Strassenkunst als Entschleunigung
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Daiana Lou treten dieses Wochenende mehrmals am Strassenkunstfestival Aufgetischt in der St.Galler Innenstadt auf. (Bild: pd)
Ob «im Regen, bei Sonne, wenns kalt ist oder auch warm», wie es auf der Website heisst: Von Freitag bis Sonntag verwandelt das Aufgetischt-Festival die St.Galler Innenstadt in eine grosse Bühne für Strassenkunst. Das Wetter dürfte bei der diesjährigen 13. Ausgabe etwas launisch sein. Dennoch bringen die 41 Acts beziehungsweise rund 100 Künstler:innen mit der ganzen Vielfalt an Darbietungen, Energie und guter Stimmung einen besonderen Zauber in die Stadt.
Der Eintritt zum Aufgetischt-Festival ist kostenlos, die Veranstalter:innen empfehlen jedoch, einen Armbänder zu kaufen. Es gehört aber zum guten Ton, durch den Kauf des Festivalarmbands den Verein Aufgetischt finanziell zu unterstützen. Dazu bekommt man auch ein Programmheft mit den genauen Zeitplan der auftretenden Künstler:innen. Diese sind ihrerseits ebenfalls auf die Unterstützung des Publikums angewiesen. Mit dem sogenannten Hutgeld können Besucher:innen direkt zeigen, wann ihnen eine Aufführung gefallen hat – und sichern damit die Gage der Acts. Das Festival übernimmt Unterkunft und Verpflegung der Künstler:innen. Nur wenn alle mitmachen, lässt sich ein so schönes Festival mit einem hochwertigen Programm langfristig sichern.
An insgesamt 26 Spielorten gibt es mehr als 400 Konzerte und Shows. Von skurrilem Humor und poetischem Theater über faszinierende Magie und beeindruckende Artistik bis zu treibenden Balkanklängen, Singer-Songwriter-Musik und Electro-Beats – hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung. Genau diese Spontaneität macht den besonderen Reiz des Festivals aus.
Gespannt auf St.Gallen ist Daiana Mingarelli. Die in Berlin lebende Italienerin bildet mit ihrem Partner Luca Pignalberi das Duo Daiana Lou. Am Aufgetischt treten sie gleich mehrfach auf. Circa 2014 haben die beiden angefangen, in den Strassen ihrer Heimatstadt Rom zu musizieren und Passant:innen zu unterhalten. Spontan, ohne Erfahrung und mit einfachem Equipment. Der allererste Auftritt ist Mingarelli noch heute stark in Erinnerung: «Eine Frau kam zu uns und sagte: ‹Ihr solltet euren Koffer näher bei euch platzieren, da ist so viel Geld drin.› Das hat unser Leben verändert.» Nach diesem Erlebnis seien sie vorsichtiger geworden.
Das sogenannte Hutgeld, welches das Publikum nach eigenem Ermessen entrichtet, ist für Strassenmusiker:innen oft die einzige finanzielle Einnahmequelle, aber längst nicht die einzige Form der Anerkennung aus dem Publikum, sagt Mingarelli, die als Sängerin eine erstaunlich wandelbare Stimme hat. Der Sound von Daiana Lou bewegt sich zwischen Indie-Folk, Alternative-Pop und klassischem Singer-Songwriter-Sound – mal ruhig und verletzlich, mal treibend und impulsiv.
«Das Schönste beim Busking auf den Strassen und in den Gassen ist die Möglichkeit, durch die Menge hindurchzugehen, den Menschen in die Augen zu schauen und direkt mit ihnen in Kontakt zu treten», sagt Mingarelli. Früher hätten die beiden vor allem in Bands gespielt. Auf einer grossen Bühne sei zwar der Sound besser, die Verbindung und die körperliche Nähe zum Publikum seien hingegen weniger intensiv.
Strassenkunst – also Busking – funktioniere anders als klassische Bühnenkunst. Die Menschen kommen nicht wegen eines reservierten Sitzplatzes oder eines gross angekündigten Konzerts – die Künstler:innen müssen ihre Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum erst gewinnen. «Die Leute sind nicht wegen dir dort», sagt Mingarelli. Gerade deshalb sei es etwas Besonderes, wenn Menschen plötzlich stehen bleiben, zuhören und sich berühren lassen.
Strassenmusik habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Früher seien die Leute oft schon nach einem Song eingestiegen und hätten sich auf die Musik eingelassen, heute brauche es häufig drei oder vier Songs. Gewandelt habe sich auch die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums: «Heutzutage sind Menschen von so vielen Dingen abgelenkt.» Mehr als eine Minute Aufmerksamkeit zu bekommen, sei schwierig – auch wegen Social Media, der ständigen Nachrichtenflut und all der Tragödien, die täglich auf die Menschen einprasseln, vermutet Mingarelli.
Das Aufgetischt-Festival bietet ein buntes Programm für Gross und Klein. (Bild: Sandro Reichmuth)
Gerade deshalb wirke die Strassenkunst heute fast entschleunigend. Für einen kurzen Moment entstünden mitten im Alltag Begegnungen, die ungeplant und ungefiltert seien. Dennoch sei es eine Herausforderung, in der Geräuschkulisse einer Stadt nicht unterzugehen. «Autos, andere Musik und Lärm gibt es überall. Die Mission besteht darin, die Menschen mit einem ruhigen Lied zum Innehalten zu bringen.»
Vor allem in Einkaufsstrassen, wo Passant:innen nur zufällig vorbeigehen, sei diese Herausforderung besonders gross – auch weil Daiana Lou lediglich mit Stimme und Gitarre auftreten. Zwei akustische Elemente, die in Innenstädten leicht von anderen Geräuschen übertönt werden können.
Das Duo ist auch privat ein Paar. «Das ist nicht immer einfach», gibt Mingarelli zu. Beim Songwriting hätten die beiden teilweise völlig unterschiedliche Herangehensweisen. «Eine Idee in einen Song zu verwandeln, ist manchmal schwierig.» Kreative Differenzen gehören bei einem Paar, das ständig zusammen unterwegs sei, zwangsläufig dazu. «Nach einigen Zärtlichkeiten ist das Problem meistens gelöst», sagt Mingarelli lachend.
Strassenkunst bedeutet auch Unsicherheit. Das Publikum wechselt ständig, das Wetter spielt nicht immer mit und «manchmal begegnet man auch schwierigen oder verrückten Menschen». Trotzdem sei die Strasse der perfekte Ort, um zu musizieren.
Manche Begegnungen bleiben dabei lange in Erinnerung. Nach einem Auftritt habe ihr eine Frau einmal erzählt, dass ihre Mutter kurz zuvor verstorben sei. Die Frau sei dankbar gewesen, zufällig dieses Konzert erlebt zu haben. «Es fühlte sich für sie an wie eine Privataufführung, nur für sie ganz alleine.»
Daiana Mingarelli und Luca Pignalberi alias Daiana Lou haben in St.Gallen einen vollen Terminkalender. Am Freitag spielen die beiden zwei Konzerte, eines draussen, eines drinnen, am Samstag stehen vier Auftritte auf dem Programm und am Sonntag nochmals drei Shows in den Gassen St.Gallens. «Falls jemand Interesse hat: Vor unserer Rückreise nach Berlin hätten wir am Montag noch Zeit für ein weiteres Konzert in der Stadt», sagt die Künstlerin mit einem Augenzwinkern – und richtet damit gleich einen kleinen Appell an die lokalen Venues.
Wenn an diesem Wochenende Menschen zwischen Klosterplatz, Rotem Platz und Marktplatz plötzlich stehen bleiben, zuhören und vielleicht sogar mitsingen, dann dürfte Daiana Mingarelli genau das erreicht haben, was Strassenmusik für sie bedeutet: echte Verbindung mitten im Alltag.
Aufgetischt St.Gallen: Freitag, 15. Mai, 14.45 bis 23.45 Uhr; Samstag, 16. Mai, 12.15 bis 23.45 Uhr; Sonntag, 17. Mai, 11 bis 19.15 Uhr; südliche Altstadt und Roter Platz, St.Gallen. Abgetischt – Ausklang mit Bands: Freitag, 15. Mai, 23.45 bis 3 Uhr, und Samstag, 23.45 bis 4 Uhr, Grabenhalle, St.Gallen. aufgetischt.sg
Am Wochenende verwandelt sich die St. Galler Altstadt am «Aufgetischt»-Festival wieder in eine Bühne für Strassenkunst. Das dreitägige Programm ist vielfältig und richtet sich an Gross und Klein.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.