Das Miteinander im Fokus einer Kunstausstellung
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
Voller Einsatz an einem Workshop als Vorbereitung für die Ausstellung (Bild:pd/Katharina Seleznova)
«Erstmals» ist ein Wort, das bei der Beschreibung der neu eröffneten Sammlungsausstellung im Kunstzeughaus in Rapperswil-Jona gleich in mehrfacher Hinsicht passt. Erstmals bestimmt nicht das Museumsteam selbst, welche Werke wie ausgestellt werden, sondern kulturell engagierte Menschen aus Rapperswil-Jona und Umgebung. Erstmals wird auch das Vermittlungsprogramm von diesen Beteiligten mitgestaltet. Erstmals gibt es einen ergänzenden Audioguide zur Ausstellung in Deutsch, Englisch, Kurdisch, Spanisch und Ukrainisch, der auch für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich ist. Erstmals sind einige Begleittexte an den Museumswänden aus Klebeschriften und teilweise in der Brailleschrift. Und erstmals kosten die Entwicklung und die Umsetzung der Sammlungsausstellung deutlich mehr als vorherige Ausstellungen, abgelehnt wurde dennoch keines der eingereichten Gesuche um finanzielle Unterstützung
Mit der partizipativen Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit» erprobt das Museum eine Form, bei der das Miteinander im Fokus steht. Persönliche Lebenserfahrungen und Perspektiven von Personen aus der Region führten zur Werkauswahl und eröffnen den Betrachter:innen neue Deutungen der Sammlungsobjekte. Die Ausstellung und das Begleitprogramm mitgestaltet haben auf Anfrage des Kunstzeughauses Artefix Kultur und Schule, IntegrArte, die Kunstfabrik Wetzikon, der Kurdische Kulturverein Rapperswil-Jona, Olena Shliundt, Industriedesignerin aus der Ukraine, und Helen Zimmermann, Präsidentin der Regionalgruppe Zürich des Schweizerischen Blindenbunds.
«Wohin – woher – womit» soll Grenzen überschreiten, soziale und andere Schranken abbauen sowie ein Ort des Dialogs und der Reflexion sein. Im Gespräch mit Florian Hürlimann, dem Projekt- und Sammlungsleiter, wird klar, dass der Austausch und die Reflexionsarbeit lange vor der Ausstellungseröffnung Ende April 2026 begonnen haben. Die Idee des Kooperationsprojektes ist unter anderem an einem Workshop von Pro Helvetia zu Integration und Diversität entstanden, den das Team des Kunstzeughauses besucht hat. Ab September 2025 starteten schliesslich monatliche Treffen und gemeinsame Workshops mit den beteiligten Vereinen und Einzelpersonen zur Entwicklung der Sammlungsausstellung. Von Beginn an wurde der Prozess durch die Diversity-Trainerin Handan Kaymak begleitet.
Sammlungswerke von 15 Kunstschaffenden und Künstler:innenduos stehen in der Ausstellung im Dialog mit persönlichen Gegenständen und Geschichten sowie eigenen Werken der Beteiligten. Die Auswahl aus der rund 6500 Werke zählenden Museumssammlung erfolgte gemäss Hürlimann unterschiedlich. Während sich der Kurdische Kulturverein Rapperswil-Jona beispielsweise von Anfang an für das Thema Taschen interessierte, stellte Artefix Kulturund Schule erst lokalen Schüler:innen die Frage, was die Schweiz für sie bedeute, und wählte anschliessend zu den Antworten passende Objekte aus der Museumssammlung aus.
Austausch und Dialog als verbindendes Element (Bild: pd/Katharina Seleznova)
Helen Zimmermann interessierte sich aufgrund ihrer Erblindung nicht für Fotografien, Zeichnungen oder Gemälde, sondern für dreidimensionale Sammlungsarbeiten, die sie mit ihrem Tastsinn entdecken konnte. Sie entschied sich schliesslich, die grossformatige Arbeit aus Aluminium von Reto Boller mit dem Titel N-11.1 (2011) auszustellen. Auf die Folgefrage, wie das Werk vermittelt werden soll, kam die Idee auf, es hörbar zu machen. Chrigel Bosshard – Musiker und Sohn von Elisabeth und Peter Bosshard, die die Kunstsammlung seit 1971 aufgebaut hatten – wurde angefragt. Er sagte sofort zu, sofern er auch auf dem Hut-Klang-Objekt (1985) von Vincenzo Baviera spielen könne, weil dies der beste Resonanzkörper in der Museumssammlung sei. Nun sind beide Werke Teil der aktuellen Ausstellung. Im Rahmen des Vermittlungsprogrammes wird Chrigel Bosshard die Kunst auditiv wahrnehmbar machen, sie buchstäblich zum Klingen bringen.
Grosse Fragen und neue Werke
Im Austausch miteinander und Dialog untereinander, mit allen Projektbeteiligten, den Angestellten vom Museum, den engagierten Personen aus Rapperswil-Jona und Umgebung, den Künstler:innen der ausgestellten Werke, ist eine bunte, vielseitige und multisensorische Sammlungsausstellung entstanden. Sie thematisiert grosse Fragen des Lebens: Wohin gehen wir? Woher kommen wir? Womit meistern wir unseren Weg? Im Foyer des Museums gibt es zu diesen drei Fragen eine Visualisierung mit grossen Weltkarten.
Alle Besucher:innen sind angehalten, ihre Antworten auf diesen Karten mit Nägeln und Faden festzuhalten, sodass sich am Ende pro Person ein Faden vom eingeschlagenen Nagel beim «Woher?» über das «Womit?» bist zum Nagel beim «Wohin?» entspannt. Die Visualisierung wird sich im Verlauf der fast ein Jahr dauernden Ausstellung verändern, ebenso wie die Ausstellung selbst. Das Museum will sie jeweils mit aus den angebotenen Workshops entstehenden Arbeiten ergänzen. Im Sommer soll zudem eine Begleitbroschüre zur Ausstellungsentstehung erscheinen. Die Journalistin Gabriella Alvarez-Hummel wird dazu Interviews mit allen Mitwirkenden führen, um die verschiedenen Perspektiven und Erkenntnisse aufzuzeigen und der Frage nachzugehen, wie Teilhabe und Vielfalt in Museen künftig aussehen können.
«wohin – woher – womit»: bis 4. April 2027, Kunstzeughaus Rapperswil-Jona.
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