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Im Dunstkreis zu Hause

Was in einer Wittenbacher Waschküche begann, hat abseits der grossen Bühnen seinen festen Platz in der St.Galler Musikszene eingenommen. Am Samstag feiert die Band Fraine ihr zehnjähriges Bestehen in der Grabenhalle. Von Sandro Büchler
Von  Gastbeitrag
Fraine, das sind: Andreas Heuscher, Christian Huber, Fabio Glanzmann, Mirco Glanzmann und Peer Füglistaller. (Bild: pd)

Fabio Glanzmann hat sich gerade leicht den Mund am heissen Kaffee verbrannt. Der Sänger der Band Fraine steht zusammen mit seinen vier Kameraden im Proberaum tief unter der St.Galler Innenstadt. Es ist kurz nach Mittag, an einem garstigen Samstag. Glanzmann nimmt vorsichtig einen zweiten Schluck, dann beginnt sein Bruder Mirco am Schlagzeug einen sanften Takt.

10 Jahre Fraine: 21. Dezember,
21 Uhr, Grabenhalle, St.Gallen. Support: Mel.

fraine.ch

Christian Huber spielt einen Pianoteppich ein, Peer Füglistaller fügt Synthieklänge hinzu, Andreas Heuscher bewusst gesetzte Gitarrenakkorde. Mit der Stimme von Fabio Glanzmann verwebt sich die Musik zu einem harmonischen Song. Er heisst «Stay» und wird am Samstag erstmals auf der Bühne der Grabenhalle zu hören sein. Denn Fraine feiern da ihr zehnjähriges Bestehen als Band. Dass es überhaupt dazu kommt, war lange nicht klar.

Ein leises Flüstern in Zeiten des Lärms

Gibt es euch noch? «Das haben uns im vergangenen Jahr viele gefragt», sagt Christian. «Ja, wir sind noch da. Uns gibt es seit zehn Jahren.» Im Grunde genommen ist Fraine eine unauffällige Band, ihre Musiker geben sich zurückhaltend. Das sagen sie selbst in ihrer Bandbiographie: «Fraine war nie der Schrei nach Aufmerksamkeit.» Den Zeiten des Lärms und der Selbstinszenierung wollen die fünf Musiker – alle zwischen 28 und 31 Jahren alt – «mit einem leisen, aber pointierten Flüstern entgegentreten und damit wahrgenommen werden».

Mit ihrer selbstbetitelten «Semipopulärmusik» – im grossen Becken zwischen Pop und Alternative – haben sich die St.Galler zwar einen Namen in der Ostschweizer Musikszene gemacht. Doch zuoberst auf den Plakaten stand der Bandname nicht allzu oft. Auffällig häufig spielte Fraine als Vorband. Anfangs für die Kollegen von «Bright», später beispielsweise für «Yes I’m Very Tired Now» oder vor drei Jahren am Kulturfestival für die US-amerikanische Band «Other Lives» – eines der grossen musikalischen Vorbilder von Fraine. «Wir mögen Supportshows, weil wir oftmals vor einem Publikum stehen, das nicht wegen uns gekommen ist», sagt Sänger Fabio. «So können wir die Leute umso mehr überraschen.»

Fraine am Kulturfestival 2016. (Bild: pd)

Mirco lehnt sich vor auf dem Sofa im Proberaum. «Aber wir können auch Hauptact sein», wendet er ein. Doch die Beobachtung sei schon richtig. Sie hätten keine Showelemente, bei ihnen sei keine Ekstase auf der Bühne. Weil es nicht zu ihnen als Band passe. «Wir sind nicht die grössten Entertainer», sagt der 29-Jährige.

Sind sie von anderen Bands wie Dachs oder Panda Lux überholt worden, die etwa zur gleichen Zeit wie Fraine zu musizieren begonnen haben? «Bei ihnen ist einfach mehr passiert als bei uns», sagt Mirco. Zweifelsohne seien andere Bands erfolgreicher, hätten einen höheren Bekanntheitsgrad. «Wir sind nicht so richtig aus dem Dunst herausgekommen, sind quasi im Dunstkreis der Ostschweiz steckengeblieben», sagt Fabio schliesslich.

Bei den Eltern zitterten die Gläser

Begonnen hat alles im Frühling 2009 mit einer SMS. Fabio fragt Christian, ob er Lust habe, mit ihm zusammen eine Band zu gründen. Die beiden kennen sich von der Schulzeit. Peer wird auch von Fabio ins Boot geholt. Sein Bruder Mirco ist ohnehin von Beginn weg dabei. Fraine ist gegründet. Die ersten Jahre probt das damalige Quartett in Wittenbach – in der Waschküche des Hauses, in der Familie Glanzmann wohnt. «Es war schnell keine Waschküche mehr, sondern ein Bandraum», sagt Christian. Mit Eierkartons an den Wänden, Bier im Kühlschrank – und trotz ruhiger Musik mit viel Lärm verbunden.

Sie proben meist am Freitagabend von 20 Uhr bis tief in die Nacht. «Eigentlich total rücksichtslose Zeiten gegenüber den Eltern. Wir mussten ihnen furchtbar auf die Nerven gegangen sein», meint Fabio rückblickend. Sie hätten manchmal so viel Krach gemacht, dass in den oberen Stockwerken die Gläser vibrierten. «Doch als wir auszogen – in unseren jetzigen Proberaum – wurden wir von zahlreichen Nachbarn gefragt, ob wir aufgehört haben, Musik zu machen.» Offenbar hätten sie ihre Musik vermisst.

Mit der E-Gitarre werden die Songs plötzlich länger

Fraine sind über die Jahre gewachsen. Einerseits stiess Anfang 2016 mit Andreas Heuscher das fünfte Mitglied zur Band. «Wir fanden, es wäre cool, einen zweiten Gitarristen zu haben», sagt Fabio Glanzmann. Mit Andreas habe Fraine den letzten Entwicklungsschritt durchgemacht.

Andererseits ist die Band aber auch punkto Equipment gewachsen. «Wir haben praktisch mit Nichts angefangen», sagt Fabio. Die ersten drei Jahre habe er nur eine akustische Gitarre gehabt. Als dann 2012 die erste E-Gitarre dazukam, habe sich auch der Sound verändert. Rückblickend sei deshalb das 2013 erschienene Album The Lines We Follow wie ein Schlussstrich unter den akustischen Pop von damals. «Ab da hat sich vieles verändert.»
Weg von Pop-Hooks und dreieinhalb Minuten Songs, hin zu einer «alternativen Form von Band-Pop», wie es der 31-jährige Sänger umschreibt. «Unsere Songs sind deutlich länger geworden», sagt Keyboarder Christian Huber.

«Wir hatten das Bedürfnis nach neuen Soundkulissen», sagt Peer Füglistaller, der nicht nur Synthesizer, sondern auch Bass spielt. Um diese Klanglandschaften erzeugen zu können, kommt über die Jahre nach und nach mehr Equipment zusammen. «Doch jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir alles beisammen haben und damit arbeiten können – mehr brauchen wir nicht», so der 28-Jährige. Die fünf Musiker wundern sich hin und wieder über den Materialismus anderer Bands. Er staune oft, mit welcher Fülle an Geräten und Instrumenten junge Bands heute zu Werke gehen würden, sagt Christian. «Bei unserer ersten Teilnahme am bandXost hatte unser ganzes Equipment noch auf einem Quadratmeter Platz.»

Eine Tour durch Russland verleiht der Band Schub

Ein wichtiges Kapitel in der Bandgeschichte von Fraine nahm seinen Anfang im Sommer 2017 mit einer E-Mail. Darin fragte eine russische Bookingagentur, ob Fraine eine Tournee durch Russland machen wollen. «Ich wollte die Nachricht schon in den Spam-Ordner verschieben», gibt Fabio zu. Schliesslich spielen Fraine im April 2018 in Russland zehn Konzerte in zwölf Tagen. Christian erzählt von einem Auftritt in einer Uni: «Da standen über 150 Leute vor der Bühne, zwischen 17 und 23. Und alle konnten unsere Texte mitsingen.» Die Band aus der Schweiz sei für die Studenten eine Projektion ihrer Träume gewesen. «Wir hatten es raus aus unserer Stadt in die grosse weite Welt geschafft. Das Publikum hat wohl geglaubt, wir seien mega berühmt», sagt der 30-Jährige.

Schon nach der zweiten Show sind all ihre mitgebrachten CDs weg. «Wir hätten noch mehr verkaufen können», sagt Christian. Doch nicht nur das. Es sei ganz klar eine prägende Zeit für die Band gewesen. Wer weiss, ob es Fraine ohne die skurrile Russland-Tour heute noch gäbe.

Doch in Russland hätten sie auch etwas gehabt, was ihnen in der Schweiz stets fehlte. Nämlich einen Manager, der sich um die Vermarktung kümmerte. «Er hatte uns schon vor der Tour bekannt gemacht, unser Zeug unter die Leute gebracht», sagt Fabio. «Denn wir sind nicht die geborenen Verkäufer.» Klar, sie hätten es mit Agenturen in der Schweiz versucht. Doch mit mässigem Erfolg. Mit ihrer Liebe zu etwas schwerfälliger, melancholischer und dichter Musik, wie Christian es ausdrückt, seien sie nicht in den Vordergrund getreten. «Inzwischen haben wir schon fast eine Abneigung gegenüber dem schnelllebigen Musikbusiness und all dem gehypten Zeug.» Darauf wollen sie sich nicht mehr einlassen. Und Peer ergänzt: «Wir wüssten eigentlich, was es braucht, um Songs zu schreiben, die dann vielleicht erfolgreich wären.» Es sind solche Sätze, die Fraine perfekt beschreiben.

Die Freundschaft ist gar wichtiger als die Musik

Die Bandmitglieder haben gelernt, sich selbst zu behaupten. Vieles machen sie eigenhändig: Vom Artwork, über die Plakate bis hin zu den Videoclips. Sie seien eine relativ fleissige und zielstrebige Band – manchmal sei der Schaffensprozess etwas träge. Vieles entstehe im Bandraum, wenn alle fünf zusammen seien und gemeinsam jammen. Hin und wieder werde drei Stunden an einem Übergang gefeilt. «Da wir sehr konsensorientiert sind, müssen wir immer alles ausdiskutieren», sagt Christian. 60 Prozent der Zeit würden sie mit Diskussionen verbringen. Musik als Verhandlungssache eben.

Fraine im Proberau. (Bild: Sandro Büchler)

Was hält die Band zusammen? «Es ist die Freundschaft zueinander, die sich in den vergangenen zehn Jahren enorm vertieft hat. Fast schon wie eine Beziehung», sagt Christian. Die Freundschaften seien zudem bedeutend konstanter als ihr musikalisches Schaffen, ergänzt Fabio. So sind die fünf Musiker häufig zusammen unterwegs, besuchen gemeinsam Konzerte. «Es gab Zeiten, in denen das Konstrukt Fraine mehrheitlich ausserhalb des Bandraums stattgefunden hat.» Und Andreas Heuscher, der Gitarrist, der 2016 zur Band stiess, sagt: «Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht mit ihnen zusammen Musik machen könnte.»

Im Gespräch wird deutlich, wie sehr sich Fraine über ihr Gemeinschaftsgefühl definieren. Ein Gefühl, das schwierig in Worte zu fassen ist. Es hängt aber auch mit St.Gallen zusammen. «Da die Stadt verhältnismässig klein ist, bekommt man schnell Resonanz. Das Netzwerk hier ist ein grosser Vorteil», sagt Peer. Christian ergänzt: «Früher wollten wir raus aus St.Gallen, jetzt ist es schön, ein Teil der Szene zu sein.» Und so fühlt sich Fraine wohl im Dunstkreis. Es ist ihr zu Hause.

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