«Kultur ist nicht demokratisch, aber zentrale Grundlage der Demokratie»
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Ein eigener Mikrokosmos: Das Sittertal mit der Kunstgiesserei. (Bild: Andri Vöhringer)
Felix, du bist 1994 mit der Kunstgiesserei von Beinwil nach St.Gallen gekommen. Was brauchte es, damit hier im Sittertal eine der weltweit wichtigsten Kunstgiessereien entstehen konnte?
Felix Lehner: Von Anfang an lag der Fokus auf der Zusammenarbeit mit den Künstler:innen. All das, was hier entstanden ist, folgte nicht einer Business-Strategie oder einem Plan. Sondern einzig dem Wunsch, gemeinsam mit den Künstler:innen Qualität und Intensität zu erreichen. Daraus ergibt sich eine einmalige Verbindlichkeit, weil wir den Künstler:innen im Entstehungsprozess der Werke am nächsten sind – auf eine andere Art vielleicht als Galerist:innen, Kurator:innen oder Sammler:innen. Und dann war und ist für mich der ständige Austausch mit meiner Frau Katalin Deér, die selbst Künstlerin ist und ihre eigene Arbeit verfolgt, ganz wichtig. Zusammen konnten wir vieles hier im Sittertal prägen und aus vagen Ideen Wirklichkeit werden lassen.
Wie meinst du das mit der Nähe zu den Künstler:innen?
Felix: Das ganze Team der Kunstgiesserei ist teils dabei, wenn die Kunstwerke entstehen. Aber auch beim Zweifeln, bei Schwierigkeiten. Das ist oft etwas sehr Persönliches, Privates, manchmal Intimes für die Künstler:innen. Das merkte ich erstmals, als ich mit 13 Jahren in der Galerie von Wilma Lock in der St.Galler Altstadt Roman Signer traf und beim Abbau der Ausstellung mithelfen konnte. In solchen Momenten entsteht eine Verbundenheit und Tiefe mit den Künstler:innen und ihren Werken, die es in anderen Berufen so selten gibt.
Hat sich die Zusammenarbeit mit den Künstler:innen im Lauf der Zeit verändert?
Till Jäckli: Es gab eine Phase, in der Künstler:innen weniger die Produktion ihrer Werke bei uns vor Ort begleitet haben. Mit der zunehmenden Digitalisierung wurde es möglich, uns 3D-Daten oder -Pläne zu schicken und die Ausführung mehrheitlich aus der Ferne zu begleiten. In den letzten Jahren hat sich das wieder geändert. Trotz der digitalen Möglichkeiten sind viele Künstler:innen wieder in unseren Werkstätten, interessieren sich für das Handwerk und den persönlichen Austausch. Wir unterstützen sie mit zusätzlich geschaffenen Gastateliers und pflegen den längeren direkten Austausch.
Eure Arbeiten sind mehr als blosse Auftragswerke. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Material, mit physikalischen oder chemischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, mit den Ideen der Künstler:innen. Wie sehr sind deren Werke am Ende auch eure Werke?
Felix: Ganz viele Leute, die an der Vollendung eines Werks arbeiten, haben einen Anteil daran. Ich stelle mir das ganz ähnlich vor wie früher beim Bau einer Kathedrale. Aber wir sind nicht die Autor:innen. Bei der Kollaboration müssen wir die künstlerischen Strategien und Vorgehensweisen mitdenken können. Grundvoraussetzung für die Arbeit in den Werkstätten ist zu verstehen, dass das handwerkliche Know-how allein nicht reicht. Man stellt es zur Verfügung, aber es geht um viel mehr. Man muss auch damit leben können, dass ein:e Künstler:in es doch anders haben will – trotz aller Mühe und des ganzen Schweisses, die man bereits hineingesteckt hat. Nur wenn man es schafft, durch diese Prozesse zu gehen, wird man ein Teil davon.
«Grundvoraussetzung für die Arbeit in den Werkstätten ist zu verstehen, dass das handwerkliche Know-how allein nicht reicht.»
Patricia Hartmann: Bei jeder Gruppe, die wir durch unser Areal führen, kommt die Frage: «Seid denn nicht ihr die Künstler:innen?» Hinzustehen und zu sagen, dass wir die Ausführenden sind und die Idee von jemand anderem stammt – das ist eine Haltung, die man pflegen und vermitteln können muss.
Till: Ich merke aber immer wieder, welche Verantwortung wir tragen für alle Werke, die jemals hier produziert wurden, unabhängig von Gewährleistungsfristen oder Garantien. Die Künstler:innen können uns kontaktieren, wenn irgendein Problem mit dem Werk auftritt – egal wann. Wir sind daran interessiert, dass die Werke, die wir produziert haben, in gutem Zustand sind und dass die Künstler:innen, die Sammler:innen oder die Galerie Freude daran haben. Schön ist es, ein Werk, von welchem wir die Spur verloren haben, wiederzuentdecken, wenn es plötzlich irgendwo auftaucht. Das ist, als würde man eine Freundschaft aus vergangenen Tagen wiedertreffen.
Felix, vor 20 Jahren hast du mit Hans Jörg Schmid, dem Besitzer des Areals, und dem 2007 verstorbenen Buchsammler Daniel Rohner die Stiftung Sitterwerk gegründet. Sie dient als Trägerschaft für die Kunstbibliothek, das Werkstoffarchiv und ein Atelierhaus. Warum brauchte es diese zweite Institution neben der Kunstgiesserei?
Felix: Die Zukunft der Kunstgiesserei war in den Anfangsjahren ungewiss. Kaum hatten wir 1994 nach einer längeren Umbauphase mit der Produktion begonnen, zeigte mir Hans Jörg Schmid einen Überbauungsplan für das Areal mit Möglichkeiten für verschiedene Neubebauungen. Das Gebäude der frisch eingerichteten Kunstgiesserei gab es darauf nicht mehr. Es war also nur eine Zwischennutzung. Mir wurde bewusst, dass wir selber verantwortlich sind, den Ort mit mehr Inhalt zu füllen, ihm Relevanz zu geben, damit das alles nicht irgendwann durch Investorenbauten weggewischt wird.
Und was war der Schlüssel?
Felix: Das Werk von Hans Josephsohn. Ich kannte ihn von früher, und nach der Eröffnung der Kunstgiesserei 1986 in Beinwil am See und ab 1994 im Sittertal haben wir hier seine Plastiken gegossen. Irgendwann kam Peter Märkli vorbei, der Architekt des 1992 eröffneten Josephsohn-Museums in Giornico im Tessin. Ich hatte immer davon geträumt, dass Märkli auf dem Dach der Kunstgiesserei eine kleine Architekturikone baut, die alles darunter vor dem Abbruch schützen würde. Märkli zeichnete Pläne dafür, fand dann aber, die Skulpturen von Josephsohn müssten auf dem Boden bleiben. Als 2002 das alte Kesselhaus frei wurde, stellten wir drei Arbeiten von Josephsohn hinein. Der ganze Raum vibrierte! Also haben wir das Kesselhaus gemietet, um darin die Bibliothek und die Josephsohn-Werke unterbringen – aber ohne zu wissen, wie wir das finanzieren können. Hans Jörg Schmid fand Josephsohns Arbeit toll und bekam von diesem eine Figur als Anzahlung an die Miete geschenkt. Hans Jörg Schmid ist ein Mensch, der sich freut, wenn etwas Neues entsteht und wächst. So hat er hier im Sittertal viel Ungewöhnliches möglich gemacht und substanziell unterstützt.
Und wie ist dann letztlich die Stiftung entstanden?
Felix: Mir war bewusst, dass wir Hans Jörg Schmid involvieren und unsere Sache auch zu seiner machen müssen. Zu dritt gingen wir dann aufs Notariat am St.Galler Bahnhofplatz, um die Stiftung zu gründen. Das war der Grundstein dafür, dass hier so viel anderes noch entstehen konnte, dass wir in der Bibliothek das dynamische Ordnungssystem entwickeln konnten und an andere Unterstützungen und Gelder gekommen sind.
Felix Lehner (Bild: Florin Röösli)
Was ist die wichtigste Erkenntnis aus all der Zeit?
Felix: Dass es immer Veränderung braucht, um einen bestimmten Geist zu erhalten. Aber vor allem braucht es eine Vorstellung, einen Traum! Und Veränderung ist nicht immer willkommen, weil sie die Ursprungsidee vordergründig vielleicht auch infrage stellt. Und jetzt stehen wir vor dem nächsten wichtigen Schritt: dem Aus- und Aufbau der Bibliothek.
Patricia, du leitest seit sieben Jahren die Stiftung Sitterwerk. Was ist der Grund für den Ausbau?
Patricia: Kunst entsteht hier immer auch im Kontext von Wissen, Experimentieren und Ausprobieren. Dieses Wissen ist ein fixer und elementarer Teil der Infrastruktur. Und diesen Wissensschatz kann man unendlich vergrössern – und damit wächst auch die Infrastruktur. Auch allen anderen Leuten, die sich dafür interessieren, wird Raum gegeben, Wissen zu ergründen und auszubauen.
Felix: Es geht uns bei der Bibliothek und dem Werkstoffarchiv nicht nur um Grösse allein, sondern darum, den Raum so zu nutzen, dass man sich nicht gegenseitig stört. Etwa wenn wir Führungen haben und gleichzeitig jemanden im Gästezimmer in der Bibliothek wohnt und arbeitet. Diese Kurzaufenthalte und die Möglichkeit, die ganze Nacht in der Bibliothek zu verbringen, werden sehr geschätzt. Es ist ein Ort der Exzellenz, der Ruhe, des Vertrauens, der Intimität. Wir wollen der Arbeit unserer Nutzer:innen die Konzentration und den Raum zur Verfügung stellen, der sie bedarf. Das Konzept der Bibliothek ist die «dynamische Ordnung»: Jede Nacht scannen zwei Roboter die Regale, damit man weiss, wo welches Buch abgelegt ist. Eine fixe Ordnung gibt es nicht.
Kommt dieses Konzept mit dem Ausbau der Bibliothek auf den Prüfstand?
Felix: Dieses dynamische Ordnungssystem ist weltweit einzigartig und Teil unserer Identität. Wir haben es vor 20 Jahren entwickelt und verschiedene Preise dafür bekommen, international wird es in Publikationen erwähnt, Leute pilgern hierher, um es zu sehen und damit zu arbeiten. Und es wurde noch nie kopiert. Nun haben wir die Chance, es neu aufzusetzen, flexibler zu machen. Bisher fehlten uns die Mittel dazu. Das Projekt wird vom Kanton gefördert, auch weil wir das System im neuen Raum unter anderen Bedingungen weiterentwickeln können. Wir müssen aber noch viel Geld dafür sammeln.
Patricia: Vor allem müssen wir dafür einstehen – Stichwort: neue Kantons- und Stadtbibliothek am Blumenmarkt. Dort ist man zurückgekrebst, weil man keine Mehrheit findet. Es wird aber auch in drei Jahren keine Mehrheit geben. Deshalb muss man dafür kämpfen, weil es wichtig, nötig und dringend ist – und zwar um jeden Preis.
Felix: Kultur ist nicht demokratisch, aber zentrale Grundlage der Demokratie und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung! Kunst ist kein Bereich, der über Mehrheiten funktioniert. Natürlich ist es extrem wichtig, Kultur an eine Mehrheit zu vermitteln, Zugänge zu schaffen. Letztlich braucht es aber eine Sensibilität für Kunst und Kultur. Und dafür braucht es physische Orte und Erlebnisse, die ein Verständnis entstehen lassen.
Patricia Hartmann (Bild: Florin Röösli)
Ihr habt nebst der Bibliothek hier auch ein umfassendes Werkstoffarchiv mit tausenden von Materialproben. Steigt die Dringlichkeit oder Notwendigkeit eines haptischen Archivs für Materialen mit der Zunahme der Digitalisierung?
Felix: Es gibt unzählige Datenbanken und es ist grossartig, was man alles im Internet findet. Aber zu wissen, dass man nach St.Gallen kommen und Schublade Nummer 337 aufmachen kann, um ein bestimmtes Material zu sehen und anzufassen, das ist eine andere Qualität.
Und wer nutzt es und wofür?
Patricia: Gerade sitzt hier Mirjam Sturzenegger, eine Künstlerin aus Bern, sie ist hergekommen wegen dieses physischen Werkstoffarchivs. Wahrscheinlich plant sie ein Werk und schaut sich potenzielle Materialen dafür an. Das ist ein typisches Beispiel der Nutzung.
Felix: Wir müssen das Analoge verstehen und verteidigen. Am Schluss sind wir Fleisch und Blut und Körper und Materie. Wir sind biologische Wesen, die miteinander kommunizieren, aufeinander angewiesen sind und sterben. Ich glaube, das Physische ist entscheidend, gerade in schwierigen Zeiten, in denen gesellschaftlich so wenig Orientierung da ist, so viel Verunsicherung.
Die Stiftung Sitterwerk organisiert vom 25. bis 28. August zum vierten Mal das Open-Air-Kino Sitter-Ciné beim Badehaus – mit Bar und Badi. Die Kunstfilme ergänzen das öffentliche Rahmenprogramm der Feierlichkeiten zum Doppeljubiläum.
Dienstag, 25. August: 18 Uhr: Führung zur Geschichte des Sittertal-Areals; 19 Uhr: Gespräch mit Hans-Jörg Schmid und Felix Lehner, moderiert von Marcel Bächtiger (Architekturhistoriker, Filmemacher und Redakteur «Hochparterre»); 20:30 Uhr: Filmprogramm kuratiert von Marcel Bächtiger.
Mittwoch, 26. August: 18 Uhr: Führung durch offene Ateliers und Rundgang mit Gastkünstler:innen; 20:30 Uhr: Filmprogramm kuratiert von Katalin Deér (Künstlerin und Mitbegründerin Atelierhaus Stiftung Sitterwerk).
Donnerstag, 27. August: 18 Uhr: Führung zu Verborgenem und Unbekanntem; 20 Uhr: Konzert und Filmprogramm von Xol Meissner (Komponist und Musiker).
Freitag, 28. August: 18 Uhr: Führung zur Architektur im Sittertal-Areal; 20:30 Uhr: Filmprogramm kuratiert von Barbara Biedermann (Leiterin Kunstbibliothek Stiftung Sitterwerk).
sitterwerk.ch
Ihr versucht auch, euren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten. Wie macht ihr das?
Felix: In den letzten zehn Jahren haben wir uns in der Kunstgiesserei intensiv damit auseinandergesetzt, was es bedeutet, wenn wir so viel Gas verbrauchen, Metall auf 1200 Grad erhitzen und unsere Gussformen eine Woche lang bei 700 Grad im Ofen haben. Unsere Arbeit ist ein Handwerk, das viel Energie verbraucht und viel CO₂ erzeugt. Auch deshalb, weil wir, unsere Werke und die Künstler:innen im internationalen Kontext oft reisen müssen. Wir müssen unseren CO₂-Abdruck hinterfragen. Seit 2019 machen wir deshalb regelmässige Klimabilanzen, haben diverse Massnahmen eingeleitet und sind hier im Sittertal am perfekten Ort, um das Problem ganz konkret anzugehen.
Inwiefern?
Felix: Es ist wichtig, Nachhaltigkeit in allen Gesellschaftsschichten zu diskutieren. Auch in der Kultur. In der Kunst kann man aber Qualität nicht einfach über CO₂ abhandeln. Nur weil die Produktion eines Kunstwerks wenig CO₂ freisetzt, ist dieses noch lange nicht gut. Aber wir alle sind verpflichtet, unsere Emissionen zu reduzieren. Deshalb haben wir eine Stelle geschaffen, die sich um Klimafragen kümmert. Spätestens 2040 wollen wir im Sittertal klimaneutral arbeiten und produzieren. Natürlich sind wir privilegiert, weil wir die Wasserkraft der Flussschlaufe der Sitter um unser Areal nutzen können, da kommen enorm viele Kilowattstunden um die Kurve.
«Kunst entsteht hier immer auch im Kontext von Wissen, Experimentieren und Ausprobieren.»
Till: Statt Klimakompensationen einzukaufen, wie es bei vielen Betrieben üblich ist, wollen wir hier vor Ort etwas bewirken. Projekte zur Reduktion der CO₂-Belastung, etwa die Pyrolyse-Anlage, sind real. Das gibt eine andere Zufriedenheit und Verbundenheit mit der Thematik.
Was hat denn der Standort Shanghai mit der Klimadiskussion zu tun? Ist das widersprüchlich oder fördert es eure Klimabilanz?
Felix: Die Eröffnung des Standorts Shanghai war ein pragmatischer Entscheid. 2005 haben wir den Bären von Urs Fischer produziert. Über ein Jahr lang haben wir am Modell gebaut. Am Vorabend der Eröffnung der Museumsausstellung in Rotterdam war es schon dreimal verkauft. Wir waren zwar glücklich und stolz, aber auch schockiert. Um drei Bronze-Abgüsse herzustellen, hätten wir zwölf Jahre gebraucht. Also brauchten wir Partner:innen, eine Giesserei, die Bronzegüsse im Grossformat herstellen kann. Am Ende sind wir in Shanghai gelandet. Und haben fünf Jahre gebraucht für die drei Werke.
20 Jahre später seid ihr immer noch dort.
Felix: Wir haben dann 2012 eine eigene Firma gegründet und immer wieder Leute aus unserem St.Galler Team zur Unterstützung nach Shanghai geschickt. Der Austausch mit der chinesischen Kultur, mit den Kunstschaffenden, dem anderen Denken, das alles ist sehr wertvoll für uns. Aber auch der Know-how-Transfer in beide Richtungen ist enorm und extrem spannend. Insgesamt ist es eine grosse Bereicherung. Aber es gab natürlich auch viele Kontroversen.
Wegen politischer Bedenken oder eben wegen der Nachhaltigkeit?
Felix: Einige Mitarbeitende sahen Widersprüche, weil wir hier zu bescheidenen Löhnen arbeiten, auf Nachhaltigkeit achten, biologisch einkaufen und auf ÖV setzen – und dann fliegt man nach Shanghai und produziert für vermögende Sammler:innen aus den USA und aus Frankreich drei gigantische Bären in Bronze. Diese Auseinandersetzung war aber damals wie heute wichtig. Es ist ein Dilemma, das sich nicht einfach lösen lässt, aber die offene Auseinandersetzung damit ist für uns sehr produktiv und weitet den Blick und das Verständnis für die Komplexität unserer Welt.
Till: In den letzten 20 Jahren waren diverse Mitarbeiter:innen dort, auch solche, die anfangs skeptisch waren. Bei der Rückkehr hatten sie erweiterte Perspektiven auf die Thematik.
Felix: Man hat einfach mehr davon, wenn man sich mit Menschen auf der Welt auseinandersetzt und zusammentut, als wenn man sich abschottet. Damit ist nichts ge- wonnen. Auch nicht mit einem Boykott, denn auch in autokratischen und undemokratischen Ländern leben aufrechte Menschen, mit denen man sich austauschen kann.
Das Interview in der Kunstbibliothek der Stiftung Sitterwerk. (Bild: Florin Röösli)
Die Kunstgiesserei ist seit ihren Anfängen im Areal gewachsen, auch personell: Vor 15 Jahren waren es etwa 40 Leute, heute doppelt so viele. Stösst der Standort St.Gallen irgendwann an seine Grenzen? Hilft jener in Shanghai dahingehend?
Felix: Wir haben hier im Sittertal ein riesiges Potenzial. In den nächsten Jahrzehnten haben wir hier Platz, können neue Projekte entstehen und andere Firmen oder Institutionen anziehen, können wachsen oder kleiner werden und den Ort mit unserer Arbeit prägen.
Till: Die Motivation für den Standort Shanghai war nicht die Expansion, sondern die gegenseitige Ergänzung. Für unsere Produktionsprozesse ist es von Vorteil, beide Standorte zu haben. Die Herausforderungen und Lösungsfindungen sind an beiden Orten sehr ähnlich. Entscheidend ist es, gute Projekte umzusetzen.
Mit welchen Herausforderungen habt ihr aktuell zu kämpfen?
Felix: Man kann schon von einer substanziellen Krisenzeit sprechen. Weltweit gibt es eine riesige Verunsicherung. Künstler:innen haben es viel schwieriger, ihre Werke zu verkaufen, weil Galerist:innen viel weniger Risiken eingehen. Auch die steigenden Produktionskosten und Rohstoffpreise hemmen die Möglichkeiten und die Risikobereitschaft von Museen und Sammlungen.
Gibt es die Überlegung, vermehrt in Shanghai zu produzieren wegen der tieferen Kosten?
Felix: Nein. Aber es ist weine anspruchsvolle Situation. Hinter unserer Arbeit steckt ein komplexer und arbeitsintensiver Prozess aus Planung und Handwerk. Eigentlich ist die Schweiz mit den hohen Löhnen der falsche Ort dafür. Produktionsbetriebe befinden sich normalerweise im Ausland, in Ländern mit tieferen Löhnen. Wir probieren, einen Grossteil in St.Gallen zu machen, arbeiten zu mittleren bis bescheidenen Löhnen. Unsere Spezialist:innen könnten woanders sehr viel mehr verdienen. Es ist eine Herausforderung, mit dem teuren Franken und den aufwendigen Prozessen bei gleichbleibender Qualität kostendeckend zu produzieren.
Till: Wir wollen keinesfalls die Arbeit auslagern, nur weil sie teurer ist, und von St.Gallen aus nur managen. Das würde auch nicht funktionieren, weil beide Standorte sich ergänzen und nicht ersetzen könnten. In St.Gallen sind wir in vielen verschiedenen Werkstätten für diverse Prozesse spezialisiert. In Shanghai produzieren wir grossformatige Skulpturen in der Treibtechnik oder im Sandgussverfahren.
Felix: Aber dafür braucht es ein Bekenntnis. Es funktioniert nur, weil die Menschen, die hier arbeiten, für etwas einstehen, obwohl die finanziellen Bedingungen nicht optimal sind. Und das ist eine interessante Auseinandersetzung und macht unser Team so stark.
Patricia: Wir werden regelmässig besucht, um diese Haltung sowie unsere Art zu wirtschaften und zu arbeiten zu vermitteln. Kürzlich war das Krisenmanagement der UBS hier (lacht). Auch Student:innen der HSG kommen her, um unsere Strukturen zu untersuchen. Und das macht uns vielleicht auch aus: Dass wir nicht nur reden, sondern diese Haltung auch leben – und sie von aussen wahrgenommen und reflektiert werden kann.
Ist das auch der Einfluss, den ihr auf die Region habt, neben eurer internationalen Strahlkraft?
Patricia: Wir leben hier bestimmte Werte, entwickeln neben der Kunst auch ernsthafte wirtschaftliche und nachhaltige Optionen sowie alternative Modelle. Damit prägen wir schon auch die Region.
Till Jäckli (Bild: Florin Röösli)
Till: Die Künstlerin Barbara Signer hat einmal gesagt, St.Gallen habe zwar keine Kunsthochschule, dafür die Kunstgiesserei und das Sitterwerk. Ich empfinde es, als hätte ich hier studiert. Ich hatte noch nie einen anderen Beruf als hier in der Kunstgiesserei. Wie auch einige andere in unserem Team, habe ich nach der Matura und einem Praktikum entschieden, hier die Lehre zu machen – und schliesslich die «Universität Sittertal». Im Sitterwerk und der Kunstgiesserei wird gemacht, reflektiert und sich ausgetauscht. Man kann Prozesse anschauen, erleben und lernen, erforschen und archivieren. Das ist unsere Bedeutung in der Region. Und ich glaube, sie wird immer stärker und manifestiert sich langsam.
Felix, du bist inzwischen 65, also im Pensionsalter, Die Kunstgiesserei ist dein Lebenswerk. Wie stark beschäftigst du dich – oder das ganze Leitungsteam – mit der Nachfolgeregelung?
Felix: Natürlich fest, das treibt uns schon seit einigen Jahren um. Unser Team hat sich immer wieder erneuert und verjüngt. Eine grosse Kraft liegt in all den Menschen, die hier zusammenarbeiten. Seit acht Jahren arbeitet auch Moritz, einer meiner Söhne, der auch Metallbauer ist, hier in der Kunstgiesserei. Er ist Teil der Geschäftsleitung und gibt seine ganze Kraft mit hinein. Wir sind stark gewachsen, und um die Organisation besser zu strukturieren, haben wir vor etwa sechs Jahren die Geschäftsleitung mit Till, David Andermatt, Anita Mamuzić und Moritz Lehner ins Leben gerufen. Seit acht Monaten ist Johannes Rickli zur Unterstützung der Geschäftsleitung dabei. Und seit vielen Jahren engagiert sich mein zweiter Sohn Bastian im Verwaltungsrat der Kunstgiesserei. Schon heute funktioniert sehr vieles ohne mich, ich bin da sehr dankbar. Während ich früher einen sehr guten Überblick über alle laufenden Projekte hatte, kommt es inzwischen vor, dass ich durch die Werkstatt gehe und tolle Kunstwerke sehe, von denen ich nicht weiss, von wem sie sind oder wohin sie gehen – und es werden immer mehr davon. Es bleibt noch etwas Zeit, aber der Plan ist klar, dass ich mich mehr und mehr auf andere Dinge konzentriere.
«Im Sittertal bist du Teil eines ganzen Kosmos.»
Till: Wir sind gut organisiert. Wir haben rund zehn Projektleiter:innen, zehn Werkstattleiter:innen und ein insgesamt sehr gut funktionierendes Team. So können wir die über 300 Projekte im Jahr bewältigen. Dabei spielt Selbstverantwortung und Schwarmintelligenz eine grosse Rolle. Es ist von allen abhängig, dass es hier läuft, so wie es läuft.
Felix: Viele sind ja auch schon sehr lang dabei, sind weggegangen und sind wieder zurückgekommen. Das ist wahnsinnig wertvoll. Samuel Bischof beispielsweise arbeitet seit 1987 in der Kunstgiesserei, als sie noch in Beinwil am See war. Auch Lukas Furrer, unser Architekt, entwickelt seit 26 Jahren unsere Räume und Werkstätten. Die Kunstgiesserei ist geprägt von vielen tollen Menschen, die das alles ermöglichen, viel beigetragen haben und Teil davon sind. Es war nicht immer einfach, wir haben auch viele Krisen erlebt und gemeinsam durchgestanden. Oft haben wir viel hineingegeben, neue Ideen und Initiativen entwickelt, ohne zu wissen, ob es klappt, und später hat es sich in einer anderen Form ausbezahlt.
Till: Das muss man lernen. Es ist nicht leicht, Veränderungen zu akzeptieren und damit umzugehen. Manchmal weiss man erst zehn Jahre später, weshalb sich etwas gelohnt hat, weil sich das Ergebnis an einem anderen Ort oder in einer anderen Form zeigt. Das ist cool – im Nachhinein. Im Sittertal bist du Teil eines ganzen Kosmos.
Patricia: Der eben nur entsteht, weil nicht alles messbar ist und dadurch bewertet wird. Das muss man können und immer wieder wollen.
Felix Lehner, 1960, gründete die Kunstgiesserei 1983 in Beinwil am See und zügelte sie 1994 nach St.Gallen. 2006 rief er mit Hans Jörg Schmid und Daniel Rohner die Stiftung Sitterwerk ins Leben. Zusammen mit Ulrich Meinherz betreibt er auch das Kesselhaus Josephsohn, das den Nachlass des Bildhauers vertritt.
Till Andrea Jäckli, 1985, arbeitet seit 2005 in der Kunstgiesserei in verschiedenen Funktionen. Seit 2019 ist der Giessereitechnologe und Betriebswirtschafter Mitglied der Geschäftsleitung mit Fokus auf Finanzen und Projektadministration.
Patricia Hartmann, 1985, ist seit 2025 Co-Geschäftsleiterin der Stiftung Sitterwerk. Zuvor leitete sie diese seit 2019 allein. Sie hat Kunstgeschichte studiert und arbeitete mehrere Jahre in Paris und in Zürich in Galerien für zeitgenössische Kunst sowie im Bundesamt für Kultur in der Kunstförderung.
Kunst
Felix Lehner erhält am 16. Juni den Prix Meret Oppenheim. Damit würdigt das Bundesamt für Kultur Persönlichkeiten und ihre Lebenswerke im Bereich von Kunst und Architektur. Oft reicht das Wirken der Ausgezeichneten weit über die Landesgrenzen hinaus – so wie im Fall des St.Galler Kunstgiessers.
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.