Roter Teppich und rote Linien
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Vielstimmiges Yarvin-Debriefing im Square (von links): Medienforscher und Journalist Philipp Di Salvo, Juristin Raphaela Cueni, Soziologin Paula Bialski, Historiker Caspar Hirschi, Ökonom Blagoy Blagoev, Amerikanistin Suzanne Enzerink (Moderation), Wirtschaftssoziologin Judith Ströhle, Ex-Symposiums-CEO Beat Ulrich, Amerikanistin Claudia Brühwiler sowie zwei Mitinitiant:innen des Offenen Briefs Maria Lassak und Filippo Pasquali. Trotz Einladung nicht teilgenommen hat HSG-Rektor Manuel Ammann, der sich beim Thema Yarvin schon zuvor rar gemacht hatte. Er liess sich im Publikum von Kommunikations-Co-Leiter Adrian Sulzer vertreten. (Bild: pd/Square)
Auf dem Veranstaltungsflyer zur montagnachmittäglichen Nachbereitung von Curtis Yarvins Symposium-Auftritt stand auch Gunnar Hauptmanns Name. Doch der designierte CEO des St.Gallen Symposiums sagte kurzfristig ab, weil er geglaubt hatte, die Gesprächsrunde sei nicht öffentlich. Dass sich das Symposium öffentlich zunächst keine kritischen Fragen zu seinem höchst umstrittenen Gast stellen lassen wollte, sorgte uniintern für einiges Stirnrunzeln. Hat sich das Symposium doch die «Förderung der Debattenkultur» auf die Fahne geschrieben.
Um weitere allfällige Reputationsschäden zu vermeiden, sprang Hauptmanns Vorgänger ein: Beat Ulrich, der das Symposium von 2017 bis 2026 geleitet hatte. Nachdem er mehrfach betonte, wie dankbar er für diesen Anlass und für die Möglichkeit sei, öffentlich Stellung beziehen zu können, versuchte er zu erklären, wie es überhaupt zur Einladung des «Dark Lord of the Internet Right» gekommen war. Wer sich mit dem disruptiven Zeitalter, in dem wir uns befinden, befassen wolle, müsse sich auch zwangsläufig mit den politkulturellen Entwicklungen beschäftigen, die vom Silicon Valley ausgehen und bis ins Weisse Haus reichen.
Gemäss Ulrich habe man dann eine Shortlist mit möglichen Gästen zu diesem Thema erstellt, auf welcher auch Curtis Yarvin figurierte. Schliesslich gelang die Kontaktaufnahme. Man habe Yarvin gegenüber stets transparent offengelegt, in welchem Rahmen Gespräche mit ihm stattfinden würden und dass man seine Ideen sehr kritisch begleiten und diskutieren werde. Yarvin sagte zu.
Den Rest kennen wir aus den Medien: Sämtliche Versuche, den Tech-Faschisten auf seine pointiertesten anti-demokratischen, anti-egalitären, rassistischen, menschenverachtenden, Sklaverei befürwortenden Aussagen und verbalen Unflätigkeiten zu behaften und zur Diskussion zu stellen, scheiterten. Yarvin wich aus, gab sich betont cool, blieb freundlich und verlor sich in kruden historischen Theorien, konstruierte haltlose Zusammenhänge, war ausser Stande, ein paar stringente Argumente aneinanderzureihen. Der möglicherweise redliche Versuch, Yarvins Tech-Monarchie-Fantasien wissenschaftlich kritisch auf den Prüfstand und also konsequenterweise in den Senkel zu stellen, erwiesen sich als veritabler Griff ins Klo. Abseits der Öffentlichkeit, an einem Dinner in einer Studi-WG für geladene Gäste, zeigte er dann sein wahres Gesicht. Nachdem er eine Person nach deren Herkunftsland befragte, bezeichnete er die Bewohner:innen jenes Landes als Kannibalen. Ein Politikwissenschaftler, der anwesend war, hat den Vorfall später auf Social Media bekannt gemacht. Das Symposium sah sich zu einer öffentlichen Entschuldigung genötigt.
Nicht, dass man das alles nicht hätte vorausahnen können. Suzanne Enzerink, Assistenzprofessorin für American Studies, moderierte den Anlass am Montagnachmittag. Sie bemühte sich in dieser Rolle sichtlich um Neutralität, ihre Ungehaltenheit über Yarvins Auftritt war dennoch deutlich zu spüren. Man habe ganz genau gewusst, wen man da ans Symposium einlade, sagte sie einleitend. Und sie stellte die Kernfrage: Unter welchen Bedingungen kann eine Einladung Yarvins im Sinne einer konstruktiven Debatte sinnvoll sein? Es gehe in dieser Gesprächsrunde nicht darum, Yarvins Inhalte zu ergründen, sondern zu reflektieren, ob es so etwas wie rote Linien gibt, die eine Einladung ans Symposium ausschliesse.
Unter anderem nutzte auch Enzerinks Kollegin, Claudia Brühwiler, die Plattform. Die Titularprofessorin für amerikanisches politisches Denken und Kultur, die vom SRF gerne als USA-Expertin herangezogen wird, hat eines der beiden Symposium-Gespräche mit Yarvin moderiert. Sie konnte am Montag nochmals klarstellen, dass sie Yarvin nicht eingeladen hätte, wie ihr etwa SP-Schweiz-Präsident Cédric Wermuth auf sozialen Medien unterstellt hatte. Sie habe sich lediglich bereit erklärt, ein kritisches Gespräch mit ihm zu führen. Ob sie dies aus rein wissenschaftlichem Interesse tat oder ob auch bei ihr aufmerksamkeitsökonomische Motive hineinspielten, muss an dieser Stelle offenbleiben.
Den roten Teppich ausgerollt hat definitiv nicht Brühwiler. Sie hat wirklich versucht, aus ihrer unmöglichen Aufgabe das Beste zu machen. Aber einen Punkt müssen wir Wermuth doch geben, wenn er sich über die Überraschung an der HSG über fehlenden intellektuellen Tiefgang in Yarvins Äusserungen lustig machte. Oder hat wirklich jemand «stringent begründeten Faschismus» erwartet?
Es gab am Montagnachmittag viele kritische Stimmen, so natürlich aus den Reihen jener Student:innen, die den offenen Brief an die Unileitung gegen die Einladung Yarvins lanciert und vor einer «Normalisierung» gefährlicher und menschenverachtender Ideologien gewarnt hatten. Auch der HSG-Historiker Caspar Hirschi betonte, dass jemand, der keine akademischen Mindeststandards einhalten und Fragen zu seinen rassistischen Theorien beantworten könne, nichts an einer Debatte im universitären Umfeld verloren hätte. Ungeachtet dessen, dass das Symposium nicht dasselbe wie die HSG und im Grunde kein akademischer Anlass sei.
Paula Bialski, Professorin für Digitale Soziologie, verwies auf Parallelen zwischen dem Softwareentwickler Yarvin und dem Halbleiter-Physiker William Shockley, der 1956 den Nobelpreis für die Mitentdeckung des Transistoreffekts erhalten und damit das digitale Zeitalter eingeläutet hatte, danach aber nur noch mit rassistisch-eugenischen Aufsätzen über Genetik auffiel. Bei Yarvin gebe es ähnliche Muster. Er propagiere wie viele Vertreter:innen der radikalen Neuen Rechten eine «computationalistische Weltsicht», wonach sich sämtliche Mängel in einer Gesellschaft wie bei Computern mittels Hard- und Software-Optimierung beheben liessen. Politik wird als technisches Steuerungsproblem verstanden. Dass Ingenieure technologisch kluge Köpfe seien, bedeute noch lange nicht, dass sie etwas von kulturellen oder gesellschaftlichen Zusammenhängen verstünden, so Bialski. Gesellschaften liessen sich nicht «engineeren».
HSG-Medienforscher und Journalist Philip Di Salvo sekundierte Bialskis Ausführungen. Die Pressefreiheit sei heute in den USA bereits extrem unter Druck, was nicht zuletzt auf die Ideen Yarvins zurückzuführen sei und auch von Politiker:innen wie Tech- und KI-Unternehmer:innen aus dessen Umfeld befürwortet werde. So etwa vom Palantir-Chef Alex Karp, dessen kürzlich erschienenes Manifest Die technologische Republik als Blaupause des Tech-Faschismus gilt. Und zurecht habe der «New Yorker» Yarvin als den «intellektuellen Quellcode der zweiten Trump-Administration» bezeichnet. Via mächtige Techkonzerne würden solche tech-faschistische Ideen auch ziemlich aggressiv in Europa gestreut. Die gute Nachricht sei laut Di Salvo, dass es Gegenbewegungen gebe, erfreulicherweise gerade auch in der Schweiz, wo es ausgerechnet der freien Presse – namentlich der «Republik» – zu verdanken sei, dass der schweizerische Sicherheitsapparat nun etwas kritischer auf die Palantir-Produkte und die Sicherheit schweizerischer Daten schaue.
Kritische Einordnungen waren aber nicht nur aus den Geisteswissenschaften zu vernehmen. Blagoy Blagoev, als Lehrstuhlinhaber für Organisation Teil der an der HSG tonangebenden School of Management, betonte die historische Nähe der Geschäftswelt zum Faschismus. Weite Teile der Industrie hätten sich auch in den 1930er-Jahren bereitwillig der neuen Ordnung unterworfen, auch zur Wahrung der eigenen geschäftlichen Interessen. Im Vergleich zu damals komme dem Unternehmertum heute allerdings nicht mehr die opportunistische Nebenrolle zu, im Gegenteil: Einige Tech-Unternehmer:innen verstünden sich heute als Avantgarde einer neuen autoritären politischen Kultur. Der neoliberale Vordenker Milton Friedman, so Blagoev, habe falsch gelegen: Business und das Prinzip der Gewinnmaximierung sind und waren niemals apolitisch oder amoralisch. Insofern komme einer «business school» wie der HSG und ihren Business-Professor:innen eine besondere Verantwortung bei der Auswahl ihrer Gäste zu.
Es gab und gibt Stimmen an der HSG, die den Auftritt Yarvins begrüss(t)en. (Wenn man der Ad-hoc-Abstimmung am ersten Yarvin-Panel glauben darf, waren es nach dessen Auftritt sogar ein paar wenige mehr als davor.) Man müsse Meinungen, die die eigenen demokratischen Grundüberzeugungen auf den Prüfstand stellen, aushalten können, meinte etwa ein Student im Publikum.
Der Philosophieprofessorin Christine Abbt gelang es mit Leichtigkeit (und Rückgriffen auf Arbeiten der belgischen Politiktheoretikerin Chantal Mouffe), solche Begründungen als falsch verstandene Meinungsfreiheit zu entlarven. Wer nicht ans Symposium eingeladen werde, werde deswegen nicht daran gehindert, seine Meinung frei zu äussern. Wer die Meinungsfreiheit verteidige und an einer lebendigen Debatte, die die Demokratie letztlich stärkt, interessiert sei, müsse im Minimum eine Meinungspluralität akzeptieren. Wer aber wie Yarvin diese Pluralität und freie Unis und freie Presse explizit ablehnt, profitiere missbräuchlich von der am Symposium und an der HSG gebotenen Meinungsvielfalt. Hier den roten Teppich auszurollen und Spesen zu bezahlen für eine Person, die – wie es jemand anderes formulierte – offensichtlich nur den «Troll» gab, sei falsch. Man müsse sich unbedingt mit Yarvins Ideen beschäftigen, aber ihn einzuladen, dazu bestehe keine Notwendigkeit. Seine Ideen seien hinlänglich bekannt und öffentlich zugänglich, sein Beitrag zu einer freiheitlichen Debatte höchstens ein destruktiver.
Eine Studentin fragte an anderer Stelle rhetorisch, ob man mit Yarvins Einladung versucht habe, ihn oder seine Anhängerschaft vom anti-demokratischen Denken abzubringen oder ob andernfalls die Blossstellung der «Witzfigur» Yarvin ein redlicher Grund für eine Einladung gewesen sei.
Zurecht betonte Moderatorin Suzanne Enzerink, man stecke jetzt mitten in der Aufarbeitung der ganzen Geschichte. Die Gesprächsrunde sei erst der Anfang gewesen. Einig war man sich im Square-Atrium, dass die Fortführung offener Gespräche Sinn macht. Und man hätte gerne den einen oder anderen Aspekt der bewusst kurz gehaltenen Voten der Gesprächsteilnehmer:innen vertieft. So war diese interdisziplinär aufgestellte Gesprächsrunde vermutlich das Beste, was aus dem Auftritt Yarvins am St.Gallen Symposium resultierte.
Beat Ulrichs Schlussscherzchen, der Teppich, den man Yarvin und den anderen Symposiums-Gästen jeweils ausrollt, sei im Übrigen blau, nicht rot, hatte nach zwei intensiven Gesprächsstunden auch eine erlösende Wirkung. Er tat ihn vielleicht auch im Wissen darum, dass künftig nicht mehr er für Fehlbesetzungen am Symposium öffentlich den Kopf hinhalten muss.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.