Gut gereist? Fröhlich durch den Stau gekommen? Zufrieden mit dem neuen E-Bike? Mit solchen Fragen könnte man anfangen. Oder mit einem rasenden Blick in die Schlagzeilen der letzten Tage: Schienenverkehr bei Rastatt blockiert. O-Bikes überschwemmen die Schweiz. Dieselbetrug. Dichtestress. Selbstfahrende Busse. Terroranschlag mit Lieferwagen …
Oder doch hiermit? Am Sommerferienende fahren wir aus Italien zurück, es ist ein Prachtssonntag und alles unterwegs, was Räder hat. Kolonnenfahren am Lago Maggiore, heiter trotz leicht schlechtem Gewissen, dann kurz vor der Schweizergrenze Stau. Ambulanz und Carabinieri heulen vorbei, schliesslich die schreckliche Gewissheit: Ein Töfffahrer ist auf der kurvenreichen Strasse tödlich verunglückt, vielleicht der, der uns eben halsbrecherisch überholt hat. Wenden, zurück, den Fuss immer an der Bremse, stockend Wörter suchen über den Wahnsinn der Freizeit-Mobilität, zu dem wir gerade unseren Teil beitragen.
Die grenzenlose Bewegungsfreiheit ist ein ungeheures Privileg und mutmasslich der entscheidende Grund für die Attraktivität des nicht umsonst so bezeichneten «motorisierten Individualverkehrs». Einerseits. Andrerseits könnte es sein, dass wir gerade an einer Wende stehen. Das Auto wird zum Problemfall und zur Bedrohung, nicht bloss als Waffe von Terroristen oder am Lago Maggiore, sondern auch in den ausfransenden Siedlungsräumen, an den notorischen Staustellen, als Platzfresser in den Städten.
Für dieses Heft kurvt Saiten von verschiedenen Seiten an das Thema heran. Der Soziologe Stefan Paulus denkt über die kapitalistische Logik der Mobilität und situationistische Fluchtwege nach. Schriftsteller Christoph Keller liest dem Mobilmenschen aus Rollstuhlperspektive die Leviten. Hanspeter Guggenbühl erklärt die paradoxe (Miss-)Erfolgsgeschichte des Velos. Claudio Bucher beamt sich in die smarte Verkehrszukunft. Und dann wird es konkret: Was sind die Baustellen in der Agglo? Wann kommt der flächendeckende Nacht-öV? Wie sieht der maximal mobile Rollstuhl aus? Schliesslich: Das Zehn-Punkte-Programm zur mobilen Zukunft von St.Gallen und Umgebung, mal konkret und mal visionär. Illustriert hat es Dario Forlin. Die Fotostrecke zum Titel stammt von Sebastian Stadler und zeigt das Auto dort, wo es noch unangefochtenes Statussymbol ist.
Kaum zufällig gibt es allerhand «Mobility» auch sonst im Heft – das Interview zur bedrohten Velowerkstatt, den Bericht von Ruth Wili über ihre mehrmonatige Fussreise oder Überlegungen zum Stand der Fahrenden. Im September ist Mobilitätsmarkt, die Toggenburger Kunstszene beschäftigt sich mit dem Thema unter dem Ausstellungstitel «Weiter», und die sogenannte Mobilitätsinitiative will die nachhaltige Verkehrsentwicklung aushebeln und dem Auto in der Stadt St.Gallen wieder mehr Platz geben. In unserem Zehn-Punkte-Programm kommt sie nicht vor.
Ausserdem im Heft: Stadtratswahl. Medienpolitik. Freies Theater. Und Kühe.
Peter Surber
Reaktionen/Positionen
Blickwinkel von huber.huberStadtpunkt von Dani FelsStimmrecht von Gülistan AslanRedeplatz mit Hansueli SalzmannHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel Müller
Es geht!Plädoyer für den Langsamverkehr. Samt Härtetest.von Peter Surber
Das Velo ist produktiv – zu produktivEin Rückblick auf die Entwicklung der Mobilität.von Hanspeter Guggenbühl
Im Conveniant Work Force CarEin Erfahrungsbericht aus der Zukunft.von Claudio Bucher
Paradoxien der MobilitätWie Beschleunigung zum Stillstand führt.von Stefan Paulus
Staying Put: The New MobilitySt.Gallen, die Hauptstadt der Pflastersteinrampen.von Christoph Keller
Der ReagiroReto Togni hat den Rollstuhl neu gedacht.von Frédéric Zwicker
Willkommen im Nachtzug.Der Grossstadt Schweiz fehlt ein tauglicher Nacht-öV.von Philip Bürkler
«Das Mobilitätssystem ist verzerrt»Mister Aggloprogramm Rolf Geiger im Gespräch.von Peter Surber
Das Zehn-Punkte-Programm zur MobilitätKonkretes und Visionen für einen St.Galler Verkehr mit Zukunft.von René Hornung, Corinne Riedener und Peter Surber
Die Bilder zum Titelthema stammen von Sebastian Stadler, die Illustrationen im Zehn-Punkte-Programm von Dario Forlin.
Flaschenpost aus Užice von Ruth Wili
St.Galler StadtratswahlUnterwegs mit Ingrid Jacober, Andri Bösch und Sonja Lüthi.von Nina Rudnicki, Corinne Riedener und Andreas Kneubühler
Medien mit ZukunftGierige Verleger, Blochers Gratisblätter und ein neuer Verband.von Corinne Riedner
300 Jahre FreimaurereiDie drei St.Galler Logen laden zum Tag der offenen Tür.Concordia, Humanitas in Libertate und Bauplan
«Orte der Roma und Sinti» im Vorarlberg-Museumvon Michael Felix Grieder
Strapazin: heterogene Peergroupvon Frédéric Zwicker
Die Freien machen Theater – ein Rundgang mit Fragen.von Peter Surber
Trading Paradise: der neue Dokfilm zur Rohstoffindustrievon Corinne Riedener
Demokratische Momente: Band 1 der Liechtensteiner Buchreihevon Kurt Bracharz
Moorgesang und Techno im Schopfvon Peter Surber
Disorder-Festival: Raum für Experimentevon Urs-Peter Zwingli
Mobil im Toggenburgvon Peter Surber
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.