Grandiose Groteske
Gion Mathias Cavelty nimmt in seinem neuen Roman die Schweizer Uhrmacherkunst auf die Schippe. Seine mit viel Humor geschriebene Chronik ist so unterhaltsam wie skurril.
Die hochentwickelte Schweizer Uhrenindustrie gilt als eines ihrer renommiertesten Markenzeichen; eine Schweizer Uhr symbolisiert identitätsstiftende Werte wie Präzision, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Status. Dergestalt kennt die ganze Welt diese Marken: Audemars Piguet, Breitling, Cartier, Certina, Hublot, IWC, Jordi, Omega, Patek Philippe etc. pp. – ganz zu schweigen von Swatch. All diese berühmten Schweizer Brands beziehungsweise ihre legendären Erfinder kriegen ihr Fett weg in Gion Mathias Caveltys neuem Roman mit dem trockenen Titel Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst.
Doch keine Bange! Von einem so fabulierlustigen und literarisch versierten Autor wie diesem muss man keine fade Historie der Schweizer Uhrenindustrie befürchten.
Im Gegenteil: Cavelty (*1974 in Chur, lebt in Zürich) bietet auf rund 150 Seiten eine äusserst unterhaltsame Chronik der horlogerie suisse. Sie führt von Breitlings imaginärem Besuch bei den Azteken bis hin zum ebenso imaginären «Projekt: TO THE STARS!» der Herren «Uhr und Hayex», die am Ende des Romans zum «133 Lichtjahre entfernten Stern Markab im Sternbild Pegasus (…) mit einem Cybertruck des aufstrebenden südafrikanischen Unternehmers Elon Musk» aufbrechen, um neue Märkte für ihre Produkte zu erschliessen.
Cavelty feuert dabei eine Breitseite nach der anderen auf den Kapitalismus der Superreichen los, manchmal verdeckt, ja verschmitzt, dann wieder ganz offen, wie hier in einem Gespräch zwischen Hublot und Jordi, in welchem letzterer erwägt, dass sich hinter Zahlen «das grosse Geheimnis» verbergen könnte, und Hublot lapidar antwortet: «Bedeutung haben nur die Zahlen auf meinem Bankkonto.»
In der NZZ vom 12. September 2026 war zu lesen: «Knappheit ist eine der wichtigsten Währungen im Luxusgeschäft.» Und bei Cavelty heisst es: «Wir schaffen den Hype – und drehen den Hahn zu, wenn er am heissesten ist.» – Pas mal.
Können Listen wie Produktbeschreibungen Literatur, gar Poesie werden? In diesem Fall muss diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet werden. Cavelty exerziert in seinem «Horologoroman», eingebettet in die Handlung, diverse Reihen von Uhrmodellen durch, beschreibt sie minutiös, fantasiereich, voller Hingabe und mit viel Aberwitz; beispielsweise so: «Die Rolex Tina Turner (lautröhrig-glamourös-expressiv; Gehäuse funkel-violett-glitzerbeschichtet; Zifferblatt discokugelsilber mit Goldglitzer-Zeigern; Band violettmetallic mit pinken Glitzersternchen).» Oder so: «Die ? des anonymen Künstlers ? besitzt kein Gehäuse, kein Uhrwerk, kein Zifferblatt und keine Zeiger, nur ein schlichtes Band mit einem Schildchen, auf dem steht: ‹Hier könnte eine Rolex prangen›; sie wird für 5 Millionen Franken angeboten.»
Was abschliessend unterstrichen werden muss, ist Caveltys skurriler Humor, der den Rezensenten mehrfach in minutenlange Lachanfälle versetzte, etwa bei der Schilderung der unter Fabrikarbeitern ausbrechenden Snus-Sucht und ihrer Folgen, bei den Beschreibungen der Verwendung von Brusthaaren als Spiralfedern oder des Studiums von Walpenissen zur Optimierung der Feinmechanik ...
Schlitten fährt Cavelty neben vielen anderen auch mit Rolf Knie: «Jahrgang 1946, als aktiv in der Manege auftretender Clown Teil der Zirkusdynastie Knie, daneben Kunstmaler, wobei die Meinungen über seine Kunst weit auseinandergehen. ‹Lieber vom Leben gezeichnet als von Rolf Knie gemalt›, lautet auf alle Fälle ein bekannter Ausspruch.» – Und das sind nicht die einzigen Schenkelklatscher in dieser grandiosen Groteske zur Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst.
Gion Mathias Cavelty: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst. Lectorbooks, Zürich 2026.Lesung: Montag, 5. Oktober 2026, 19:30 Uhr, Literaturhaus Graubünden, Chur. lectorbooks.com
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