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Begegnen, vernetzen, verbünden

Der Verein Sans-Papiers Anlaufstelle St.Gallen zieht in die Offene Kirche. Warum ein Umzug in ein enges Bürogebäude nicht in Frage kam und was alles am neuen Ort geplant ist, erzählt Matthias Rickli, der Leiter der Anlaufstelle, im Gespräch mit Saiten.

Matthias Rickli fotografiert in der offenen Kirche.

Matthias Rickli fotografiert in der offenen Kirche.

Sai­ten: Nach fast sechs Jah­ren tauscht ihr eu­er Bü­ro an der Ro­sen­berg­stras­se ge­gen Räu­me in der Of­fe­nen Kir­che. Wes­halb?

Mat­thi­as Rick­li: Die al­ten Räum­lich­kei­ten wer­den un­se­ren Be­dürf­nis­sen schon län­ger nicht mehr ge­recht. Wir ha­ben kei­nen War­te­raum und es wird sehr eng, wenn ei­ne Fa­mi­lie mit Kin­dern kommt. Aus­ser­dem sind wir ge­wach­sen, es sind mehr Men­schen hier und wir möch­ten uns wei­ter­ent­wi­ckeln. In ein star­res, viel­leicht en­ges Bü­ro­ge­bäu­de zu zie­hen, wür­de sich nicht rich­tig an­füh­len. Lie­ber wol­len wir uns öff­nen, po­li­ti­sche The­men ver­bin­den und da­für Sicht­bar­keit schaf­fen. Es ist ein wich­ti­ges Zei­chen, mit vie­len Men­schen ei­nen Raum ein­zu­neh­men und zu schaf­fen – ei­nen Raum, der in die gan­ze Ost­schweiz hin­aus­strahlt.

Was meinst du mit dem Ver­bin­den po­li­ti­scher The­men?

Wir mer­ken in der täg­li­chen Be­ra­tung schon län­ger, dass sich die Struk­tu­ren grund­sätz­lich ver­än­dern und uns die Ar­beit da­durch er­schwert wird. Dar­um möch­ten und müs­sen wir The­men­be­rei­che rund um Mi­gra­ti­on, so­zia­le Un­gleich­heit und Teil­ha­be mit­de­fi­nie­ren – und da­zu brau­chen wir mehr Auf­merk­sam­keit. Ein sol­ches Haus, ein sol­cher Raum schafft Mög­lich­kei­ten, die­se wich­ti­gen po­li­ti­schen The­men zu ver­bin­den.

Kannst du ein kon­kre­tes Bei­spiel ma­chen, wie das in die­sen Räu­men pas­sie­ren soll?

Ins­ge­samt ste­hen uns vier Räu­me für die Be­ra­tung zur Ver­fü­gung. Dort wird es den Schutz­raum ge­ben, in dem wir Sans-Pa­piers wei­ter­hin be­ra­ten kön­nen – ein­fach auf grös­se­rer Flä­che, mit ei­nem War­te­raum und ei­ner Kin­der­ecke. Zu­sätz­lich ha­ben wir den gros­sen Kir­chen­raum, wo wir Men­schen ein­la­den kön­nen, mit­zu­den­ken und mit­zu­wir­ken. Men­schen, die sonst kei­ne Stim­me ha­ben, kei­ne Räu­me vor­fin­den, kön­nen sich hier zu­sam­men­tun, sich be­geg­nen, ver­bün­den und ver­net­zen und mit ei­ner ge­mein­sa­men Stim­me nach aus­sen tre­ten. Um die­sen Raum zu be­spie­len, ha­ben wir ein Kol­lek­tiv ge­grün­det, aus dem bald ein Ver­ein wer­den soll. Zur­zeit sind 13 Per­so­nen da­bei.

Was für ein Kol­lek­tiv ist das?

Wir wol­len ei­nen Raum für al­le Be­dürf­nis­se und -The­men schaf­fen, die bis­her in der Re­gi­on kaum Ge­hör fin­den. Weil al­le Men­schen Platz in der -Ge­sell­schaft ha­ben soll­ten und we­gen des Stand­orts am Platz­tor, nennt sich das Kol­lek­tiv und der Ver­ein künf­tig Platz­da. Der Raum ist of­fen für al­le, die et­was be­we­gen möch­ten und mit un­se­ren Grund­wer­ten mit­ge­hen kön­nen, auch und be­son­ders für Sans-Pa­pier-Per­so­nen. Der Raum ist ein Schritt Rich­tung Mit­be­stim­men und Mit­de­fi­nie­ren, er ist Aus­gangs­la­ge und Vor­aus­set­zung da­für, dass sich Men­schen or­ga­ni­sie­ren kön­nen.

In wel­cher Ver­bin­dung ste­hen An­lauf­stel­le und Kol­lek­tiv?

Bei un­se­rer An­lauf­stel­le geht es pri­mär dar­um, Sans-Pa­piers gut zu be­glei­ten und ih­re ele­men­tars­ten Grund­rech­te zu schüt­zen. Als An­lauf­stel­le kön­nen wir al­ler­dings zu be­stimm­ten The­men nur zu­rück­hal­tend Stel­lung be­zie­hen, weil sich un­se­re Ar­beit mit sehr ver­letz­li­chen Le­bens­si­tua­tio­nen be­schäf­tigt, wo An­fra­gen hän­gig sind, wir auf Ko­ope­ra­tio­nen und Zu­gän­ge an­ge­wie­sen sind. Platz­da hat an­de­re Mög­lich­kei­ten, sich zu in­vol­vie­ren oder zu be­stimm­ten The­men zu äus­sern und kann so ei­ne Stim­me nach aus­sen sein. Da­mit sol­len sich An­lauf­stel­le und Kol­lek­tiv ge­gen­sei­tig stär­ken.

Wä­re die Ein­füh­rung ei­ner Ci­ty Card in der Stadt St.Gal­len ein sol­ches The­ma, für wel­ches sich Platz­da künf­tig stark­ma­chen könn­te?

Ja, Platz­da kann The­men ver­bin­den, Com­mu­ni­tys, Or­ga­ni­sa­tio­nen, Grup­pen und ein­zel­ne Per­so­nen zu­sam­men­zu­brin­gen. Ge­ra­de das The­ma Ci­ty Card muss mit vie­len Men­schen ent­ste­hen. Denn es geht um ele­men­ta­re The­men, um Grund­rech­te, von de­nen ne­ben Sans-Pa­piers auch wei­te­re Men­schen aus­ge­schlos­sen sind. Wird der Fo­kus nicht nur auf ein­zel­ne Be­trof­fe­nen­grup­pen ge­legt, son­dern ge­ne­rell ge­fragt, wer An­schluss hat und wie die­ser in der Stadt ver­bes­sert wer­den kann, wird ein sol­ches Pro­jekt brei­ter und wirk­mäch­ti­ger.

Wie ha­ben die Sans-Pa­piers die Dis­kus­si­on um die Ci­ty Card er­lebt?

Un­ter­schied­lich. Aber si­cher hat­ten vie­le gros­se Hoff­nung, dass sich dies­be­züg­lich et­was ver­än­dern könn­te. Die Ci­ty Card ist ein lang­fris­ti­ges Pro­jekt, ei­ne Vi­si­on, die den Zu­gang zur Grund­ver­sor­gung er­mög­li­chen will.

Statt der Ci­ty Card hat das St.Gal­ler Stadt­par­la­ment ei­ne Er­hö­hung der Bei­trä­ge für die An­lauf­stel­le be­schlos­sen. Was be­deu­tet dies für euch?

Es ist na­tür­lich wert­voll, dass die Stadt sich an den Kos­ten be­tei­ligt. Dem­entspre­chend se­he ich den Be­trag als Un­ter­stüt­zung un­se­rer Ar­beit in die Ge­sund­heits­ver­sor­gung. Es freut uns, dass der Hand­lungs­be­darf in die­sem Be­reich er­kannt wur­de. Es gibt aber noch viel Luft nach oben.

Ihr deckt mit eu­rem An­ge­bot ja die gan­ze Ost­schweiz ab, das braucht ver­mut­lich enorm vie­le Res­sour­cen, per­so­nell wie fi­nan­zi­ell.

Die Zahl der Men­schen, die sich Be­ra­tung oder -Be­glei­tung wün­schen, steigt. Oft geht es da­bei um Ele­men­tars­tes. Und auch um kom­ple­xe ju­ris­ti­sche Fra­gen, mit­un­ter zu Re­gu­la­ri­sie­rungs­mög­lich­kei­ten. Wir kön­nen der Kom­ple­xi­tät der Fra­ge­stel­lun­gen oft nicht ge­recht wer­den. Dann müs­sen wir auf pro­fessio­nel­ler Ebe­ne ent­schei­den: Was ist ge­ra­de das Wich­tigs­te? Das ist schon sehr hart. Und da­hin­ter steckt na­tür­lich ein rie­si­ges struk­tu­rel­les De­fi­zit. An Gel­der zu kom­men ist schwer. Un­se­re Ar­beit ist zu grös­se­ren An­tei­len über Spen­den fi­nan­ziert. Wir müss­ten oder wür­den ger­ne die Be­dürf­nis­se in der gan­zen Ost­schweiz ab­ho­len, das ist ein rie­si­ges -Ge­biet mit vie­len Men­schen, auch vie­len in Not. Das kön­nen wir nicht ein­mal an­satz­wei­se. Zu­mal die Pro­zes­se von Kan­ton zu Kan­ton un­ter­schied­lich sind.

War­um hat die An­er­ken­nung ele­men­ta­rer Grund­rech­te von Sans-Pa­pier-Per­so­nen so ei­nen schwe­ren Stand?

Ge­wis­se ste­reo­ty­pe Bil­der ge­gen­über Mi­grant:in­nen, ins­be­son­de­re Sans-Pa­piers, ha­ben sich ver­än­dert und das zeigt sich in den Struk­tu­ren. Ich ha­be das Ge­fühl, dass Mi­grant:in­nen für ganz vie­le The­men ver­ant­wort­lich ge­macht und so auch ent­mensch­licht wer­den. Die Kon­se­quenz dar­aus ist die Art, wie über be­stimm­te Men­schen ge­spro­chen wird. Da­bei wer­den oft all die Res­sour­cen, die Viel­schich­tig­keit, al­le Ta­len­te, Fä­hig­kei­ten und Chan­cen in Gän­ze weg­ge­las­sen. Und das hat auch mit feh­len­den Be­geg­nun­gen und feh­len­dem Wis­sen zu tun.

Wie wird sich eu­er An­ge­bot ver­än­dern mit dem Um­zug?

Das Wich­tigs­te ist für uns, Men­schen wei­ter­hin An­schlüs­se an ele­men­tars­te Grund­rech­te zu er­mög­li­chen. Über Platz­da gibt aber auch die Idee ei­nes Ca­fés, ei­ner Le­bens­mit­tel­ab­ga­be­stel­le, ei­nes al­ter­na­ti­ven Wahl­lo­kals, wo vor ei­ner Ab­stim­mung die Stim­men je­ner ge­sam­melt wer­den, die nicht wäh­len dür­fen, oder ei­ner Art Kin­der­be­treu­ung für Sans-Pa­piers-Per­so­nen.

Ab wann seid ihr am neu­en Stand­ort?

Ab An­fang Fe­bru­ar – be­fris­tet auf drei Jah­re. Wir ha­ben et­wa ei­nen Mo­nat Zeit, den Ort zu ge­stal­ten, Tep­pi­che raus­zu­reis­sen, Bö­den zu schlei­fen und Wän­de zu strei­chen. Wir pla­nen ei­nen klei­nen Spen­den­auf­ruf und al­le, die teil­ha­ben und mit­an­pa­cken wol­len, ein­zu­la­den.

In­fos zu Platz­da und dem Spen­den­auf­ruf un­ter in­fo@platz­da-sg.ch oder sans-pa­piers-sg.ch

Mat­thi­as Rick­li, 1988, be­schäf­tigt sich seit sei­nem Zi­vil­dien­st­ein­satz in ei­nem Not­hil­fe­zen­trum im Jahr 2012 mit den The­men Mi­gra­ti­on und Flucht. 2018 in­iti­ier­te der da­ma­li­ge Stu­dent der So­zia­len Ar­beit mit drei Mit­stu­die­ren­den die IG Sans-Pa­piers St.Gal­len, aus der die An­lauf­stel­le her­vor­ging. Seit 2023 lei­tet er die Sans-Pa­piers An­lauf­stel­le St.Gal­len. Er lebt in St.Gal­len.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

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Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

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Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

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1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

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Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

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In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

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Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

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Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights