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Eine kurze Industriegeschichgte des Sittertals

Situation im Sittertal zur Zeit der Motorenstickerei Rittmeyer um 1900 (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)

Situation im Sittertal zur Zeit der Motorenstickerei Rittmeyer um 1900 (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)

Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.

1839 er­rich­ten die Ge­brü­der Züb­lin die ers­te Fa­brik im Sit­ter­tal. Fried­rich «Fritz» Züb­lin, ge­bo­ren 1803 in St.Gal­len, ab­sol­viert sei­ne Tex­til­händ­ler­leh­re im vä­ter­li­chen Be­trieb Mit­tel­hol­zer & Züb­lin. Mit 18 Jah­ren über­nimmt er die Ge­schäf­te des er­krank­ten Va­ters, wan­dert über den Gott­hard und reist per Post­kut­sche nach Mai­land, Ge­nua, Rom bis Nea­pel, wo er Da­vid Von­wil­ler ken­nen­lernt. Auch Von­wil­ler hat sei­ne Lehr­zeit bei Mit­tel­hol­zer & Züb­lin ab­sol­viert, lebt aber schon seit neun Jah­ren in Ita­li­en. Die bei­den wer­den Freun­de und grün­den 1824 die Han­dels­fir­ma Züb­lin & Von­wil­ler in Nea­pel. 1830 er­rich­ten sie ei­ne Spin­ne­rei in Frat­te di Sa­ler­no, die Züb­lin bis 1837 lei­tet.

Auf­grund zu­neh­men­der Dif­fe­ren­zen in ge­schäft­li­chen ­An­sich­ten und Prak­ti­ken ge­hen Züb­lin und Von­wil­ler wie­der ge­trenn­te We­ge. Züb­lin be­schliesst, nach St.Gal­len ­zu­rück­zu­keh­ren, um sein in Ita­li­en er­wirt­schaf­te­tes Ka­pi­tal zu Hau­se neu zu in­ves­tie­ren. Von­wil­ler bleibt in Süd­ita­li­en und baut mit an­de­ren Schwei­zer Tex­til­fa­bri­kan­ten ein Fir­men­kon­sor­ti­um auf, das zur Hoch­blü­te­zeit um die Jahr­hun­dert­wen­de fünf Fir­men um­fasst und bis zum Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges 5500 Ar­bei­ter:in­nen be­schäf­tigt. 

19. Jahr­hun­dert: Von der Flachs­spin­ne­rei zur Sti­cke­rei

In St.Gal­len er­rich­tet Fried­rich Züb­lin 1838 mit sei­nem Bru­der Kas­par und ei­ni­gen Hand­wer­kern ein Wehr un­ter­halb der Krä­zern­brü­cke. Sie he­ben ei­nen Ka­nal aus und in­stal­lie­ren ein Was­ser­rad, um die Kraft der Sit­ter für die ma­schi­nel­le Flachs­pro­duk­ti­on nutz­bar zu ma­chen. Im ers­ten Sit­ter­ta­ler Fa­brik­ge­bäu­de sind knapp 100 Per­so­nen be­schäf­tigt, da­von neun Kin­der. Ein Ar­beits­tag dau­ert min­des­tens 13 Stun­den, Nacht­ar­beit ist auch mög­lich. Die Züb­lins müs­sen nach knapp zehn Jah­ren auf­ge­ben, da auf dem in­ter­na­tio­na­len Tex­til­markt Lei­nen von Baum­wol­le ver­drängt wird. In den fol­gen­den Jah­ren schei­tern wei­te­re zwei Spin­ner- und Zwir­ne­rei­en im Sit­ter­tal.

1866 über­nimmt die gros­se Mo­to­ren­sti­cke­rei Ritt­mey­er aus Brug­gen das Werk. Ein gi­gan­ti­sches Was­ser­rad lie­fert 75 PS für 30 Stick­ma­schi­nen. Über Trans­mis­si­ons­ach­sen und ­rie­men wird die Was­ser­kraft in die ver­schie­de­nen Ma­schi­nen­hal­len über­tra­gen. Jetzt sind zwi­schen 70 und 120 Ar­bei­te­rin­nen und ­30 Sti­cker im Werk be­schäf­tigt. Für ar­me oder «sitt­lich ge­fähr­de­te» jun­ge Frau­en wird das «Mäd­chen­asyl Sit­ter­thal» ­ein­ge­rich­tet. Ne­ben be­schei­de­ner Ent­löh­nung und be­grenz­ten Ar­beits­zei­ten – elf bis zwölf Stun­den täg­lich – wird ein Mi­ni­mum an Schul­bil­dung durch ei­nen Pfar­rer und zwei Haus­wirt­schafts­leh­re­rin­nen ge­bo­ten. Zur Er­ho­lung der Ar­bei­te­rin­nen lässt die Di­rek­ti­on ein Frei­bad er­rich­ten. 

In den 1880er-Jah­ren bricht der in­ter­na­tio­na­le Tex­til­markt durch Über­pro­duk­ti­on mas­siv ein. Der Sti­cke­rei­be­trieb kann dem Kon­kur­renz­druck nicht stand­hal­ten und muss 1891 sei­ne Pro­duk­ti­on schlies­sen. Das Mäd­chen­asyl bleibt bis En­de der 1930er-Jah­re be­stehen.

20. Jahr­hun­dert: Leis­tungs­stei­ge­rung, Streik und Struk­tur­wan­del 

Jo­hann Hae­ni-Mer­hart über­sie­delt 1904 sei­nen Fär­be­rei­be­trieb vom Schö­nen­we­gen­quar­tier ins Sit­ter­tal. Er lässt das Werk durch ei­ne neue Blei­che­rei­an­la­ge so­wie ein Kes­sel­haus mit Hoch­ka­min er­wei­tern. Wet­ter­be­ding­te Schwan­kun­gen der Was­ser­kraft kön­nen jetzt durch Dampf­kraft aus­ge­gli­chen wer­den. In den kom­men­den Jahr­zehn­ten wer­den die Pro­duk­ti­ons­flä­chen ste­tig aus­ge­baut, Ver­fah­rens­tech­ni­ken wei­ter­ent­wi­ckelt. Die Pro­duk­ti­on kom­bi­niert che­mi­sche, ther­mi­sche und me­cha­ni­sche Pro­zes­se wie Sen­gen, Blei­chen, Fär­ben, Mer­ceri­sie­ren, Transpa­rie­ren, Appre­tie­ren und Ka­lan­drie­ren.

Nach dem Tod von Hae­ni-Mer­hart 1927 über­nimmt Schwie­ger­sohn Paul Sträss­le-Hae­ni den Fa­mi­li­en­be­trieb und wan­delt ihn in ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft um. Mit ei­ser­ner Hand führt er den Be­trieb mit bis zu 315 Ar­bei­ter:in­nen im Drei-Schicht-Be­trieb. Ar­bei­ter­be­we­gun­gen sind von kur­zer Dau­er, nur ein­mal kommt es zum Streik, vor­lau­te Ar­bei­ter:in­nen wer­den um­ge­hend ent­las­sen

Das Was­ser­rad der Ritt­mey­ers wird ver­mut­lich 1904 durch ei­ne Ka­plan­tur­bi­ne er­setzt und 1945 mo­der­ni­siert, was ei­ne acht­fa­che Leis­tungs­stei­ge­rung be­wirkt. In den 1970er-Jah­ren ver­ar­bei­tet der Gross­be­trieb täg­lich bis zu 30’000 Me­ter Stoff und ver­braucht da­für je­den Tag et­wa 3 Mil­lio­nen Li­ter Was­ser, 3 Ton­nen Che­mi­ka­li­en und ca. 33 Me­ga­watt­stun­den ther­mi­sche En­er­gie.

Mit­te der 1960er-Jah­re er­reicht die Fär­be­rei ih­ren Voll­aus­bau, der wei­test­ge­hend dem heu­ti­gen Ge­bäu­de­be­stand ent­spricht. Aus ar­chi­tek­to­ni­scher Sicht er­wäh­nens­wert sind die Shed­hal­len aus dem Jahr 1953, die heu­te we­gen ih­rer ge­wölb­ten Dä­cher un­ter Denk­mal­schutz ste­hen. 1963 wird das Kes­sel­haus mo­der­ni­siert, um zwei hoch­mo­der­ne Schweröl­kes­sel zu in­stal­lie­ren.

Markt- und Kurs­ein­brü­che so­wie das Er­star­ken der asia­ti­schen Kon­kur­renz füh­ren die Fär­be­rei Mit­te der 1980er-Jah­re in Li­qui­di­täts­eng­päs­se – 1990 muss die Fa­brik ge­schlos­sen wer­den. Der Ar­chi­tekt und Un­ter­neh­mer Hans Jörg Schmid über­nimmt das Are­al und or­ga­ni­siert die Um­nut­zung als ­«Sit­ter­thal AG» für ei­ne viel­fäl­ti­ge, klein­struk­tu­rier­te Mie­ter­schaft. 2004 lässt er das Was­ser­kraft­werk mo­der­ni­sie­ren, die Strom­pro­duk­ti­on wird um das Zwei­ein­halb­fa­che ge­stei­gert. Seit 2023 wer­den schritt­wei­se die Dä­cher mit PV-An­la­gen aus­ge­stat­tet. Über­schüs­si­ger Grün­strom wird an ei­nen Be­trieb in der Stadt ver­kauft. Zwei gas­be­trie­be­ne Block­heiz­kraft­wer­ke lie­fern seit 2006 En­er­gie für die Heiz­wär­me.

Ab 2000: Kunst­pro­duk­ti­on, Ma­te­ri­al­for­schung und Wis­sens­ma­nage­ment

1993 mie­tet Fe­lix Leh­ner ge­mein­sam mit zwei Mit­ar­bei­ter:in­nen ei­ne Werk­hal­le für sei­ne Kunst­gies­se­rei an. Die­se nimmt 1994 die Pro­duk­ti­on auf. Zehn Jah­re spä­ter sind 14 Per­so­nen in der Werk­statt be­schäf­tigt. Wäh­rend ei­ner auf­trags­schwa­chen Zeit mie­tet Leh­ner das be­nach­bar­te Kes­sel­haus an, um für den Bild­hau­er Hans Jo­seph­sohn ei­ne Aus­stel­lungs­hal­le und ein Skulp­tu­ren­la­ger ein­zu­rich­ten. Im Jahr dar­auf ent­ste­hen die Bi­blio­thek, das Werk­stoff­ar­chiv und das Ate­lier­haus. Al­le Um­bau­ar­bei­ten wer­den durch die Mit­ar­bei­ter:in­nen der Kunst­gies­se­rei aus­ge­führt. Zu­sam­men mit dem Bü­cher­samm­ler Da­ni­el Roh­ner und dem Are­al­ei­gen­tü­mer Hans Jörg Schmid grün­det Leh­ner 2006 die Stif­tung Sit­ter­werk.

Heu­te wird et­wa die Hälf­te des Ge­wer­be­are­als Sit­ter­tal von die­sem Kon­glo­me­rat aus Fir­men und In­sti­tu­tio­nen im Be­reich Kunst­pro­duk­ti­on und -ver­mitt­lung, Ma­te­ri­al­for­schung so­wie Re­stau­rie­rung ge­nutzt. Rund 90 Hand­wer­ker:in­nen, Pla­ner und For­schen­de sind hier be­schäf­tigt. Ins­ge­samt ar­bei­ten et­wa 190 Per­so­nen in 20 Un­ter­neh­men im Sit­ter­tal. Zu­dem wur­den in den ehe­ma­li­gen Pro­duk­ti­ons­hal­len 17 Woh­nun­gen ge­schaf­fen.

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