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Claude Bühlers Anti-Band

Sie ist Künstlerin, Fotografin und forscht als Musikerin nach Klängen in ihrer Umgebung, in Synthesizern und anderen Geräten. Mit der Gründung des DIY-Studios, Sound-Labors und feministischen Netzwerks «Salon Vert» füllte Claude Bühler eine Lücke in der männer- dominierten Ostschweizer Musikszene und legte das Bedürfnis nach kollaborativer und antihierarchischer Praxis frei. 

Von  Jessica Jurassica , 
Artwork: Mindaugas Matulis, in Zusammenarbeit mit Inés Maestre und Zaki.

Ich lernte Claude 2019 an einem Stahlberger-Konzert kennen – also ausgerechnet am Konzert einer Boyband. Kurze Zeit später lud sie mich in den Salon Vert ein, der damals ein kleines DIY-Studio in einem mit grünem Teppich ausgelegten Zimmer in einem Appenzeller Bauernhaus war. Ich hatte erst vor ein paar Monaten begonnen, mich musikalisch auszuprobieren, obwohl seit Jahren die nötigen Ressourcen greifbar nah schienen, da es in meinem Umfeld viele Musiker gab, in deren Proberäume und Backstages ich regelmässig rumhing. Aber es hatte eine ganze Weile gedauert, bis einer auf die Idee kam, seinen Bandraum zu öffnen, mir ein paar Basics beizubringen und mich in meiner musikalischen Entwicklung zu fördern und zu bestärken.

Als ich dann zwischen Claudes Geräten sass und wir unsere erste gemeinsame Session aufnahmen, bei der ich aus meinen Texten las und einem Sextoy Ambient-Sounds entlockte, merkte ich erst, wie sehr mich das ganze Gatekeeping über die Jahre gehemmt hatte und das mir oft vermittelte Gefühl, eh keine Ahnung zu haben, langsam zu schwinden begann.

Granularsynthesizer und Blockflöten

Als ich Claude frage, wie sie Musikerin wurde, erzählt sie, dass sie eigentlich schon immer Musik gemacht habe, aber trotzdem nur im Publikum oder als passive Begleiterin in der Musikszene präsent gewesen sei. Erst als sie nach ein paar Jahren in Berlin, wo sie Fotografie studiert hatte, zurück in die Ostschweiz kam, begannen sich diese Verhältnisse zu verschieben.

In dem bereits erwähnten Appenzeller Bauernhaus fand sie den für die musikalische Emanzipation notwendigen physischen Raum und einen semimodularen Synthesizer, der in ihr den Gear-Nerd weckte. Sie begann im Palace zu arbeiten, wodurch sie aktiver Teil der St.Galler Kulturszene wurde und Musiker:innen kennenlernte, unter anderem Mitglieder der oben erwähnten Boyband Stahlberger, mit denen sie sich zu ersten gemeinsamen Jam-Sessions traf, die sie bestärkten, ihr halfen, technisches Know-How zu erarbeiten, und ihr Material zur Verfügung stellten.

So hat sich Claude die nötigen Ressourcen beschafft und ist Musikerin geworden. Als solche forscht sie nach Klängen in ihrer Umgebung und entlockt sie verschiedensten Geräten, kombiniert auch mal Granularsynthesizer mit Blockflöte, kennt sich inzwischen auch ziemlich gut mit Modular aus und spielt – oft improvisierte – Live-Sets, die sich musikalisch irgendwo zwischen Ambient, Noise und experimenteller Elektronik bewegen.

Oft, wenn wir uns sehen, erzählt sie mir von irgendeinem Gerät, für das sie sich gerade begeistert. Es ist auch genau diese Begeisterung für Gear, die ihr in dem männerdominierten Feld, in welchem sie sich mit elektronischer Experimentalmusik bewegt, Respekt verschafft. Nicht selten wird ihr anhand ihres Set-Ups jene Kompetenz zugesprochen, die einer Person, die für ein Live-Set eingeladen wird, eigentlich automatisch zugesprochen werden sollte, unabhängig vom Instrumentarium – und vom gelesenen Geschlecht.

Soziale Ressourcen

Aber um sich als Musiker:in zu entwickeln und etablieren, braucht es nicht nur Fähigkeiten, Wissen und physische Räume, es braucht auch soziale Räume. Diese sozialen Räume entstehen meist aus physischen oder institutionellen, aus den Bandräumen der Teenagerzeit oder aus den Netzwerken der Jazzhochschulen.

Weil Claude weder als Teenager einen Bandraum gehabt noch Musik studiert hatte, sondern als Ressource nur auf einzelne Kontakte zurückgreifen konnte, von denen die meisten Männer waren, baute sie sich den notwendigen sozialen Raum kurzerhand selbst auf. So entstand der Salon Vert, der am Anfang nur ein kleines DIY-Studio war, in das sie regelmässig Musiker:innen zu gemeinsamen Sessions einlud, die sie aufnahm, auf Soundcloud hochlud und die bald, erweitert um kurze Interviews, beim Aargauer Radio «KanalK» ausgestrahlt wurden.

Für das kommende Salon Vert Projekt «Voyage» gibt Claude Bühler die Rolle der Kuratorin an ihr Netzwerk weiter. In sieben Städten laden insgesamt acht Kuratorinnen Künstler:innen ein, im Rahmen von Kurzresidencies temporär Räume zu besetzen und gemeinsam über die Musik und andere Disziplinen, in einen Dialog zu kommen. Claude Bühler kuratiert den Auftakt und verbringt drei Tage mit yung porno büsi, Binta Kopp und Morena Barra im Frauenpavillon. Dort findet die abschliessende Performance am 10. September um 20 Uhr im Rahmen der Museumsnacht statt.

Durch diese Sessions und Claudes Lust auf Experimente und Vernetzung, wuchs der Salon Vert schnell zu einem losen Netzwerk heran, das sich in verschiedenste Winkel der Schweiz und darüber hinaus bis nach Deutschland erstreckte. Etwa in St.Gallen zu Morena Barra und Riccarda Naef alias Jeffy Lou, nach Baden ins Royal und zu Hilke Ros, nach Luzern zu Tiziana Greco alias Luce, nach Zürich zu den Acid Amazonians, ins Thurgau zum Label Augeil, nach Wetzikon zu Kira van Eijsden, nach Hamburg zur Band Plastiq und nicht zuletzt auch zu mir nach Bern.

Und ich mache jetzt genau das, was viele Männer in homosozialen Strukturen auch machen: Ich schreibe ein wohlwollendes Portrait über eine Person, mit der ich befreundet bin und mit der ich regelmässig zusammenarbeite, denn soziale Strukturen sind dazu da, sich gegenseitig zu supporten und Sichtbarkeit zu generieren. Im besten Fall macht man das im Bewusstsein der Machtstrukturen, in welchen man sich bewegt, und der Privilegien, über die man verfügt, und ohne dabei exkludierend zu sein – was homosoziale Netzwerke oft sind.

Eine kollaborative Anti-Band

Um exkludierenden Mechanismen entgegenzuwirken, arbeitet Claude mit einer explizit feministischen Methode: Kollaboration. Das Bedürfnis nach einer kollaborativen künstlerischen Praxis war bereits in der zweiten Welle des Feminismus stark und so ist sie es auch jetzt wieder, um in männlich dominierten Strukturen Gatekeeping zu umgehen und sich Konkurrenzgedanken zu entziehen.

Konkret funktioniert das so: Sich zusammenschliessen, in die Lücken des feinmaschigen homosozialen Netzes hineinschlüpfen, die Zwischenräume ausdehnen, um darin eigene Räume zu schaffen, in denen die etablierten Regeln und Hierarchien nach Lust und Laune neu geordnet oder gleich ganz dekonstruiert werden können. Und immer wieder neue Zwischenräume suchen, diese besetzen und ausdehnen und miteinander verbinden, sie vielleicht auch wieder verlassen, und irgendwie davon überzeugt sein, dass die Intervention in der einen oder anderen Weise Spuren hinterlassen wird. Der fixe physische Raum ist dabei zweitrangig, und so spielt es keine Rolle, dass Claude in der Zwischenzeit aus dem Haus mit dem grünen Teppich ausgezogen ist. Der Salon Vert manifestiert sich immer wieder in temporären Räumen, wie etwa im Sommer 2020 im Frauenpavillon, wo Claude die über den Salon Vert geknüpften Kontakte zum ersten Mal an einem Ort zusammenbrachte.

So wuchs und wächst rund um Claude eine Art Anti-Band heran, ein Raum, in welchem Musik entstehen kann, der aber dem meisten widerspricht, wofür eine konventionelle Bandkultur steht. In dieser Band gibt es keine festgeschriebenen Rollen, es gibt nicht die eine Person, die Gitarre spielt, und die eine, die an den Drums sitzt, nicht jene, die kuratiert und jene, die produziert. Es gibt auch keine Vermarktung durch Sexyness oder Genius und das Bild der Köpfe von Boys auf Platten, Plakaten, T-Shirts oder aufklebbaren Fake Nails scheint langsam abzublättern.

Das Bedürfnis, diese Strukturen aufzubrechen und andere Wege zu gehen, ist real und eröffnet soziale und kreative Zwischenräume, die sich als fruchtbar herausstellen, sobald sie kultiviert werden. Und genau das macht Claude. Sie wirft ein paar Samen hin oder gräbt Setzlinge in den Boden, schaut ihnen beim Wachsen zu und versucht dabei herauszufinden, welches Geräusch dieser Prozess wohl macht und ob es sich samplen und durch eines ihrer Geräte schlaufen liesse.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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