Ernst S. und die Sitter
Der später als «Landesverräter» hingerichtete Ernst Schrämli lebte, liebte und arbeitete im Sittertobel.
Ernst S. an der Sitter (Bild: Bundesarchiv)
Die Biografie des 1942 militärisch füsilierten «Landesverräters» Ernst Schrämli weist zahlreiche Berührungspunkte zur Sitter auf. Im Sittertobel ist er 1919 als letztes von zwölf Kindern, von denen nur acht erwachsen wurden, geboren, gleich neben der Färberei Frischknecht (heute: Filtrox). Es war ein ärmliches Leben: die Mutter Heimarbeiterin, der Vater, ein ehemaliger Verdingbub, schuftete in der Fabrik und in der Landwirtschaft. Manchmal kamen gestohlene Äpfel und Kartoffeln oder heimlich gefischte Forellen auf den Tisch, um etwas Abwechslung in die Habermus-Diät zu bringen.
Nach der Schule verdingte sich der 14-jährige Ernst als Hilfsarbeiter bei der Färberei Sitterthal, «sehr romantisch am Wasserlauf der Sitter angesiedelt, ein wenig oberhalb von Frischknecht», wie Niklaus Meienberg in seiner Reportage über Ernst S. schreibt. Und weiter: «Malerische Landschaft, manchmal Hungertuch, periodisch blutrot gefärbte Sitter durch Chemikalien, aber sonst konnte man baden.»
Der junge Ernst liebte die Natur. Für einen Cervelat und ein Bürli sprang er vom Dach der Holzbrücke ins Wasser. In den ufernahen Mischwäldern vergnügte sich der 21-Jährige mit seiner fünf Jahre jüngeren Freundin, was zunächst in einer Verurteilung wegen Schändung (50 Franken Busse auf Bewährung) und danach in vielen weiteren heimlichen Treffen zum Nacktbaden mündete. Vom Waldrand aus trompetete der Romantiker manchmal abends einer anderen Angebeteten, die er in seiner Zeit in der Erziehungsanstalt Langhalde in Abtwil kennenlernte, ein Ständchen.
In der Färberei Sitterthal hielt es Ernst 1934 nur wenige Monate aus, bevor er sich davonstahl und schliesslich in der Langhalde landete. Sein Bruder Otto arbeitete im Gegensatz viele Jahre dort, musste aus politischen Gründen aber bald die Stelle wechseln. Otto war, wie zwei weitere Schrämli-Brüder, bei der Kommunistischen Partei. Seine Mitgliedschaft musste er aber selbst gegenüber Mitarbeiter:innen verheimlichen.
Der Fabrikbesitzer Strässle war ein gestrenger Katholik und Bankverwaltungsrat, der oben in der «Burg» lebte und für gewerkschaftliches Treiben wenig Verständnis hatte. Nur einmal kam es in der Färberei zum Streik, im kalten Winter 1929. Aber die extremen Minustemperaturen lockten die Streikenden bald an den schwach organisierten Streikposten vorbei in die warmen Fabriksäle, wo es zwar stank, aber eben auch Lohn gab und weniger erschreckendes «revolutionäres» Gedankengut, das oft nur darin bestand, einen vierten oder fünften Ferientag zu fordern.
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