Mit 1000 Umdrehungen durch den Alltagsirrsinn
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Beni Bischof findet immer genügend Stoff für seine Bildwelten (Bild: pd)
Flapp! Flapp! Flapp! Schon der Sound ist ein Ereignis: Das satte Geräusch, wenn die Seiten aus Hochglanzpapier aufeinander klatschen. Flapp! Flapp! Flapp! Die Vorfreude steigt. Kurz blitzt – wie beim Daumenkino – zwischen den Seiten auf, was im Buch steckt: mehr als zweieinhalb Kilo Bilder; fotografiert, gezeichnet, gemalt, gesammelt, collagiert von Beni Bischof. Zwölf Jahre nach seinem ersten Psychobuch präsentiert der St.Galler Künstler zum zweiten Mal einen Ausschnitt aus seiner üppig strotzenden, krachenden Bilderwelt.
Er schliesst nahtlos ans Bewährte an, zeigt Neues, variiert Bekanntes und schafft neue Ordnungen. Letzteres allerdings ohne Kategorisierungen. Gab es im ersten Band noch Kapitel wie «Laut», «Laut Ernst» oder «Ruhig Lustig», setzt Beni Bischof jetzt ganz auf die Bilder.
Wozu Zwischentitel, wenn doch alles mit allem zusammenhängt? Publizistische Scheusslichkeiten und Glamour, Kunst und Fundstücke, Cars und Models, Witz und Wörter – klassifizierende Adjektive sind da nicht nötig. Ohnehin kann Beni Bischof darauf setzen, dass alle ihren eigenen Zugang zu seinem Kosmos haben. So beispielsweise diejenigen seiner Alterskohorte: Der Künstler ist Jahrgang 1976. Wer ebenfalls in den 70ern geboren ist, hat mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Sog von Rocky und Rambo erlebt, hat vielleicht nicht Conan der Barbar, aber doch Terminator gesehen und Stirb langsam sowieso.
Beni Bischof lässt die Muskelhelden noch einmal auftreten und dekonstruiert sie zugleich, genauso ergeht es den -aufgemotzten Autos, den Schlagzeilen, dem Fortschrittsoptimismus. Bischof schneidet aus, kombiniert neu, überklebt und verdreht. Oder er lässt die Bilder wie sie sind. Oft sind neue Nachbarschaften Kommentar genug und entlarven lustvoll die Geschmacklosigkeiten in Filmen, Magazinen, Zeitung und TV. Die altbekannten Medien bieten noch immer genügend Stoff, die Social-Media-Kanäle braucht Beni Bischof nicht anzuzapfen.
Das Material ist unerschöpflich, aber Beni Bischof verliert sich nicht darin. Wer den Künstler kennt, weiss, er spielt nicht nur mit vorgefundenen Quellen. Er malt selbst, zeichnet, kreiert raumgreifende Installationen und Objekte. Mit schneller Hand und Wasserfarben bringt er das Dilemma des Daseins ebenso aufs Papier wie Referenzen auf die Kunstgeschichte oder auf die eigene Arbeit. Witziges und Philosophisches schliessen sich darin ebenso wenig aus wie Bambi und die Abstraktion. Mal sinniert ein Delfin in der Badewanne über das Leben als endlosen Ermüdungsprozess, mal implodiert irgendetwas, nur die Rauchwolke bleibt. Mal fordert eine Seite «Shut Up And Look», dann warnt eine andere: «Wet Paint». Als wolle er die Aufmerksamkeit seines Publikums testen, streut Beni Bischof manche Bildfindungen mehrmals ein, an unterschiedlichen Stellen.
Auch das erste Psychobuch ist Teil des zweiten: Finde das Foto! Wie Aufnahmen früherer Ausstellungen, des eigenen Ateliers in St.Gallen und anderer Arbeitssituationen fügt es sich nahtlos in den Bilderkosmos ein. Denn alles gehört dazu, alles ist Beni Bischof, alles befeuert die Schaulust. Immer aufs Neue fällt eine irre Collage ins Auge, bohrt sich eine schräge Zeichnung ins Hirn oder grinst ein Gemälde herausfordernd von den 776 Seiten.
Psychobuch 2 führt das erste Psychobuch konsequent weiter. Es bietet mehr Bischof, mehr Bilder, mehr ins Absurde geschraubte Alltagswelt. Wobei – absurd ist sie ohnehin schon, aber der Künstler fügt ihren obszönen, skurrilen Seiten noch ein paar Umdrehungen hinzu. Die Bischof-Methode entfaltet einen unwiderstehlichen Sog; in Ausstellungen wie der aktuellen «Mausi im Bellpark» in Kriens oder «Knight Rider – Dark Splendor» in St.Gallen genauso wie zwischen zwei Buchdeckeln. Und während sich darin schwelgen lässt, entsteht im Atelier wahrscheinlich längst schon der Stoff fürs dritte Psychobuch.
Beni Bischof: Psychobuch 2. Edition Patrick Frey, Zürich 2026.editionpatrickfrey.com
Ausstellung «Knight Rider – Dark Splendor»: bis Freitag, 3. Juli, Doppelganger, St.Gallen.doppelgaenger.gallery
Knapp zweieinhalb Kilogramm Buch: In der Kunsthalle St.Gallen stellte die Edition Patrick Frey Beni Bischofs Psychobuch vor. In diesem Band findet die tägliche mediale Bilderflut ihren Meister.
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