«Es ist jedes Jahr eine Gratwanderung»

Von Tribal Grooves bis zur Agenten-Comedy: Dieses Wochenende findet in der St.Galler Altstadt das Strassenkunstfestival «Aufgetischt» statt. Im Interview spricht Festivalleiter Christoph Sprecher über die Künstlersuche und seine Geheimtipps.
Von  Marion Loher
Christoph Sprecher im Linsenbühl-Quartier. (Bild: lom)

Saiten: Haben Sie genügend Helferinnen und Helfer beisammen?

Christoph Sprecher: Noch nicht, aber wir sind zahlenmässig etwa auf dem letztjährigen Stand. Ich bin zuversichtlich, dass wir genügend Helfer zusammenbekommen. Aber man darf sich natürlich gerne noch melden.

Die Suche nach Freiwilligen war in den letzten Jahren immer wieder Thema. Sie mussten auch schon einen Aufruf starten. Weshalb ist es so schwierig, Helfer zu finden?

Aufgetischt St.Gallen:
10. Mai ab 14 Uhr und
11. Mai ab 12 Uhr,
Altstadt St.Gallen
aufgetischt.sg

Freiwilligenarbeit ist kein Selbstläufer, man muss die Menschen immer wieder motivieren und ihnen im Gegenzug etwas bieten. Das machen wir mit unserem jährlichen Helferfest. Man darf nicht vergessen, dass wir für unseren Anlass in der heutigen Grösse mindestens 300 Helferinnen und Helfer benötigen.

Bei den Künstlerinnen und Künstlern ist es anders, da müssen Sie nicht suchen. Sie werden ja geradezu überschwemmt mit Anfragen.

Das kann man so sagen. Für dieses Jahr haben wir 700 Bewerbungen von Strassenkünstlerinnen und -künstlern aus der ganzen Welt bekommen. Daraus haben wir ein Programm mit 40 Acts zusammengestellt. Bei der ersten Ausgabe 2012 im Rahmen des «Gallus-Jubiläums» waren es 60 Bewerbungen und 25 Acts. Unser Festival geniesst einen sehr guten Ruf in der Szene. Das hat sich herumgesprochen.

Bei anderen Festivals sucht die Festivalleitung nach den Musikern, Tänzern oder Akrobaten. Für das «Aufgetischt St.Gallen» müssen sich die Künstler bewerben. Weshalb?

Der Grund ist einfach: Wir können den Künstlerinnen und Künstlern keine Gage zahlen. Sie treten lediglich für Hutgeld auf. Von uns bekommen sie maximal 800 Franken Reisespesen. Für uns ist es deshalb einfacher, wenn sich die Künstler bewerben. So wissen wir von Anfang an, dass sie bereit sind, zu unseren Bedingungen nach St.Gallen zu kommen.

Lohnt es sich finanziell für die Künstler?

Für die meisten schon, das Feedback ist jedenfalls positiv. Sicherlich ist es ein grosser Vorteil, dass wir hier in der Schweiz sind. Ein Künstler erzählte mir einmal, dass er, seine Frau und die drei Kinder mit dem Hutgeld drei Monate in Wien leben konnten. Selbstverständlich spielt das Wetter eine grosse Rolle. Es gab auch schon Jahre, da regnete es in Strömen, und im Hut des Künstlers war nicht so viel Geld, wie er sich erhofft hatte. Glücklicherweise machte das Wetter in den vergangenen Jahren mehrheitlich mit.

Das Programm reicht von poetischen Avantgarde-Songs und afroamerikanischen Tribal-Grooves über anmutige Tanz-Akrobatik und schier unglaubliche Verrenkungen bis hin zu charmanter Pantomime und bizarrer Agenten-Comedy. Haben Sie einen Geheimtipp?

Ich freue mich auf die Band Faela, die sich auch die «Latin Balkan Animals» nennt, was schon einiges über ihren Musikstil aussagt. Weil ich es auch schräg mag, bin ich gespannt auf Bboy illwill. Er ist in den USA ein gefeierter Breakdance-Künstler. Dann gibt es da noch den Neuseeländer Fraser Hooper, der weltweit einzige Strassenkämpfer-Clown. Er wurde uns von anderen Künstlern empfohlen. Leider hatte er sich nie bei uns beworben, da unser Festival etwas zu früh für seine Europa-Tournee stattfindet. Wir haben ihn als bisher einzigen Künstler angeschrieben und ermuntert, sich bei uns zu bewerben. Das hat er dann auch getan.

35’000 Besucherinnen und Besucher wurden 2018 gezählt. Warum schauen sich die Leute solche Kunst lieber in Massenveranstaltungen an als im Theater?

Das ist schwierig zu sagen. Aber ich glaube, einen grossen Anteil daran hat der Gratis-Zugang. Dazu kommt das einmalige Open-Air-Ambiente in der St.Galler Altstadt. Die Besucher können zudem aus einem breiten, professionellen Strassenkunstangebot ihre bevorzugten Genres auswählen oder sich von Neuem überraschen lassen. Und wenn es ihnen irgendwo doch nicht passt, können sie zur nächsten Location ziehen. Dieses Ungezwungene macht viel aus.

Kritiker sagen: Das «Aufgetischt» sei mehr Fest als Kulturveranstaltung. Was erwidern Sie?

Von diesen Kritikern gibt es zum Glück nicht viele. Ich verweise in diesem Fall aber gerne auf den Inhalt: Über 100 professionelle Kulturschaffende zeigen ihre Künste in über 250 Shows. So viel Kunst und Kultur auf einen Schlag findet man selten. Abgesehen davon, darf Kultur nicht auch gefeiert werden?

Das Festival ist in den vergangenen Jahren immer grösser und professioneller geworden. Es gibt wenig Sponsoren, trotzdem müssen die Besucher keinen Eintritt bezahlen. Wie kann das finanziell funktionieren?

Es ist tatsächlich jedes Jahr eine Gratwanderung. Wir haben drei grössere Sponsoren und auch die Stadt und der Kanton unterstützen uns. Dennoch sind wir auf Einnahmen angewiesen. Umso wichtiger ist es, dass die Besucher ein Festivalarmband für zehn Franken kaufen. Letztes Jahr haben wir 8000 Bändel verkauft. Bei 35’000 Besuchern gibt es noch Potenzial.

Das Interview erschien im Mai-Heft.

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