Wiborada lebte vor über 1000 Jahren. Warum ist sie heute noch wichtig?
Jolanda Schärli: Sie ist eine der Stadtheiligen, neben Gallus und Otmar. Und wenn man an ihre Beraterinnentätigkeit denkt, war sie durchaus modern. Sie hörte zu und war empathisch. Das ist ein Thema, das uns heute noch betrifft. Es geht um Gemeinschaft.
Hildegard Aepli: Dass das Kloster St.Gallen und die Stiftsbibliothek heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, ist Wiborada zu verdanken. Sie hatte den Angriff der Ungarn vorausgesagt und bewirkt, dass die ältesten Handschriften in Sicherheit gebracht wurden – und die ganze Stadt evakuiert war, als die Ungarn kamen. Die Handschriften auf der Reichenau, die Mönche auf der Fluchtburg, die Menschen in den Wäldern und Wiborada in ihrer Zelle. Insofern ist sie eine Bewahrerin dieser Stadt.
Karin K. Bühler: Ausserdem ist sie die Schutzpatronin der Bibliotheken und Bücher und steht für Bildung. Ihr Vermächtnis ist, dass sie die Bücher der Klosterbibliothek rettete. Damit hat sie uns ein riesiges kulturelles Erbe hinterlassen und einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass St.Gallen seine Buchkultur bewahren konnte.
Und trotzdem spielt sie im Bewusstsein der Stadt kaum eine Rolle, während Gallus allgegenwärtig ist. Wie nehmt ihr das wahr?
Jolanda: Ab 2011 habe ich im Kulturmuseum Führungen zur St.Galler Stadtgeschichte angeboten. Im Museum gab es eine Statue von Wiborada. Ich habe den Teilnehmer:innen jeweils von ihr erzählt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass sie viele Leute gar nicht kennen.
Hildegard: Ich erlebe es gleich. Sie ist nicht in unserem Stadtgedächtnis, sie kommt in der Schulbildung nicht vor, sie ist in unseren Museen nicht präsent. Sie ist zwar in unserer DNS vorhanden, aber nicht in unserem Bewusstsein.
Ihr bezeichnet sie als Beraterin und Bewahrerin. Ist sie auch ein Vorbild?
Jolanda: Als Historikerin spreche ich nicht so gerne von Vorbildern. Mit der Heldinnengeschichte von Wiborada habe ich ein bisschen Mühe. Ich finde es interessant, solche Figuren im historischen Kontext zu betrachten.
Aber was können wir als Gesellschaft von ihr lernen?
Jolanda: Zuhören. Sich für die Mitmenschen interessieren. Wiborada war eine Adlige und mit den Männern auf Augenhöhe. Sie hat sich trotz ihres Standes für die einfachen Leute interessiert.
Hildegard: Es ist paradox, ja völlig unvorstellbar, dass sie sich hat einschliessen lassen. Dank diesem Akt hat sie sich von Zwängen, die es damals im Mittelalter gab, gelöst. Sie war nicht vereinnahmt, weder von einem Ehemann noch von irgendwelchen Klosterregeln noch vom Abt des Klosters St.Gallen. Diese Frau stand über allen, sie war frei. Das gilt auch heute noch: Wer sich nicht vereinnahmen lässt, sondern seinen eigenen Weg geht, ist frei.
Jolanda: Durch ihre Adelszugehörigkeit hatte sie Zugang zu den Mächtigen ihrer Zeit. Durch diese Vernetzung konnte sie weiterhin Einfluss nehmen, obwohl sie in ihrer Zelle aus der Gesellschaft herausgelöst war.
Hildegard: Sie hatte in ihrer Zelle ein Fenster zur Welt. Die Leute konnten zu ihr kommen und mit ihr reden. Im Unterschied zu einer Nonne war das auch eine Freiheit. Sie war nicht weltfremd, sondern weltzugewandt.
Karin: In der Auseinandersetzung mit dieser Figur habe ich gemerkt, dass ich zunehmend unerwartet frische Facetten in ihr entdecke. Ich nehme an, dass sie eine sehr kommunikative und charismatische Frau war, sonst hätte sie kaum so viel bewegen können.
Hildegard: Um dich damals einschliessen lassen zu können, musstest du mindestens zwei Mägde haben, zwei Dienerinnen, die dich versorgten. In dieser Zelle gibt es nichts, du bist total angewiesen auf die Versorgung von aussen. Und: Zu jener Zeit durften die Inklusinnen kein Feuer in der Zelle entfachen, auch im Winter nicht. Sie durfte nicht heizen. Das war erst ab dem 12. Jahrhundert möglich.
Im Winterhalbjahr war es in der Zelle genauso kalt wie draussen …
Jolanda: Diese Körperfeindlichkeit sich selbst gegenüber ist für mich etwas vom Befremdlichsten in den Lebenswelten des Mittelalters. Als Wiborada tot war, sah man, wie missgestaltet ihr Körper war durch die Kälte. Sie trug eine eiserne Kette um die Hüfte, die ihr Verletzungen zufügen sollte. Damals herrschte ein anderes Körperbewusstsein. Das Leben auf Erden wurde nur als Vorstufe zum Leben im Jenseits gesehen.
Wie war es denn möglich, dass eine Frau, welche die letzten zehn Jahre ihres Lebens als Inklusin verbrachte, einen solchen Einfluss hatte? Nicht nur auf die einfachen Leute, sondern auch auf kirchliche Würdenträger und Adlige.
Jolanda: Wahrscheinlich hätte niemand auf sie gehört, wenn sie einen bäuerlichen Hintergrund gehabt hätte. Aber wir dürfen nicht vergessen: Wenn wir uns mit historischen Personen beschäftigen, haben wir immer auch die Tendenz, unsere Vorstellungen und Bedürfnisse auf sie zu übertragen. Nur weil wir Wiboradas Leben als emanzipatorisch begreifen, muss es das im damaligen Kontext gar nicht gewesen sein.
Karin: Sie muss gut informiert gewesen sein. Wir haben vorhin von diesem Fenster zur Welt gesprochen. Die Welt ist auch zu ihr gekommen.
Jolanda: Deswegen beruhte diese Vision mit dem Ungarneinfall möglicherweise auf den gesammelten Neuigkeiten aus der weiteren Region, die ans Fenster der Inklusinnenzelle herangetragen wurden.
Und warum hat sie trotz allem eine so untergeordnete Rolle im Vergleich zu Vadian und zu Otmar, die so wichtige Figuren sind?
Hildegard: Ein wichtiger Grund war die Reformation. Nach dem Bildersturm (im 16. Jahrhundert, d. Red.) hat man alle ihre Reliquien aus der Kirche St.Mangen, wo ihr Grab war, entfernt und ihre Gebeine verstreut. Diese Heiligenverehrung haben die Reformatoren unterbunden. Das Kloster hingegen war vom Bildersturm nicht betroffen.
Jolanda: Hinzu kommt, dass sie eine Frau war! Die Geschichte ist von Männern geschrieben worden, Frauen kamen nicht darin vor. Ausserdem wurden die Leben von Frauen in der Regel weniger dokumentiert als jene der Männer. Darum ist es toll, dass wir heute so viel wissen über eine Frau, die vor 1100 Jahren gelebt hat.
Karin: Ich denke ebenfalls, dass wegen der patriarchalen Strukturen der Geschichtsschreibung Frauen tendenziell ausgeblendet, vergessen oder ignoriert wurden. Das war einer der Hauptgründe, warum die Gründerinnen unserer Frauenbibliothek diese nach Wiborada benannt haben. Sie sagten sich: Wir haben eine kaum bekannte Stadtheilige – wir wollen sie reclaimen!
Hildegard Aepli, Karin K. Bühler und Jolanda Schärli auf der Wiborada-Passarelle. (Bild: fri)
Der Reformation zum Trotz – Wiborada war weltweit die erste offiziell heiliggesprochene Frau, und obwohl wir inzwischen im 21. Jahrhundert sind, ist sie im kollektiven Bewusstsein dieser Stadt kaum präsent.
Jolanda: Deswegen mache ich diese Frauenstadtrundgänge: Um all die Frauen, die so viel Wichtiges geleistet haben, sichtbar zu machen. Wir kämpfen auch heute noch darum, Frauen ins kollektive Gedächtnis zu bringen.
Karin: Je weiter wir in der Geschichte zurückblicken, desto weniger Frauen und queere Personen kommen in den überlieferten Dokumenten vor. Es wirkt ein «patriarchaler Grundschlamm»: ein tief verankertes System, das festlegt, wessen Geschichten erzählt werden – und wessen nicht.
Wenn man sich vor Augen führt, wann das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt wurde, ist das nicht besonders überraschend. Muss man das Bild von Wiborada heute anders zeichnen?
Karin: Gerade weil Frauen über lange Zeit hinweg vom Studium, von Forschung und politischer Teilhabe ausgeschlossen waren, sind viele Narrative über weibliche Figuren bis heute negativ oder unvorteilhaft geprägt. Was bisher bekannt war über Wiborada, basiert, wie vorhin erwähnt, vornehmlich auf der patriarchalen Geschichtsschreibung. Spannend finde ich: Je mehr ich über Wiborada erfahre, desto facettenreicher und verwegener erscheint sie mir.
Hildegard: Jede Zeit hat ihre eigene Sichtweise. Wiborada wurde schon als Hexe dargestellt oder als häusliche Heilige. Über den Feminismus bekommen wir heute andere Zugänge zu ihr.
Jolanda: Ich plädiere aber nochmals dafür, Wiborada nicht nur als Heldin zu betrachten.
Karin: Nicht als Heldin, sondern als historische Figur, die man bisher zu wenig beachtet hat. Dass wir hier sitzen und darüber reden, zeigt, dass es nötig ist, sie von diesem Mauerblümchendasein zu befreien und in ein anderes Licht zu rücken. Wir müssen ihre Geschichte neu erzählen und sie selbst eigentlich ermächtigen.
Muss man sie auch aus dem kirchlichen Kontext herausholen und mehr in einen modernen gesellschaftlichen Kontext setzen?
Karin: Aus meiner Sicht wäre es angebracht, sie nicht in erster Linie kirchlich anzuschauen, sondern als selbstbestimmte Frau, die ein offenes Ohr und eine hörbare Stimme hatte. Ich möchte ihre Geschichte nicht nur als Heiligenlegende lesen. Interessanter wird es, wenn sich eine Diskussion über weibliche Autonomie, Askese oder Widerstand gegen soziale Erwartungen ergibt.
Jolanda: Das versuchen wir mit dem neuen Lehrmittel von Anna Beck-Wörner. Dadurch sollen künftig im Geschichtsunterricht nicht nur die Gründung der Stadt durch Gallus und des Klosters durch Otmar thematisiert werden, sondern es soll auch Wiborada ihren Platz bekommen. Anna Beck-Wörner führt die Schüler:innen an Orte, die einen Bezug zu deren Leben schaffen. Im Wiborada-Garten geht es zum Beispiel um das Thema Gemeinschaft, in der Mülenenschlucht darum nachzudenken, wie sie dereinst leben möchten, und bei der Wiborada-Zelle bei der Kirche St.Mangen geht es ums Zuhören.
Wird all das reichen, um den Stellenwert von Wiborada in der öffentlichen Wahrnehmung zu ändern?
Jolanda: Das ist ja die Idee des Jubiläumsjahrs: Wir wollen Wiborada ins Bewusstsein der Bevölkerung bringen. Dazu gehört auch das Da-Sein-Projekt, das der Bevölkerung während des Jubiläumsjahrs 2026 ermöglicht, direkt zu partizipieren. Aline Zengaffinen und Lea Vanini, zwei Abgängerinnen der Universität St.Gallen, haben initiiert, dass es im «Square», wo bisher alle Räume nach Männern benannt waren, nun auch einen Wiborada-Raum gibt. Er ist leider im Keller, dafür ist es das Kino.
Karin: Eine Dunkelkammer sozusagen.
Jolanda: Ja, ein geschlossener Raum unter der Erde, passt ja eigentlich.
Karin: Um nochmal zur Frage zurückzukommen: Nur schon indem wir über sie sprechen, eröffnen wir neue Zugänge zu ihr.
Immerhin ist die Passerelle über den Unteren Graben beim St.-Mangen-Park nach ihr benannt.
Jolanda: Neue Strassen entstehen in der Regel eher in Neusiedlungen am Stadtrand. Es ist super, dass man mitten in der Stadt etwas gefunden hat und sie am Ort ihrer Tätigkeit verewigt ist.
Hildegard: Auch in St.Georgen, wo sie vier Jahre lang lebte, entstand 200 Jahre nach ihrem Tod ein Kloster, das damals Kloster St.Wiborada hiess. Nach dessen Übernahme durch das Bistum St.Gallen im 19. Jahrhundert hiess es bis vor drei Jahren Priesterseminar St.Georgen. Wir haben bewirkt, dass es in Seminar- und Bildungshaus St.Wiborada umbenannt wurde.
Karin: Man muss ihr Andenken noch stärker sichtbar machen, indem man weitere Orte nach ihr benennt. Beispielsweise könnte man St.Gallen oder St.Georgen in St.Wibo umbenennen oder wenigstens ein neues Quartier nach ihr benennen.
Hildegard, was genau ist eigentlich die Idee der Zelle, in die man sich seit 2021 einschliessen lassen kann? Geht es dabei darum, Wiborada bekannter zu machen, oder gibt es noch einen anderen Grund für das Projekt?
Hildegard: Zuerst war es einfach ein Blitz-Gedanke, ohne weiterreichende Strategie. Meine Idee war es, diese Frau aus dem Bildungsgrab zu befreien. Damit das gelingen konnte, brauchte es etwas, das nicht nur kopflastig ist. Nicht nur Zeitungsartikel und Lehrmittel, sondern eine Erfahrung, die unter die Haut geht. Und das ist mit der Zelle voll aufgegangen. Über die Leute, die sich haben einschliessen lassen, sind wir sehr viel näher an Wiborada selbst herangekommen. Wenn du eine ganze Woche zwei Meter vom ursprünglichen Grab dieser Frau eingeschlossen bist, dann passiert etwas. Das ist eine andere Art des Sich-Auseinandersetzens als nur davon zu lesen.
Karin: Sozusagen Erlebnis-Geschichtskunde!
Hildegard: Ein schönes Wort! Mir ging es so: Am Ende der Woche, in der ich eingeschlossen war, ist die Skandal-Energie in mir aufgestiegen. Im Sinne von: Es ist ein Skandal, dass diese Frau keine grössere Bedeutung in der St.Galler Öffentlichkeit hat!
Und wieso wird das Projekt jetzt beendet?
Hildegard: Es dauert jetzt schon sechs Jahre. Vieles ehrenamtlich, und der organisatorische Aufwand war immer sehr gross. Ausserdem finde ich es auch wichtig, Projekte wieder abzuschliessen und nicht ewig weiterzuführen.
Den Jubiläumsverein gibt es ja nachher auch nicht mehr, oder?
Jolanda: Nein. Der Verein hat sich für das Jubiläum gegründet. Ziel war es, die Figur Wiborada aus dem religiösen Kontext rauszuholen und der breiten Bevölkerung bekannt zu machen. Ich hoffe, dass dies mit dem Lehrmittel, den Stadtrundgängen und all den Leuten, die bis Ende Jahr noch einen Tag in der Zelle verbringen gelingen wird. Auch unser Jubiläumsprogramm soll dazu beitragen.
Karin, reden wir noch kurz über die Frauenbibliothek Wyborada, die dieses Jahr ihr 40-Jahr-Jubiläum feiert. Wiborada ist ja deren Schutzpatronin und Namensgeberin. Hat sie darüber hinaus eine Bedeutung für euch?
Karin: Zuerst muss ich richtigstellen: Der Verein Wyborada feiert heuer sein 40-jähriges Bestehen. Die Bibliothek wurde 1987 eröffnet, später um eine Fonothek ergänzt und 2019 schliesslich um das Literaturhaus St.Gallen erweitert. Seither nennen wir die Frauenbibliothek «Bibliothek Wyborada» – und ergänzen das mit «die feministische Bibliothek der Ostschweiz». So beschreiben wir nicht nur eine eingegrenzte Zielgruppe, sondern eine inhaltliche Ausrichtung. Nun, ich finde es eine kongeniale Fügung, dass die Heilige gerade in der Stadt wirkte, in der diese Bibliothek gegründet wurde. Das Geschichtsbewusstsein der Gründerinnen legte die Namenswahl nahe. Wiborada lebte radikal; durch das Sammeln und Weitergeben von Wissen hatte sie grossen Einfluss auf die Bildung. Genau das wollen wir auch mit der Wyborada: Mit unserem Bestand möchten wir neue, intersektionale Perspektiven auf die Gesellschaft eröffnen.
Kannst du den Begriff kurz erklären?
Karin: Intersektionalität beschreibt, dass Diskriminierungsformen wie Geschlecht, «Rasse», Klasse oder Behinderung nicht getrennt wirken, sondern sich überlagern und gegenseitig verstärken. Der Bestand unserer feministischen Bibliothek ist insofern intersektional angelegt, als dass er nicht nur Frauenliteratur im engen Sinn umfasst, sondern verschiedene, sich überschneidende Macht- und Diskriminierungsverhältnisse sichtbar macht. So ermöglichen Sach- und Fachbücher wissenschaftliche Annäherungen an diverse gesellschaftliche Themen, ebenso wie Biografien und Texte von Autorinnen aus unterschiedlichen Lebenswelten.
Und das gab es in anderen Bibliotheken nicht? Und braucht es auch heute noch eine feministische Bibliothek in St.Gallen?
Karin: In den öffentlichen Bibliotheken war diese Auswahl damals kaum vorhanden. Als unsere Gründerinnen in den 1980er-Jahren begannen, Literatur aus weiblichen und feministischen Perspektiven zu sammeln, leisteten sie Pionierarbeit. Auch wenn neuere Titel heute vermehrt in anderen Bibliotheken zu finden sind, bleibt unsere Sammlung in der Ostschweiz in ihrer Spezialisierung und historischen Tiefe einzigartig. Und ja, es braucht noch solche Initiativen. Zum einen zeigte die Pilotstudie «#frauenzählen» aus dem Jahr 2018, dass im deutschsprachigen Raum Bücher von männlichen Autoren häufiger rezensiert werden und diese Rezensionen öfter von Männern stammen und im Schnitt länger sind als jene zu Autorinnen. Das prägt, was sichtbar wird, und beeinflusst indirekt, was verlegt und gekauft wird. Zum anderen erleben wir derzeit autokratische und antifeministische Tendenzen und damit einen Backlash. Da ist unsere Spezialbibliothek umso wichtiger: Hier finden sich alternative Denk-, Sprach- und Handlungsräume!
Wer besucht denn eure Bibliothek? Und wie ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen?
Karin: Zunehmend suchen junge Studierende unsere Bibliothek auf. Wenngleich auch einige männlich gelesene Menschen den Weg zu uns finden und von unserem Angebot positiv überrascht sind, besteht eine gewisse Schwellenangst. Als wäre dies ein verbotener Raum. Und das ist sie höchstens, wenn man an Umberto Ecos Mittelalterkrimi Der Name der Rose denkt. Dort gibt es im Turm das Zimmer mit den verbotenen Büchern. In der Wybo haben wir genau diese Art von verbotenen Büchern: Sie werfen einen Blick auf die Gesellschaft, der absichtlich ausgeblendet wurde und wird. Schon die Gründerinnen haben damals gesagt: Die Bibliothek ist für alle da. Und das ist auch richtig und wichtig so, denn unser Bestand geht alle etwas an.
Hat die Frauenbibliothek also ihren Zweck erfüllt, wenn es sie nicht mehr braucht?
Karin: Eine Frauenbibliothek entsteht ja nicht aus Selbstzweck, sondern als Antwort auf Lücken und Ungleichheiten. Insofern wäre ein gutes Zeichen, wenn es die Wybo nicht mehr bräuchte. Es würde bedeuten, dass genau diese Lücken geschlossen wurden – dass unsere Medien selbstverständlich in anderen Bibliotheken ausleihbar wären. Wenn jedoch die gerade aufkommenden, rückwärtsgewandten und demokratiefeindlichen Entwicklungen anhalten, wird unsere feministische Bibliothek auch noch in Zukunft dringend gebraucht.
Was ist eure Hoffnung, was soll von dem Jubiläum bleiben?
Jolanda: Dass alle Kinder und all jene, die künftig an einem Stadtrundgang teilnehmen, wissen, wer Wiborada war. Das wäre meine Hoffnung.
Hildegard: Wir leben mit einem eindimensionalen Geschichtsbewusstsein. Ein Auge ist stets auf den Stiftsbezirk und die Kathedrale gerichtet. Aber auf das Plätzli dahinter – die Kirche St.Mangen – schaut niemand. Dieses zweite Auge darf sich öffnen.
Jolanda: Ja, damit historische weibliche Persönlichkeiten Eingang in den Kanon der allgemeinen Geschichte finden.
Karin: Ich hoffe, dass nach den Jubiläumsaktivitäten allen bekannt ist, wo die Bibliothek Wyborada und das Literaturhaus St.Gallen ihren Ursprung haben – und dass alle den Unterschied zwischen Wiborada und Wyborada kennen!
Hildegard Aepli, 1963, ist Theologin, Exerzitienleiterin und geistliche Begleiterin. Sie arbeitet seit 1994 an verschiedenen Stellen der katholischen Kirche Schweiz. Seit 2012 ist sie Mitarbeiterin im Pastoralamt des Bistums St.Gallen und Seelsorgerin der Dompfarrei. Sie hat zusammen mit dem ökumenischen Team das Projekt Wiborada 2021–2026 initiiert und ist Teil des Vereins Wiborada-Jubiläum 2026.
Jolanda Schärli, 1968, ist Historikerin und Kulturvermittlerin und arbeitet seit Oktober 2024 beim Amt für Kultur Appenzell Ausserrhoden als Museumskoordinatorin. Vorher leitete sie 13 Jahre die Vermittlung im Kulturmuseum St.Gallen. Ausserdem ist sie immer wieder tätig fürs Archiv für Frauen- und Sozialgeschichte, für welches sie auch im Verein Wiborada-Jubiläum 2026 Einsitz hat. Sie führt zusammen mit Judith Thoma Frauenstadtrundgänge in der Stadt St.Gallen durch.
Karin Karinna Bühler, 1974, ist bildende Künstlerin und Informationswissenschaftlerin aus Appenzell Ausserrhoden. In ihrer Arbeit untersucht sie den gesellschaftlichen Umgang mit Sprache, Geschichte und Geschlecht. Angetrieben von kritischer Neugier analysiert sie Gegenwart und Zeitgeschehen aus systemischer Perspektive. Das Wort dient ihr dabei als vielschichtiges, zentrales Werkzeug. Neben ihrer Ausstellungstätigkeit ist sie seit 2019 Leiterin der feministischen Bibliothek Wyborada.