Beim Wort Disorder (Deutsch: Unordnung, Chaos) beginnen in meinem Kopf mehrere Ohrwürmer zu drehen: So gehört der düster-holprige Basslauf im Joy-Division-Song Disorder zu den bekannteren der Popgeschichte. Und System of a Down fragte in ihrem 2001-er Hit Toxicity wütend: «How do you own disorder, disorder, disoooooorder?!»
Eine ähnlich breite Spanne an Musikstilen (von Joy Divisions Post-Punk bis zu System of a Downs Alternative-Metal) und darüber hinaus darf man auch am zweitägigen Disorder Bandraumfestival dieses Wochenende in St.Gallen erwarten; meine liebgewonnene, dritte musikalische Assoziation in Sachen Disorder.
Das schräge Bandraumfestival geht bereits in sein viertes Jahr und ist Musikern und Musikfreunden mittlerweile ein Begriff. «Die Unordnung bleibt trotzdem Programm», sagt Thiemo Legatis vom Festival-OK, der selber als Drummer von All Ship Shape in der St.Galler Musikszene seit Jahren aktiv ist. Bis am 10. September hatten sich denn auch viele Bands angemeldet, die zum ersten Mal am Disorder spielen werden. «Das Disorder bietet gerade auch jungen Bands Raum, etwas auszuprobieren», sagt Legatis dazu.
Monsterjam bis Geigensolo
Die Bedingungen der Organisatoren sind einfach: Die Bands laden zu Konzerten in ihre Proberäume ein, die sich auf Stadtsanktgaller Boden befinden müssen. Eintritt dürfen die Musiker nicht verlangen, nach den Konzerten kann aber ein Hut rumgereicht werden.
Gut besucht letztes Jahr: Elio Riccas Revier. (Bild: Skiba Shapiro)
Die Organisatoren wünschen sich explizit, dass die Musiker das klassische Konzertformat frei interpretieren: «Experimente waren immer ein wichtiger Teil des Disorder», sagt Legatis. So gab es bereits Kopfhörer-Konzerte, Jamsessions in Garagen und Bands, die ihre Zuhörer auf der Strasse aus dem ersten Stock eines Hauses bespielten. Oder wie es auf der Disorder-Website heisst: «Von Monsterjam bis Geigensolo, die Beteiligten entscheiden selbst, was angeboten wird.»
Disorder Bandraumfestival: 29. und 30. September, u.a. mit den Üblichen Verdächtigen, Karluk, Café Deseado, Gerry Pikali, Kolours, Avalanche Prey.
Die Stilbandbreite der bislang angemeldeten Bands bietet schon mal für (fast) alle Geschmäcker etwas: Ausufernder Post-Rock von Karluk, World Music mit einem Hauch Tango vom Café Deseado, rotziger Sanggaller-Rap von den Üblichen Verdächtigen, nochmals Post-Rock (davon bekommt man eh nie genug) von Kolours, Grunge von Avalanche Prey aus dem Gastkanton Appenzell Ausserrhoden, Songwriting von Gerry Pikali und klug-driftiger Pop von Fraine.
Die Bands werden sich während des Festivals an ein Timetable halten, allerdings nicht sklavisch. Die Idee der Organisatoren ist aber, dass man durchaus die Gelegenheit hat, mehrere Bands an einem Tag und Abend zu sehen. «Das dürfte in einer Stadt wie St.Gallen mit ihren kurzen Wegen kein Problem sein», sagt Legatis.
Dafür, dass man auf diesen Wegen nicht verdurstet, sind sowohl Bands als auch das OK besorgt: Bei einigen Bands gabs während früheren Festivals günstiges Bier aus dem Bandkühlschrank, letztes Jahr war das OK mit einem Cargo-Velo voller Bier unterwegs. Ob dieses wieder im Einsatz sein wird, ist aber noch offen.
Szenegrenzen überschreiten
Sowieso gehört auch das Unterwegssein und Entdecken zum Festival. «Es geht auch darum, neue Orte zu sehen und Szenegrenzen zu überschreiten», sagt Legatis. Zu oft sei man als Musiker oder Musikfreund nur in seiner eigenen Welt aus Gleichgesinnten unterwegs. Das Disorder soll darum den Austausch fördern und die Musikszene in St.Gallen und darüber hinaus vernetzen.
Das Disorder will niederschwellig für alle sein. «Es ist und soll kein Insideranlass für Musiker sein», sagt Legatis. Derzeit geistern bei den ehrenamtlichen Festivalorganisatoren Ideen herum, wie man das Disorder im Vorfeld einem breiteren Publikum präsentieren könnte. Eine Idee ist, dass Bilder aus dem relativ umfangreichen, aber – wer hätte es gedacht – auch ungeordneten Fotoarchiv des Festivals in analoger Form ausgestellt werden.
Für aktuellste Infos dazu sowie das diesjährige Line-Up (im Schnitt spielten gut 15 Bands oder Musiker pro Festival) sei auf disorder.ch verwiesen. Oder man nimmt sich den Namen des Festivals zu Herzen und lässt sich am besagten Abend einfach treiben.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.