Kategorie
Autor:innen
Jahr

Ernten in der Grauzone

2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.

Kaum ein Wind weht an die­sem Sep­tem­ber­mor­gen. Es ist warm, der Him­mel blau und die Er­de noch im­mer durs­tig. Die Hit­ze der ver­gan­ge­nen Mo­na­te hat ih­ren Tri­but ge­for­dert, auch die Land­wirt­schaft hat ge­lit­ten. Ralph Gilg, Prä­si­dent des Thur­gau­er Obst­ver­ban­des, führt uns über sei­nen Hof. Zur­zeit ist er mit der Ap­fel­ern­te be­schäf­tigt. Gilg ern­tet je­des Jahr rund 350 Ton­nen Äp­fel – in der gan­zen Schweiz sind es je nach Ern­te­jahr bis zu 100’000 Ton­nen Ta­fel­äp­fel. Sie­ben Ern­te­hel­fer:in­nen und ei­ne aus­ge­bil­de­te Mit­ar­bei­te­rin un­ter­stüt­zen den Fa­mi­li­en­va­ter bei der kör­per­lich an­stren­gen­den Ar­beit. «Oh­ne die Ern­te­hel­fer:in­nen wä­re das nicht mach­bar.»

Vor et­wa ei­nem Jahr pos­te­te die Ge­werk­schaft Fau (Freie Ar­bei­ter:in­nen Uni­on) ein Vi­deo in den so­zia­len Me­di­en. Ei­ni­ge Ern­te­hel­fer:in­nen pran­gern dar­in die Ar­beits­be­din­gun­gen auf ei­nem Hof im Thur­gau an. Von feh­len­den Pau­sen, zu spät aus­ge­hän­dig­ten Ar­beits­ver­trä­gen und un­ter­schied­lich ho­hen Löh­nen je nach Her­kunft ist die Re­de und da­von, dass man im­mer Angst ha­be, sei­ne Ar­beit zu ver­lie­ren. Das Vi­deo schlug Wel­len – kurz­fris­tig. Land­wirt:in­nen und ih­re Ver­bän­de wehr­ten sich ge­gen Pau­scha­li­sie­run­gen, Ge­werk­schaf­ter:in­nen for­der­ten Ge­samt­ar­beits­ver­trä­ge. Nach ein paar Ta­gen war der Rum­mel wie­der vor­bei. Be­rich­te und Ge­rüch­te über schlech­te Ar­beits­be­din­gun­gen von Ern­te­hel­fen­den gab es aber auch schon vor dem vi­ra­len Vi­deo – und sie tau­chen im­mer wie­der auf.

Der im Vi­deo be­schul­dig­te Be­trieb liegt auf ei­nem Hü­gel in der Nä­he des Bo­den­sees. Auf An­fra­ge von Sai­ten re­agiert des­sen An­walt. Bei dem Vi­deo hand­le es sich um «Fake News», um «Ehr­ver­let­zung». Es sei «ver­bind­lich recht­lich fest­ge­stellt wor­den, dass die Vor­wür­fe nicht halt­bar wa­ren». Soll­ten «die bei­den Ern­te­hel­fer zu­rück in die Schweiz kom­men, wür­den die­se straf­recht­lich be­langt». Es sei denn, sie könn­ten be­le­gen, dass die Ge­werk­schaft Fau – wel­che «un­se­re recht­staat­li­che Ord­nung ja grund­sätz­lich ab­lehnt» – «die Fake News in Sze­ne ge­setzt» ha­be. Denn dies hät­ten die Ern­te­hel­fer:in­nen nach dem Vor­fall te­le­fo­nisch ge­gen­über dem Be­triebs­lei­ter be­haup­tet, sagt der An­walt. Die Ge­werk­schaft Fau weist den Vor­wurf zu­rück. Im Ge­gen­teil, die Ar­bei­ter:in­nen hät­ten Un­ter­stüt­zung ge­for­dert und Fau ha­be die­se ge­leis­tet.

Der Ver­band Thur­gau­er Land­wirt­schaft geht nicht im De­tail auf Fra­gen zu Ar­beits­be­din­gun­gen oder zum Vi­deo ein, son­dern ant­wor­tet mit ei­ner Stel­lung­nah­me: «Ein­zel­fäl­le ste­hen nicht für die gros­se Mehr­heit der Be­trie­be.» Man bit­te dar­um, die Land­wirt­schaft nicht pau­schal zu ver­ur­tei­len. «Es wä­re schön, wenn Sie die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on der Bau­ern­fa­mi­li­en (land­wirt­schaft­li­ches Ein­kom­men) und die Her­aus­for­de­run­gen, mit de­nen sie täg­lich kon­fron­tiert sind, in Ih­re Be­richt­erstat­tung ein­be­zie­hen.»

Sai­ten hat ver­sucht, mit di­ver­sen Ern­te­hel­fer:in­nen zu spre­chen. Vie­le von ih­nen wol­len gar nicht oder erst nach der Ap­fel- und Birn­en­ern­te öf­fent­lich spre­chen, aus Angst vor Re­pres­si­on. En­ri­co hat ei­nem Ge­spräch zu­ge­stimmt. Weil aber auch er fürch­tet, in Zu­kunft in der Schweiz nicht mehr an­ge­stellt zu wer­den, möch­te er nicht mit sei­nem ech­ten Na­men in Er­schei­nung tre­ten. «Wir sind für die Schwei­zer Wirt­schaft un­ver­zicht­bar, da ein gros­ser Teil der Dienst­leis­tun­gen, die die Wirt­schaft prä­gen, nur durch die Ar­beit und die Ein­wan­de­rung von Men­schen wie uns mög­lich ist. Wir wer­den aber schlech­ter be­zahlt und be­han­delt als Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer.» Seit acht Jah­ren ar­bei­tet der Süd­eu­ro­pä­er in der Schweiz und in Frank­reich als Ern­te­hel­fer. En­ri­co kennt Zu­stän­de, wie sie im Vi­deo ge­nannt wer­den – auch aus der Ost­schweiz. Hier lä­gen «die Ar­beits­be­din­gun­gen vor Ort voll­stän­dig im Er­mes­sen der Ar­beit­ge­ber:in­nen.»

Ge­gen­über den CH-Me­dia-Zei­tun­gen be­merk­te die Ge­werk­schaft Fau letz­tes Jahr, man ha­be Kennt­nis von meh­re­ren Fäl­len aus­beu­te­ri­scher Pra­xis in der Land­wirt­schaft. Auch für Flo­ri­an Ko­bler, Re­gio­nal­lei­ter der Unia Ost­schweiz-Grau­bün­den, sind Be­rich­te von schlech­ten Ar­beits­be­din­gun­gen in der Land­wirt­schaft nicht neu. «Es wird uns von ver­spä­tet oder gar nicht be­zahl­ten Löh­nen be­rich­tet, von über­lan­gen Ar­beits­zei­ten, man­gel­haf­ter Ar­beits­zeit­er­fas­sung, schlech­ten Un­ter­künf­ten oder Kün­di­gun­gen nach Be­schwer­den. Oft er­rei­chen uns die Be­schwer­den di­rekt von den Ar­beit­neh­mer:in­nen, manch­mal von Dritt­per­so­nen.»

Ralph Gilg steu­ert auf ei­ne Grup­pe Men­schen zu, die zwi­schen den Ap­fel­baum-Rei­hen em­sig ar­bei­tet. Noch ist es dort schat­tig. Am liebs­ten ha­be er fes­te Teams, über meh­re­re Sai­sons hin­weg: «Da­mit die Leu­te gut und ger­ne ar­bei­ten – und nächs­tes Jahr wie­der­kom­men, muss ich aber gu­te Ar­beits­be­din­gun­gen schaf­fen. Das ist doch klar», sagt der Land­wirt.

Ei­ne wirt­schaft­li­che Kon­stan­te

En­ri­co ist ver­mut­lich ei­ne von rund 7743 Per­so­nen, die ge­mäss dem Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on (SEM) 2025 in die Schweiz kamen, um in der Land­wirt­schaft zu ar­bei­ten. Dar­un­ter sind 2489 Ar­bei­ter:in­nen aus Po­len und 2587 aus Ru­mä­ni­en – die bei­den Na­tio­nen füh­ren seit 2015 die Ta­bel­le an. 205 Per­so­nen ka­men aus Ita­li­en, 222 aus Deutsch­land. Ins­ge­samt hat sich die Zahl der «Ein­wan­de­run­gen in die nicht-stän­di­ge Wohn­be­völ­ke­rung zum Er­werb im land­wirt­schaft­li­chen Be­reich» über die Jah­re kaum ver­än­dert. Al­ler­dings schwan­ken die Zah­len der ein­zel­nen Ein­wan­de­rungs­län­der. Bei­spiels­wei­se kom­men seit 2015 im­mer mehr Ar­bei­ter:in­nen aus Frank­reich oder Ru­mä­ni­en, wäh­rend im­mer we­ni­ger aus Un­garn oder Ita­li­en ein­rei­sen. Doch wie vie­le Per­so­nen tat­säch­lich als Ern­te­hel­fer:in­nen in der Schweiz ar­bei­ten, er­fas­sen we­der das SEM noch das Bun­des­amt für Sta­tis­tik oder das SE­CO. Un­ter an­de­rem weil Be­grif­fe an­ders de­fi­niert wer­den und «Ern­te­hel­fer:in» kei­ne of­fi­zi­el­le Be­rufs­be­zeich­nung ist.

2610 Erntehelferei 260044 us 0134 max
2610 Erntehelferei 260044 us 0226 max

Jo­han­na und Szi­l­amar aus Ru­mä­ni­en ar­bei­ten das vier­te Jahr in Fol­ge auf dem Hof von Ralph Gilg. «Es ist ein gu­ter Ar­beits­platz und wir wol­len Geld an­spa­ren», sagt Jo­han­na, wäh­rend sie ei­ni­ge Äp­fel in die grü­ne Kis­te vor sich pur­zeln lässt. Ein Freund ha­be ih­nen da­mals den Tipp ge­ge­ben, in die Schweiz zu ge­hen, sagt Szi­lamer – «in Ru­mä­ni­en gibt es kei­ne Ar­beit».

Ne­ben Freund:in­nen wer­ben auch Un­ter­neh­men wie Rol-Job Hli­wa, ein pol­ni­sches Per­so­nal­ver­mitt­lungs­bü­ro mit Sitz in Lu­zern, für die Ar­beit in der Schweiz. Ar­beit­neh­mer:in­nen 
kön­nen ih­re Un­ter­la­gen ein­rei­chen und Rol-Job Hli­wa ver­mit­telt an die von den Ar­beit­ge­ber:in­nen aus­ge­schrie­be­nen Stel­len. Die Ver­mitt­lungs­ge­bühr be­zahlt der Be­trieb. Ga­ran­tien über­nimmt das Ver­mitt­lungs­un­ter­neh­men nicht, we­der für die Ar­beits­be­din­gun­gen vor Ort noch für die Fä­hig­kei­ten der Ar­beit­neh­mer:in­nen. Und auch der Schwei­zer Bau­ern­ver­band selbst ver­mit­telt über des­sen «Ge­schäfts­be­reich» Agr­im­puls Prak­ti­kant:in­nen aus dem Aus­land (Ost­eu­ro­pa, Bra­si­li­en und Ja­pan) in die Schwei­zer Land­wirt­schaft – und um­ge­kehrt.

Of­fi­zi­ell in der Schweiz mel­den müs­sen die Land­wirt:in­nen ih­re Ern­te­hel­fer:in­nen dann selbst. So­lan­ge die­se aus dem EU/EFTA-Raum an­rei­sen und sich für ma­xi­mal drei Mo­na­te in der Schweiz auf­hal­ten, kön­nen sie über das Mel­de­ver­fah­ren für kurz­fris­ti­ge Er­werbs­tä­tig­keit bis 90 Ta­ge an­ge­mel­det wer­den. Blei­ben sie bis ma­xi­mal elf Mo­na­te, be­darf es ei­ner L-Be­wil­li­gung.

Wäh­rend die Ar­beit­ge­ber:in­nen auch in der Land­wirt­schaft die üb­li­chen Ab­ga­ben wie Quel­len­steu­er oder Bei­trä­ge für die Al­ters­vor­sor­ge be­zah­len, müs­sen die Ar­bei­ter:in­nen sich kran­ken­ver­si­chern. Da­für ver­fügt der Schwei­ze­ri­sche Bau­ern­ver­band über ei­ne ei­ge­ne Kran­ken­kas­se, die Agris­a­no Kran­ken­kas­se AG. In der Re­gel mel­det der Be­trieb die Mit­ar­bei­ten­den dort gleich selbst an, ob­wohl ge­setz­lich ei­ne freie Wahl der Kran­ken­kas­se be­steht. Die Land­wirt:in­nen le­gen ih­ren Ar­bei­ter:in­nen oft vor­ge­fer­tig­te An­mel­de­for­mu­la­re vor, die die­se nur noch un­ter­schrei­ben müs­sen, auch wenn sie das Do­ku­ment auf­grund man­geln­der Sprach­kennt­nis­se nicht zwin­gend ver­ste­hen. Ge­rüch­te, wo­nach die Land­wirt:in­nen von Agris­a­no ei­ne Pro­vi­si­on er­hal­ten, konn­te Sai­ten nicht er­här­ten.

Richt­li­ni­en statt Rechts­si­cher­heit

Die Land­wirt­schaft ist vom Schwei­zer Ar­beits­ge­setz aus­ge­nom­men. Das Ge­setz ist seit 1963 in Kraft, als noch viel mehr Be­trie­be in Fa­mi­li­en­hand und mehr Fa­mi­li­en­mit­glie­der ein­ge­bun­den wa­ren als heu­te. Es er­setz­te das Fa­brik­ge­setz. Ver­mut­lich al­so ein po­li­ti­scher Kom­pro­miss: Man woll­te die Land­wirt­schaft nicht den­sel­ben star­ren Ar­beits­zeit­re­geln wie Fa­bri­ken und Bü­ros un­ter­stel­len. «Die land­wirt­schaft­li­che Ur­pro­duk­ti­on ist vom Ar­beits­ge­setz aus­ge­nom­men, weil ih­re be­son­de­ren, sai­so­na­len und na­tur­ab­hän­gi­gen Ar­beits­be­din­gun­gen ei­ne an­de­re ge­setz­li­che Re­ge­lung er­for­dern», be­stä­tigt Mo­ni­ka Schatz­mann vom Schwei­zer Bau­ern­ver­band (SBV). Aus die­sem Grund spre­che sich der SBV stets ge­gen ei­ne Un­ter­stel­lung der Land­wirt­schaft un­ter das Ar­beits­ge­setz aus.

Mit Er­folg, denn die Land­wirt­schafts­lob­by ge­hört zu den mäch­tigs­ten in der Schweiz, der Bau­ern­ver­band zu den gröss­ten Dach­ver­bän­den. Et­li­che Land­wir­te sit­zen im Schwei­zer Par­la­ment, dar­un­ter der Prä­si­dent des Bau­ern­ver­bands und Bei­na­he-Bun­des­rat Mar­kus Rit­ter (Mit­te) aus St.Gal­len. Auch Bun­des­rat Guy Par­me­lin (SVP) ist Land­wirt und des­sen Par­tei- und Amts­kol­le­ge Al­bert Rös­ti ist eben­falls mit der Land­wirt­schaft ver­ban­delt. Die SVP – his­to­risch ge­se­hen die Bau­ern­par­tei – war bei den letz­ten Wah­len (2023) die wäh­ler:in­nen­stärks­te Par­tei.

Szi­lamer schaut zu Jo­han­na, dann sagt er, er ha­be hier noch nie von schlech­ten Ar­beits­be­din­gun­gen ge­hört. In Deutsch­land schon, aber hier nicht. Jo­han­na schüt­telt eben­falls den Kopf. Dies­mal ha­be sie so­gar ih­re Schwes­ter mit­ge­nom­men, da­mit die­se auch et­was ver­die­nen kön­ne. Un­ter Gilgs Ern­te­hel­fer:in­nen sind auch zwei Frau­en aus Lett­land, die be­reits seit 15 Jah­ren für ihn ar­bei­ten. Heu­te ern­ten sie Zwie­beln auf ei­nem Feld hin­ter der Ap­fel­plan­ta­ge.

In ers­ter Li­nie führt die Aus­nah­me der Land­wirt­schaft vom Ar­beits­ge­setz da­zu, dass Ar­beit­neh­mer:in­nen aus der Bran­che nicht ge­schützt sind. Ih­nen fehlt die recht­li­che Grund­la­ge. Ab­hil­fe sol­len kan­to­na­le Nor­mal­ar­beits­ver­trä­ge (NAV) schaf­fen, bran­chen­über­grei­fen­de Ver­trä­ge über die Ar­beits­be­din­gun­gen. So be­trägt ge­mäss dem Thur­gau­er NAV «für land­wirt­schaft­li­che Ar­beits­ver­hält­nis­se» die täg­li­che Ar­beits­zeit zehn Stun­den und der Lohn wird bar aus­be­zahlt. In St.Gal­len gilt ei­ne wö­chent­li­che Ar­beits­zeit von 49,5 Stun­den an 5,5 Ta­gen. Bei­de Ver­trä­ge se­hen vor, dass Über­stun­den «nach Treu und Glau­be zu­ge­mu­tet» wer­den kön­nen, Pau­sen be­zahlt sind und Ar­beit­ge­ben­de ei­nen Vier­tel des ers­ten Mo­nats­lohns zu­rück­be­hal­ten dür­fen, als Kau­ti­on oder all­fäl­li­ge Rei­se- oder Ver­mitt­lungs­ge­bühr. In Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den ist «Es­sens­zeit kei­ne Ar­beits­zeit», al­so nicht be­zahlt, und pro Wo­che darf nicht mehr als 50 Stun­den ge­ar­bei­tet wer­den. An­ders als in In­ner­rho­den, wo nicht mehr als elf Stun­den täg­lich ge­ar­bei­tet wer­den darf. Aus­ser­dem ist dort «die un­ent­gelt­li­che Be­sor­gung der Wä­sche Be­stand­teil des ver­ein­bar­ten Loh­nes».

2610 Erntehelferei 260044 us 0122 max

Ein Min­dest­lohn exis­tiert in kei­nem der Ver­trä­ge. Ähn­lich wie die bei­den Ap­pen­zell ver­merkt der Kan­ton Thur­gau da­zu im NAV: «Art und Hö­he des Loh­nes ist vor An­tritt der Stel­le schrift­lich zu ver­ein­ba­ren und soll dem Auf­ga­ben­be­reich, dem Aus­bil­dungs­stand und den Fä­hig­kei­ten des oder der An­ge­stell­ten ent­spre­chen.» In St.Gal­len ver­weist man im­mer­hin auf die na­tio­na­le Richt­li­nie. Die­se «Lohn­richt­li­nie für fa­mi­li­en­frem­de Ar­beit­neh­men­de in der Schwei­zer Land­wirt­schaft» wur­de vom Schwei­zer Bau­ern­ver­band (SBV) und vom Schwei­ze­ri­schen Bäue­rin­nen- und Land­frau­en­ver­band (SBLV) mit der Ar­beits­ge­mein­schaft der Be­rufs­ver­bän­de land­wirt­schaft­li­cher An­ge­stell­ter (AB­LA) ver­ein­bart. Ge­mäss die­ser Richt­li­nie müs­sen «sai­so­na­le An­ge­stell­te oh­ne Er­fah­rung» ei­nen mo­nat­li­chen Lohn von 3460 Fran­ken brut­to er­hal­ten. Prak­ti­kant:in­nen er­hal­ten 2755 (bei ei­ner vier­mo­na­ti­gen An­stel­lung). Da­von kön­nen ne­ben den üb­li­chen So­zi­al­ab­zü­gen 990 Fran­ken für Un­ter­kunft und Ver­pfle­gung ab­ge­zo­gen wer­den.

Zu den Ern­te­hel­fen­den von Ralph Gilg ge­hört an die­sem Sep­tem­ber­tag auch Bri­git­te. Sie führt selbst ei­nen Hof, un­weit je­nem Gilgs. Man hel­fe sich ge­gen­sei­tig, wenn es viel zu tun ge­be, er­zählt sie, wäh­rend sie die Äp­fel flink von den Äs­ten pflückt. Auf ih­rem Hof wer­den Kir­schen an­ge­baut. Für die Ern­te set­ze auch sie Ern­t­hel­fer:in­nen ein. «Schwei­zer Ern­te­hel­fen­den müs­sen wir oft ei­nen hö­he­ren Stun­den­lohn zah­len, sie spre­chen Deutsch, sind oft fle­xi­bel und brau­chen we­der Un­ter­kunft noch Mel­de­ver­fah­ren. Bei mei­nen aus­län­di­schen Ern­t­hel­fer:in­nen lie­gen die Löh­ne im Be­reich der Bran­chen­emp­feh­lun­gen.»

Kei­ne Ge­set­ze, kei­ne Klä­ger, kei­ne Rich­ter ...

Ei­ne Richt­li­nie ist aber nicht mehr als ge­nau das: ein Vor­schlag. Kein Ge­setz. Ju­ris­tisch ge­se­hen lässt sich ein Lohn auf die­ser Ver­ein­ba­rung nicht zwin­gend ein­kla­gen und der NAV steht über der Richt­li­nie. Ge­nau dort lie­ge das Pro­blem, meint Flo­ri­an Ko­bler: «Die von SBV, SBLV und AB­LA ver­öf­fent­lich­ten Lohn­richt­li­ni­en sind kei­ne all­ge­mein­ver­bind­li­chen Min­dest­löh­ne. Sie die­nen als Ori­en­tie­rung und wer­den in ver­schie­de­nen NAV er­wähnt, be­grün­den aber für sich al­lein kei­ne zwin­gen­den Min­dest­an­sprü­che.»

So las­sen die er­wähn­ten NAV an vie­len Stel­len ju­ris­ti­schen Spiel­raum. Dies zeigt sich auch an­hand der Tat­sa­che, dass es bei­spiels­wei­se kei­ne ver­bind­li­chen Vor­schrif­ten gibt, wie ei­ne Un­ter­kunft ge­nau aus­zu­se­hen hat oder was ein Mit­tag­essen be­inhal­ten muss, son­dern nur Merk­blät­ter. Ge­setz­li­che Min­dest­an­for­de­run­gen könn­ten auch hier wirk­sam sein, um Ar­beit­neh­men­de zu schüt­zen. Doch was ist ei­ne «fai­re» Un­ter­kunft oder ein «gu­tes» Mit­tag­essen? Wel­che Mass­stä­be oder Per­spek­ti­ven müss­te man hier an­wen­den?

Klar ist, die­ser ju­ris­ti­sche Spiel­raum be­güns­tigt Ver­stös­se. Paul Som­mer, Prä­si­dent der AB­LA, be­stä­tigt, dass sich ge­le­gent­lich Leu­te auf­grund von Vor­fäl­len am Ar­beits­platz bei ih­nen mel­den. Et­wa zwei bis acht Fäl­le sei­en es jähr­lich. «Ju­ris­tisch be­treu­en kön­nen wir die Leu­te nicht, das wür­de un­se­re Mög­lich­kei­ten über­stei­gen», so Som­mer. Statt­des­sen wer­de ein Kom­pro­miss ge­sucht, bei dem bei­de Sei­ten zu­frie­den sei­en. «Aber es mel­den sich längst nicht al­le». Flo­ri­an Ko­bler von der Unia er­klärt den Um­stand so: «Ins­be­son­de­re aus­län­di­sche Sai­son- und Ern­te­ar­beits­kräf­te mel­den Ver­stös­se häu­fig nicht. Zu gross ist die Angst vor Kün­di­gung, zu gross die Ab­hän­gig­keit vom Ar­beit­ge­ber.» Aus­ser­dem spiel­ten Sprach­bar­rie­ren und die Un­kennt­nis von Rech­ten ei­ne Rol­le. Zu­sätz­lich kä­men Be­fürch­tun­gen be­züg­lich des Auf­ent­halts­sta­tus hin­zu.

Das be­stä­tigt auch En­ri­co. Er weiss, dass die­je­ni­gen, die da­mals am Vi­deo über die Ar­beits­be­din­gun­gen auf dem Thur­gau­er Hof be­tei­ligt wa­ren, da­nach ih­re Ar­beit ver­lo­ren. Und die Ern­te­hel­fer:in­nen im Üb­ri­gen selbst ent­schie­den hät­ten, die Ar­beits­be­din­gun­gen öf­fent­lich zu ma­chen – oh­ne das Zu­tun der Fau, wie vom An­walt des Be­triebs be­haup­tet. Da­zu kom­me – und auch das sei ein gros­ses Pro­blem –, dass vie­le der Ern­te­hel­fer:in­nen auf die Ar­beit und den Lohn an­ge­wie­sen sei­en, weil die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on in ih­ren Hei­mat­län­dern pre­kär sei.

Ein Ge­samt­ar­beits­ver­trag wür­de die Ar­beit­neh­mer:in­nen schüt­zen, da sind sich Unia und AB­LA ei­nig. Doch da­für müss­ten sich die Ar­bei­ter:in­nen or­ga­ni­sie­ren und die Ar­beit­ge­ber:in­nen mit ih­nen an ei­nen Ver­hand­lungs­tisch set­zen: «Das dürf­te auf­grund der ab­leh­nen­den Hal­tung der Ar­beit­ge­ber­sei­te wohl nur schwer rea­li­sier­bar sein», schätzt Flo­ri­an Ko­bler ein. Ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­siert sind Ern­te­hel­fen­de nicht, die AB­LA sei zwar So­zi­al­part­ne­rin bei Ver­hand­lun­gen mit den Bau­ern­ver­bän­den, je­doch kei­ne Ge­werk­schaft, son­dern ein klei­ner Ver­ein, sagt Paul Som­mer. Die­ser zähl­te letz­tes Jahr 61 Mit­glie­der, dar­un­ter ei­ne Hand­voll Ern­te­hel­fer:in­nen. Die AB­LA hat Ein­sitz im Stif­tungs­rat der Agris­a­no Stif­tung, der Ei­gen­tü­me­rin der Agris­a­no Kran­ken­kas­se AG. Ern­te­hel­fer En­ri­co weiss, dass sich die Ar­beit­neh­men­den or­ga­ni­sie­ren müs­sen. Er ist ge­mein­sam mit an­de­ren da­bei, ein 
Netz­werk auf­zu­bau­en.

Ralph Gilg steht auf Stel­zen zwi­schen den Ap­fel­bäu­men, sein Hut be­rührt das Netz über den Rei­hen, das die Früch­te vor Vö­geln schützt. «Ein Pär­chen geht bei mir nach drei Mo­na­ten mit 15’000 Fran­ken nach Hau­se – da­mit kann es sich nach we­ni­gen Jah­ren ein Haus kau­fen in Ru­mä­ni­en.» Wer Deutsch spre­che, Er­fah­rung mit­brin­ge oder im Team Ver­ant­wor­tung über­neh­me, er­hal­te mehr Lohn, führt Gilg aus. 

… und har­zi­ge Kon­trol­len

Wo kei­ne Ge­set­ze oder viel­sei­tig aus­leg­ba­re Richt­li­ni­en herr­schen, fällt auch das Kon­trol­lie­ren schwer. In Be­rei­chen oh­ne all­ge­mein­ver­bind­li­che GAV sind nicht die Ge­werk­schaf­ten für die Kon­trol­len und den Voll­zug zu­stän­dig, son­dern die Kan­to­ne. Auch die Kon­trol­len von Schwarz­ar­beit und der Ein­hal­tung der flan­kie­ren­den Mass­nah­men über­neh­men die Kan­to­ne. Und auch da kocht je­der Kan­ton sein ei­ge­nes Süpp­chen.

In St.Gal­len kon­trol­liert die Tri­par­ti­te Kom­mis­si­on (TPK) Bran­chen oh­ne GAV. Je­des Jahr de­fi­niert die TPK meh­re­re Fo­kus­bran­chen. Die Land­wirt­schaft un­ter­such­te die TPK zu­letzt 2019. Da­bei for­dert die Kom­mis­si­on je­weils al­le Be­trie­be der be­tref­fen­den Bran­che auf, Lohn­ab­rech­nun­gen und an­de­re er­for­der­li­che Un­ter­la­gen ein­zu­rei­chen. Fällt da­bei et­was ne­ga­tiv auf, er­hält der Be­trieb ein Schrei­ben mit der Auf­for­de­rung, die Löh­ne den Richt­li­ni­en an­zu­pas­sen oder Feh­ler zu be­he­ben. Wei­te­re Kon­se­quen­zen gibt es für den ein­zel­nen Be­trieb nicht. 2019 rech­ne­ten ge­mäss dem Kan­ton St.Gal­len al­le Be­trie­be kor­rekt ab. Ist ei­ne Bran­che nicht im Fo­kus der TPK, kon­trol­liert sie nur auf Ver­dacht oder stich­pro­ben­ar­tig.

Im Thur­gau er­klär­te die TPK die Land­wirt­schaft 2025 zur Fo­kus­bran­che. Auch hier hät­ten die Kon­trol­len «kei­ne An­halts­punk­te für gro­be oder sys­te­ma­ti­sche Ver­stös­se ge­gen orts-, be­rufs- und bran­chen­üb­li­che Lohn- und Ar­beits­be­din­gun­gen» er­ge­ben, be­rich­tet der Lei­ter der Ar­beits­markt­auf­sicht des Thur­gau­er Amts für Wirt­schaft und Ar­beit, Herr­mann Schny­der. Flo­ri­an Ko­bler von der Unia sieht sol­che Er­geb­nis­se skep­tisch. Nur weil kan­to­na­le Be­hör­den mit­teil­ten, dass kei­ne oder we­ni­ge Ver­stös­se fest­ge­stellt wor­den sei­en, las­se sich dar­aus nicht schlies­sen, dass kei­ne Miss­stän­de exis­tier­ten.

Mit ei­nem lau­ten Knat­tern setzt sich der klei­ne Trak­tor in Be­we­gung und zieht die Kis­ten mit den ge­pflück­ten Äp­feln wie ei­nen Gü­ter­zug ein paar Me­ter wei­ter. Dann macht die Ern­te­hel­fe­rin den Mo­tor aus, steigt von der Ma­schi­ne und schnallt sich ih­ren Korb wie­der um. In sei­ner Rol­le als Prä­si­dent des Thur­gau­er Obst­ver­bands ha­be er nach dem Vor­fall letz­tes Jahr bei je­der Ge­le­gen­heit an sei­ne Be­rufs­kol­le­gen ap­pel­liert, sich an die Richt­li­ni­en zu hal­ten, sagt der Land­wirt Gilg be­stimmt: «Leu­te schlecht zu be­han­deln oder sich nicht an die Vor­schrif­ten zu hal­ten, scha­det der ge­sam­ten Bran­che, das geht gar nicht.» Ge­gen­über den Me­di­en for­der­te Ralph Gilg da­mals mehr Kon­trol­len. Ab­ge­se­hen von der schrift­li­chen Kon­trol­le im let­zen Jahr ha­be er noch nie ei­ne Kon­trol­le vor Ort auf sei­nem Hof er­lebt.

2610 Erntehelferei 260044 us 0136 max
2610 Erntehelferei 260044 us 0508 max

Ge­mäss dem Be­richt über die Schwarz­ar­beit 2025 des SE­CO kon­trol­lier­ten die Ost­schwei­zer Kan­to­ne zwi­schen 2021 und 2025 je­weils häu­fi­ger als im Jahr zu­vor – bran­chen­über­grei­fend. Ins­ge­samt wird in der Land­wirt­schaft je­doch we­ni­ger kon­trol­liert als in an­de­ren Bran­chen. «Dies lässt sich ins­be­son­de­re da­durch er­klä­ren, dass die für Kon­trol­len be­reit­ge­stell­ten Res­sour­cen ri­si­ko­ori­en­tiert ein­ge­setzt wer­den», er­klärt das Bun­des­amt. «Die Kon­troll­be­hör­den räu­men den Bran­chen Vor­rang ein, in de­nen ein er­höh­tes Ri­si­ko von Schwarz­ar­beit be­steht.»

Ge­fähr­li­che Bran­che

An­ne Kne­er, Lei­te­rin der Haupt­ab­tei­lung Ar­beits­be­din­gun­gen des St.Gal­ler Amts für Wirt­schaft und Ar­beit, gibt zu be­den­ken, dass selbst Kon­trol­len vor Ort sel­ten zur Mel­dung von Ver­stös­sen füh­ren: «Auch weil der Er­mes­sens­spiel­raum gross ist, ist vie­les nicht fass­bar. Nur wenn ei­ne kon­kre­te Ge­set­zes­be­stim­mung ver­letzt ist, kön­nen die ent­spre­chen­den Be­hör­den re­agie­ren.» In der Land­wirt­schaft al­so erst, wenn bei­spiels­wei­se das Ent­sen­de­ge­setz, das Straf­recht oder Ge­set­ze im Um­welt- oder Tier­schutz­be­reich be­trof­fen sind. Letzt­end­lich kann ein Hof­ei­gen­tü­mer oder ei­ne -ei­gen­tü­me­rin auch je­der­zeit den Zu­tritt zu Schlaf­plät­zen ver­wei­gern – wer sich nicht dar­an hält, macht sich des Haus­frie­dens­bruchs oder gar der Nö­ti­gung schul­dig. An­ne Kne­er: «In ei­nem sol­chen Fall müss­te ein kon­kre­ter An­halts­punkt für ei­ne Straf­tat be­stehen, da­mit die Staats­an­walt­schaft ein­ge­schal­tet wer­den kann.»

Auch beim Ge­sund­heits­schutz ge­be es Lü­cken, sagt Kne­er. Zwar kon­trol­lie­re die Stif­tung Agriss schweiz­weit die Ar­beits­si­cher­heit und den Ge­sund­heits­schutz in land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­ben mit fa­mi­li­en­frem­den An­ge­stell­ten so­wie die An­for­de­run­gen des Ju­gend­ar­beits­schut­zes. Doch weil die Land­wirt­schaft nicht un­ter das Ar­beits­recht fällt, ha­be das kan­to­na­le Ar­beits­in­spek­to­rat we­ni­ger Kon­troll­mög­lich­kei­ten als in an­de­ren Bran­chen. Aus den Da­ten der Be­ra­tungs­stel­le für Un­fall­ver­hü­tung in der Land­wirt­schaft (BUL) geht je­doch her­vor, dass 2025 22 Per­so­nen töd­lich ver­un­fall­ten, 2024 wa­ren es 25. Da­mit ge­hört die Land­wirt­schaft zu den ge­fähr­lichs­ten Bran­chen. Zum Ver­gleich: Die Su­va spricht von durch­schnitt­lich un­ter 80 töd­li­chen Be­rufs­un­fäl­len jähr­lich- über al­le Bran­chen hin­weg. Be­son­ders be­trof­fen da­bei ist das Bau­ge­wer­be, wo sehr viel mehr Men­schen ar­bei­ten als in der Land­wirt­schaft, mit durch­schnitt­lich sie­ben bis neun töd­li­chen Un­fäl­len jähr­lich (2020–2024).

Be­hut­sam sam­melt Ralph Gilg ein paar ein­zel­ne Äp­fel vom Bo­den auf. «Das kommt vom Frost», sagt der Land­wirt und deu­tet auf ei­ne ver­narb­te Stel­le, dort, wo der Stiel aus der Frucht wächst. So ei­ner wer­de ver­mos­tet, ge­nau­so wie je­ne, die zu klein oder zu gross sei­en. Um dies zu be­stim­men, ha­ben al­le Ar­bei­ter:in­nen ei­ne Scha­blo­ne am Pflück­korb – ent­spricht die Frucht nicht dem Richt­wert der Sor­te, lan­det sie in der Pres­se. «Um deut­lich bes­se­re Löh­ne zah­len zu kön­nen, müss­ten die Kon­su­ment:in­nen be­reit sein, für un­se­re Äp­fel hö­he­re Prei­se zu be­zah­len. Auf­grund der nur knapp kos­ten­de­cken­den Prei­se kann nur Geld ver­die­nen, wer vie­le ma­kel­lo­se Früch­te mit ho­hen Flä­chen­er­trä­gen kom­bi­nie­ren kann.» Und die Glo­ba­li­sie­rung sei auch im Obst­bau längst an­ge­kom­men. Kund:in­nen könn­ten des­halb das gan­ze Jahr über auf ein brei­tes An­ge­bot an ver­schie­de­nen Früch­ten zu­grei­fen, meint Gilg. «So­lan­ge wir kei­ne Hun­gers­not ha­ben, wer­den un­se­re Früch­te per­fekt sein müs­sen. Bis da­hin kon­kur­rie­ren wir mit den schöns­ten Nek­ta­ri­nen, Oran­gen und Man­gos aus al­ler Welt.»

Die Kon­su­ment:in­nen sol­lens rich­ten

Mo­ni­ka Schatz­mann vom SBV sieht eben­falls die Preis­ge­stal­tung als He­bel – mög­li­cher­wei­se: «Spiel­raum» um Ar­beits­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern «gä­be es even­tu­ell», wenn die Land­wirt:in­nen hö­he­re Prei­se für ih­re Pro­duk­te er­ziel­ten.

Der Preis ei­nes Schwei­zer Ap­fels wird durch Sor­te, Qua­li­tät, Han­del, Trans­port und La­ger­be­stän­de be­stimmt – die Land­wirt:in­nen ha­ben dar­auf kaum Ein­fluss. Bei so­ge­nann­ten Clubs­or­ten wie Pink La­dy oder Green­star wird die Ver­mark­tung über ei­ne ge­schütz­te Mar­ke or­ga­ni­siert. Da­durch kön­nen sol­che Äp­fel im Han­del teu­rer ver­kauft wer­den als klas­si­sche Sor­ten, gleich­zei­tig gel­ten für die Pro­du­zent:in­nen zu­sätz­li­che Vor­ga­ben und Kos­ten – ent­lang der von den Clubs de­fi­nier­ten Richt­wer­te. Aus­ser­dem kon­kur­rie­ren die ver­schie­de­nen De­tail­händ­ler un­ter­ein­an­der mit tie­fen Prei­sen für be­lieb­te Sor­ten, wo­durch auch an­de­re Sor­ten und we­ni­ger «schö­ne» Ap­fel aus der so­ge­nann­ten Klas­se II un­ter Druck ge­ra­ten. «Auf­grund der wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ist es ei­ne Tat­sa­che, dass kei­ne gros­sen Ver­diens­te in der Land­wirt­schaft so­wohl für die Ar­beit­neh­men­den wie auch für die Ar­beit­ge­ben­den er­zielt wer­den kön­nen», so Schatz­mann. «Die Ent­wick­lung ist lei­der gar nicht gut für die ein­hei­mi­sche Land­wirt­schaft und ei­ne nach­hal­ti­ge Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on aus der Nä­he.»

Am En­de al­so al­les Kon­sum­kri­tik? Mög­lichst viel Spiel­raum für Ar­beits­be­din­gun­gen und am He­bel sit­zen die Kon­su­ment:in­nen? Ist es nicht zu ein­fach, die Ver­ant­wor­tung über die Ar­beits­be­din­gun­gen in der Land­wirt­schaft den Kon­su­ment:in­nen ab­zu­ge­ben? Oder den ein­zel­nen Land­wirt:in­nen?

Das Pro­blem liegt doch im Sys­tem. Es hat Sys­tem. Und in der Schweiz wird die­ses mass­geb­lich von der Land­wirt­schafts­lob­by ge­prägt. Ei­ner Lob­by, die ein Sys­tem mit mög­lichst we­nig Richt­li­ni­en füt­tert. Ein Sys­tem, das Aus­beu­tung theo­re­tisch mög­lich macht, vom Pre­ka­ri­at in wirt­schaft­lich schwa­chen Nach­bar­län­dern pro­fi­tiert und da­mit ge­nau die­ses Sys­tem am Lau­fen hält. Und die Men­schen, die sich in ei­ner fi­nan­zi­el­len Not­si­tua­ti­on be­fin­den, für die ein Schwei­zer Lohn die Lö­sung ver­spricht – mö­ge er noch so tief sein –, sind der Treib­stoff.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Die Schwei­zer Rock­le­gen­den Kro­ko­dil ha­ben kürz­lich ihr neu­es Al­bum Bey­ond The Eye ver­öf­fent­licht. Ur-Kro­ko­dil Dü­de Dürst schwärmt von der En­er­gie der 2019 wie­der­be­leb­ten Band – und hat noch lan­ge nicht ge­nug. Am Frei­tag spie­len sie in der Gra­ben­hal­le.

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd