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«Ich mache das für alle, die auf einen Entscheid warten.»

Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.

Velat Aydin, politisch Aktivist aus Kurdistan, streikt vor dem Bundesverwaltungsgericht. (Bild: Daria Frick).

Velat Aydin, politisch Aktivist aus Kurdistan, streikt vor dem Bundesverwaltungsgericht. (Bild: Daria Frick).

An die­sem be­wölk­ten Mitt­woch­nach­mit­tag wirkt das Bun­des­ver­al­tungs­ge­richt in St.Gal­len noch et­was grau­er als sonst. In ei­nem klei­nen Park ge­säumt von Bäu­men und Sträu­chern ru­hen ein paar Men­schen, ver­mut­lich Mit­ar­bei­ter:in­nen des Ge­richts, an klei­nen Ti­schen. Am Rand die­ses klei­nen Parks sitzt Ve­lat Ay­din auf ei­nem Cam­ping­stuhl, ne­ben ihm auf ei­nem Mäu­er­chen ste­hen lau­ter Säf­te, Tees und Be­cher. Ve­lat be­fin­det sich seit elf Ta­gen im Hun­ger­streik. Sein Asyl­ge­such aus dem Jahr 2023 wur­de im März 2025 vom SEM ab­ge­lehnt. Nach­dem er da­ge­gen Re­kurs ein­ge­reicht hat, war­tet er nun seit über ei­nem Jahr auf ei­ne Ant­wort. Da­ge­gen pro­tes­tiert der Kur­de. Nach ei­ner kom­ple­xen Vor­be­rei­tungs­pha­se sit­zen wir ge­mein­sam ei­nem Ver­tre­ter der Ju­so St.Gal­len und ei­nem Über­set­zer, der sich per Han­dy zu­ge­schal­ten hat, vor Ve­lat.

Sai­ten: Ve­lat, wie geht es dir?

Ve­lat Ay­din: Grund­sätz­lich ha­be ich we­gen des Hun­ger­streiks kei­ne ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­me. Manch­mal ha­be ich Kopf­schmer­zen und bin ge­ne­rell et­was mü­de. Mein Zu­stand ist okay, aber das wird sich in nächs­ter Zeit si­cher noch än­dern.

Wes­halb wur­de dein Asyl­ge­such ab­ge­lehnt, gab es ei­ne Be­grün­dung? 

Der ein­zi­ge kon­kre­te Grund für die Ab­leh­nung mei­nes Asyl­an­trags war die An­nah­me, dass mei­ne Ver­fah­ren in der Tür­kei ab­ge­schlos­sen sei­en. Die­se Be­grün­dung ist falsch, denn ich ha­be mei­nen Asyl­an­trag nicht aus­schließ­lich we­gen des Ver­fah­rens ein­ge­reicht. Mein Asyl­ge­such be­ruht auf der sys­te­ma­ti­schen Ver­fol­gung und dem Druck, den der tür­ki­sche Staat über vie­le Jah­re hin­weg auf mich und mei­ne Fa­mi­lie aus­ge­übt hat. Das be­gann schon als ich 14 Jah­re alt war. Da­nach wur­de ich zwei­mal fest­ge­nom­men, mehr­fach oh­ne recht­li­che Grund­la­ge von Si­cher­heits­kräf­ten an­ge­hal­ten und war wei­te­ren Re­pres­sio­nen aus­ge­setzt. Ich ha­be das Asyl nicht we­gen ei­ner ein­zel­nen Sa­che be­an­tragt, son­dern auf­grund mei­ner ge­sam­ten po­li­ti­schen Ver­gan­gen­heit und der sys­te­ma­ti­schen staat­li­chen Ver­fol­gung, der ich aus­ge­setzt war.

In ver­schie­de­nen Me­di­en war zu le­sen, dass das Ge­richt mit dir vor Ort in Kon­takt ste­he. Stimmt das?

Of­fi­zi­ell gab es kei­nen Kon­takt. Oft kom­men aber Si­cher­heits­per­so­nen vor­bei und fra­gen, wie es mir geht oder kon­trol­lie­ren hier den Vor­platz. Man hat mir hier draus­sen al­ler­dings auch den Strom ab­ge­stellt.

Wo­her kommst du?

Ich kom­me aus Amed (Di­yar­bakır), der Haupt­stadt Kur­di­stans.

Be­vor du ge­flüch­tet bist, warst du sechs Jah­re in der Tür­kei im Ge­fäng­nis. Wes­halb?

In der Tür­kei wer­den Kurd:in­nen und ih­re Kul­tur, al­les was sie aus­macht, struk­tu­rell un­ter­drückt. Die Tür­kei ver­sucht nach wie vor, al­les Kur­di­sche aus­zu­lö­schen. Ich bin Kur­de, ha­be Kur­disch ge­spro­chen, da­durch wa­ren auch mei­ne Rech­te ein­ge­schränkt. Al­so ha­be ich be­gon­nen, an Pro­tes­ten und Ver­an­stal­tun­gen teil­zu­neh­men und zu or­ga­ni­sie­ren. Dar­auf­hin hat man mich ver­haf­tet und ins Ge­fäng­nis ge­steckt.

Als po­li­ti­scher Geg­ner? 

Ich wur­de auf der Stras­se fest­ge­nom­men, bei ei­ner Kon­trol­le. Die ha­ben mich nicht zu­hau­se ver­haf­tet, son­dern ha­ben ge­war­tet. Ich war be­kannt. Weil ich für un­se­re Be­völ­ke­rung, für un­se­re Rech­te und un­se­re Kul­tur ge­kämpft ha­be. Da­für ha­be ich auch die Jun­gen auf der Stras­se mo­bi­li­siert und ver­schie­de­ne Ak­tio­nen ge­gen den Staat or­ga­ni­siert. Die wuss­ten, wer ich bin und ha­ben mich da­für ver­ur­teilt.

Ge­ra­de fin­det der Na­to-Gip­fel in An­ka­ra statt. Gleich­zei­tig un­ter­drückt das Re­gime un­ter Er­do­gan seit Jahr­zehn­ten die Kurd:in­nen. Wie blickst du auf die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on der Kurd:in­nen? 

Ja, al­le Kriegs­trei­ber sind jetzt in der Tür­kei. Und ge­ra­de fin­den auch Ge­sprä­che statt zwi­schen Ver­tre­ter:in­nen der Kur­di­schen Par­tei und dem tür­ki­schen Staat. Da­bei geht es an­geb­lich um ei­nen Frie­dens­pro­zess, aber ich den­ke, das ist ein Spiel. Das Re­gime sucht nur an­de­re Me­tho­den, um uns zu un­ter­drü­cken. Das wird kei­ne rea­lis­ti­sche Lö­sung sein.

Wie gross ist die Ge­fahr für dich, wür­dest du in die Tür­kei zu­rück­keh­ren?

In den drei Jah­ren, in de­nen ich nun in der Schweiz le­be, ha­be ich an ver­schie­de­nen Ak­tio­nen und Pro­tes­ten für die kur­di­sche Be­völ­ke­rung teil­ge­nom­men und auch wel­che mit­or­ga­ni­siert. Wenn in der Tür­kei et­was pas­siert, dann re­agie­ren wir hier auch und dar­über ist der Staat sehr wohl in­for­miert. Das heisst, wenn ich zu­rück in die Tür­kei ge­schickt wer­de, wer­de ich wie­der ver­haf­tet. Das weiss ich.

Hast du noch Fa­mi­lie in Kur­di­stan und sind sie auch be­droht?

Ja, al­le Kurd:in­nen, die po­li­tisch ak­tiv sind, wer­den ver­folgt. Mein Va­ter ist Po­li­ti­ker und auch mei­ne Mut­ter ist den Be­hör­den be­kannt. Der Druck vom Staat las­tet auf mei­ner gan­zen Fa­mi­lie. Na­he­zu al­le Mit­glie­der mei­ner Fa­mi­lie wur­den min­des­tens ein­mal fest­ge­nom­men. Un­ser Haus wur­de 2016 wäh­rend der Kämp­fe vom Staat zer­stört. Mein On­kel kam im Ge­fäng­nis ums Le­ben.

Was hast du ge­macht, be­vor du ver­haf­tet wur­dest? Wer war oder ist Ve­lat Ay­din?

Im Gym­na­si­um ha­be ich mit mei­nen Freun­den ge­gen Dro­gen und den Miss­brauch von Frau­en pro­tes­tiert und ge­kämpft. Und für Öcalan. Ich ha­be mich über ihn in­for­miert und über sei­ne Haft und das Ur­teil.

Heisst das, du wur­dest ver­haf­tet, be­vor du ei­ne Aus­bil­dung ma­chen konn­test oder hast du ei­nen Be­ruf ge­lernt?

Ich ha­be lei­der in der Tür­kei kei­ne Aus­bil­dung fer­tig ma­chen kön­nen, weil ich auf­grund mei­ner po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten ver­haf­tet wur­de. Was mei­ne Zu­kunft an­geht, kann ich mir aber noch kei­ne Ge­dan­ken ma­chen. Mei­ne Si­tua­ti­on hier ist im Mo­ment un­ge­wiss, erst wenn ich in der Schweiz ei­ne Be­wil­li­gung ha­be, kann ich mir über­le­gen, wie es wei­ter­geht. Im Mo­ment fühlt sich al­les chao­tisch an, ich den­ke nur dar­über nach, was mor­gen sein wird, ob ich zu­rück­ge­schickt wer­de oder hier­blei­ben kann.

Was be­deu­tet Hei­mat für dich?

Ein Zu­hau­se wä­re mein Land, Kur­di­stan, dann, wenn ich dort fried­lich und in Frei­heit mit mei­ner Fa­mi­lie le­ben könn­te. Aber in der Tür­kei ist die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on für Kurd:in­nen nicht fried­lich. Soll­te sich das nor­ma­li­sie­ren, wür­de ich ger­ne zu­rück­ge­hen und mit mei­ner Fa­mi­lie le­ben. So wie vie­le Kurd:in­nen, die flüch­ten muss­ten.

Wäh­rend dei­nes Asyl­ver­fah­rens in der Schweiz warst du in ver­schie­de­nen In­sti­tu­tio­nen un­ter­ge­bracht. Kannst du das et­was aus­füh­ren?

Ich war in der Schweiz in et­wa zehn ver­schie­de­nen Asyl­hei­men. Erst war ich we­gen des Dub­lin-Ab­kom­mens in drei ver­schie­de­nen Flücht­lings­la­gern, auch in Ita­li­en, dann in der Schweiz in ver­schie­de­nen Hei­men. Da wird im­mer von In­te­gra­ti­ons­pro­gram­men ge­spro­chen. Aber das geht ja nicht, sich an­pas­sen, wenn man auf ei­nem Berg sitzt, al­lei­ne, oh­ne so­zia­le Kon­tak­te, wie in ei­nem Ge­fäng­nis. Zur­zeit bin ich in Sar­gans ge­mel­det und für die­se Ak­ti­on nach St.Gal­len ge­kom­men.

Was macht man den gan­zen Tag, wäh­rend man auf ei­nen Ent­scheid war­tet?

Ich ha­be in der Schweiz vie­le Freun­de. Dort, wo mich das SEM hin­ge­schickt hat, bin ich nie lan­ge ge­blie­ben, ich bin im­mer weg­ge­gan­gen zu mei­nen Freun­den und bei ih­nen ge­blie­ben. Auch in St.Gal­len ken­ne ich Leu­te. Mit ih­nen war ich spa­zie­ren, sass in Ca­fés und ha­be mich un­ter­hal­ten. Aber mein Le­ben ist be­stimmt durch das War­ten auf ei­ne Ant­wort: Wann be­kom­me ich mei­nen Ent­scheid, mei­ne Rech­te?

Was er­war­test du von dem Hun­ger­streik? Was sind dei­ne For­de­run­gen?

Ich bin nicht der Ein­zi­ge, der in der Schweiz in ei­nem Asyl­heim sitzt und auf ei­nen Ent­scheid war­tet. Ich bin nicht der Ein­zi­ge, der mit die­sem Pro­blem le­ben muss. Ich ma­che das für al­le Leu­te, die war­ten müs­sen. Wir sind auf un­be­stimm­te Zeit in War­te­po­si­ti­on. Mei­ne For­de­rung ist: Gebt uns ein Da­tum, ei­nen Zeit­raum, da­mit wir wis­sen, wie lan­ge wir war­ten müs­sen! Der Aus­gang des Ent­scheids kann po­si­tiv oder ne­ga­tiv sein und wir wis­sen, dass das Ab­wä­gen sei­ne Zeit braucht, aber gebt uns ei­ne kla­re An­sa­ge, wie lan­ge der Pro­zess dau­ert. 

Was sa­gen dei­ne Freun­de und dei­ne Fa­mi­lie zu dei­ner Ak­ti­on?

Sie ma­chen sich na­tür­lich Sor­gen um mei­ne Ge­sund­heit, aber sie ver­ste­hen, wes­halb ich in den Hun­ger­streik ge­tre­ten bin und un­ter­stüt­zen mich.

Wie weit bist du be­reit zu ge­hen, wie lan­ge wirst du wei­ter­ma­chen?

Ich wer­de so­lan­ge hun­gern, bis sie mir ein kla­res Da­tum nen­nen. Auch wenn es mir schlech­ter ge­hen wird, ich ma­che wei­ter. 

Was kann man tun, um dich zu un­ter­stüt­zen?

Die Leu­te sol­len nicht nur mich un­ter­stüt­zen. Es gibt so vie­le in der­sel­ben Si­tua­ti­on. Ich hof­fe, dass man un­se­re Stim­me hört, dass die Be­völ­ke­rung sich für uns ein­setzt und et­was ge­gen die­se Si­tua­ti­on, ge­gen das War­ten, un­ter­nom­men wird. 

Ily­as Ze­ki Kut­lu hat am Ge­spräch mit Ve­lat Ay­din als Über­set­zer teil­ge­nom­men.

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«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

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