Wintis Glücksfall
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Musikfestwochen, Technorama, Schützenwiese, Pünten, Spunten und Kurier:innendienst mit Lastenvelos. Big Zis, Viktor Giacobbo, Beni Thurnheer, Ruedi Widmer. Winterthur ist natürlich mehr als seine Aushängeschilder. Und es braucht schon eine gehörige Portion Miesepetrigkeit, um die Eulachstadt, die urbanes Flair und Dorfcharakter trotz 120’000 Einwohner:innen verbindet, nicht sympathisch zu finden.
Dass Winterthur heute weithin als Kulturstadt wahrgenommen wird, hat unter anderem mit seiner Geschichte zu tun. Eine Museumsstadt war sie schon immer, und gefühlt hatten einst auch die Fabrikarbeiter:innen allesamt ein Kulturabo. Die 1980er-Jahre verliehen der zeitgenössischen Kunst und Musik einen entscheidenden Schub. Ab den 1990er-Jahren erstarkten Klub- und andere alternative Freizeitkulturen. Der 2013 geschlossene Block 37 auf dem Sulzerareal galt lange als grösste Skatehalle Europas. In kultureller Hinsicht erwiesen sich die ausgedienten Fabrikhallen an zentraler Lage als Glücksfall für Winterthur. Die Stadt und ihre Bewohner:innen wussten dieses wertvolle Erbe der Industrialisierung geschickt und umsichtig umzunutzen. Zuerst führen uns die Leute vom «Coucou» nicht ganz zufällig zum Lagerplatz auf dem Sulzerareal.
In den 2000er-Jahren stand der Verkauf des Lagerplatzes im Raum. Gemeinsam suchten das hier eingemietete Kraftfeld und weitere Mieter:innen geeignete Investor:innen. In der Basler Stiftung Abendrot wurden sie fündig. 2009 kaufte diese das Areal und verhinderte damit eine Überbauung. Auf den rund 50’000 Quadratmetern liess die Stiftung viele der mittlerweile etablierten Kulturbetriebe und gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen bestehen, sanierte sanft, wo nötig, und schuf neuen Wohnraum.
«Angesichts der Gentrifizierungsprozesse in Winterthur ist es eine Entlastung, dass wir eine Eigentümerin gefunden haben, die die Interessen der Mieter:innen berücksichtigt», sagt Aleks Sekanić. Wir treffen sie und ihre Kolleg:innen von der Kraftfeld-Betriebsgruppe, Matthias Menzi und Paula Hsu, im gemütlichen Bistro Portier. Die Gartenbeiz am Eingang des Areals wird ebenfalls vom Kraftfeld betrieben. Das «Krafti» ist einer der vier wichtigsten Klubs der Stadt – nebst Albani, Salzhaus und Gaswerk, die sich mit dem Kraftfeld im Verein OnThur organisieren und unter anderem einen gemeinsamen Veranstaltungskalender führen.
Wie so oft, wenn es um Kulturinstitutionen geht, kommen wir bald auf das Thema Geld und Förderung zu sprechen. «In seiner Gründungszeit wurde das Kraftfeld ehrenamtlich betrieben. Inzwischen sind alle Mitarbeitenden entlöhnt», sagt Paula. Das Kraftfeld hat einen Eigenfinanzierungsgrad von fast 90 Prozent. Wie in anderen Klubs der Schweiz spüre man auch im Kraftfeld Veränderungen auf dem Musikmarkt sowie im Ausgehverhalten seit Corona. Junge kommen nur spärlich nach, das einstige Stammpublikum ist mit dem Klub gealtert – das Kraftfeld feiert 2026 seinen 30. Geburtstag.
Grosses Geld verdienen lässt sich mit dieser Ausgangslage nicht. 2024 half ein Crowdfunding, das postpandemische Finanzloch zu stopfen. Das Minimalziel von 60'000 Franken wurde fast ums Dreifache übertroffen – über 1’000 Personen und Institutionen spendeten dem Kraftfeld 177’000 Franken. Einen besseren Beleg für das kulturelle Selbstverständnis der Winterthurer:innen gibt es nicht.
Zur Sprache kommt auch die Kulturlobby, die als Verein organisiert ist und seit Jahren entscheidende Vernetzungsarbeit leistet. Über OnThur sind die Klubs in der Lobby vertreten und können so ihre spezifischen Anliegen in die Politik tragen. Noch immer gehen in Winterthur drei Viertel der städtischen Kulturausgaben an die grossen, etablierten Häuser: Kunstmuseum, Theater, Technorama, Musikkollegium. Den Rest des Kuchens teilen sich alle anderen.
Innerhalb der Kulturlobby, zu der auch die grossen Häuser zählen, pflegt man einen versöhnlichen Ton. Man will einander nichts wegnehmen. Aber mehr öffentliche Förderung der Kleinen könnte deren Leben entscheidend erleichtern. «Wenn man vor allem damit beschäftigt ist, ständig dem Geld hinterherzurennen, verliert man irgendwann die Freude an der kulturellen Arbeit», sagt Matthias.
Einen Katzensprung vom Portier entfernt, gleich neben dem Kraftfeld, steht das Cameo, das einzige Programmkino Winterthurs. Leiterin Liliane Hollinger empfängt uns. Auf der kleinen Veranda vor dem Eingang, wo in der Woche unseres Besuchs im Juni die Leinwand für die Openair-Vorstellungen steht, setzen wir uns auf Gartenstühle.
Liliane berichtet uns zuerst von der Geschichte des Cameo, das früher Filmfoyer hiess und 2015 von einer Handvoll Winterthurer Cineast:innen um den ehemaligen städtischen Jugendbeauftragten Rolf Heusser gegründet wurde. Von Beginn weg habe man immer auch etwas nach Osten geschielt: Zuerst war die Idee, in der benachbarten Halle 181 ein Mehrspartenhaus zu realisieren wie die Lokremise in St.Gallen, wo Theater, Kunst und Kino unter einem Dach vereint sind. Gebaut wurde das Cameo dann als Kinokiste unter ein bestehendes Industriedach.
In Winterthur macht man ähnliche Erfahrungen wie beim Kinok in St.Gallen: Während die grossen Cineplex-Kinos immer mehr Publikum an die Streamingdienste verlieren, läuft es in den kleineren, liebevoll kuratierten Programmkinos besser. «2025 hatten wir wieder einen neuen Zuschauer:innenrekord», berichtet Liliane. «Unser Programm ist nischig», erklärt sie. «Dokus laufen immer gut, vor allem, wenn sie einen Regionalbezug haben.»
Was sagt sie zum Zustand der «Kulturstadt» Winterthur? Kulturpolitisch mangle es manchmal am Visionären, die Sparpolitik des bürgerlich dominierten Stadtparlaments verhindere grosse Ideen, findet Liliane. Dennoch: Die alten Industriegebäude werden neu genutzt, das Sulzerareal gilt als gutes Beispiel. Und das Angebot stagniere nicht, es entstehe auch immer wieder Neues, zum Beispiel in Quartieren. Liliane verweist auf das Neuhegi-Quartier und den Campo, den aktuell zwischengenutzten und künftigen neuen Sitz der löblich engagierten, aber nicht immer unumstrittenen Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG).
Der knappe Zeitplan (und der allgemeine Appetit) verhindern eine weitere Vertiefung der Gespräche mit Liliane. Zum Abendessen gehen wir rüber zum Rosen-Döner, der letztes Jahr auf dem Sulzerareal eine Filiale eröffnen konnte. Die frisch gebackenen Taschenbrote dürfen hier nicht unerwähnt bleiben.
Gestärkt spazieren wir über die Wylandbrücke Richtung Salzhaus, hinter dem wir in einen Keller hinabsteigen. Die dritte Station unseres Wintibesuchs ist das Oxyd. Der freie Kunstraum ist 2019 von Wülflingen ins Zentrum gezogen. Am langen Holztisch, dem Markenzeichen des Oxyd, empfängt uns Gründer Andi Fritschi, Objekt- und Konzeptkünstler, heute zuständig fürs «Geschichtswissen» im Oxyd.
Er gehöre noch zur letzten Generation, die keinen Hochschulabschluss habe mitbringen müssen, um auszustellen. Vor etwa vierzig Jahren sei das «Kuratorentum» aufgekommen. Die Gründung der selbstorganisierten, später in Oxyd umgetauften Werkhalle am Bahnhof Wülflingen im Jahr 1992 war eine Reaktion darauf. «Mit Künstler:innen zusammen die Ausstellung am Tisch zu planen und zu diskutieren, ist etwas anderes, als wenn man das einfach einer Kuratorin oder einem Kurator überlässt.» Dem heutigen Kunstbetrieb attestiert Andi eine gewisse Spannungslosigkeit. «Die Leute wollen ums Verrecken ausstellen. Aber wer sich dafür verbiegt und seine künstlerische Freiheit verkauft, ist verloren.» Im Gespräch schwingt beim Alt-68er da und dort etwas Nostalgie mit. Dennoch habe er keine Mühe gehabt, die Leitung des Oxyd beim Umzug in jüngere Hände zu übergeben. Er betont: «Die Jungen erfinden ihre eigenständige, neue Oxyd-Geschichte.»
Wir hätten uns noch lange mit Andi über mangelnden Mut in der Kunstförderung, Verbindungen zur St.Galler Kunstszene oder die «Winterthurer Ereignisse» in den 1980er-Jahren unterhalten können. Auch hätte man gerne noch länger darüber gestritten, ob junge Künstler:innen heute überhaupt noch politisch sind. Doch wir müssen langsam zu einem Ende kommen. (Zudem ist die WM-Affiche Schweiz–Bosnien-Herzegowina bereits angepfiffen, was bei einer kleinen Minderheit in der Saiten- wie der Coucou-Fraktion leichte Nervosität auslöst.)
Was uns an Winti besonders aufgefallen ist, ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier kleine und grosse, private und öffentliche Initiativen zusammenfinden und damit ein sehr buntes, lebendiges Kulturleben schaffen. Eine grosse Rolle spielen dabei die vorhandenen Räume, hier im Besonderen, wie eingangs erwähnt, die architektonischen Überbleibsel der Industrialisierung.
Aber ohne das Engagement einer Vielzahl von Menschen kann selbst der schönsten Fabrikhalle kein neues Leben eingehaucht werden. Ähnliche Versuche gibt es hin und wieder auch in St.Gallen, aktuell etwa mit dem Pool im Osten der Stadt, wo sich die freie Tanz- und Theaterszene endlich ihren lang gehegten Wunsch nach einem eigenen Haus erfüllen will. Aber – wie so oft in St.Gallen – werden solche Projekte durch Einsprachen ausgebremst.
In Winterthur scheint generell ein kulturfreundlicherer Geist zu herrschen. Das beweist die stark vernetzte, nicht lärmende, dafür umso fundierter argumentierende Kulturlobby; das beweisen aber auch die Projekte der SKKG oder der Stiftung Abendrot, die gewillt sind, eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung mit dem nötigen Kleingeld zu unterfüttern. Von diesem Zusammenspiel kreativer Einzelleistungen und gross gedachtem Mäzenatentum würden wir uns in der Gallenstadt gerne eine dicke Scheibe abschneiden.
Drei Kulturmagazine haben sich zusammengetan, um sich über ihre Städte auszutauschen: Das Winterthurer «Coucou», das Luzerner «Null 41» und Saiten. Daraus ist eine Artikelserie entstanden, welche reihum die jeweiligen Kulturszenen und lokalen Besonderheiten untersucht und vergleicht. Saiten wurde von den Winterthurer:innen eingeladen, die Luzerner:innen haben St.Gallen besucht. Beide Artikel über die jeweils andere Stadt bilden diesen Schwerpunkt. Der Artikel der Winterthurer:innen über Luzern erscheint online.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Winterthur spart, Winterthur wählt und Winterthur diskutiert – über Kultur.
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.