Kategorie
Autor:innen
Jahr

Viele Spuren und ein Tatort

Ein Dachs begrüsst am Eingang (Bild: pd/Urs Bucher)

Ein Dachs begrüsst am Eingang (Bild: pd/Urs Bucher)

Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».

Mor­gens im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len. Zwi­schen Tier­prä­pa­ra­ten und Schau­käs­ten tum­meln sich Scha­ren klei­ner Men­schen. Wie­der­holt ver­lan­gen die Lehr­per­so­nen nach Ru­he. Mit mäs­si­gem Er­folg.

Völ­lig ent­spannt da­ge­gen ist Mu­se­ums­di­rek­tor Mat­thi­as Mei­er, der durch die ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern» führt. Auch wenn sie ge­ra­de fast nur Kin­der er­kun­den, rich­te sie sich auch an Er­wach­se­ne. «Das Ver­ständ­nis der Na­tur soll­te nicht nur Grund­schul­stoff sein», sagt Mei­er da­zu mit ei­nem Schmun­zeln.

Ent­wi­ckelt hat die Schau das Na­tur­mu­se­um So­lo­thurn. Nun wan­dert sie durch ver­schie­de­ne Schwei­zer Na­tur­mu­se­en. Ein sol­cher Aus­tausch von Aus­stel­lun­gen un­ter den Mu­se­en ist laut Mei­er in­zwi­schen Usus. So ist die in St.Gal­len ent­wi­ckel­te Aus­stel­lung über In­sek­ten und Co. der­zeit im Na­tur­mu­se­um in Win­ter­thur zu se­hen. «Es ist schön, so die Le­bens­dau­er von Aus­stel­lun­gen zu ver­län­gern. Da steckt je­weils viel Ar­beit drin und es ist so auch öko­lo­gi­scher», er­klärt der Mu­se­ums­di­rek­tor.

Die Spu­ren-Aus­stel­lung aus So­lo­thurn ha­be ihn so­fort an­ge­spro­chen. «Sie ist lie­be­voll um­ge­setzt, viel­sei­tig und in­ter­ak­tiv.» Des­halb setz­te man sich früh­zei­tig da­für ein, die Aus­stel­lung nach St.Gal­len zu ho­len. Jetzt ist sie hier im ers­ten Ober­ge­schoss des Na­tur­mu­se­ums auf­ge­baut. Am Aus­gangs­punkt be­grüs­sen ei­nen ein aus­ge­stopf­ter Dachs und ein Pa­nel: «Was lebt, hin­ter­lässt Spu­ren», heisst es da.

UV-Licht und Lieb­lings­stei­ne

«Beim Wort Spu­ren den­ken die meis­ten Men­schen an Ab­drü­cke von Pfo­ten. Aber Spu­ren kön­nen viel mehr sein als das», sagt Mei­er. Das Fas­zi­nie­ren­de an ih­nen sei, nebst ih­rer Viel­falt, dass sie auf Ver­gan­ge­nes ver­wei­sen. «Ei­ne Aus­stel­lung, die sich auf die­se in­di­rek­te Wei­se mit den Tie­ren und ih­rem Le­bens­raum be­fasst, hat mich sehr ge­reizt.»

Ge­glie­dert ist die Aus­stel­lung in fünf ver­schie­de­ne Mo­du­le. Je­des be­han­delt ei­ne ei­ge­ne Form von Spu­ren: Es geht um Tritt­spu­ren, die Füs­se oder eben Pfo­ten hin­ter­las­sen, es geht um Fress- und um Bau­spu­ren. Auch Spu­ren des Le­bens, die von Ge­burt und Tod zeu­gen, ha­ben ih­ren Platz in der Aus­stel­lung. 

So­gar den gänz­lich un­sicht­ba­ren Spu­ren ist ein Mo­dul ge­wid­met: In «Un­sicht­bar. Spu­ren, die wir nicht se­hen» geht es um Ge­rü­che, akus­ti­sche Spu­ren oder sol­che, die für das mensch­li­che Au­ge nicht sicht­bar sind, et­wa UV-Licht­strah­len. Se­hen kön­nen die­se bei­spiels­wei­se Greif­vö­gel. Das hilft ih­nen, Mäu­se­nes­ter auf­zu­spü­ren: Die klei­nen Na­ger pin­keln näm­lich ger­ne di­rekt vor ih­ren Nest­ein­gän­gen. Und weil Urin im UV-Licht sicht­bar ist, lie­fern sie da­mit für den Greif­vo­gel treff­si­che­re Beu­te­hin­wei­se. Der Sicht des Raub­vo­gels kann man dann mit ei­nem UV-Licht-Ap­pa­rat gleich selbst nach­spü­ren. So­wie­so scheint In­ter­ak­ti­vi­tät so et­was wie das ge­hei­me Mot­to der Aus­stel­lung zu sein: Über­all kann man ent­de­cken, aus­pro­bie­ren oder rät­seln.

Tierpfoten von unten und als Trittsiegel (Bild: pd/Urs Bucher)

Tierpfoten von unten und als Trittsiegel (Bild: pd/Urs Bucher)

Beim Mo­dul «Mahl­zeit! Zeug­nis­se von fres­sen und ge­fres­sen wer­den» zeigt ein Schau­kas­ten ei­ne Art Kri­mi­tat­ort. Ver­schie­de­ne Spu­ren lie­fern Hin­wei­se dar­auf, wer hier wen ge­fres­sen hat. Man fühlt sich wie Miss Mar­ple und so viel sei ver­ra­ten: Es gibt hier ei­ni­ge Op­fer. Die Na­tur ist bru­tal, man weiss es ja. Auf­hei­ternd ist da der Hin­weis von Mei­er, dass die Sing­dros­sel, die auch in den Kri­mi­nal­fall ver­wi­ckelt ist, ei­nen «be­vor­zug­ten Stein» hat, auf dem sie Schne­cken­häu­ser zer­trüm­mert. Dros­sel­schmie­de nennt sich das im Fach­jar­gon.

Sol­che (Fun-)Facts fin­den sich in der ge­sam­ten Aus­stel­lung ein­ge­streut. Man er­fährt, dass der Urin ei­nes kat­zen­ar­ti­gen Raub­tiers aus Süd­ost­asi­en nach Pop­corn riecht. Oder dass Spitz­mäu­se der­art stin­ken, dass Kat­zen sie nicht fres­sen. 

Wis­sen in Häpp­chen

Wis­sen ist in «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern» kon­se­quent in kur­zen, ver­ständ­li­chen Häpp­chen auf­be­rei­tet. So springt man flink von ei­ner In­fo zur nächs­ten und fühlt sich ani­miert, beim nächs­ten Wald­spa­zier­gang auf po­ten­zi­el­le Spu­ren zu ach­ten. 

Ein­zig die The­ma­ti­sie­rung mensch­li­cher Spu­ren kommt et­was zu kurz. Sie flies­sen nur punk­tu­ell an zwei, drei Stel­len ein. Et­wa wenn es um men­schen­ge­mach­te Bau­ten oder um Mi­kro­plas­tik geht. «Der Mensch steht nicht im Fo­kus die­ser Aus­stel­lung. Er ist hier ein­fach als Teil der Na­tur zu ver­ste­hen, in die er mit sei­nem Han­deln di­rekt ein­greift. Ei­nen Ge­gen­satz von Mensch und Na­tur hal­te ich nicht für pro­duk­tiv», er­klärt Mat­thi­as Mei­er. Im Grun­de un­ter­schei­de sich die Tech­ni­sie­rung der Welt durch den Men­schen oh­ne­hin nur we­nig vom Hü­gel-Bau­en der Amei­sen. «Nur ist der Ein­fluss von Men­schen auf die Um­welt we­sent­lich mas­si­ver.»

Mehr zur Ver­flech­tung von Mensch und Um­welt gibt es ab dem Herbst. Dann wird an­läss­lich des zehn­jäh­ri­gen Be­stehens des Mu­se­ums im Haus an der Ror­scha­cher Stras­se ei­ne neue Aus­stel­lung er­öff­net. In «Mensch und Uni­ver­sum» ge­he es um das An­thro­po­zän. Man wer­fe dar­in ei­nen Blick in den Welt­raum, aber auch ei­nen in die Welt, er­zählt Mei­er. Nebst dem Hier und Jetzt sei auch die Zu­kunft ein The­ma. Und die Fra­ge, wie die Mensch­heit die Welt ge­stal­ten kön­ne, so­dass ein Le­ben dar­in le­bens­wert sei.

«Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern»: bis Sonn­tag, 20. Sep­tem­ber, Na­tur­mu­se­um St.Gal­len.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4