2004 fand das 20-Jahre-Grabenhalle-Jubiläum statt. Bereits fünf Jahre darauf erhielt die Halle zum 25-jährigen Bestehen wieder eine Feier und ein neues Outfit. In einer meiner Archivschachteln schlummert die auf Hochglanzpapier gedruckte, persönliche Einladung zum Anlass der Eröffnung des Jubiläumsjahres am 10. Januar 2009.
Ich war vom Festkomitee eingeladen worden, gleich nach dem Programmpunkt «Begrüssung» darüber zu sprechen, wie alles angefangen hatte. Seit längerem mit Familie im Appenzeller Hinterland wohnhaft, war mir entgangen, dass inzwischen Poetry-Slam in der Welt draussen und in der Grabenhalle im Besonderen Einzug gehalten hatte. Das Publikum verlangte Pointen, was ich etwas irritiert aus den Lachern bei der Begrüssungsrede meines Vorredners, eines Mitglieds der Betriebsgruppe, schloss.
Eine Verkettung von Peinlichkeiten
Ich fühlte mich darum leicht deplatziert am Mikrofon in der Grabenhalle, wie ich den geladenen Gästen mit vollem Ernst von den Peinlichkeiten erzählte, die im November 1981 den Auftritt der deutschen Anarchorockgruppe Schroeder Roadshow in der Grabenturnhalle begleitet hatten.
Für die Gruppe mobiles AJZ verhandelte ich damals vorgängig mit dem Sportamt über einen Raum für diesen Anlass. Die Gruppe aspirierte klar auf die alte Turnhalle am Unteren Graben, das Sportamt wollte uns hingegen mit der Mehrzweckhalle Schönau abspeisen. Dem Sportamtschef entging jedoch, dass die Schönauhalle bereits vom Militär belegt war. So erhielten wir in letzter Minute die Grabenturnhalle doch noch. Keine einfache Sache erwartete uns am 25. November, dem Tag des Konzertes: Den Turnhallenboden mussten wir umständlich mit Linoleum ab Rollen zudecken, für die Beleuchtung gab es nur nackte Neonröhren und die Stromversorgung bestand aus einer einzigen Steckdose in der Ecke, dort, wo heute die Bar steht.
Während wir zu zweit in der Stadt herumstressten, um einen Elektriker aufzutreiben, der uns behelfsmässig das Stromtableau mit zusätzlichen Ausgängen versehen konnte, tauchte der Sportamtschef in der Halle auf. Er wollte mir und nur mir, dem offiziell Verantwortlichen, persönlich, gegen Unterschrift, den Schlüssel übergeben. Da er mich nicht antraf, nahm er den Schlüssel wieder mit. So kam es, dass ich die Halle nicht abschliessen konnte; über Nacht sprayten «Unbekannte» die Wände rundherum voll. Meine Ohren glühten bei der Hallenübergabe am nächsten Tag. Man konnte mir aber nichts vorwerfen und das Sportamt verpasste der vernachlässigten Turnhalle schnell eine Pinselrenovation.
Die Archivschachtel spuckt allerlei mehr aus: Zum Beispiel den Bericht und Antrag des Stadtrates an den Gemeinderat über das Initiativbegehren betreffend die Erhaltung der Grabenturnhalle zur kulturellen Nutzung vom 21. Dezember 1982. Eine Interessengemeinschaft aus so illustren Gruppen wie Jazz in St. Gallen, Rock in Opposition, Folk Club, Goldfilm, Dritte Welt Laden (Arbeitsgruppe Kultur), Musik Cooperative Schweiz, Frauentheater, Kultur und Folk St. Gallen und Frauenfilmgruppe hatte 1185 gültige Unterschriften eingereicht. Damit war die Initiative zustande gekommen. Fun Fact:
Aus dem kurzerhand von der AJZ-Kinogruppe erfundenen Goldfilm entstand das heutige Kinok, eine tragende Säule im städtischen Kulturleben.
Die Chronik von Sabin
Ein längerer Text zur Geschichte der Grabenhalle gerät mir in die Finger. Es handelt sich um die Chronik der Halle von den Anfängen um 1980 bis 2004, geschrieben von der leider verstorbenen Aktivistin und Historikerin Sabin Schreiber. Unter anderem dokumentierte sie den Knatsch der IG mit den Kurd:innen wegen Unregelmässigkeiten bei der Hallenrückgabe, berichtet von den Problemen bei der Vergabe der Halle, um den Anforderungen an die Veranstaltungen gerecht zu werden. Sie sollten unkommerziell und nicht parteipolitisch ausgerichtet sein.
Discos gingen nicht, weil damit Geld verdient wurde und sie in der Logik der IG somit kommerziell waren. Um trotzdem abtanzen zu können, betrieb dann von 1989 bis 1996 eine Gruppe mit grossem Erfolg jeden zweiten Freitag im Keller unter der Grabenhalle eine Disco. Die Chronik erwähnt auch den schrecklichen Unfall nach einer Disconacht: Verena Merz, eine höchst talentierte Malerin, liess ihren Freund Thomas, einen Steinmetz, auf ihrem Töff fahren. In der Kurve im Platztor prallte er beim Pfauen frontal in die Mauer. Beide starben. «Die Schatten der beiden Köpfe waren noch lange auf der Wand zu sehen», schreibt Sabin.
Viel Raum in der Chronik nehmen auch die Querelen um das Frauenbeizfest von 1985 zum Anlass des einjährigen Bestehens der Frauenbeiz «Katz» im Bündnerhof ein. Grundsätzlich wurde die Halle nur unter der Bedingung vergeben, dass niemand ausgeschlossen wird, weshalb denn auch Männer mitfesteten, was unter den Frauen kritisiert wurde. Schliesslich änderte sich die Vergabepraxis, den Frauen wurde der Status einer sozial benachteiligten Gruppe anerkannt und ihrer Forderung nach einem eigenen Raum stattgegeben. In der Folge kam es in der Grabenhalle zu zahlreichen rauschenden Festen für «women only».
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.