Soundtrack für den Herbst
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Ihre Stimmen sind meist gemeinsam im Vordergrund: Human Human. (Bilder: Alexandra Koch Devos)
Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit wird immer länger, die Sonne scheint goldener, die Luft ist kühler: Der Herbst ist da und mit ihm diese bittersüsse Melancholie, die sich wie ein Schleier über die Gefühle legt. Human Human liefern den passenden Soundtrack zu dieser Stimmung: Das St.Galler Duo hat vergangene Woche seine erste EP Fears and Confidence veröffentlicht. Darauf finden sich die drei zwischen Februar und Juni erschienenen Songs Inner Void, Crawl Into Illusions und Bitter Flowers, deren Instrumentalversionen sowie das neue Stück Unconditional Devotion als akustische Aufnahme. Und dieses Wochenende wird der Release mit einem Doppelkonzert im Bahnhof Bruggen gefeiert.
Die Indie-Pop-Songs von Human Human sind fragil, ja verletzlich, gleichzeitig wachsen sie dank der guten Produktion zu einer stattlichen Grösse an. Gitarren, analoge Synthesizer, Piano, elektronische Texturen und die teils wuchtigen Drums füllen den Raum – aber nur teilweise. Sie lassen den Stimmen viel Platz. Und das ist wichtig.
Ihre besondere Wirkung entfaltet die Musik vor allem durch den Doppelgesang von Fabio Glanzmann (Fraine) und Alex Gemperli (Tonic Vibes). Ihre Stimmen bilden einen wunderbaren Kontrast: Hier die tiefe, dunkle Stimme von Glanzmann, die wie Wärme aus der Musik herauszufliessen scheint. Da Gemperlis hohe, fast sphärische Stimme, die den Songs Helligkeit gibt, als würde die Herbstsonne auf sie scheinen. Und dazwischen die Instrumente, die auf elegante Weise beide Stimmen miteinander verbinden. Dabei wechseln sich die beiden beim Singen nicht ab, sondern singen – zumindest auf den drei «Hauptsongs» Inner Void, Crawl Into Illusions und Bitter Flowers – alles gemeinsam.
Das Zusammenspiel ihrer Stimmen ist einnehmend. Sie folgen der gleichen Melodie. Mal liegen sie oktavisch übereinander, mal erlauben sie sich kleine Abweichungen, wodurch der Effekt einer «Stimme mit Schatten» entsteht und man plötzlich nicht mehr genau weiss, ob man eine Stimme oder zwei Stimmen hört.
Der Beginn von Human Human reicht bis Mitte 2023 zurück. Fabio Glanzmann hat damals gerade seinen Job gekündigt. Dadurch hat der Multimediaproduzent viel Zeit, neue Songs zu schreiben. Songs, die nicht für Fraine gedacht sind. Seine 2009 gegründete Band hat erst gerade Ende 2022 ihr zweites Album The Art Of Escapism veröffentlicht. Er will in erster Linie «aus dem Fraine-Kosmos ausbrechen» und eine andere Art des Songwritings ausprobieren. «In der Band hatten wir die Songs immer zusammen entwickelt. Ich wollte herausfinden, wie es läuft, wenn ich alles von Grund auf allein mache», erzählt er. So entstehen seine ersten eigenen Stücke – ohne eine genaue Vorstellung davon, was aus ihnen werden soll.
Kurze Zeit später kommt Alex Gemperli, die er über den Fraine-Gitarristen Andreas Heuscher kennt, auf ihn zu. «Sie meinte, sie würde gerne ausprobieren, wie unsere zwei Stimmen miteinander funktionieren.» Gemeinsam versuchen sich Glanzmann und Gemperli an seinen Songs. «Es hat sofort gematcht», so der 37-Jährige.
Für die Vorproduktion hatte Glanzmann alle Instrumente bis auf die Drums selber eingespielt. Doch inzwischen steckt hinter Human Human eine ganze Band: Nicola Holenstein (Keys/Synths, u.a. We Are Ava), Johannes Gruber (Bass, u.a. Rapture Boy), Lena Rhyner (Gitarre) und Fabios Bruder Mirco, der ebenfalls bei Fraine spielt, am Schlagzeug. Denn die Songs von Human Human sollen möglichst «menschlich» sein. «Die Musik klang schon in der Vorproduktion sehr ‹bandig›. Deshalb war für uns klar, dass wir nicht Samples verwenden oder die Instrumente ab Konserve hinzufügen, sondern sie live einspielen wollen», sagt Glanzmann.
Am kreativen Prozess sind die anderen Bandmitglieder jedoch nicht beteiligt. «Das Songwriting, die Instrumentierung und die Arrangements mache ich grösstenteils selber. Auf diesem ‹Unterbau› kümmern Alex und ich uns dann gemeinsam um den Feinschliff beim Gesang: die Melodieführung, die Phrasierung und die Stimmarrangements.» Sie hätten auch versucht, von Grund auf zusammen Songs zu schreiben, aber das habe nicht funktioniert.
Fabio Glanzmann und Alex Gemperli machen seit 2023 als Human Human zusammen Musik.
Anders ist es bei den Texten, die – wie es der Albumtitel schon sagt – von Ängsten und Zuversicht handeln: Zwar liefert Fabio Glanzmann auch hierzu den Grundstoff, doch dann entsteht innerhalb eines Songs eine Art Dialog zwischen ihm und Alex Gemperli: Er schreibt die erste Strophe, sie geht in der zweiten mit einem eigenen Zugang darauf ein. Da er nicht besonders extrovertiert sei, sei Musikmachen für ihn ein Ventil, um sein Inneres nach aussen zu tragen – und die Songs werden so zu einem Kommunikationskanal zwischen den beiden Musiker:innen. «Alex sagte kürzlich, für sie sei es schön, über die Lyrics einen anderen Zugang zu mir zu bekommen.»
Aber warum gleich zwei Konzerte bei einer EP mit vier Stücken? «Wir haben natürlich mehr Songs auf Lager», sagt Glanzmann mit einem Lachen. Jeweils zehn Tracks gibt es an den beiden Abenden zu hören. Was aber gleich zur nächsten Frage führt: Wenn so viele Songs da sind, warum erscheint «nur» eine EP und nicht gleich ein richtiges Album? Das habe zum einen finanzielle Gründe, sagt Glanzmann. Im Studio aufgenommen hat die Band nur die drei bisher veröffentlichten Tracks. Es bräuchte also nochmal mindestens eine Session, um mehr Material einzuspielen. Zum anderen wolle er das Material – auch das bisher unveröffentlichte – jetzt erstmal live ausprobieren. Denn in der Bandbesetzung haben Human Human noch nie live gespielt.
Dass sie gleich an zwei Abenden nacheinander im Bahnhof Bruggen auftreten, habe damit zu tun, dass es im dortigen Konzertraum mit einer sechsköpfigen Band schnell etwas eng werde. «Wenn wir alle jeweils zehn Freund:innen ans Konzert bringen, ist der Saal schon fast voll. Es wäre schade, wenn es am Ende zu wenig Platz für andere Besucher:innen hätte, die uns gerne sehen wollen.» Also nichts wie hin und sich von der Musik in den Herbst tragen lassen!
Human Human – Fears and Confidence: erschienen am 18. September auf den gängigen Streamingplattformen. Live: Freitag, 25. September, und Samstag, 26. September, jeweils 20 Uhr, Bahnhof Bruggen, St.Gallen; am Freitag Afterparty mit Poly FM. itshumanhuman.com
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