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Ideen für die Zukunft

Die Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler vor ihren Fotoarbeiten (Bild: vez)

Die Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler vor ihren Fotoarbeiten (Bild: vez)

Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien. 

Der Him­mel ist blau mit weis­sen Wol­ken, da­zu weht ein leich­ter Wind. Es ist warm. Die Son­ne scheint aufs Frau­en­fel­der Ei­sen­werk. Auf dem da­zu­ge­hö­ri­gen Kies­platz sitzt un­ter ei­nem rot-weiss ge­streif­ten Son­nen­schirm die Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler. Dem­nächst er­öff­net sie in der zum Ei­sen­werk ge­hö­ren­den Shed­hal­le ih­re Ein­zel­aus­stel­lung «How goes To­mor­row». 

In Zei­ten von glo­ba­len Kri­sen und Kon­flik­ten so­wie dem vor­an­schrei­ten­den Kli­ma­wan­del ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zu­kunft ele­men­tar. Und ge­nau das macht Büh­ler in ih­rem ak­tu­el­len künst­le­ri­schen Pro­jekt. Im Zen­trum ih­rer Ar­beit ste­hen die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on und un­ser Zu­sam­men­le­ben. Wie kön­nen wir un­se­re Le­bens­mit­tel mög­lichst nach­hal­tig her­stel­len? Und wie kön­nen wir neue For­men des Zu­sam­men­le­bens fin­den, bei de­nen das Mit­ein­an­der im Zen­trum steht? Fra­gen, die Büh­ler schon lan­ge be­schäf­ti­gen. 

Mit ih­rer Aus­stel­lung, die am 4. Ju­ni er­öff­net, möch­te sie für die The­ma­tik sen­si­bi­li­sie­ren und Im­pul­se set­zen für ei­ne Welt oh­ne Aus­beu­tung und oh­ne den Ver­schleiss von Mensch und Um­welt. Ei­ne uto­pi­sche Vor­stel­lung? Büh­ler meint da­zu: «Ge­ra­de heu­te brau­chen wir Uto­pien, da­mit es Hoff­nung auf ei­ne an­de­re Zu­kunft gibt. Ei­ne, die nicht von Ge­walt und Zer­stö­rung ge­prägt ist.»

Es be­gann auf dem Bau­ern­hof

Der Aus­lö­ser für ihr Aus­stel­lungs­pro­jekt in Frau­en­feld liegt ei­ni­ge Jah­re zu­rück. Im Herbst 2021, als Co­ro­na das Kul­tur­schaf­fen ein­ge­schränkt hat­te, such­te Büh­ler ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Die­se fand die ge­lern­te Bank­kauf­frau beim Hof­kol­lek­tiv Ro­ten­bir­ben in Bon­stet­ten. Seit 2019 be­woh­nen und be­wirt­schaf­ten wech­seln­de Kol­lek­tiv­mit­glie­der den öko­lo­gisch be­trie­be­nen Obst- und Ge­mü­se­bau­ern­hof. 

Dass es den Hof in die­ser Form gibt, ist laut Büh­ler aus­ser­ge­wöhn­lich. Vie­le wünsch­ten sich ei­nen sol­chen ge­mein­schaft­lich ge­führ­ten Bau­ern­hof, es sei aber schwie­rig, das Pacht­recht zu er­hal­ten oder die fi­nan­zi­el­len Mit­tel da­für auf­zu­brin­gen. Hin­ter dem Hof­kol­lek­tiv Ro­ten­bir­ben steht ei­ne Stif­tung, die der frü­he­re Grund­be­sit­zer Ernst Al­bert Su­ter 2016 ins Le­ben ge­ru­fen hat. Ihr Zweck: den 200-jäh­ri­gen Hof mit Hoch­stamm­bäu­men er­hal­ten.

Der­zeit be­steht das Hof­kol­lek­tiv aus et­wa ei­nem Dut­zend Men­schen mit un­ter­schied­li­chen Na­tio­na­li­tä­ten und be­ruf­li­chen wie so­zia­len Hin­ter­grün­den. In­klu­si­on und Viel­falt wer­den gross­ge­schrie­ben. Al­le be­tei­li­gen sich, so­weit sie das kön­nen, an der Hof­be­wirt­schaf­tung, die oh­ne schwe­re land­wirt­schaft­li­che Ma­schi­nen, In­dus­trie­dün­ger oder Pes­ti­zi­de be­werk­stel­ligt wird. 

Sich selbst­be­stimmt für ei­ne sol­che Le­bens­form ent­schei­den zu kön­nen, ist ein Pri­vi­leg. Des­sen sei sich das Kol­lek­tiv be­wusst, sagt Büh­ler. Je­doch sei das Le­ben auf dem Hof al­les an­de­re als pri­vi­le­giert: Man le­be auf en­gem Raum mit an­de­ren und leis­te für ein ge­rin­ges Sa­lär har­te kör­per­li­che Ar­beit. Das ge­sam­te Le­ben sei be­stimmt von den Rhyth­men der Na­tur – und vom Wet­ter. Rund drei Jah­re war Büh­ler Teil des Hof­kol­lek­tivs. En­de 2023 nah­men ih­re Kul­tur­pro­jek­te Fahrt auf und sie be­schloss, sich dar­auf zu kon­zen­trie­ren.

Do­ku­men­ta­ti­on und Setz­lin­ge

Ih­re Zeit auf dem Hof hat sie von Be­ginn an mit der Ka­me­ra do­ku­men­tiert und in ih­rem künst­le­ri­schen Schaf­fen wei­ter­ver­ar­bei­tet. In der Aus­stel­lung «How goes To­mor­row», die sich der­zeit im Auf­bau be­fin­det, will sie das Pu­bli­kum an ih­rem Er­kennt­nis­pro­zess teil­ha­ben las­sen. Zu se­hen ge­ben wird es un­ter an­de­rem gross­for­ma­ti­ge Fo­to­ar­bei­ten so­wie Vi­deo­in­ter­views mit Men­schen des Hof­kol­lek­tivs. «Die Aus­stel­lung hat do­ku­men­ta­ri­sche An­sät­ze und ist so für ein brei­tes Pu­bli­kum zu­gäng­lich. Das war mir wich­tig, auch wenn ich da­mit von der gän­gi­gen künst­le­ri­schen Norm ab­wei­che.»

Nebst den me­dia­len Ar­bei­ten plant Büh­ler, Setz­lin­ge in der Aus­stel­lung auf­zu­zie­hen. So kann das Pu­bli­kum aus nächs­ter Nä­he se­hen, wie auf­wen­dig die Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on ist. Fünf­zehn ver­schie­de­ne Sor­ten hat sie da­zu von Pro Spe­cie Ra­ra er­hal­ten, dar­un­ter Acker­boh­nen oder Wild­to­ma­ten. Die Setz­lin­ge la­gern be­reits in grü­nen An­zucht­scha­len in der Hal­le. Rasch muss­te sich Büh­ler hier ei­ner ers­ten Her­aus­for­de­rung stel­len: «Es hat Schäd­lin­ge», er­klärt die Künst­le­rin und re­la­ti­viert mit ei­nem La­chen: «Oder Nütz­lin­ge – Tie­re, die halt auch par­ti­zi­pie­ren wol­len.»

Eine Fotoarbeit von Claude Bühler (Bild: pd/Claude Bühler)

Eine Fotoarbeit von Claude Bühler (Bild: pd/Claude Bühler)

Die Auf­zucht der Pflan­zen in die­sem Kunst­pro­jekt sei für sie ein Ex­pe­ri­ment, die Be­din­gun­gen in der Shed­hal­le sei­en sub­op­ti­mal. Ob die Setz­lin­ge ge­dei­hen, kann sie nur be­dingt kon­trol­lie­ren, zu­dem über­neh­men zeit­wei­se an­de­re Men­schen die Pflan­zen­pfle­ge. «Ich ge­be da­mit die Kon­trol­le über mei­ne Aus­stel­lung in ge­wis­ser Hin­sicht ab und ver­traue auf an­de­re.» Ei­ne schwie­ri­ge, aber be­wuss­te Ent­schei­dung, die sie auch mit dem All­tag auf dem Hof ver­bin­de.

Ef­fi­zi­en­te Stra­te­gien

«Ef­fi­zi­en­te Or­ga­ni­sa­ti­on» sei zur Be­wäl­ti­gung des enor­men «Workloads» auf dem Hof ele­men­tar ge­we­sen, sagt Büh­ler. Was nach pro­fit­ori­en­tier­tem Ge­ha­be tö­ne, sei es ge­ra­de nicht. «Es ist ei­ne pro­zess­haf­te Vor­ge­hens­wei­se, bei der das Wohl­be­fin­den al­ler be­tei­lig­ten Men­schen im Zen­trum steht.» Ge­mein­schaft­li­ches Ar­bei­ten und ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en bil­den die Grund­la­ge die­ser Stra­te­gie.

Schnell mag man sich da den­ken, dass das so gar nicht nach Ef­fi­zi­enz klingt. Ein Wi­der­spruch? Dar­auf an­ge­spro­chen er­klärt Büh­ler: «Viel­leicht. Aber Wi­der­sprü­che gibt es bei die­sem Pro­jekt re­gel­mäs­sig. Die muss man klar be­nen­nen und dann schau­en, wie da­mit um­zu­ge­hen ist.» Und letzt­lich ist das, was man un­ter Ef­fi­zi­enz ver­steht, auch ein­fach ei­ne Fra­ge der Be­wer­tung. Man darf sich aus­ser­dem fra­gen, wer ei­gent­lich den Preis für die Ef­fi­zi­enz im ka­pi­ta­lis­ti­schen Sin­ne be­zahlt. 

Sol­che Stra­te­gien, oder «Tools», wie Büh­ler sie nennt, aus der Le­bens­rea­li­tät des Hof­kol­lek­tivs her­aus­zu­de­stil­lie­ren und die­se ad­ap­tier­bar für an­de­re zu ma­chen, ist das Ziel des Re­se­arch Labs. Acht Per­so­nen aus der Wis­sen­schaft, der Kunst und dem Hof­kol­lek­tiv ar­bei­ten vor der Aus­stel­lung für drei Ta­ge an die­sem Vor­ha­ben. Das Er­geb­nis wird dann in noch of­fe­ner Form in die Aus­stel­lung ein­flies­sen.

Clau­de Büh­ler – «How goes To­mor­row»: Don­ners­tag, 4. Ju­ni, bis Sams­tag, 4. Ju­li, Shed­hal­le, Ei­sen­werk, Frau­en­feld.
Ver­nis­sa­ge: Don­ners­tag, 4. Ju­ni, 18.30 Uhr. 

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