben­hal­le.

Die Gra­ben­hal­le ist die her­aus­ra­gen­de Er­run­gen­schaft je­ner Jah­re. Iro­ni­scher­wei­se ver­hilft ihr die Ton­hal­le zum Er­folg, wie Pi­us Frey im In­ter­view nach­zeich­net: Die­se soll An­fang der 80er re­no­viert wer­den, zeit­gleich pro­tes­tiert die «IG Koh­le» ge­gen die ein­sei­ti­ge Ver­tei­lung der Kul­tur­gel­der und droht mit ei­nem Re­fe­ren­dum ge­gen die Ton­hal­le-Re­no­va­ti­on. Das bringt die Stadt zum Ein­len­ken, die al­te Gra­ben­turn­hal­le wird auf Pro­be zur Ver­fü­gung ge­stellt, das Volk sagt Ja zum Kre­dit, 1984 geht es ful­mi­nant los – wäh­rend die Ton­hal­le noch bis 1990 auf ih­re Re­no­va­ti­on war­ten muss. Die Gra­ben­hal­le wie spä­ter das K59 ver­dan­ken ih­re Schaf­fung ei­nem be­mer­kens­wer­ten «Zu­sam­men­spiel von Pro­test­be­we­gung und in­sti­tu­tio­nel­ler Po­li­tik», wie Paul Rech­stei­ner an der Buch­ver­nis­sa­ge vom 18. Mai her­vor­hob.

Männ­li­che Do­mi­nanz im Kul­tur­auf­bruch 

Und die Frau­en? Dass der Kul­tur­auf­bruch von Män­nern do­mi­niert wird und Frau­en «zeit­be­dingt Ein­zel­kämp­fe­rin­nen» sind, ist im Buch un­über­seh­bar. Und auch ein The­ma in den Ge­sprä­chen, die An­na Beck-Wör­ner mit sechs Künst­le­rin­nen führt, mit Su­sann Al­brecht-Ams­ler, Ka­tha­ri­na Hen­king, Ani­ta Ho­hen­gas­ser, Mu­da Ma­this, Lu­cie Schen­ker und Mo­ni­ka Senn­hau­ser. Ih­re Kar­rie­ren ver­lie­fen oft lang­sa­mer, ge­bremst durch die Fa­mi­li­en­ar­beit. «Oft war ich in sol­chen Run­den die ein­zi­ge Frau», sagt Ka­tha­ri­na Hen­king. Stark ver­tre­ten sind die Frau­en in der Per­for­mance­kunst, die in der mu­se­ums­frei­en Zeit der 80er ih­rer­seits auf­blüht, mit Na­men wie Nesa Gschwend, Eri­ka Acker­mann, Mu­da Ma­this oder Vi­deo­künst­le­rin Pi­pi­lot­ti Rist. Das fe­mi­nis­ti­sche En­ga­ge­ment mün­det in In­sti­tu­tio­nen wie der Frau­en­bi­blio­thek Wy­bora­da, dem Frau­en­ar­chiv (heu­te Ar­chiv für Frau­en- und So­zi­al­ge­schich­te Ost­schweiz) oder der Po­li­ti­schen Frau­en­grup­pe (PFG/OF­RA) – er­kämpft «ge­gen er­heb­li­che Wi­der­stän­de», wie es im Buch heisst.

Pipilotti Rist und Muda Mathis posieren fürs Infoblatt zur Ausstellung «Die Tempodrosslerin saust», 1989. (Bild: Tomi Scheiderbauer)

Pipilotti Rist und Muda Mathis posieren fürs Infoblatt zur Ausstellung «Die Tempodrosslerin saust», 1989. (Bild: Tomi Scheiderbauer)

Projektion des Films Sturm über Asien (1928) von Wsewolod Pudowkin auf einem Schneefeld in St.Georgen. Im Anschluss liess Roman Signer rund um die Projektion Farbdosen explodieren. (Bild: Peter Liechti)

Projektion des Films Sturm über Asien (1928) von Wsewolod Pudowkin auf einem Schneefeld in St.Georgen. Im Anschluss liess Roman Signer rund um die Projektion Farbdosen explodieren. (Bild: Peter Liechti)

Wi­der­stand schlägt auch den Be­mü­hun­gen um ein Pro­gramm­ki­no ent­ge­gen. Ge­gen den St.Gal­ler Ki­no-Main­stream re­bel­liert die Ki­no­ki-Grup­pe um Pe­ter Liech­ti, Pe­ter Kamm und an­de­re mit Film­vor­füh­run­gen, meist rus­si­schen Avant­gar­de­fil­men, draus­sen im Schnee, im Kraft­werk Ku­bel oder in der Keh­richt­ver­bren­nungs­an­la­ge. 1985 er­öff­net im frü­he­ren Apol­lo-Ki­no in St.Fi­den das K59, die Stadt ist in­zwi­schen zu Sub­ven­tio­nen be­reit: der Start ei­ner Er­folgs­ge­schich­te, die bis heu­te an­dau­ert mit dem Ki­nok in der Lok­re­mi­se. 1988 flam­men die Aus­ein­an­der­set­zun­gen noch ein­mal auf an­läss­lich der «Hecht»-Be­set­zung, mit der sich das K59 so­li­da­ri­siert ge­gen den da­ma­li­gen Ki­no-Mo­no­po­lis­ten Franz An­ton Brü­ni. 

Aus­führ­lich wür­digt das Buch die Ga­le­rien, die in den 80ern ih­re Blü­te­zeit er­le­ben dank den Buch­manns, Wil­ma Lock, Aga­the Nisp­le, Su­san­na Kul­li, Urs Her­zog und Al­fons J. Kel­lers Ate­lier-Ga­le­rie – auch wenn die Er­ker-Ga­le­rie schon frü­her St.Gal­len in­ter­na­tio­nal zu ei­ner ers­ten Adres­se ge­macht hat­te. 

Nur kurz ge­streift wird die Me­di­en­si­tua­ti­on, mit dem hand­ge­kleb­ten «St.Gül­ler Tag­blatt» vom 13. März 1981 als Aus­hän­ge­schild. Das letz­te Wort im Buch hat Aus­stel­lungs­ma­che­rin Bice Cu­ri­ger, die St.Gal­len al­ler­dings nur aus Di­stanz wahr­nahm – die Mu­sik spiel­te, trotz «gros­sem Auf­bruch», in Zü­rich, Bern und an­ders­wo.

Pan­ora­ma mit Ent­de­ckun­gen …

Vie­les ist schon an­ders­wo auf­ge­ar­bei­tet wor­den – in den Edi­tio­nen des His­to­ri­schen Ver­eins zur Neu­en Frau­en­be­we­gung (2005) und zur Ge­schich­te der So­zia­len Be­we­gun­gen (2016), oder jüngst im Buch Gül­lens grü­nes Ge­mü­se von Si­mo­ne Mey­er (2022, eben­falls bei der VGS er­schie­nen), das die Ge­schich­te bis zur Ge­gen­wart wei­ter­schreibt (sai­ten.ch/hip­pies-hecht-und-her­mann-stol­len). Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz kon­zen­trie­ren sich auf ei­nen en­ge­ren Zeit­raum und ge­hen da­für in die Tie­fe. Ent­spre­chend den In­ter­es­sen des Du­os, der Kunst­his­to­ri­ke­rin Schatz und des Jour­na­lis­ten Hug, ste­hen Bil­den­de Kunst und Stadt­ent­wick­lung im Zen­trum. Rock und Punk (in ei­nem kraft­vol­len Gast­bei­trag von Mar­cel El­se­ner), Film und Frau­en­be­we­gung kom­men eben­falls zur Gel­tung. 

Ne­ben den Leit­fi­gu­ren – Jo­sef Fe­lix Mül­ler, Ro­man Si­gner, Nor­bert Mös­lang, H.R. Fri­cker, Pe­ter Liech­ti, Pi­us Frey, Ma­ri­na Wid­mer oder Paul Rech­stei­ner – er­in­nert das Buch auch an je­ne, die im Hin­ter­grund wirk­ten, die Ost­schweiz ver­lies­sen, die Kunst an den Na­gel häng­ten, ge­stor­ben sind oder aus dem kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis zu ver­schwin­den dro­hen: Künst­ler:in­nen wie Fe­lix Kä­lin, Stef Schwald, Fla­via Jäg­gi, Pas­cal Fro­idevaux, Urs Eber­le, die Gra­fi­ker:in­nen Fran­zis­ka Bür­kler, Jörg Ei­gen­mann, Hu­go Bu­daz Kel­ler und vie­le an­de­re.

Ob man den kul­tu­rel­len Hu­mus je­ner Zeit ge­ne­rell als «Sub­kul­tur» be­zeich­nen kann, wie dies die Au­tor:in­nen an vie­len Stel­len tun, wä­re al­ler­dings zu dis­ku­tie­ren. Ei­ne Er­run­gen­schaft der 80er-Jah­re war es ge­ra­de, Ka­te­go­rien wie Hoch- und Sub­kul­tur, «eta­bliert» und «al­ter­na­tiv» in Fra­ge zu stel­len und auf lan­ge Sicht auf­zu­wei­chen.

Josef Felix Müller bei einer Performance in der Salpeterhöhle bei Gossau, 1980. (Bild: Privatarchiv Josef Felix Müller)

Josef Felix Müller bei einer Performance in der Salpeterhöhle bei Gossau, 1980. (Bild: Privatarchiv Josef Felix Müller)

Die Be­bil­de­rung des von Lau­ra Prim ge­stal­te­ten Buchs ist ei­ne Fund­gru­be: über 1000 Bil­der, künst­le­ri­sche Wer­ke, Fo­tos, Do­ku­men­te, vie­les aus Pri­vat­ar­chi­ven, man­ches noch nie pu­bli­ziert oder erst im Zug der Re­cher­chen ent­deckt, et­wa ein Ge­mäl­de von Pe­ter Kamm aus sei­ner Ki­no­ki-Zeit oder frü­he Ma­le­rei und Fo­tos von Pe­ter Liech­ti. Gross­zü­gi­ge Bild­stre­cken zei­gen Fo­to­ar­bei­ten von Ani­ta Ho­hen­gas­ser, Ka­tha­ri­na Hen­kings Zeich­nun­gen, Jo­sef Fe­lix Mül­lers Dru­cke, Ernst Schärs Do­ku­men­tar­fo­tos und so wei­ter. Und nicht zu­letzt die Blü­ten der Pla­kat­kunst, für die PFG, die An­ti-Apart­heid-Be­we­gung, die GSoA-In­itia­ti­ve, die Gra­ben­hal­le-Ab­stim­mung oder Afri­Ka­ri­bik – «Kunst, die sich ein­mischt», wie man sie heu­te weit­her­um ver­geb­lich sucht. 

… und Lü­cken

An­de­res bleibt un­ter­be­lich­tet, ins­be­son­de­re die Auf­brü­che in Thea­ter und Tanz. Da müs­sen kur­ze Blitz­lich­ter ge­nü­gen: der Skan­dal um Hür­li­manns Gross­va­ter und Halb­bru­der auf Drei Weie­ren, in­sze­niert von Mar­co Gi­a­co­puz­zi, die Ri­go­lo-An­fän­ge oder der Zu­sam­men­stoss im Öko­zen­trum Stein AR. Ne­ben der frei­en Thea­ter­sze­ne dürf­te das Stadt­thea­ter St.Gal­len nicht feh­len: Re­gis­seu­re wie Ar­nim Hal­ter und Volk­mar Kamm pro­vo­zie­ren das Abo­pu­bli­kum, Hal­ters Frau­en Krieg Lust­spiel führt 1990/91 zu ei­ner bei­spiel­lo­sen Kam­pa­gne ge­gen das Stadt­thea­ter. Im Buch fehlt weit­ge­hend auch die mu­si­ka­li­sche Avant­gar­de in Klas­sik und Neu­er Volks­mu­sik, die Pro­duk­tio­nen von Open Ope­ra oder die Grün­dung des Ver­eins Con­tra­punkt (1987). 

Eben­so die Li­te­ra­tur: Ni­klaus Mei­en­berg taucht via die Auf­re­gung um die Kul­tur­preis­ver­lei­hung 1990 auf, aber nicht mit sei­nen Tex­ten. Prä­gen­de Fi­gu­ren im Thea­ter wie Chris­ti­an Blei­ker, Es­ther Hun­ger­büh­ler, Do­dó Deér, Mu­si­ker wie Paul Gi­ger, Steff Si­gner, Pe­ter Roth, Mar­kus Bi­schof kom­men nur am Rand oder gar nicht vor.

Auch fehlt ein Aus­blick, ins­be­son­de­re auf die Mo­bi­li­sie­rung ge­gen den Waf­fen­platz Neu­ch­len-An­schwi­len im Früh­ling 1990 – oder auf Nach­we­hen: ka­ta­stro­pha­le wie das Dro­gen­elend, das sich im Über­gang zum neu­en Jahr­zehnt zu­spitzt, oder er­freu­li­che wie das Kul­tur­ma­ga­zin Sai­ten, ge­grün­det 1994, aber den 80er-Jah­ren geis­tes­ver­wandt. Schatz und Hug räu­men frei­mü­tig ein, ihr Buch sei «un­voll­stän­dig und se­lek­tiv» und ge­prägt durch ih­re ei­ge­ne Le­bens­ge­schich­te: «Wir kann­ten die Sze­ne und ge­hör­ten teil­wei­se da­zu.» Die Ge­schich­te et­wa des Thea­ters die­ser Zeit müs­se erst noch ge­schrie­ben wer­den. Für das um­fas­sen­de «Zeit­pan­ora­ma» und Por­trät der «Grün­der­zeit», wel­ches ihr Buch bie­ten will und fa­cet­ten­reich bie­tet, sind die­se Lü­cken ein klei­ner Tolg­gen im Rein­heft. Dem «Auf­bruch» und der ge­wal­ti­gen Leis­tung des Chro­nist:in­nen-Du­os tut dies je­doch kei­nen Ab­bruch.

Was von den 80ern zu ler­nen wä­re? Die Fra­ge be­ant­wor­te­ten Ralph Hug und Paul Rech­stei­ner an der Buch­ver­nis­sa­ge in der Gra­ben­hal­le. Heu­te sei das Kul­tur­schaf­fen nicht mehr wie da­mals durch ver­ständ­nis­lo­se oder «re­ni­ten­te» Ver­wal­tun­gen be­droht, son­dern durch den Kul­tur­kampf von rechts. Ge­gen die­se Kräf­te wä­re ei­ne So­li­da­ri­sie­rung wie da­mals drin­gend nö­tig, samt der Ein­sicht: «Nichts wur­de ge­schenkt, je­der Fort­schritt muss­te er­kämpft wer­den.» 


Ralph Hug, Co­rin­ne Schatz: Der gros­se Auf­bruch. Kunst, Kul­tur, Pro­test: Die 80er in St.Gal­len. VGS Ver­lags­ge­nos­sen­schaft St.Gal­len, St.Gal­len 2026.
vgs-sg.ch

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Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
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«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
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Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night