Der ewige Kreislauf des Lebens

Hybers grüne Männchen in der Kartause Ittingen (Bild: Michael Lünstroth)

Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.

Aus al­lem, was ver­geht, kann auch wie­der Neu­es ent­ste­hen. So tröst­lich die­ser Satz im All­ge­mei­nen ist, so sehr schreckt man im ers­ten Mo­ment in­ner­lich zu­rück, wenn man den zum Kunst­werk ge­wor­de­nen Ge­dan­ken plötz­lich vor sich sieht: ein von Er­de über­form­tes mensch­li­ches Ske­lett, aus des­sen leh­mi­ger Brust die ers­ten zar­ten Pflan­zen spries­sen. Hom­me de Terre nennt der fran­zö­si­sche Künst­ler Fa­bri­ce Hy­ber sein Werk, das er für die gleich­na­mi­ge Aus­stel­lung in ei­ne der Kar­täu­ser­zel­len des Thur­gau­er Kunst­mu­se­ums plat­ziert hat.

Durch­sich­ti­ge Schläu­che füh­ren aus dem erd­far­be­nen Men­schen­leib hin­aus in ein­fa­che Plas­tik­ei­mer. Das soll den Flüs­sig­keits­trans­port er­leich­tern und das Kunst­werk als le­ben­des We­sen il­lus­trie­ren. Al­le, die mal ei­ne:n Co­ro­na­pa­ti­ent:in auf der In­ten­siv­sta­ti­on ge­se­hen ha­ben, wer­den so­fort dar­an den­ken – die Er­in­ne­rung ist noch nah und kaum ver­blasst. Ob er das nicht et­was mor­bi­de fin­de, wird Hy­ber an der Me­di­en­kon­fe­renz ge­fragt. Der Künst­ler schüt­telt den Kopf, die Kran­ken­haus-As­so­zia­ti­on hat­te er nicht im Sinn. Und über­haupt: Das Kran­ken­haus sei doch ein Ort, an dem die Men­schen ge­sun­den. Da pas­se das Bild doch ganz gut, fin­det Hy­ber.

In­ter­ak­ti­ves Gärt­nern als Haupt­at­trak­ti­on

Da­mit ist der Ton von An­fang an ge­setzt, und es ist klar – Fa­bri­ce Hy­bers Aus­stel­lung im Kunst­mu­se­um wird zu re­den ge­ben. Schliess­lich soll der Erd­mensch im Lau­fe der Aus­stel­lung von Pflan­zen über­wu­chert wer­den. Und wann hat man das schon mal, dass ei­ne qua­si gärt­ne­ri­sche Ar­beit die Haupt­at­trak­ti­on ei­ner Kunst­aus­stel­lung ist?

Hy­ber je­den­falls ist gu­ter Din­ge bei der Me­di­en­kon­fe­renz. Viel­leicht auch, weil sich mit dem Kunst­mu­se­um Thur­gau und dem Kunst­mu­se­um Thun nun zeit­gleich zwei Häu­ser sei­ner Ar­beit wid­men. Wo­bei es ihm an Aus­stel­lun­gen oh­ne­hin nicht man­gelt. Zu­letzt stell­te er in der Fon­da­ti­on Car­tier in Pa­ris, in der Al­li­ance New York und in der Power Sta­ti­on of Art in Shang­hai aus. Nächs­ter Halt – Pe­king. Fa­bri­ce Hy­ber ist al­so in­ter­na­tio­nal un­ter­wegs. In Frank­reich gilt er als ei­ner der be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler.

Homme de Terre: Zentrales Werk von Fabrice Hyber in der Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau (Bild: Michael Lünstroth)

1997 er­hielt er den Gol­de­nen Lö­wen an der Bi­en­na­le Ve­ne­dig für sein Pro­jekt Eau d’Or, Eau Dort, Odor, mit dem er den fran­zö­si­schen Pa­vil­lon in ein ex­pe­ri­men­tel­les Film­stu­dio ver­wan­del­te. 2018 wur­de er als Mit­glied in die Aca­dé­mie des Beaux-Arts ge­wählt. Sein Kunst­ver­ständ­nis reicht weit. Er über­trägt die Kunst auf vie­le Le­bens­be­rei­che: Ma­the­ma­tik, Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, Wirt­schaft, Ge­schich­te, As­tro­phy­sik, aber auch Lie­be, den Kör­per und die Evo­lu­ti­on der Le­be­we­sen.

Mit Fa­bri­ce Hy­ber stellt sich nun aber auch ein Künst­ler im Kunst­mu­se­um vor, der viel­leicht nicht aus­schliess­lich we­gen der her­aus­ra­gen­den Qua­li­tät sei­ner Kunst im Ge­spräch ist, son­dern vor al­lem we­gen der Ideen, die er ver­tritt. Kreis­lauf­wirt­schaft, Nach­hal­tig­keit, Um­welt­be­wusst­sein – prä­gen­de Be­grif­fe der ver­gan­ge­nen Jah­re ha­ben Fa­bri­ce Hy­ber frü­her als an­de­re be­schäf­tigt.

Mehr als 30’000 Bäu­me neu ge­pflanzt

Schon in den 1980er-Jah­ren hat er sich mit der Ver­bin­dung zwi­schen Öko­lo­gie und Kunst be­fasst. Als Kind von Bau­ern war ihm Land­wirt­schaft – er zieht den Be­griff Agrar­kul­tur vor – ein Her­zens­an­lie­gen. In West­frank­reich hat er sich ei­nen ei­ge­nen Ort er­schaf­fen, um sei­ne Vor­stel­lun­gen um­zu­set­zen. In La Val­lée re­na­tu­riert er seit 1990 mehr als 100 Hekt­ar Land, um die 30’000 Bäu­me hat er ge­pflanzt, und schafft dort ei­nen ganz ei­ge­nen Be­geg­nungs­ort.

Sei­ne El­tern hat­ten das Land ur­sprüng­lich für die Schaf­züch­tung ge­pach­tet. Als sie 1990 ih­ren Hof auf­ga­ben, kauf­te Hy­ber das Land, um es vor ei­ner in­dus­tri­el­len land­wirt­schaft­li­chen Nut­zung zu be­wah­ren. He­len Hirsch, Di­rek­to­rin des Kunst­mu­se­ums Thun, for­mu­liert Hy­bers hy­bri­de Ar­beits­wei­se in ih­rem Bei­trag zum Aus­stel­lungs­ka­ta­log so: «Der Künst­ler be­rei­tet mit sei­nen Ak­ti­vi­tä­ten ei­ner­seits den Hu­mus für die Bo­den­frucht­bar­keit und för­dert so das Wach­sen und Ge­dei­hen von Le­ben auf sei­nem Grund­stück, an­de­rer­seits be­ar­bei­tet er in­tel­lek­tu­ell die Mög­lich­kei­ten ei­nes sinn- und ver­ant­wor­tungs­vol­len Um­gangs mit der Um­welt in sei­ner künst­le­ri­schen Tä­tig­keit.»

In It­tin­gen nun stellt der Künst­ler die Wand­lungs­fä­hig­keit des Men­schen in den Mit­tel­punkt. Und das nicht nur in Form ei­ner le­ben­di­gen Erd­men­schen-Skulp­tur. Im Teich vor dem Re­stau­rant Müh­le ste­hen sei­ne was­ser­spei­en­den grü­nen Männ­chen – iro­ni­sche Zi­ta­te klas­si­scher Brun­nen­fi­gu­ren. Auf dem Weg zum Kunst­mu­se­um grüsst von der Sei­te ein men­schen­ho­hes ro­tes (Gum­mi-)Bär­chen.

In­nen wird es dann ernst­haf­ter, wenn auch nicht we­ni­ger spie­le­risch. Im Kreuz­gang des Mu­se­ums steht ei­ne or­dent­lich auf­ge­reih­te An­samm­lung von Schau­fens­ter­pup­pen in un­ter­schied­li­chen Be­klei­dun­gen. Val­se hys­té­ri­que (1996) heisst die­se Ar­beit. Al­so ein hys­te­ri­scher Wal­zer, der me­ta­pho­risch ei­nen Tanz oder ei­ne Si­tua­ti­on be­schrei­ben soll, die wild, chao­tisch, ex­trem auf­ge­regt oder über­stei­gert emo­tio­nal ist.

Ein Kos­tüm­fest im Mu­se­um

Hin­ter­ein­an­der auf­ge­reiht sind Klei­dungs­stü­cke, die man als Er­ken­nungs­merk­ma­le be­stimm­ter ge­sell­schaft­li­cher Rol­len oder Funk­tio­nen deu­ten kann: Ein christ­li­cher und ein mus­li­mi­scher Geist­li­cher ste­hen ne­ben ei­ner Chir­ur­gin, ei­ner Per­son im Hoch­zeits­kleid und ei­ner in Zwangs­ja­cke. Wei­ter hin­ten rei­hen sich ein – ein auf­blas­ba­rer Ted­dy­bär, ei­ne aus Schwäm­men zu­sam­men­ge­setz­te Fi­gur und an­de­re Kos­tü­me, die auf Su­per­hel­den oder Su­per­schur­ken ver­wei­sen. Vor al­lem der Schwamm-Mensch (Spon­ge­man) hat es Fa­bri­ce Hy­ber an­ge­tan. «Ich bin in der Ar­beit selbst oft wie ein Schwamm und will al­les auf­sau­gen, des­we­gen mag ich ihn sehr.»

Fabrice Hyber und der Spongeman (Bild: Michael Lünstroth)

Wäh­rend hier Wan­del von Iden­ti­tä­ten durch Äus­ser­lich­kei­ten zu­nächst nur an­klingt, kön­nen es die Be­su­cher:in­nen in ei­nem ei­ge­nen Raum selbst aus­pro­bie­ren. Sie kön­nen in die ver­schie­de­nen Kos­tü­me schlüp­fen und sich in gros­sen Spie­geln da­bei be­ob­ach­ten, wie sich ih­re ganz per­sön­li­che Ver­wand­lung be­merk­bar macht. «Was in den gros­sen Aus­stel­lungs­häu­sern der Welt nicht geht, wird bei uns mög­lich», sagt Ku­ra­to­rin Ste­fa­nie Hoch, «hier ist An­fas­sen und so­gar An­pro­bie­ren der Kunst er­wünscht.»

Man kann Fa­bri­ce Hy­bers Ar­bei­ten aber auch ein­fach nur be­trach­ten. In sei­nen sie­ben Me­ter gros­sen Pan­ora­ma­for­ma­ten er­zählt er Ge­schich­ten von Na­tur und Mensch. Es geht ums Wach­sen, Ge­dei­hen und die un­ter­schied­li­chen Ein­flüs­se, die den fran­zö­si­schen Künst­ler auf sei­nem Weg zur Ich-Wer­dung be­glei­tet ha­ben. Hier be­geg­net man auch wie­der ei­ni­gen Fi­gu­ren, die schon im Kreuz­gang auf­ge­taucht sind – der Schwamm-Mensch, der grü­ne Ted­dy­bär, ein Ske­lett. Fa­bri­ce Hy­ber hat ei­nen Blick für ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen. Sei­ne manch­mal wie hin­ge­wor­fen wir­ken­den Ar­bei­ten wir­ken wie die Do­ku­men­ta­ti­on ei­ner Ver­suchs­an­ord­nung.

Mit dem bit­te­ren Bei­geschmack, dass wir all­zu oft die Ver­suchs­ka­nin­chen sind und man manch­mal gar nicht so ge­nau weiss, wie man da wie­der her­aus­kommt. Aber für Trüb­sal und Hoff­nungs­lo­sig­keit ist Fa­bri­ce Hy­ber ei­gent­lich ein freund­li­cher und op­ti­mis­ti­scher Mensch. Auf­ge­ben ist kei­ne Op­ti­on für ihn, An­pas­sung schon.

Was Kunst leis­ten kann

Im Aus­stel­lungs­ka­ta­log sagt er da­zu zwei be­mer­kens­wer­te Sät­ze: «Ich den­ke, die Men­schen ha­ben die Fä­hig­keit, sich im­mer wie­der neu an­zu­pas­sen und Lö­sun­gen für ih­re ei­ge­ne Welt zu fin­den, auch weil sie künst­le­ri­sche Lö­sun­gen ge­se­hen ha­ben. Dar­in liegt mei­ner Mei­nung nach die Zu­kunft der Kunst, die Uni­ver­sa­li­tät der Welt. Auf­grund ih­rer Fä­hig­keit, sich bei der Be­trach­tung von Kunst im­mer wie­der selbst in­fra­ge zu stel­len, kön­nen die Kunst­schaf­fen­den all die­se Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen.»

Er selbst geht da­bei stets mit gu­tem Bei­spiel vor­an. Ne­ben der Kunst und der Re­na­tu­rie­rung sei­nes ei­ge­nen Bio­tops in West­frank­reich wid­met er sich dank der Ver­kaufs­er­lö­se aus sei­ner Kunst, sei­ner Vi­si­on fol­gend, auch der so­zio­kul­tu­rel­len Wie­der­be­le­bung sei­ner Hei­mat­re­gi­on.

Auf dem Land­sitz ver­gibt er zeit­wei­se Wohn­mög­lich­kei­ten an Kunst­schaf­fen­de und Wis­sen­schaft­ler:in­nen. Ei­ne na­he Kir­che wird der­zeit re­stau­riert und an­schlies­send von Fa­bri­ce Hy­ber mit Fres­ken aus­ge­stat­tet. Auf sei­ne In­itia­ti­ve soll ei­ne Samm­lung land­wirt­schaft­li­cher Ge­rä­te in ein Mu­se­um über­führt wer­den. Und: Die Wie­der­be­le­bung ei­nes Re­stau­rants im na­he­ge­le­ge­nen Dorf ist in Pla­nung.

Kunst ist bei Fa­bri­ce Hy­ber im­mer auch (Über-)Le­bens­kunst. Trotz al­ler Wid­rig­kei­ten – ir­gend­wie geht es im­mer wei­ter, und wir sind kei­nem Wan­del ohn­mäch­tig aus­ge­setzt. Han­deln ist der Schlüs­sel ge­gen Welt­schmerz. Viel­leicht soll­ten wir al­le ein biss­chen mehr wie Fa­bri­ce Hy­ber sein.

(Die­ser Text er­schien zu­erst bei Thur­gau Kul­tur.)

Fa­bri­ce Hy­ber – «Hom­me de Terre»: bis 30. Au­gust, Kunst­mu­se­um Thur­gau.

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