Saisonstart mit purem Wahnsinn
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Woyzeck am Konzert und Theater St.Gallen: Die Katastrophe geschieht nicht unbeobachtet. (Bild: pd/Jos Schmid)
Ein Startschuss der Saison, der es in sich hat. Zwar nur mit Wasserpistolen, aber die Inszenierung von Georg Büchners «Dramenfragment» Woyzeck, das durch Büchners Tod infolge einer Typhuserkrankung nie vollendet werden konnte, ist nichts für schwache Nerven. So auch der Themenschwerpunkt des Schauspiel St.Gallens: Geschlechtsspezifische Gewalt. Eine prekäre und gewagte Eröffnung, die aber die stets gleiche und bitter notwendige Frage nach Opfer und Täter in unserer Gesellschaft stellt. In diesem Fall auch, um die Awareness, die Aufmerksamkeit, für die noch immer existierende Gewaltspirale gegenüber Frauen zu schärfen. Und die Zahl der gemeldeten Vorfälle steigt. Kein Wunder. Wird nicht noch immer mehr Geld für Schafe ausgegeben, als für den Schutz für Frauen?
Als sehr beliebtes und einflussreiches Drama auf den Bühnen Europas wird Büchners Woyzeck in St.Gallen aber nicht wie üblich als Eifersuchtsdrama, Proletariertragödie oder primär als politisches Theater im Klassenkampf reflektiert. Zwar ist der Text sehr nahe am Original gehalten, doch die Dramaturgie (Martin Bieri) und die trashigen Kostüme (Katja Strohschneider) entführen das Publikum in eine kalte, skurrile, toxische Welt, in der das Mord-Motiv einzig und alleine die fehlende individuelle Verantwortung bleibt.
Das Bühnenbild (Ralf Käselau) besteht hauptsächlich aus einem schwarzen industriellen Gerüst, ein Nachtclub als Showbühne, der im kalten Licht (Andreas Volk) mehr entfremdend, düster und käfigartig wirkt anstatt intim und vertraut – dabei passieren Femizide doch meist in den eigenen vier Wänden. Doch die äusseren Umstände werden abstrahiert. Die Eskalation männlicher Infamie und Nötigung von Frauen kann in allen Kontexten passieren. «Meine Herren…» wird im Stück immer wieder betont, es wird nicht (mehr) geschwiegen und der Produktion ist’s todernst.
Die Intensität der Szenen wird vor allem durch den elektrisierenden Sound und die lasziven Gesangsauftritte der Künstlerin Pollyester verstärkt. Wie ein unheilverheissendes Orakel taucht sie auf und schleicht über die Bühne.
Verdeutlicht wird die Eindringlichkeit des Stücks auch durch die Vervielfachung der Figur des Kindes von Marie und Woyzeck durch einen ganzen Kinderchor: Er kontrastiert in seiner unschuldigen Wirkung das verstrickte Verhalten der Erwachsenen. Die Leidtragenden sind eben nicht nur Frauen, sondern auch die jüngere Generation, die das alles mitbeobachtet.
Woyzeck (Manuel Herwig)steht am Abgrund, arm, abhängig, gedemütigt. (Bild: pd/Jos Schmid)
Marie (Tabitha Frehner) erahnt, was Woyzeck vor hat aber kann sich nicht mehr befreien. (Bild pd/Jos Schmid)
Das Dramenfragment hat zwar nur ungefähr 30 Seiten, aber das Schauspiel des gesamten Ensembles kreiert daraus eine Exegese des Sündhaften. Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Figuren erscheinen satirisch, kraftvoll, energetisch erregt, inbrünstig. Diana Dengler gleich im Multi-Role-Play (Frau Doctor/Käthe/Ausrufer/Gast). Ein Schock für die Sinne. Genauso wie Marie (Tabitha Frehner), die nicht eine zerbrechlich-schwache Erscheinung darstellt, sondern eine Powerfrau, eine Löwenmutter, zerrissen im Spannungsfeld ihrer Ehe mit Woyzeck (Manuel Herwig). Dieser spielt den armen Teufel, wirklich brillant. Als würde er sich selbst ein Loch in seine eigene Natur spielen. Es ist fast unerträglich zuzusehen, welcher Unterdrückung, Demütigung und psychischem Missbrauch er ausgesetzt wird. Es schaudert, all das in den leidenden, angsterfüllten Augen zu sehen. Doch Platz für Mitleid gibt’s kaum. Man hat Angst vor dem «bösen Mann». Schliesslich killt man niemanden, den man liebt. So trägt Woyzeck letztlich seine Behandlungsliege aus dem kalten Labor, wie Jesus sein Kreuz, auf dem Rücken und zerbricht physisch, aber auch psychisch ab der Last. Die Inszenierung scheut nicht davor, die dunklen Abgründe und Exzesse der menschlichen Natur aufzuzeigen und man ist dem bis zum Schluss ausgesetzt.
Letztendlich ist das Publikum der herbeigeführten Katastrophe wirklich einfach «nur» ausgesetzt. Ein ermächtigendes Statement oder Lösungsansätze für Frauen bleiben aus. So verhält es sich aber auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Die Inszenierung lässt keine Gnade walten und konfrontiert das Publikum schamlos und eindringlich mit dem Tragischen-Realen. Der teils aufkommende Wunsch nach einer kurzen Erlösung wird hingegen nicht erfüllt. Eine Pause hätte in diesem Fall vielleicht ein interessanter Bruch innerhalb des Stücks sowie eine kurze Verschnaufpause sein können, um trotz der bedrohlichen Zuspitzung bei einem Gläschen Champagner Trost und Hoffnung zu finden. Denn Gewalt ist ein Verhalten. Und das Verhalten kann man ändern, oder?
Auf der Bühne ist die (Selbst-)Zerstörung aber unausweichlich. Am Ende steht Marie wieder auf und das Stück endet so, wie es begann. Spielte sich der Mord also nur in einer der starken Wahnvorstellungen von Woyzeck ab? Oder ist er den Stimmen – trotz viel «Courage» – erlegen und hat die «Zickwolfin» tatsächlich kaltblütig getötet? Das zeigt die Inszenierung ebenfalls auf: Für viele scheint das Thema Femizid noch immer als unglaublich oder unbewusst in den Köpfen zu existieren. Doch jede zweite Woche ist es für eine Frau in der Schweiz bittere Realität. Viel Vergnügen kann also nur mit etwas schlechtem Gewissen gewünscht werden. Doch über eine Welt, in der elende Gewalt gegen Frauen existiert, kann und soll nun mal nicht hinweggespielt werden.
Woyzeck: 29. September, 3., 19., und 23. Oktober, 1. November, 6. Dezember und 3. Januar 2027, Konzert und Theater St.Gallen.konzertundtheater.ch
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